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Wo stehen Familien, Kinder und Jugendliche nach zwei Jahren Pandemie?


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die Stuttgarter - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 04.04.2022

Artikelbild für den Artikel "Wo stehen Familien, Kinder und Jugendliche nach zwei Jahren Pandemie?" aus der Ausgabe 2/2022 von die Stuttgarter. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: die Stuttgarter, Ausgabe 2/2022

Home Office ist oft schwerer als man denkt.

Zwei Jahre Corona sind nicht spurlos am Zusammenleben in Familien vorbei gegangen. Ein Gespräch mit der Therapeutin Anne Schoberth über ihre Erfahrungen in der Praxis, über Paare und Familien, die Zeit brauchen und Jugendliche, die sich von den Eltern ablösen müssen.

Wie haben Sie die Pandemie in ihrem Praxisalltag bemerkt?

Nach etwa einem halben Jahr Pandemie, im Herbst 2020, waren wir geflutet mit Neuanmeldungen – und es stach ins Auge, dass sich das Klientel schlagartig verjüngt hatte. In der Paartherapie hatten wir bis dahin in der Regel Paare ab 45 Jahren aufwärts. Plötzlich tauchten sehr viele junge Paare mit Kindern auf. Hier wurde schnell eine große Not sichtbar, auch aufgrund der anderen Lebensbedingungen, die sich diese Generation im Vergleich zur Generation davor kreiert.

Welche Lebensbedingungen meinen Sie damit?

Junge Eltern leben in einer anderen Lebenskonstruktion, haben in großer ...

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... Selbstverständlichkeit zwei Berufe, parallel dazu oft schon eine Immobilie gekauft, ein bis zwei Kinder. In dieser Konstruktion wird – sobald etwas dazwischenkommt – sofort sichtbar, dass die Zeit-Tischdecke zu kurz ist, viel zu kurz. Wenn in einer Familie morgens um sieben alle parat stehen, sich am späten Nachmittag wiedertreffen, alle etwas erschöpft, der Haushalt nebenherläuft – dann sind das andere Schwerpunkte, die andere Probleme aufweisen. Die Maxime, „alle müssen funktionieren und mitmachen“, ist deutlich stärker geworden. Damit gibt es kaum noch Spielräume für Wohlbefinden, Zeit füreinander haben oder heitere und genüssliche Dinge zu tun. Unter der Maxime der Funktionalität ist das System anfällig in Zeiten einer solchen Pandemie.

Was genau hat diese Familien so durcheinandergebracht?

Ein funktionalisierter Alltag ist auf sehr gut funktionierende Infrastruktur angewiesen. Wenn die Betreuungseinrichtungen plötzlich schließen und die Eltern gleichzeitig beide unter Arbeitsdruck stehen und Homeoffice angeordnet wird und wenn selbstverständlich verlangt wird, dass 8 Stunden effektives Office stattfindet, es vielleicht kontrolliert oder überprüft wird – dann ist das Chaos schnell perfekt. Zudem ist in den meisten Städten mittlerweile eine Situation eingetreten, dass junge Familien schon mit dem zweiten Kind keine größere Wohnung mehr finden und mitunter in beengten Verhältnissen ausharren müssen. Dann kommt neben Arbeit, Kinderbetreuung die Wohnsituation als drittes Druckmoment hinzu. Damit hat eine enorme Verdichtung stattgefunden, mit der die Familien umgehen mussten. Ein Beispiel schilderte ein Vater, der im einen Zimmer am Computer saß, seine Frau im anderen, daneben kam das Schulkind mit Fragen zu Aufgaben, die er im Seitengespräch beantwortete, zudem zog ihm das Kindergartenkind unter dem Tisch die Schuhe aus. Gleichzeitig sollte er für seine Arbeit vollen Einsatz bringen. Ein anderer Vater erzählte, dass seine Firma offenbarte, dass sie ab sofort Bürofläche abbaute. Und da in der Wohnung kein Arbeitszimmer möglich war, arbeitete er nun längerfristig am Küchentisch und erledigte Haushalt und Kinder mit. Hier brauchte es eine enorme Logistik. Dieses Paar hat dann im Vierstundenrhythmus abwechselnd gearbeitet, womit der Tag auch vergangen war.

Anne Schoberth

ist Systemische Psychotherapeutin und Kinderund Jugendlichentherapeutin.

Sie arbeitet in einer Praxisgemeinschaft für Familien-, Paar-und Einzeltherapie in Tübingen u. a. mit den Schwerpunkten Krisenintervention und Traumatherapie.

Von welchen Symptomen haben die Familien, die zu Ihnen gekommen sind, berichtet?

Das ist sehr unterschiedlich. Man sieht, dass starke Paare mit reflektierten Persönlichkeiten selbst in dieser krisenhaft engen Situation noch zu einer Lösung gefunden haben. Aber wenn Instabilitäten und Unsicherheiten schon vorher da waren, Themen, an die das Paar nicht herangegangen ist, Misstrauen, Mangel an Aufmerksamkeiten – das können kleine Dinge sein –, dann wird es schnell kompliziert, weil es komplex ist. Hier sage ich Familien als erstes, dass keiner die Füße hochlegt, sondern alle ihr Bestes tun, um diese Verdichtung in der Familie zu managen und es keinen Grund für gegenseitige Anklagen gibt. Aber natürlich sind auch die Ressourcen sehr unterschiedlich verteilt – etwa ein Haus mit Garten, ausreichend Wohnraum, Großeltern in der Nähe und Jobsicherheit. Familien mit Ressourcen haben den ersten Lockdown oft gut überstanden, den zweiten aber auch nicht mehr.

Die Paarbeziehungen wurden vielfach aufs Funktionieren reduziert und damit entsteht ein Mangel an Zuwendung. In verdichteten Systemen gibt es keine echte Nähe mehr. Schwierig war die Situation auch beispielsweise für eine Familie mit einer magersüchtigen Tochter, die die Ablösung von der Familie schaffen sollte, dafür ins Studium auszog, aber nach drei Monaten ins Elternhaus zurückkehrte, weil das Studium bis auf Weiteres online stattfand. Sie konnte keine Kontakte knüpfen oder Beziehungen aufbauen. Hier und in ähnlichen Fällen kommt es dann zu einer „verschleppten Ablösung“, wie wir es nennen. Besonders bei Problematiken wie Depression oder Magersucht, wo Ablösung und Abgrenzung dringend fällig wären, aber in der Pandemie nicht stattfinden konnten und alles stattdessen in die Familien zurück schwappte.

Das hat doch vermutlich viele Jugendliche betroffen – auch ohne diagnostizierte Symptomatiken?

Ja, denken Sie an ganz durchschnittliche Jugendliche, Vierzehnjährige, die eigentlich auf die Straße gehen, um ihre Freunde zu treffen, die sich sportlich betätigen und erste Kontakte zum anderen Geschlecht ausprobieren – all das wäre biologisch altersgemäß. Die waren jetzt ans Haus oder eine Wohnung gebunden, in der vielleicht noch jüngere Geschwister waren und wo die Eltern ausgepowert und erschöpft waren. Was sie machen konnten, war, sich hinter den PC zu setzen. Das, wofür sie eigentlich den biologischen Impuls spüren – rausgehen und schon langsam damit beginnen, sich von den Eltern ein wenig abzulösen und in ihre Peer-Gruppen zu gehen –, das war unterbunden.

Was bedeutet es für Vierzehn-bis Sechzehnjährige, über Wochen und Monate digital zu kommunizieren und ihre Zeit hinter dem Bildschirm zu verbringen?

Ich glaube, viele werden diese Entwicklungszeit nachholen und aufholen. Aber wir dürfen nicht zu eng denken, sondern müssen die ganze Familiendynamik sehen: Dieses sich hinter dem PC-Vergraben in virtuellen Spielen hat in einem Kontext stattgefunden, in dem auch die Eltern unglücklich waren. Stellen Sie sich vor, Sie können immer nur einatmen, aber nicht mehr ausatmen – dann entsteht ein energetischer Stau und so haben manche Familien das empfunden. Die kleinen Geschwister suchen jemanden, der sich mit ihnen beschäftigt, die größeren sind genervt von den kleinen und all das findet in einer angestauchten Paaratmosphäre statt. Dafür sind Jugendliche ganz besonders empfänglich und davor fliehen sie normalerweise – was gut ist! Denn kein Elternpaar ist perfekt. Wenn die Jugendlichen rauskönnen zu ihren Freunden, sind sie davor auch ein Stück gefeit und geschützt, während die Eltern etwas Raum haben, sich um ihre Probleme zu kümmern. Wenn das alles nicht mehr geht, haben Sie Mädchen, die sich in ihr Bett verziehen, hinter den PC oder Handy und mit Depressionen vorgestellt werden; junge Männer, die gar nicht mehr reden, keine Motivation oder Lust zu gar nichts mehr haben; einen Jungen, der eigentlich sehr gern musiziert hat, das aber im zweiten Lockdown abbrach, weil er es nicht mehr in Gemeinschaft tun konnte oder in Präsenz mit seinem Lehrer. All das sind Beispiele dafür, dass man eine Familie nicht beliebig in sich verdichten kann. Es war oft eine langwierige erzieherische Arbeit, Kinder dazu zu bringen, das Handy nicht neben dem Online-Unterricht zu bedienen, dann der nächste Schritt, dass es sich lohnt, auch im Online-Unterricht etwas einzusetzen. Das konnten Elternteile oft gar nicht leisten. Ich weiß von einer Familie, in der noch ein behinderter Bruder lebt, in der der Großvater die Motivationsarbeit bei der Schwester übernommen hat. Mit 13 oder 14 abgelenkt zu sein, lieber am Handy zu daddeln, das ist normal, aber hier brauchte es enorme Ressourcen und Einsatz, Kinder zu motivieren, dran zu bleiben, um beispielsweise in einer Schule oder einer Klasse bleiben zu können. Und um ihnen das Gefühl zu geben „ja, ich kann auch etwas“.

Gibt es Gewinnerinnen und Gewinner der Situation, also Familiensysteme, die profitiert haben?

Ich hatte die Rückmeldung einer Mutter mit vier Kindern, die alle nicht gern in die Schule gingen und wo auch die Eltern schon ein Schultrauma kultiviert hatten. Diese Kinder haben den ersten Lockdown wahnsinnig genossen. Es war wie Urlaub. Aber im zweiten Lockdown war das auch schon anders. Ich glaube nicht, dass es Gewinner gibt. Wenn die Kinder sechs bis zehn sind, geht es darum, dass sie Grundfertigkeiten lernen, nicht nur kognitiv, sondern all das wird auf der Basis von Beziehungen gelernt. Vom zehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr durchlaufen die Kinder wichtige Entwicklungsphasen, die schon ab zwölf etwas mit Ablösung von den Eltern in kleinen Schritten zu tun haben – dabei geht die Gemeinschaft mit den Eltern über in die Gemeinschaft mit den Peergruppen, dann mit Partner oder Partnerin. Die Reifungsaufgaben zwischen zehn und achtzehn haben alle etwas mit Beziehungen zu tun und dabei ist die online-Begegnung immer nur die zweite Wahl.

Unter welchen Umständen konnte die Corona-Situation zum Trauma werden?

Die Traumatisierungen haben da stattgefunden, wo die Verdichtung, von der ich gesprochen habe, zu Gewalt und Missbrauch geführt hat. Wo die Situation zu Grenzüberschreitungen und Gewalt geführt hat, waren die Systeme so in sich abgeschlossen, dass man den meistens Müttern und Kindern nicht so helfen konnte, wie es normalerweise der Fall ist, wenn Behörden Zugang zu den Familien haben. Das ist traumatisch. Wenn es schon Agressionbereitschaft gibt, leicht sexualisierte Atmosphären, dann hat hier eine Verdichtung stattgefunden, die grausam sein konnte. Die Kinder-und Jugendpsychiatrien sind übervoll, mit Wartelisten über ein Jahr, was es noch nie gegeben hat. Einen Kinderarzt habe ich am Rande des Burnouts erlebt, nicht mehr schwingungsfähig, der die Versorgung seiner jungen Patienten kaum noch leisten konnte, weil weitere Kinderarztpraxen im ländlichen Raum ohne Nachfolger geschlossen hatten. Die erschwerenden gesellschaftpolitischen Rahmenbedingungen von Wohnen und Arbeitsmarkt werden für meinen Geschmack zu wenig mitgedacht. Doch auch wenn in den Praxen und Ambulanzen viel mehr Jugendliche mit Depressionen vorgestellt werden: Ich bin zuversichtlich, dass die meisten wieder in ihre altersgemäße Entwicklung einsteigen können, wenn die Bedingungen sich ändern. Es handelt sich um „gemachte“ Depressionen, als Antwort des Kindes auf Umstände, die es nicht mehr anders zu beantworten weiß. Wenn gewährleistet ist, dass Kinder und Jugendliche wieder zur Schule gehen können, wenn sie therapeutische Hilfe erhalten, dann bin ich zuversichtlich, dass sich das Leben für sie wieder normalisieren kann.

Damit sind wir beim Blick nach vorn: Sehen die Familien in Ihrer Praxis Licht am Ende des Tunnels?

Wir müssen feststellen, dass eine Kulisse wie diese Pandemie eine Konfliktfolie ist, auf der sich das Leben einer Familie abspielt. Auf Konfliktfolien treten die ungelösten Themen wie durch ein Vergrößerungsglas hervor. Die Paare, die durch die Verdichtung gemerkt haben, dass sie etwas füreinander tun müssen, konnten im besten Fall eine Schwerpunktverlagerung vornehmen und merken, dass es nicht darum geht, dass sich nur jeder für sich auspowernt und funktioniert, sondern dass sie auch Ersprießliches miteinander tun können – dafür braucht es aber Zeit. Sie nehmen eine andere Gewichtung vor, reduzieren vielleicht ihre Job-Prozente und bauen Qualitytime ein. Dann ist das ein schönes Ergebnis. Aber es gibt auch die Paare, die darauf gestoßen wurden, dass ihre Problematiken so groß sind, dass sie schlecht auch noch Krisensituationen managen können – vielleicht reichte das für einen Alltag, aber nicht, wenn eine krisenhafte Situation hinzukommt.

Gehen wir nun – sowieso schon angestrengt – in die Ukraine-Kriegskrise weiter?

Ja und nein. Wir haben uns lange und gern in einem friedlichen Wohlstand eingerichtet. Wir haben nach dieser langen Zeit auch den scharfen Blick dafür verloren, dass all das ein nicht selbstverständliches Geschenk ist – wir haben nicht mehr genau und gut hingeschaut. Die junge Generation, so ist mein Eindruck, hat einen idealen Entwurf, in der beide Partner beruflich und privat ohne Einbußen leben können – das ist alles richtig und dafür hat auch meine Generation sich eingesetzt. Aber im Moment habe ich weniger die Sorge, dass die Familien die Pandemie-Delle nicht ausbeulen können, sondern dass sie sich viel vornehmen und auf der Beziehungsebene einen hohen Preis für alles, was sie gleichzeitig wollen, bezahlen. Und wenn dann in der Außenpolitik schwierige Zeiten anbrechen – und die Pandemie war schon ein weltpolitisches Thema, nun haben wir den Krieg – dann wird das so sichtbar, dass wir uns mit der hohen Schlagzahl nur in sehr wohlständischen Friedenszeiten bewegen können und ansonsten brauchen wir Zeit, um mit all dem umzugehen.

Helga Kaiser