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„Wo soll’s denn hingehen?“ „Kalifornien“


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 27/2021 vom 04.07.2021

Der Rodeo-Cowboy in dem schmutzigen weißen 59er Cadillac Coupe de Ville, der dazu noch einen schmutzig weißen Pferdeanhänger mit einem staubigen braunen Pferd darin zog, erblickte die junge Dame mit dem ausgestreckten Daumen am Straßenrand des Highways, der aus Dallas hinausführte, schon etwa vierhundert Meter bevor er sie erreichte. Sie trug ein enges rosa T-Shirt, einen bananengelben Minirock, hatte lange nackte Beine und nackte Füße, einen großen weißen Sonnenhut auf dem Kopf und eine Segeltuchtasche dabei. Als der Cowboy näher kam, sah er, dass das enge rosa T-Shirt zwei große, hüpfende Brüste bedeckte und dass ihre langen nackten Beine ungewöhnlich weiß waren.

Als er am Straßenrand anhielt und sie sich durch das Fenster der Beifahrertür zu ihm herabbeugte, bemerkte er, dass langes goldblondes Haar unter dem Sonnenhut herausragte; sie war etwa zweiundzwanzig und ein verdammt gut aussehendes ...

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 27/2021

Hommage ans Original: Margot Robbie als Sharon Tate
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... Mädchen.

Quentin Tarantino Regisseur

Dieser Mann braucht keine Einführung. Seit „Pulp Fiction“ ist Tarantino einer der erfolgreichsten Autorenfilmer Hollywoods.

Ob „Reservoir Dogs“, „Jackie Brown“ oder „Django Unchained“ – Tarantino schreibt schon lange Filmgeschichte – und hat jetzt seinen ersten Roman vorgelegt.

„Die Tür ist irgendwie kaputt“, wies der Cowboy sie an. „Musst du richtig fest zuschlagen.“

Sie öffnete die Tür wieder und befolgte seine Anweisungen.

„So ist es recht“, sagte er, während er wieder auf den Highway fuhr. Der Cowboy brachte die Unterhaltung in

Gang. „Wohin willst du genau in Kalifornien?“ Er drehte Merle Haggard wieder auf eine anständige Lautstärke hoch.

„L. A., San Francisco, Pomona?“, fragte das blonde Mädchen.

„Wer trampt denn von Texas nach Pomona? Na ja, ich vielleicht“, gestand der Cowboy. „Aber ich bin auch keine blonde Schönheit.“

„Los Angeles“, sagte sie.

„Zum Surfen?“, fragte der Cowboy.

„Wie Annette Funicello?“

„Ich glaube nicht, dass sie eine echte Surferin ist“, sagte die Blondine. „Frankie und sie sind kalkweiß. Du bist brauner als sie.“

„Ja, und ich habe auch ungefähr fünf Falten mehr auf der Stirn als sie.“ Er sah seine hübsche Beifahrerin an und sagte: „Aber danke, dass du meinen Sonnenschaden als Bräune bezeichnest.“

Die junge Anhalterin stellte sich dem älteren Cowboy vor; sie gaben sich die Hand.

„Also, wo willst du hin?“, fragte der Cowboy erneut.

„Los Angeles. Mein Freund wartet auf mich.“

Die Blondine hatte keinen Freund, der in Los Angeles auf sie wartete. Sie hatte sich diesen Satz für den Fall zurechtgelegt, dass sie bei allein reisen- den Männer mitfuhr. Sie redete dann fünfundvierzig Minuten über nichts anderes als ihren imaginären Freund. Alles das gehörte zum Trampen dazu. Sie nannte ihn Tony.

Während sie von Tony erzählte, merkte sie, dass sie dem Cowboy vertraute, denn er war weder enttäuscht, noch schien er gelangweilt von der Geschichte von ihrem neuen Leben in L. A. mit Anthony.

„Also, wenn du mich fragst“, sagte er, „dieser Tony ist ein Glückspilz!“

„Wo willst du mit Honeychilde hin?“, fragte die Blondine.

Nun war es der Cowboy, der sich nicht in die Karten schauen ließ. Er und Honeychilde waren auf dem Weg nach Prescott, Arizona. Er war Rodeoreiter und hatte gerade an einem Wettbewerb in Dallas namens Wild West Weekend teilgenommen, wo er im Handumdrehen gewonnen und alles zu Schaden geritten hatte, was nicht eh schon im Eimer gewesen war. Jetzt war er unterwegs nach Prescott, seiner Heimatstadt, zu einem weiteren Rodeo am übernächsten Wochenende. Die Prescott Frontier Days waren 1888 das erste Rodeo überhaupt gewesen, und der Cowboy musste einfach vor dem Publikum seiner Heimatstadt gewinnen. All das verschwieg er der langbeinigen

Blondine, die im Schneidersitz auf seinem Beifahrersitz saß, denn wenn er ehrlich war, wusste er nicht, wie lange er noch Lust auf Gesellschaft hatte. Also sprach er ausführlich über das Rodeo in Dallas, von dem er gerade kam, und nur vage darüber, wohin er und sein Pferd unterwegs waren. Doch die beiden unterhielten sich gut und ließen sich allmählich mehr und mehr aufeinander ein.

Da sie aus Texas stammte und die Tochter eines Militärs war, mochte sie diesen lustigen alten Burschen irgendwie. Und er mochte sie, nicht nur, weil sie schön anzuschauen war. Dass sie klug war, hatte er schon bei ihrem anfänglichen Small Talk bemerkt. Als sie ihr Gespräch vertieften, verriet sie ihm, dass sie fließend Italienisch sprach, da sie mit ihrer Familie eine Zeit lang in Italien gelebt hatte, wo ihr Vater stationiert gewesen war. Das reichte dem Cowboy schon, um sie als Genie einzustufen, zumal die meisten Mädels, auf die er stand, kaum Englisch sprechen konnten (er hatte eine Vorliebe für Mexikanerinnen).

Der barfüßigen Blondine war gewiss bewusst, wie hübsch sie war. Aber sie definierte sich nicht über ihr Aussehen. Sie definierte sich über ihr freundliches Wesen, ihre Aufgeschlossenheit anderen gegenüber und ihre aufrichtige Begeisterung für Abenteuer, und obwohl sie vorsichtig war ob all der Gefahren, die einer jungen Frau drohten, war sie begeistert. Der Cowboy hatte sich sogar ein wenig in sie verknallt. Aber da dieses junge Mädchen wahrscheinlich nicht älter als zweiundzwanzig war, war das moralisch für ihn nicht vertretbar. Er hatte die Regel, sich mit keinem Mädchen einzulassen, das jünger als seine fünfundzwanzigjährige Tochter war. Er könnte natürlich seine Regel zu einer groben Richtlinie machen, sollte seine Beifahrerin darauf bestehen. Aber ihm war vollkommen klar, wie unwahrscheinlich das war. Ihre Beziehung beschränkte sich auf die zwischen einer hübschen, halb bekleideten Beifahrerin und einem freundlichen Fahrer – und das war für ihn völlig in Ordnung.

Sie kehrten zum Abendessen in einem Drecksimbiss ein, kurz nachdem sie die texanische Staatsgrenze nach New Mexico überquert hatten. Er hätte ihr eine Schüssel Chili spendiert, wenn sie blank gewesen wäre, aber das schien nicht der Fall zu sein. Danach fuhren sie noch weitere zwei Stunden, bis er gegen neun Uhr abends vor einem Motel hielt.

Okay, dachte die Blondine, wenn der Cowboy was versuchen will, dann jetzt.

Aber sie gab ihm nicht die Gelegenheit dazu. Bevor er ihr überhaupt den Rücksitz seines Autos zum Schlafen anbieten konnte, hatte sie ihren Seesack aus dem Kofferraum geholt und den Cowboy zum Abschied umarmt. Er sah zu, wie ihre nackten Füße sie in die dunkle Ferne trugen.

Während ihrer gemeinsamen Zeit (etwa sechs Stunden), nachdem sie sich angefreundet hatten, hatte sie ihm den wahren Grund verraten, warum sie nach Los Angeles unterwegs war. Sie wollte Schauspielerin werden und beim Film arbeiten, oder zumindest beim Fernsehen. Es war ein solches Klischee, dass sie sich kaum traute, es laut auszusprechen. Außerdem klang es so sehr nach dem unrealistischen Tagtraum einer texanischen Schönheitskönigin, dass es sie eher dämlich wirken ließ. Und sollte jemand das von ihr denken, dann wäre er damit nicht allein gewesen, denn genau das dachte auch ihr Vater von ihr.

Der Cowboy spuckte den Kautabakspeichel in seinen kleinen Pappbecher und sagte, ein Mädel, das so aussah wie sie, wäre dumm, es nicht beim Film zu versuchen. Sie habe gute Chancen, fügte er noch hinzu. „Wenn meine Cousine Sherry nach Hollywood gehen würde, um die nächste Sophia Loren zu werden, das wäre bescheuert. Aber ein hübsches kleines Mädchen wie du …“, mutmaßte er, „… es würde mich nicht wundern, wenn ich dich bald an der Seite von Tony Curtis sehen würde.“

Als sie in die Nacht verschwand und schon fast außer Hörweite war, rief er ihr noch hinterher: „Denk an meine Worte, wenn du Tony Curtis triffst, und grüß ihn von mir.“

Die Blondine drehte sich um und rief zurück: „Klar doch, Ace, wir sehen uns im Kino.“ Sie winkte ein letztes Mal und ging davon.

Und als Sharon Tate schließlich ihr Kinodebüt an der Seite von Tony Curtis in der albernen Komödie „Die nackten Tatsachen“ gab, sagte sie zu Tony: „Ace Woody lässt dich grüßen.“

Quentin Tarantino: Es war einmal in Hollywood. Kiepenheuer & Witsch, 416 S., 25€.