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WO WARST DU? Mein 7:1


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Mehr als ein Spiel Brasilien Deutschland 2014 - epaper ⋅ Ausgabe 1/2014 vom 18.12.2014

SCHLAFENDE BESTIE

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Bildquelle: Mehr als ein Spiel Brasilien Deutschland 2014, Ausgabe 1/2014

ROGER WILLEMSEN

Der Buchautor und Journalist studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Während der WM studierte er auch Joachim Löws Mannschaft. Nach der Vorrunde war er verunsichert. Nach dem Halbfinale gegen Brasilien nur noch fassungslos.

Ich sitze auf dem Sofa, allein, habe das ganze Brimbamborium hinter mir, diese Vorberichterstattung mit ihren Glanzbildchen und Nebengeschichtchen, atme durch zur Hymne, denke zweierlei: „Wieder keine Demonstranten“ und „Endlich Fußball!“. Meine Stimmung ist skeptisch, präpariert, den Ernstfall zu erleben wie früher schon, wenn es gegen „die Großen“ ging und am Ende alles vercoacht und vermasselt war. Ich bilde mir ein, etwas vom Fußball zu verstehen, verstehe aber wahrscheinlich nicht viel vom Fußball, und zwar schon deshalb, weil alle anderen so viel mehr davon verstehen. Die Vorrundenspiele haben in mir diese diffuse ...

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... Verunsicherung hinterlassen. Da war die deutsche Mannschaft wie ein Vogel, der sehr schnell läuft, aber nicht abhebt. Klar, auch die brasilianische war nicht überzeugend, aber das war schon früher bloß Camouflage, da entfalteten sie sich plötzlich, flogen auf und segelten mit einem Mal, dass es eine Pracht war.

Was dann folgte, war dieVerwandlung von Fußball in etwas anderes, in Science Fiction, Parapsychologie, Surrealismus. Man kann auch sagen, der Fußball entpuppte sich, denn eigentlich ist er immer eine schlafende Bestie und kann an manchenTagen zerstörerisch sein wie ein Naturereignis, kann Desaster schaffen, die man nie mehr vergisst, kann Menschen zu Komparsen in einer Katastrophe verwandeln, und nun werden sie lebenslang herumlaufen mit dem Prädikat: Du warst dabei, freundlicher Dante, Du hast es vergurkt, gedankenschwerer Scolari! Es geht laut zu in meinem Zimmer, auch wenn ich ganz allein bin. Beim zweitenTor halte ich die Hand vor den Mund, beim dritten höre ich mich „Nein!“ rufen, ab dem vierten bin ich außerhalb, fassungslos, schüttele mich, jetzt mit beiden Händen im Gesicht, rede mit mir. Zwischendurch fange ich eine beschwichtigende Geste von Jogi Löw auf, die etwas sagen will wie: Macht mal halblang, nehmt mal Druck raus, lasst es nicht zur Demütigung werden – die es längst ist.Wenn die deutsche Mannschaft ein Schläfer ist, dann war dies ein entsetzliches Erwachen für alle anderen. Etwas wurde frei und maßlos, zerstörerisch und dabei nicht einmal entfesselt. Immer noch ging es gemessen und funktional zu, auch beim Tor-jubel. Man erlaubte sich keine Fassungslosigkeit, sondern bereitete den maßvollen Satz vor: „Wir haben noch nichts erreicht!“

Doch, hatte man. Eine Fußballnation war mit Schrecken überschwemmt, ein Gastgeber zerstört, eine Nation in Schockstarre versetzt worden, eine, für die am Fußball, speziell zu dieserWM, so viel mehr hing als für die Deutschen. Es sind nur wenige Partien in der Geschichte des Fußballs, die als Ursituationen dieses Spiels verstanden werden müssen. Dies war eine, und schon am Abend konnte man ihr eine bleibende Zukunft voraussagen.

EIER

LUCAS VOGELSANG

Fressen und gefressen werden: Der Reporter erlebte in São Paulo wie aus Hybris Depression wurde.

An der Ecke, im Restaurant der beiden alten Männer, gab es auch an diesem Morgen wie an jedem Morgen das beste Frühstück des Viertels. Eier, Reis, Bohnen, Farofa, dieses gelbe, undefinierbare Pflanzenmehl, das über jedes Essen gestreut wird. BrasilianischeTradition.

An der Ecke, im Restaurant der beiden alten Männer, gab es an diesem Morgen aber auch die unerschütterliche Siegesgewissheit der Männer, die ja im Grunde nie etwas anderes ist als der lautstarke Ausdruck eines tiefer liegenden Zweifels, einer Unsicherheit der Volksseele, so roh wie die Eier, die in die Pfannen der alten Männer geschlagen wurden.

Dazu Hohn, Übertreibung und ein in diesen Tagen besonders gelbes Pathos, das hier über jeden Bericht, jedes Gespräch gestreut wurde. Auch das brasilianische Tradition. Es war der Morgen des Spiels, und im Restaurant der alten Männer saßen, an kleinen Holztischen, die Gerüstbauer der Frühschicht, zwei Anzugträger für einen schnellen Kaffee und, auf einem Barhocker, den sie ganz offensichtlich nur für ihn in die Ecke gestellt hatten, derTrinker, der auch an allen anderen Morgen zuvor dort gesessen hatte.

Er trug ein älteres, ein schon abgegriffenes Leibchen der Selecao, das Gelb dunkler, auf dem Rücken die Zehn. Der späte, versoffene Garrincha im Trikot Pelés. Er fluchte. Aber das machte nichts, er hatte auch an allen anderen Morgen dort gesessen und geflucht. Er war längst im Nebel der Jahre verloren gegangen, und es war davon auszugehen, dass er dasTrikot nicht trug, weil es der Morgen des Spiels war, sondern weil er irgendwann einfach vergessen hatte, es auszuziehen.

Sie hatten sich bereits zuvor über das Spiel unterhalten, laut und aufgebracht, weil Debatten hier nun einmal, ganz selbstverständlich, laut und aufgebracht geführt werden. Das Dröhnen als Umgangssprache. Vor allem wenn es um Politik geht, um Religion oder Wirtschaft. Und da Fußball in Brasilien nun einmal Politik, Religion und Wirtschaft in einem ist, erreichen Fußballdebatten hier auf der Dezibelskala ohne große Mühen den zulässigen Grenzwert. In den Ohren eines Fußballfans startet immer gleich eine Boeing 747.

Nun aber waren sie besonders aufgebracht, weil sie mich, keine große Kunst, als Deutschen erkannt hatten. Als den Gringo, Alemão, der am Morgen des Spiels in ihr Restaurant gekommen war, um ihre Eier zu essen. Vielleicht war es das blonde Haar, eher aber war es die hellblaue Helmut-Schön-Trainingsjacke mit dem schwarzen Adler auf der Brust. Die 74er Weltmeisterjacke. Ich war mit dieser Jacke in ihr Restaurant gekommen, hatte ihre Eier gegessen, nun gab es ordentlich Nachschlag, gab es einen mehrstimmigen Vortrag zur Überlegenheit der brasilianischen Mannschaft, der allerdings wenig Wirkung zeigte, da ich kein Portugiesisch verstehe und sie kein Deutsch sprachen. Also einigten wir uns auf folgende Formel: Dante. Good. Schweinsteiger. No. David Luiz. Very good. Müller. No, no. Brasil. Dois. Alemanha. Zero. Bom Dia, Gringo! Sie lachten, über ihren Köpfen schrie die Globo-Moderatorin. Ich verstand, zahlte und ging. Ich mochte die Männer in diesem Restaurant, sie hatten Eier.

Kurz lief ich durch die Straßen, die aufgeregt waren wie die Männer, vorbei an den Zeitungsbuden, von denen die Schlagzeilen schrien. Die Ausnahme, sie war Zustand geworden. Anspannung, nicht zu überbieten. Auch deshalb hatte ich mir ja die Jacke gekauft. Diesen Retrofetzen. Ich fand sie dezent genug, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf mich zu lenken im Falle eines deutschen Sieges. Hatte ich dochTage zuvor, auf einer Insel vor der Küste Rios erlebt, was passieren kann, wenn man in den falschen Farben zwischen brasilianische Fans gerät, bei denen, nach 120 Minuten Adrenalin, Bier und Cachaça, Pathos und Stolz in Aggression umgeschlagen sind. Erlebt, wie ein halbes Dutzend Chilenen von einem aufgebrachten Dorfmob mit Stöcken, Bierflaschen und Hassgesängen ins Meer getrieben wurden. Ehe der einzige Polizist der Insel und eine Handvoll Touristen, noch nüchtern genug, um zu schützen, noch betrunken genug, um furchtlos zu sein, diesen Irrsinn beendeten.

Fußball ist immer auch eine besondere Form der Geisteskrankheit. Fußball, das ist, wo der Spaß aufhört und auch der Brasilianer seine berühmte Gastfreundschaft vergessen kann. Der Mensch ist dem Menschen ein Fan.

Ich wollte mir das ersparen. Ich wollte nicht provozieren. So verbrachte ich den Abend dann auch im Goethe-Institut von São Paulo, neutraler Boden. Tausend Deutsche, Tausendfünfhundert Brasilianer, Volksfest und Begegnung. Und dazwischen vier Kolumbianer, die sich immer noch um den Sieg im Viertelfinale, diesem Spiel mit Wirbelbruch und Heuschrecke, betrogen fühlten. Sie wollten Gerechtigkeit. Das Pathos, es ist dann doch keine brasilianische Erfindung. Die Brasilianer aber, sie haben es perfektioniert. Es ist ihre Disziplin. Sie schrien und weinten ihre Hymne. Sangen vor Hoffnung, sangen bis zur zwölften Minute. Dann, bis zur Halbzeit, hörte man nur noch das Lachen der Kolumbianer, in einen Schock hinein, der zur Stille geworden war. In jenem Moment als aus Religion Unglaube wurde. Aus Hybris Depression. Und die Deutschen? Trauten ihren Augen nicht, trauten auch dem Jubel nicht. Weil Freude hier gleich wie Häme gewirkt hätte. In der zweiten Halbzeit hatte ein Großteil der Brasilianer das Institutsgelände bereits verlassen Dann war es zu Ende. Auf dem Rückweg, das Restaurant der alten Männer hatte bereits geschlossen. Sie hatten die Rollläden herunter gelassen, wie auch der Vorhang gefallen, dieses Turnier im Grunde in dieser Nacht zu Ende gegangen war. Alles, was nun kam, nur noch Epilog zum großen Drama.

Die Rollläden, sie blieben auch am kommenden Morgen ein Abbild, ganz unten, am Boden. Es war Feiertag in São Paulo. Und nie war ein Wort unpassender als dieses. Feiertag. Die Läden geschlossen. Die wenigen Gesichter auch. Es war viel mehr: Volkstrauertag.

Trauer über einen vom Himmel gefallenen Kanarienvogel. In der Nacht noch hatten, bis früh in den Morgen, Kanonenschläge die plötzliche Dunkelheit zerrissen. Es klang wie die kontrollierte Sprengung eines Traumes. Und Eier gab es auch keine mehr.

PROUD DADDY

BERND BÖNTE

Für ein gutes Konzert läßt der Manager der Klitschkos auch mal ein Fußballspiel sausen. Am Abend des 7:1 aber war John Fogerty selbst für ihn nur die Vorband.

AmTag des Spiels gegen Brasilien war ich von meinem Wohnort Hamburg in meine alte Heimat nach München geflogen, um mir auf dem Tollwood-Festival einen der Helden meiner Jugend, John Fogerty, im Konzert anzuhören. Der ehemalige Mastermind der US-Band „Creedence Clearwater Revival“ war auf Europatour und wusste, dass am späteren Abend ein wichtiges WM-Spiel für Deutschland anstand. „Ich habe die Uhr im Blick, Ihr werdet rechtzeitig zu Hause sein und trotzdem alle meine Hits genießen können.“ Die US-Legende hielt Wort. Großartige Songs wie „Green River“, „Down on the Corner“ oder „Suzie Q“, um nur einige zu nennen, ließen uns Fußball-Freaks im ausverkauften Zelt die Spannung bis zum Anpfiff total vergessen. Erst als Fogerty meinte: „Und jetzt für das deutsche Team: ,Rockin` all over the World‘“, fiel mir schlagartig ein: Gleich geht`s los! Mit einem überragenden „Proud Mary“ schickte uns der Meister in die Nacht. Draußen regnete es, ich hetzte zum Parkplatz, stieg klatschnass ins Auto, raste den Mittleren Ring runter und schaffte es gerade rechtzeitig, zum Anpfiff bei meinen Eltern anzukommen.

Nach der unfassbaren ersten Halbzeit dachte ich an meinen 90-jährigen Vater neben mir. Ich wusste in diesem Moment: Er wird garantiert den vierten deutschen WM-Triumph miterleben. Gerade der 1954er Erfolg war für ihn als jemanden, der den 2.Weltkrieg und seine schrecklichen Folgen als junger Mann hautnah miterlebt hat, etwas ganz Besonderes. Was dieser historische Sieg für die Aufbruchstimmung und das Selbstbewusstsein der Menschen in Deutschland bedeutete, hat er mir oft sehr anschaulich erzählt. 1974 waren mein Vater und ich dann gemeinsam beim WM-Finale im Olympiastadion in München. Das Finale 1990 habe ich mit meinen damaligen Kollegen aus der SAT.1-Sportredaktion in einer Kneipe geschaut, und anschließend haben wir bis zum frühen Morgen auf dem Gänsemarkt in Hamburgs Zentrum gefeiert. Diesen Abend, mit John Fogerty als Vorlauf und dem 7:1-Sieg im Wohnzimmer meiner Kindheit, den jubelnden Eltern in meinen Armen, den werde ich nie vergessen.

In 21 Länderspielen zuvor unterliegt Deutschland den Brasilianern zwölfmal. Bei nur vier Siegen. Im einzigen Duell in einer WM-Endrunde setzt es 2002 ein 0:2 im Finale.

Zum vierten Mal (2002, 2006, 2010) steht Miroslav Klose im WM-Halbfinale. Das gelang vor ihm noch keinem!

6:1 – so lautet das bislang höchste Ergebnis in einem WM-Halbfinale. Bei der WM-premiere 1930 in Uruguay fegen so die Gastgeber Jugoslawien und Argentinien die USA vom Platz. 1954 in der Schweiz demütigt Deutschland die Österreicher mit diesem Ergebnis.

SCHOCKFREUDE

CORDT SCHNIBBEN

Der SPIEGEL-Journalist reiste als Fan zur WM. Seine auf Facebook veröffentlichten Texte, Fotos und Videos begeisterten. Nach dem 7:1 fragte er sich: Können Fußballspiele ein Leben verändern?

Didi,Vavá, Garrincha, Pelé - das waren die Namen, die wir vor uns her murmelten, wenn wir aufs Tor zustürmten. Wir hatten sie kaum spielen sehen, in den Sechzigern tauchten brasilianische Fußballer im deutschen Fernsehen nur zur WM auf, aber sie kamen aus dem Land, das für uns das Mutterland des Fußballs war. So setzte sich im Kinderkopf derTraum fest, da musst du hin, nur da ist dieWM zu Hause.

Und so saß ich am 15. Juni wie ein Kind im Condor-Flug von Frankfurt am Main nach Salvador da Bahia, fünf Tickets im Handgepäck, erkämpft im monatelangen Ringen mit der Website der Fifa. Bei der WM in Deutschland hatte ich am Ende 26 Spiele gesehen, also war ich guter Hoffnung, auch in Brasilien an weitere Tickets zu kommen. Irgendwo über dem Atlantik meldete sich der Steward, dass in Reihe 23, Platz H, vierTickets für Italien gegen Uruguay zu haben seien, und in Reihe 16 achtTickets für Deutschland gegen Ghana und auch für das Spiel um Platz drei. Ging also schon mal gut los im Himmel. Die Karten der zehn Spiele, die ich bis zum Halbfinale am 8.Juli gesehen hatte, bewahrte ich immer in den Hotelsafes auf, in diesem Hotel in Belo Horizonte fühlte ich mich besonders unsicher. Dieses Hotel mag mich nicht, es steht zwischen mir und dem Spiel, es tut alles, um mich vom Stadion fernzuhalten. Zugegeben, seit mich an der Copacabana fünf Typen zusammen geschlagen und mir das Handy geklaut hatten, bin ich ein wenig hysterisch, ich misstraue mehr als vorher, ich traue diesem Hotel vieles zu. In der vierten Woche WM bin ich im neunten Hotel, es ist der seltsamste Kasten der Reise, entweder ein Stundenhotel oder ein Turm von Geldwäschern, unten sitzt der ahnungsloseste Rezeptionist der Welt, er kann keine Telefonate nach Deutschland vermitteln und keine Anrufe aufs Zimmer stellen. Er spricht noch weniger Englisch als alle anderen Rezeptionisten auf dieser Reise, immerhin lächelt er freundlich, aber alles, was dieses Hotel an Zumutungen aufbietet, will und kann er nicht beseitigen.

Das Wlan ist so langsam, dass man die E-Mail auch vom Hauptpostamt abholen könnte; da ich noch das Ticket für das Halbfinale in São Paulo klarmachen muss, steigt meine Unruhe gefährlich. Der Lift braucht fünf Minuten von unten hier hoch, manchmal steht er auch ein paar Minuten. Vier graueTüren gehen von meinen Flur ab, mehr nicht, hinter jeder Tür vermute ich das Unheil und schließe alles – auch bei kurzer Fahrt zur Rezeption – im Safe ein. Mein schlimmster Feind ist meine Tür, sie geht manchmal auf, manchmal nicht.

Das Ankleiden fürs Stadion fällt heute besonders feierlich aus: das schwarzrote Trikot übergestreift, die Sonnenbrille, darüber die Wembley-Cap, die kleine Gürteltasche mit dem Nötigsten, die blauen halbhohen Schuhe, und dann der Gang zum Safe, das Halbfinalticket herausnehmen. Jedes Mal habe ich Angst, dass sich der Safe nicht öffnen lässt.

Vor dem Stadion beschleicht mich das Gefühl, heute am richtigen Ort zu sein, ich genieße die Vorfreude auf ein großes Match, das ganze Tamtam. Mannschaften, die man als Fans unterstützt, sind seelische Helfer, sie spielen immer auch für das Gefühl des Fans, vom Schicksal gemocht oder gestraft zu werden. Bei den Fans der Nationalmannschaft ist die seelische Abhängigkeit geringer, aber heute spielen Lahm & Co. wirklich für mich und viele andere Deutsche, wenn sie gewinnen, gewinnen auch wir, ein Ticket fürs Finale, so sind die Regeln des „Follow my Team“-Tickets, ich bekomme es von einem Fan, dessen Freund nicht kann – wenn Deutschland siegt. Die brasilianischen Fans singen vielleicht auch um ihr Finalticket, aber sie singen höhnische Lieder gegen die Deutschen und die Argentinier, alles natürlich im freundlichen Samba-Sound.

Und dann beginnt dieses Spiel, das alle Lieder zertrümmert und das mir ein Gefühl beschert, das ich bisher nicht kannte: Schockfreude. In immer neuen Wellen. Kaum ebbt der Jubel über das letzteTor etwas ab, fällt schon das nächste Tor. Auf den Stadiontoiletten zur Halbzeit eine Stille, die ich noch nie in einem Stadion erlebt habe: die deutschen Fans sind stumm vor Glück und die Brasilianer sind froh, dass wenigstens ihr Schwanz noch funktioniert.

Was bleibt am Ende dieser epochalen 90 Minuten? Geschockte Brasilianer, brasilianische Deutsche. Wir singen, als seien wir hier zuhause, wir besingen die Hauptstadt unserer Träume und des Endspiels, das in den Minuten des Triumphs erfundene „Rio-de-Janieroo-o-o-oh“ (Vamos de la playa) ist mir bis heute im Ohr.

Können Fußballspiele, können große Siege und Niederlagen das Leben verändern? Für Spieler natürlich schon; den Fans bleibt das Gefühl, dass sich gerade etwas in ihr Leben schleicht, das sie nie wieder loswerden, ich habe in der Nacht nach dem Spiel noch keine Worte dafür, die Wucht des Spiels macht mich sprachlos, aber in mir wächst ein Gefühl für die Größe des Moments, und da ich dieses Gefühl mit Millionen teile, übermannt es mich. In vielen Gesichtern sah ich an diesem Abend neben dem Jubel auch den Schock des noch Unfassbaren.

In meinem Leben gibt es ein Spiel, das mich ähnlich tief berührt hat, am 8. Mai 1965, meine Mutter war dreiTage zuvor gestorben, mein Vater wollte, dass ich nicht zu diesem Spiel gehe, ich argumentierte, sie hätte es gewollt, schließlich durfte ich gehen, Werder Bremen schlug Borussia Dortmund und wurde Deutscher Meister. Nach dem Schlusspfiff stand ich auf der Tribüne zwischen jubelnden Menschen, spürte die Wucht des Sieges, die Wucht der Trauer, jubelte und weinte gleichzeitig, und das hat sich in mir so festgesetzt, dass es das eine Gefühl ohne das andere nicht gibt.

Auch nach dem Sieg an diesem Abend wollte ich lieber allein sein, zumal der lange Marsch vom Stadion zu den Bussen inmitten Tausender Brasilianer beides bot: die Unterwerfung und die Aggression, beides gleichermaßen unangenehm. Ein betrunkener brasilianischer Fan wollte mir die Hand küssen, und als ich das verweigerte, mir in die Fresse hauen, viele wollten unbedingt dass Trikot tauschen, andere riefen auf Deutsch „Arschloch“. Meine Freunde zogen weiter ins Kneipenviertel Savassi, am nächsten Morgen erzählten sie von Schlägereien und Pöbeleien. Unter den Brasilianern war es schon während des Spiels zu Prügeleien gekommen, Deutsche, die als Einzelne in brasilianischen Blöcken saßen, wurden beworfen und setzten sich in der zweiten Halbzeit lieber woanders hin.

In Sprechchören entlud sich die Rivalität zwischen Clubs, wurde die Fifa verhöhnt und der Trainer Scolari, wurde die Präsidentin verlacht und der Milliardenaufwand für die Copa, der sich nun in ihren Augen als gigantische Fehlinvestition offenbarte. In São Paulo gingen Busse in Flammen auf, in Recife und Salvador entlud sich die Wut in Massenschlägereien, auch auf dem Fan-Fest in Rio prügelten sich Hunderte, und Tausende wurden natürlich wieder ausgeraubt im Trubel von Sieg und Niederlage.

Mir gehen die gestandenen Männer nicht aus dem Kopf, oft grauhaarig, die mit gelbem Trikot, blauer, kurzer Hose und Stutzen wie Kinder zum Spiel gekommen waren, die mir nach dem Spiel anerkennend die Hand auf die Schulter legten, die Respekt ausdrücken wollten, die sich noch bemühten, ihre Trauer nicht zu zeigen, in deren Gesichtern sich aber schon abzeichnete, dass sie diesen Tag bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr vergessen können, die gehofft hatten, dass sie im eigenen Land noch einmal den Fußball erleben würden, der ihre Kindheit verzaubert hat, die Ballstafetten von Didi, Vavá, Pelé und Garrincha, und die nun von Kroos, Müller, Özil, Neuer und Schweinsteiger schwärmen müssen. Ich hätte sie gern getröstet mit meinen Erinnerungen an ihre Kinderhelden, aber dazu fehlten mir die Worte und ihre Sprache.

Ich gebe zu, ich hatte ein paarmal während derTour den Gedanken, was der ganze Blödsinn eigentlich soll, immer dann, wenn deutlich wurde, dass der Aufwand nicht im Verhältnis steht zum Sinn. SolcheVölkerfeste sind ja mal in dieWelt gesetzt worden, um das Verständnis der Völker füreinander zu schärfen. Was aber, wenn sie nur die Ressentiments verschärfen?

Ein Volksfest ist die WM nur noch in dem Sinne, das halbe Völker vor den Bildschirmen sitzen. Das ist nicht zu verachten, in den Stadien allerdings versammeln sich die globalen Eliten der Ober- und Mittelschichten; je weiter das Turnier fortschreitet, desto höher wird das Gehaltsniveau auf den Tribünen.

Als amTag nach dem Erdbeben im Halbfinale in São Paulo Argentinien und die Niederlande aufeinander trafen, hatte ich wieder so einen Moment des Zweifels. Um an eine Karte zu kommen hatte ich mich im Internet diesem Irrsinn der Ticket-Agenturen ausgeliefert, mein Sitz war mit weißem Kunstleder überzogen, ein weicher Sitz, ich war im VIP-Bereich gelandet, umgeben von wichtigen Leuten, die mehr an Popkorn (Popkorn im Stadion!) Selfies, Bier und Gesprächen interessiert waren als an Fußball, es war das Spiel auf meinerTour mit der größten Langeweile um mich herum.

Das Spiel war meistens nicht halb so aufregend, und dann sitzt du auf diesen weichen Sesseln und denkst, warum sitzt du hier? Wenn die Stadien nur voll wären mit den Leuten, die mich umgeben, dann sollte man die WM und die Fifa in die Luft jagen.

Aber irgendwo im Stadion sitzen die sechs Peruaner, die mit mir aus dem Hotel ins Stadion gefahren sind, die uns zusammen wirklich an jeder Ecke der Strecke geknipst haben, die gespart haben auf dieses Halbfinale, die wie alle Südamerikaner den Argentiniern jede Niederlage wünschen, die den deutschen Siegessong der letzten Nacht vor sich hin schmettern, die dieses Fest genießen, als würde Peru im Endspiel stehen, die mich nach Claudio Pizarro fragen und nach Werder Bremen, die Fußballfreunde sind und dankbar dafür, dass es so etwas wie eine WM gibt. Bei jedem der elf Spiele, bei denen ich war, habe ich solche Leute getroffen, beim deutschen Triumph die beiden Iren, die mich nach Irland eingeladen haben, wenn Deutschland Weltmeister wird, als Dank dafür, dass ich unsere Taxe bezahlt habe.

Trotz Kommerz, trotz Fifa-Diktatur, trotz Räubereien: Diese Menschenfreude ist das Geheimnis der WM. Diese Menschenfreude ist kindlich, zugegeben, vor allem Männer werden wieder zu Kindern, sie laufen den ganzenTag in kurzen Hosen undTrikots herum, sie malen sich bunt an, und für vierWochen besteht das Leben nur aus dem Ball, so wie früher, als die einzige Sorge war, das die Laternen angingen und man nach Hause musste.

62 Länderspiele in Folge bleibt Brasilien zuhause in Pflichtspielen ungeschlagen. Die letzte Niederlage datiert aus dem Jahr 1975 – 1:3 gegen Peru im Halbfinale der Copa America. Übrigens: in Belo Horizonte!

32,57 Millionen Zuschauer verfolgen das Spiel in Deutschland live im ZDF. Der Marktanteil liegt bei 87,8 Prozent. Der neue deutsche TV-Rekord wird allerdings fünf Tage später, beim Finale gegen Argentinien in der ARD, mit 34,65 Millionen noch einmal übertroffen.

Zum achten Mal erreicht Deutschland ein WM-Finale! 1954, 1966, 1974, 1982, 1986, 1990, 2002 und nun 2014. Keine andere Nation schaffte dies mehr als sechsmal.

Fünf Tore in den ersten 29 Minuten – ein WM-Rekord, bei dem es um Sekunden geht. Denn: Jugoslawien benötigt 1974 beim 9:0 gegen Zaire dafür exakt 30 Minuten.

Thomas Müllers 1:0 ist das 2000. Tor in der Geschichte der Nationalmannschaft. Das erste erzielte übrigens ein gewisser Fritz Becker, am 5. April 1908 im Spiel gegen die Schweiz.

AUSGETANZT

PHILIPP LICHTERBECK

Der freie Reporter und Autor lebt seit 2012 in Rio de Janeiro. Er nahm sich vor, jedes Spiel der Seleção an einem anderen Ort zu schauen. Für das Halbfinale wählte er eine Sambaschule ...

„Das war keine Niederlage, das war ein historischer Moment“, sagen Jorge und Flavio, zwei Studenten, Anfang zwanzig. Als alles vorbei ist, stehen die beiden vor der Vereinshalle von Rio de Janeiros traditionsreicher Samba-Schule Vila Isabel. Dort wurde auf großer Leinwand das Halbfinale gegen Deutschland gezeigt. Wie die meisten hier tragen die beiden die gelben Trikots der Seleção. Ein halbes Jahrhundert diente das Hemd mit den grünen Nähten den Brasilianern als Kompass. Sie erkannten sich in ihrem Team wieder. Identifizierten sich mit ihm. Genossen, zelebrierten seine scheinbar so schwerelosen Erfolge, waren stolz auf die Tänzer am Ball. Was bleibt davon, nach dieser Entzauberung – hat das Wort jemals besser gepasst? Nachdem die Deutschen (ausgerechnet die!) die Brasilianer ausgetanzt haben?

Und noch eine dringendere Frage macht die Runde: Wird es Randale geben, vielleicht schon heute Nacht? Jetzt, da Brasilien aus einer WM hinauskatapultiert worden sind, mit deren exorbitanten Kosten die Mehrheit der Brasilianer nie einverstanden war. Eine WM, gegen die Millionen auf die Straße gegangen sind. Und die, so die vielfach geteilte Prognose, nur friedlich bleiben würde, solange das brasilianische Team die Hoffnung auf den sechsten Titel am Leben erhält, den Hexa. Alles andere hätte den Aufwand nicht gelohnt. Für wen, für was haben wir diese WM auf uns genommen?

Ich hatte mir vorgenommen, jedes Spiel der Brasilianer an einem anderen Ort in Rio de Janeiro zu schauen. Als die WM angepfiffen wurde, lebte ich seit anderthalb Jahren hier, schlug mich als freier Korrespondent und Reporter durch. Und ich wusste mittlerweile, dass Brasilianer beim Fußball keinen Spaß verstehen. „Futebol é coisa séria”, sagen sie – Fußball ist eine ernste Angelegenheit.

Was unter anderem dazu führt, dass den Leuten ziemlich schnell die Sicherungen durchbrennen. Mit Niederlagen, zumal der Nationalmannschaft, weiß man hier nur schlecht umzugehen. Der Zorn kann sich dann schnell gegenüber den Gegnern entladen. Das mussten schon kolumbianische wie chilenische Fans erfahren, deren Teams die Seleção zwar nicht besiegt, aber doch verdammt nah an den Rand einer Niederlage gebracht hatten. Dafür gab es im besten Fall höhnische Gesänge, im schlimmsten Tritte und Keile. Die Nerven der Brasilianer lagen vor dem Spiel gegen Deutschland also blank (was sich irgendwie im hysterisch-überdrehten Gehabe der Spieler vor dem Anpfiff widerspiegelte). Mein Spielort sollte folglich gut gewählt sein: sicher, aber nicht langweilig, populär, aber ohne Prolls.

Das Eröffnungsspiel hatte ich am Strand der Copacabana gesehen, war dann in die brodelnde Rocinha gegangen, Rios größte Favela; später, als Kontrastprogramm, in eine unterkühlte Sports-Bar. Die Zitterspiele gegen Chile und Kolumbien hatte ich auf Straßenfesten mit rauchenden Grills, Dosenbier aus Styroporkisten und ohrenbetäubender Tröten erlebt.

Nun, gegen Deutschland, entschied ich mich für das Vereinsheim einer Samba-Schule: Vila Isabel im Mittelklasseviertel Tijuca, einer legendären Institution. Im Vorjahr hatte Vila Isabel den Karnevalsumzug mit einer rauschenden Präsentation gewonnen. Nun fand ich mich in der fensterlosen Betonhalle der Schule wieder, in der sonst ausgelassen getanzt wird, Plastiktische und Stühle standen kreuz und quer vor der Bühne. Das Publikum, rund 1500 Menschen, gesellschaftlicher Querschnitt: schwarz, weiß, Favela-Bewohner, untere Mittelklasse. Arbeiter, Beamte, Angestellte. Ein normales Brasilien, fernab des nervösen Fifa-Fanfests, den Mädchen auf der Suche nach einem Gringo, den mit Dosenbier beladenen jungen Männern, den Taschendieben, den Zehntausenden feierwütigen Argentiniern.

Dafür aber in Laufweite des Maracanã-Stadions, dem Ort des Finales. Das brasilianische Team hat bei dieser WM noch kein einziges Mal in der Arena, mehr Mythos als Stadion, gespielt. Es war der Traum eines Landes. Es sollte in nur 29 Minuten zerschmettert werden. Noch kurz vor dem Anpfiff war aus den Lautsprechern nervtötende Musik gedröhnt. Sie wurde auch für die deutsche Nationalhymne nicht abgeschaltet, sondern erst als der zackige brasilianische Marsch erklang, wie alle Hymnen Lateinamerikas im 19. Jahrhundert entstanden, als man die Unabhängigkeit erkämpfte. Aufgestanden, Hand aufs Herz, mitgesungen, patriotische Selbstvergewisserung.

Auch ich stehe, aus Respekt und um nicht aufzufallen. Kaum habe ich mich gesetzt, fällt das ersteTor, Müller. Ich freue mich, innerlich. Verkneife mir Jubelgesten. Der guten Stimmung im Saal tut das Tor keinen Abbruch. Der Brasilianer ist ja Optimist. Es wäre nicht das erste mal, dass die Seleção ein 0:1 bei dieser WM drehen würde. Kurz darauf Klose, sieht ganz einfach aus, fast schon brasilianisch. Ich muss grinsen, blicke zu Boden. Mir ist klar: Das war’s, das holen die nicht mehr auf. Derselbe Gedanke scheint sich bei den Brasilianern einzunisten. Seufzer und spitze Schreie sind zu hören. Ich drehe mich vorsichtig um, mustere die Gesichter, da sitzt eine übergewichtige schwarze Familie, mehr Frauen als Männer. Sie verziehen die Münder, kneifen die Lippen aufeinander, starren auf die Leinwand, schütteln mit den Köpfen. Dann geht alles ganz schnell. 0:3, 0:4, 0:5.

Fassungslosigkeit, verzerrte Mienen, Schockstarre, wo sonst karnevaleske Ausgelassenheit herrscht. Der verzweifelte, verängstigte Oscar am Anstoßpunkt. Sein Gesicht spiegelt sich hier hundertfach. Ich beginne, mich ein wenig zu fürchten. Ich bin als Ausländer zu identifizieren, vielleicht sieht man mir sogar den Deutschen an. Muss diese Demütigung sein? Das erzeugt doch Aggressionen. Die wollen doch jetzt um sich schlagen, vor Enttäuschung und Wut. Doch es passiert: Nichts. Die Halle ist wie gelähmt, niemand spricht, keiner schimpft, weder auf die eigene Mannschaft noch auf die Deutschen. Erst der Halbzeitpfiff sorgt wieder für Leben. Ein Moderator springt auf die Bühne, verkündet: Leute, die Dose Bier kostet ab jetzt nur noch einen Real, rund 35 Cent. Manche lachen, strömen zum Ausschank. Ich stelle mich dazu. Lerne in der Schlange zwei Studenten kennen, Jorge und Flavio, angehende Ingenieure. Sie sagen, dass sie sich von ihrer Mannschaft irgendwie betrogen fühlten. „Aber wir wussten auch“, sagt Jorge, „dass das Team in einem schlechteren Zustand ist, als der Trainer und die Medien behaupteten. Es wurde uns viel vorgemacht.“ Sie sind gar nicht sauer auf die Deutschen, sie hadern mit ihremTeam. Und sehen dann gleich die größeren Zusammenhänge.

„Wir, das Volk, haben diese Copa mit Milliarden bezahlt“, bricht es aus Flavio heraus, „aber in den Stadien sitzen nur die Reichen. Und jetzt verweigert man uns das einzige, was außer Schulden geblieben wäre: den Titel.“ Die zweite Halbzeit verfolgen Flavio und Jorge dann nur noch am Rande. Sie twittern. Im Netz macht bereits ein Witz die Runde: „Nicht mal VW schafft fünf Gols in 45 Minuten.“ Gol, das portugiesische Wort für Tor, ist ein beliebtes Modell des deutschen Autoherstellers.

Die Studenten hören von einem Gerücht: An der Copacabana soll es einen bewaffneten Überfall auf einen Kiosk gegeben haben. Schüsse, Panik, Flucht, mitten auf dem Fanfest. Zu Tausenden ziehen die Besucher bereits vom Strand ab. „Brasilien wird explodieren. So wie letztes Jahr“, meint Flavio. Er trägt ein T-Shirt, auf dem steht: „Ich will die WM, Gesundheit und Bildung.“

Fahrt an die Copacabana, dem Epizentrum dieser WM. Die Fans singen: „Hey Fifa, nimm‘s in den Arsch.“ Es sind Favelabewohner, die zurückkehren in ihre Viertel im armen und hässlichen Norden Rios. Wird es nun wieder Verschwörungstheorien geben? Dass diese WM gekauft war, so wie angeblich 1998, als Frankreich Weltmeister wurde? Das behaupten selbst gebildete Brasilianer bis heute, wollen nicht wahrhaben, dass Frankreich einfach besser war. Als ich aus der Metro komme, gießt es in Strömen, ein Tropengewitter. Kitschig könnte man nun sagen, dass der Himmel mit den Brasilianern weine. Aber weinen tut niemand. Dafür war die Niederlage einfach zu deutlich. Unter der Markise einer Bar drängeln sich die Leute in den gelben Trikots, suchen Schutz, trinken Bier und diskutieren über die Bedeutung des Abends, über den Fußball hinaus. Ein ganzes Land wollte an die einigende Wirkung des Fußballs glauben und vier Wochen lang feiern. Am Ende sollte die Krönung zum sechsfachen Weltmeister stehen, zum Hexa. Eine Frau an einem Stehtisch sagt: „Und jetzt haben wir sieben Dinger reingekriegt. Wir sind Sétimo.“ Sieben.

Es ist der typische Sarkasmus der Brasilianer beim Blick auf sich selbst. Während der letzten knapp vier Wochen war er überlagert vom Fußball. Jetzt ist er wieder da. Und noch etwas anderes kommt wieder hervor. Die sozialen Spannungen. Durch die Pfützen auf den Straßen waten knöcheltief dunkelhäutige Jugendliche, die T-Shirts halbstark um den Hals gehängt. Herausfordernde Blicke zu den grau uniformierten Militärpolizisten, die argwöhnisch an den Straßenecken wachen. Ich laufe in Richtung Strand, da sehe ich, wie vor dem Copacabana-Palace sechs Gestalten ein Transparent entrollen: „Fifa – Go Home!“ Viele Funktionäre des Weltfußballverbands sind in dem Luxushotel abgestiegen. Rund um das Gebäude flackern die Lichter der gepanzerten Autos von Rios gefürchteter Schocktruppe. Aber sie greift nicht ein, die Demonstranten halten Regen und Windböen ohnehin nicht lange stand. Ich fahre zurück in Richtung Zentrum, will weiter Eindrücke sammeln. Im Bohèmeviertel Santa Teresa stehen sie in den Bars beieinander. Der Schock der Niederlage hat ein Bedürfnis ausgelöst: Redebedarf. In Santa Teresa fallen die Diskussionen immer etwas intellektueller, liberaler, linker aus. Eine Frau, Lehrerin, sagt in holzvertäfelten Bar do Gomes: „Wir müssen euch Deutschen dankbar sein. Die Niederlage ist eine Chance zur Bestandsaufnahme. Etwas Grundlegendes läuft doch falsch hier.“

Sie meint das nicht in sportlicher Hinsicht. „Es war ein Sieg von Bescheidenheit und Arbeit über Hochmut und Korruption.“ Anstatt Zorn hat diese Niederlage Bewunderung für die Deutschen ausgelöst. Kann die Niederlage im Fußball eine kathartische Wirkung entfalten? „Brasilien ist nicht mehr das Land des Fußballs“, ruft einer. Er scheint fast froh darüber zu sein. Ist jetzt der Blick frei auf die Substanz, die eine Gesellschaft ausmacht?

In Santa Teresa interpretiert man die Niederlage politisch. Schließt vom Zustand der Seleção auf den des Landes, seiner Hospitäler und Schulen. Die Mannschaft, ihr Trainer: Aufschneider, Blender, die der Bevölkerung etwas vorgemacht haben. Genauso wie es die politische Klasse tut. Im Sender des mächtigen Globo-Konzerns verweigert man am Abend diesen Analyseschritt, bleibt in der hermetischen Welt des Fußballs, spricht von „der größten Schande der Geschichte“, analysiert Abspielfehler. Kaum eine WM war vor dem Start so politisch aufgeladen. Mit Anpfiff wollte man das alles vergessen, feiern, gute Laune haben. Nun haben 29 Minuten als Erinnerung gereicht.

Spät in der Nacht klart es über Rio de Janeiro wieder auf. Der Christus kommt schemenhaft durch die vorüberziehenden Wolkenfetzen hervor. Er ist immer noch grün und gelb. Die Copa ist noch nicht vorbei. Aber für Brasilien mag eine neue Zeitrechnung begonnen haben. Nicht nur im Fußball.

WM-SCHUHE

LENA STEEG

Das „Wunder von Bern“ war 1954 auch möglich, weil das deutsche Team erstmals Schraubstollen-Schuhe trug. Was das „Wunder von Belo Horizonte“ mit ihren roten Pumps zu tun hat, erklärt die Autorin in exakt 1000 Zeichen. So wie sie sonst die Welt erklärt – auf 1000zeichen.de

Wenn ich an Deutschland und Brasilien denke, denke ich an rote Pumps. Mit denen im Arm saß ich zum Halbfinalanpfiff auf meinem Sofa. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die Fußball behandelt wie die Steuererklärung: Einen Großteil der Zeit kümmere ich mich nicht ein Stück drum, dann aber sehr. So auch bei dieserWM. Nur dass die Schuhe störten. Ich hatte sie bei einem schwedischen Modehaus bestellt. Nach abendelangem Probetragen in der Wohnung stand das Ergebnis fest: Bequemlichkeit -Schönheit 1:7. Also unentschieden. Eine Entscheidung aber war nötig, weil dies der letzteTag der Umtauschgarantie war. Behalten vs. Retoure, Vernunftvs.Ästhetik.EswarThomas Müller, der mich aus meinen Gedanken schoss. Ich jubilierte zum 1:0! Und entschied mich für Vernunft: Schuhe in den Karton, Retourenaufkleber drauf, jetzt aber! Tja, jetzt aber: Setzte der Tor-Regen ein. Eine Stunde später lag ich geschafft auf dem Sofa, die Pumps neben mir, die Post längst geschlossen. Gab selten ein schöneres 1:7.

Miroslav Klose erzielt seinen 16. WM-Treffer – und ist nun die alleinige Nummer Eins der ewigen WM-Torjägerliste. Gefolgt vom Brasilianer Ronaldo (15 Tore).

Brasilien kassiert beim 1:7 so viele Gegentore wie in den letzten neun WM-Partien zusammen genommen.

5:0! So hoch führte eine deutsche Mannschaft nach 45 WM-Minuten noch nie. Bei der WM 2002 gab es ein 4:0 zur Halbzeit gegen Saudi Arabien (Endstand 8:0).

MEIN BAUCH KRIBBELTE

JASPER SCHAER

Seit wir unser #54749014-Projekt auf Facebook gestartet haben, kommentiert der 13-jährige 1860-Fan die Beiträge. Mit viel Sachverstand – und Witz. Das Spiel verfolgte ihn bis in die Nacht. Und zu seiner Überraschung auch in die Schule.

Dieses Spiel war einzigartig. Es war das phänomenalste Spiel, das ich je gesehen habe. Ich dachte, dass Brasilien trotz des Neymar-Ausfalls der schwierigste Gegner wird. Gegen die Heimmannschaft, den vielleicht zweiten Erfinder des Fußballs, und mit Millionen Fans im Rücken. „Wenn man Brasilien einmal geschlagen hat, kann man auch die Niederlande oder Argentinien schlagen“, dachte ich an diesem Dienstag. Am Abend war bei uns zu Hause wenig los. Mein Vater und ein Gast, beide keine Fußball-Fans, und ich guckten das Spiel. Wir haben nichts besonderes gemacht, da ich mich nur auf das Spiel konzentrieren wollte. Mein Bauch kribbelte wie noch nie zuvor. Anpfiff. Ich machte mir Sorgen, da Brasilien am Anfang deutlich Druck machte. Doch in der 11. Spielminute war die erste Angst weg. Flanke Kroos. Volley Müller. 1:0 für Deutschland.Weiter ging‘s – und ab der 23. Minute war ich voller Freude, aber auch fassungslos, wie stark unser Team war. Deutschland überrannte Brasilien. Vier Tore in sechs Minuten.Was war hier los?War das wahr? Ich hatte noch nie eine Mannschaft mit derartiger Überlegenheit und Spielwitz gesehen. Sogar mein Bruder, der davor nur in seinem Zimmer war, kam vor den Fernseher, um dieses Spektakel mitzubekommen. Als der Pausenpfiff ertönte, hatte ich plötzlich nicht mehr nur Freude im Bauch, sondern auch Mitgefühl mit den Brasilianern. Dass bei derWM im eigenen Land, bei der sieWeltmeister werden wollten, alle Träume so schnell und hart erloschen, fand ich traurig. Mit gemischten Gefühlen schaute ich das Spiel noch zu Ende. Es war bemerkenswert, mit welcher Fairness die Sieger die Brasilianer trösteten. Ich war stolz auf unser Team. War traurig für Brasilien. Nach dem Spiel ging ich schnell ins Bett, konnte aber nicht schlafen da ich immer an das Spiel denken musste. Obwohl es schon später Abend war, war ich kein bisschen müde. Da sich in meinem Kopf immer noch dieTore abspielten. Am Morgen danach musste ich erstmal in die Zeitung gucken, ob das gestern wahr war. In der Schule war das Spiel DAS Thema. Sogar Schüler, die nicht einen Namen der Mannschaft kannten, redeten über das Spiel. Monate später als ich in München zur Oktoberfest Zeit U-Bahn fuhr, saßen mir drei Brasilianer gegenüber, die über das 1:7 redeten und das deutscheTeam trotz der bitteren Niederlage sehr lobten. Für das Spiel und für die Fairness. Heute denke ich an den merkwürdigsten Fußballabend meines Lebens gerne zurück.

LUFTNUMMER

STEFAN MOERS

Ich der Vorbereitung auf diese WM war schon so gut wie alles schiefgelaufen. Der Hamburger Zahnarzt packte dennoch frohgemut die Fortuna-Düsseldorf-Fahne und sein Deutschland-Brasilien-Trikot ein und flog nach Rio. Als die WM explodierte, explodierte er auch: allein am Kofferband.

Ich habe mir einen Jugendtraum erfüllt. Seitdem ich denken kann, träume ich von dieser Weltmeisterschaft: Fußball in der Heimat von Pelé, vom Estadio do Maracanã, von Samba tanzenden Brasilianerinnen auf der Tribüne, die keinen großen Wert auf viel Textilien legen. Wer konnte ahnen, dass dieser Traum jäh endete: in der Stunde des größten Triumphes sollte ich einsam und verloren in einer leeren Halle stehen.

Ich hatte die Reise nach Brasilien mit vier Freunden geplant. Die im kindischen Eifer gebuchteTraumwohnung am Strand von Ipanema, mit riesigerTerrasse und weißem Flügel, entpuppte sich als Internetbetrug. Wir waren auf einen Verbrecher hereingefallen, der vermutlich Hunderte von Fans, die mit ähnlichenTräumen wie wir gelebt hatten, abzockte. Aber auch das störte mich zunächst nicht sonderlich: Wer sich über drei Jahrzehnte lang danach sehnt, Fußball dort zu erleben, wo dessen Herz schlägt, lässt sich nicht von profanen Hindernissen nicht vorhandener Luftschlösser aufhalten. Denn es ist in derTat ein Erlebnis, zu sehen, wie in dem Land Millionen Menschen den Fußball erfühlen. Ich bin in einigen Ecken Brasiliens gelandet, die ich nie vergessen werde, und ich habe eine deutsche Mannschaft erlebt, die mich wie auf einer Wolke durch dasTurnier getragen hat.

Zumindest solange, wie sie es konnte. Denn es gibt in diesem Land auch Montezumas Rache: Nach drei Wochen hatte irgendetwas meinen Darm angegriffen. Es war ein Gegner, der mich erst schwer irritierte, dann niederschlug und mich schließlich so hinraffte, dass ich mich entschloss, das Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland lieber in der Heimat des vierlagigen Toilettenpapiers als auf der Keramikschüssel eines Stadions zu verbringen. Ich buchte spontan den Rückflug – zumindest konnte ich auf diese Weise den Halbfinalabend zusammen mit Freunden in einer Stammkneipe erleben. Dachte ich.

Leider hatte der Virus nicht nur meine Darmzotten angegriffen, sondern irgendwie auch meine Gehirnzellen malträtiert. Ich hatte bei der Buchung „AM“ mit „PM“ verwechselt, irgendwie hatte ich die Zeitumstellungen durcheinander gebracht. Als mir das bewusst wurde, rechnete ich aus, dass ich zu Hause soeben noch die zweite Halbzeit des Spieles am Fernseher mitbekommen würde. Dachte ich.

Pünktlich landete ich in Lissabon, wo ich umsteigen musste. Und dann geschah das, was mir auf einem guten Dutzend Flügen während der WM in Brasilien kein einziges Mal passiert war: Der Anschlussflug nach Hamburg hatte Verspätung. Erst eine Viertelstunde, dann eine halbe, dann eine Stunde. Die Minuten rannen dahin. So ähnlich müssen sich Özil, Löw und Müller in der Verlängerung des Endspiels gefühlt haben. Ich war eine Geisel der Zeit. Mit dem Unterschied, dass ich die Zeit anhalten wollte, während unsere Jungs den Abpfiff herbeisehnten. Als ich die Maschine nach Hamburg bestieg, war mir klar, dass ich allenfalls noch die Schlussminuten des Halbfinales miterleben würde. Ich hoffte auf eine Verlängerung, ein Elfmeterschießen, vielleicht gab es einen Flitzer, der das Spiel eine zeitlang würde unterbrechen können. Vielleicht blieb der Bus unserer Mannschaft auf der Fahrt ins Stadion stecken. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Phantasien das männliche Hirn entwickelt, wenn es um Fußball geht. Im Flieger saßen nur Geschäftsleute. Welcher normale Mensch bucht einTicket während des Halbfinals einer Fußball-Weltmeisterschaft? Kaum waren wir in Hamburg aufgeschlagen, schalteten die Geschäftsleute, routiniert wie sie es immer tun, ihre Smartphones an. Sie grummelten, schüttelten ihre Köpfe, machten komische Geräusche. Irgendetwas musste passiert sein. Stand es 4:4? Waren wir krachend ausgeschieden? Oder gab es einen Börsencrash? Einen Dollarsturz? Ich wollte sie nicht fragen. Irgendwie war ich wütend auf Menschen, die sich während des Halbfinales einer Fußball-Weltmeisterschaft in ein Flugzeug setzen.

Ich wollte nur raus, schnell an einen Fernseher. Als uns der Bus zum Terminal brachte, entdeckte ich zwei Arbeiter in orangenen Westen, die vor einem kleinen Fernseher hockten. Sie palaverten laut in einer Sprache, die nicht meine ist. Als ich näher kam, schlugen sie mir auf die Schultern und lachten. An diesemTag waren wohl alle Deutsche Sieger, sie freuten sich mit den Siegern. Ich schaute auf den kleinen Bildschirm, soeben schoss ein Brasilianer ein Tor. Ich sah, wie sich Manuel Neuer schrecklich ärgerte. Und dann sah ich in die obere Ecke des Bildschirms: 7:1.

Ich konnte es nicht glauben, es war ein Schock. Was hatte ich nur getan? Ich kam mir vor wie ein Betrüger an unserer Mannschaft. Ich kam mir vor wie ein gehörnter Ehemann, dessen Frau gerade mit dem besten Kumpel den besten Sex hatte. Ich kam mir vor wie ein Idiot, der gerade die Chance seines Lebens verpasst hat. Irgendwie alles gleichzeitig. Als ich an die Förderbänder für das Gepäck kam, standen sie schon still. Die Geschäftsleute waren längst verschwunden. Einsam stand mein Koffer neben dem Förderband.

Was hatte ich getan? 7:1, und ich stand einsam wie mein Koffer in der großen, leeren Halle. 7:1. Ich hatteTränen in den Augen. Einen der größten Triumphe der deutschen Fussballgeschichte hatte ich zusammen mit fremden Menschen in der Luft verbracht. Mit Ignoranten. Viele Menschen, die ich schätze, sagen, man müsse seinen Jugendträumen nacheifern. Man müsse versuchen, sie zu erfüllen.

Heute weiß ich: Wer das sagt, ist ein Schwätzer.

MÜLLERMANIA

JÜRGEN KALWA

Seit 1989 lebt und arbeitet der vielseitige Journalist als Korrespondent in New York. Auf Twitter findet man ihn unter @americanarena. Wo ist Müller? Eine Frage, die ihn stets umtreibt. Auch beim 7:1.

In aller Fairness. Die anderen hätten gar nicht da sein dürfen. Sie waren eine der schlechteren Mannschaften dieses wirklich formidablen Turniers.

Und dann hatte ihnen das Spiel gegen Kolumbien auch noch ein paar Stellschrauben geraubt. Oder besser: einen Kapitän und einen torgefährlichen Spielmacher. Das wussten alle Beteiligten schon ein paarTage vorher. Und wir ja auch. Und trotzdem konnte mit diesem Wissen niemand so richtig viel anfangen. Warum? Würden die Brasilianer früh ein paar Tore machen, würde es schwierig werden, dachte so mancher in seiner endlosen Skepsis.

Ich auch und nahm mir vor, vor dem alten klobigen Fernsehgerät in meiner New Yorker Wohnung, zugepustet von den Kommentaren einer pausbäckigen englischen Dröhnmaschine namens Ian Darke, ganz sachlich zu bleiben. Obowhl ich das mit Neymar und Thiago Silva schlichtweg für einen Akt höherer Gerechtigkeit hielt. Die Quittung für die Leistung der Brasilianer nämlich, die die Kolumbianer im Viertelfinale auf holzfällerhafte Weise bezwungen und dabei zumindest einen Spitzenrang erklommen hatten: Keine Mannschaft in diesemTurnier hatte mehr Fouls auf dem Konto als sie. Und nur weil die Schiedsrichter auffallend gnädig mit ihnen umgesprungen waren, waren sie nicht noch stärker dezimiert. Hart im Geben, dumm im Nehmen fielen sie dann aber einfach auseinander, wirkten müde und täppisch und überfordert und stolperten zu allem Überfluss auch noch in eine Kreissäge.

Die Zähne dieser Säge in dem turbulenten Geschehen zu sehen, ist nicht einfach. Ich konzentriere mich bei solchen Gelegenheiten auf die bleckenden 32 von Thomas Müller. Das ist nämlich meine Lieblingsbeschäftigung wenn Jogis Jungs spielen: Müller sichten. Es ist gewiss nicht schwer, ihn zu finden, wenn er etwas abseits von allen anderen den langen Eckball annimmt und krummbeinig ein Tor macht wie in der 11. Minute. Aber zwischendurch entgeht er einem auf seinen langen Wegen immer wieder mal. Das macht den besonderen Reiz aus. Man merkt es, oder? Ich bin Müller-Fan. Und das seit der WM 2010, als seine Vollstrecker-Qualitäten aufblitzten, und als nach dem Argentinien-Spiel mit dieser lächerlichen zweiten gelben Karte klar wurde, wie sehr er fehlt, wenn er auf derTribüne sitzen muss.

Ich bin Fan, weil manTypen einfach gut finden muss, die in diesem pseudotaktischen, verbeamteten Fußball-Korsett von heute so gut wie immer da auftauchen und herumstochern, wo’s was zu tun gibt. In der Mitte, außen, vorne, manchmal auch hinten in der Deckung. Und die deshalb von den gegnerischen Verteidigern oft übersehen oder gar nicht erst gefunden werden.

Um mal eine schräge Metapher zu versuchen: Mit so einem in der Wowereit-Regierung wäre der Berliner Flughafen längst fertig.

Ballbesitz: 52% Brasilien, 48% Deutschland. Flanken: Brasilien 22, Deutschland 10 Ecken: Brasilien 7, Deutschland 5 Torschüsse: Brasilien 13, Deutschland 12 Tore: Brasilien 1, Deutschland 7 Quelle: FIFA.com.

Im zwölften WM-Spiel erzielt Thomas Müller sein zehntes Tor – je fünf 2010 und 2014. Er zieht damit mit dem 54er WM-Held Helmut Rahn gleich. Im DFB-Dress trafen nur Jürgen Klinsmann, Gerd Müller und Miroslav Klose öfter bei Weltmeisterschaften.

Bastian Schweinsteiger läuft in diesem Spiel 12616 Meter. Kein anderer Spieler knackt die Zwölf-Kilometer-Marke. Mesut Özil führt mit 68 Tempoläufen die Rangliste der Sprints an. Auch beim Top-Speed ist er mit gemessenen 31,79 km/h der Schnellste. Man of the Match aber wird Toni Kroos. Seine Bilanz: 65 Pässe, drei Schüsse, zwei Tore, ein Assist.

Müllersichten erhöht meinen Genuss am Fußballsehen ungemein. Also habe ich an dem Klose-Rekord-Tor in der 22. Minute sehr genossen, wie da einer im Strafraum gönnerhaft den Ball dem Vollstrecker rüberschob, und fand’s richtig nobel. Und selbst das fand ich gut, als er vor dem Kroos-Fernschuss zwei Minuten später mit seinem hilflosen Gegrätsche bei der Flanke von Lahm kurz die Frage aufwarf, ob er den Ball selber aufs Tor dreschen wollte und sich dabei verhaspelte oder ob er ihn womöglich sogar absichtlich verstolperte.

Es war das dritte Tor in diesen aufgedrehten Minuten. Und Müller hatte jedes Mal irgendwas damit zu tun gehabt. Es war übrigens das Tor, bei dem sich die Skepsis legte und sich endgültig herauskristallisierte, dass dies derTag der OffenenTür war. An dem die schnellen Kombinationen und guten Ideen der Deutschen (und die unberechenbare Reflex-Ökonomie des Bua aus Bayern) die brasilianische Abwehr wie ein nasses Handtuch aussehen ließ. Deshalb war er in der zweiten Halbzeit genau dort im Strafraum, wo ihm Schürrle gierig den Ball wegnahm, was ihm den goldenen Stiefel kostete. Und natürlich gab er auch noch die Flanke zum 7:0 rein, die er sich vorher durch eine Einzelaktion hinten an der linken Eckenfahne erarbeitet hatte. Ich musste an diesemTag mal wieder an den Spruch denken, den der alte Jack Nicklaus einst über Tiger Woods gesagt hatte („He plays a game that I am not familiar with“). Ja, so ein Spiel hatte ich noch nie gesehen. Schon gar nicht gegen Brasilien, das gegen deutsche Teams Sachen mit niedrigen Diskontzinsen abzuliefern pflegt. Da fallen kaum Tore. Und doch sehen die Südamerikaner regelmäßig so aus, als könne man mit ihnen bestenfalls mithalten, aber sie nicht bezwingen.

Und genau deshalb hatte ich auch kein Mitleid. Und schon gar nicht das Gefühl, dass die Deutschen die Brasilianer beschämt hatten. Wenn mich überhaupt noch was beschäftigte – neben diesem satten Gefühl, eine solche Vorführung live miterlebt zu haben – war es die eine Frage: Wie wohl der Rest der Welt an diesemTag Müller gesehen hatte? War doch klar, oder nicht? Müller war „Man of the Match“.

POKAL FATAL

RAPHAEL BRINKERT

Sein Beruf: Werbung. Seine Berufung: Fußball. Auf dem Trip zum Halbfinale machte er Werbung für den Fußball. Seine Foto-Facebook-Show mit WM-Pokal, die im Sandkasten seiner Zwillinge begann, endete jedoch abrupt am Stadion. Die Strafe folgte prompt.

Meine Vorbereitung für das Halbfinale beginnt, nachdem Manuel Neuer im Viertelfinale den Sieg gegen Frankreich endgültig festhält. Besser: festfaustet. Während Karim Benzema noch flucht, sitze ich am Rande eines Amateurfußball-Turniers in Leipzig bereits am Laptop und suche nach günstigen Flugverbindungen Hamburg – Rio. Durch den Sieg der deutschen Elf erhält meine Ticket-Option vom Fanclub Nationalmannschaft Gültigkeit. Da die Flüge über Paris schlagartig sehr viel günstiger sind, führt der Weg nach Brasilien auch für mich über Frankreich. 22 Stunden Anreise, die sich schon alleine für die Fahrt mit dem Kleinbus von Rio zum Spielort Belo Horizonte gelohnt haben: Kölner, Saarländer, Frankfurter, Berliner und Hamburger – spontan vereint auf demWeg zum Klassiker. „DieWelt zu Gast bei Freunden“ lautete das Motto der WM 2006 in Deutschland. Auch auf meiner Reise werden Fremde schlagartig zu Freunden: Immer dann, wenn sie meinen treuen Begleiter sehen – den auf einer Online-Auktion erworbenen Wachs-WM-Pokal. Auf jeder Station sorgt er für gute Stimmung. Ein Daumen hoch vom Taxifahrer, ein Lächeln der Stewardess; Fans aus allerWelt lassen sich mit dem Cup fotografieren. Der Star der Anreise aber ist – ähnlich wie Neymar – im Halbfinale nicht mehr dabei. Am Stadiontor wird er ein Opfer der Fifa-Regularien. Nach denen, lerne ich von dem strengen Sicherheitsmann am Eingang, ist die Trophäe zu schwer, um sie mit in die Arena zu nehmen. DER Pokal, der zunächst meine Zwillinge im Sandkasten – und dann die halbe Welt begeisterte? Der Fifa-Steward versteht keinen Spaß und nimmt das Objekt der Begierde trotz meiner „Schlechtes-Karma-für-die-Seleção“-Androhung in Gewahrsam. Nichts zu machen. Ich lasse ihn zurück. Inmitten zu großer Fahnen, diverser Flaschen und weiterer Plastik- und Wachs-Duplikate. Hinter dem Zaun am Eingang des Estádio Governador Magalhães Pinto. Immerhin: Er hat seinen Zauber auch von dort entfaltet.

ERLÖSUNG

HERMANN MAIER

Vor der WM besuchte der Herminator die deutsche Mannschaft im Trainingslager in Südtirol. Er wusste daher um ihre Stärken. Aber als Sportler ahnte er auch, was im Kopf der Brasilianer ablief. Im Halbfinale sah er sich komplett bestätigt.

Über die deutsche Mannschaft war eigentlich längst alles gesagt. Schon bei meinem Besuch im Südtiroler Trainingslager am 28. Mai. hat sie mir persönlich imponiert. Mit ihrer unglaublichen Professionalität, dem unbedingten Willen, ihrer Überzeugung, den Pokal zu holen, ihrer Entschlossenheit, dem bedingungslosen Einsatz und der ungeheuren Hingabe. Allesamt entscheidende Zutaten, um ans Ziel zu kommen, erfolgreich zu sein und etwas Großes zu erreichen.

Und dann kam dieses denkwürdige Halbfinale. Ein Spiel, das natürlich auch einem Österreicher rege in Erinnerung bleibt. Als Sportler interessiert man sich dabei vor allem für die Hintergründe. Wie tickt man in so einem bedeutenden Augenblick? Wie ist so ein „Schützenfest“ auf dem Niveau zu erklären? Ich sah dem Spiel damals freilich recht gelassen entgegen und fühlte mich am Ende, nach dem 7:1, sogar bestätigt. Auch Monate danach werde ich den Eindruck von damals nicht los: Die Brasilianer, so schien es mir, waren direkt froh, dass da eine Mannschaft gekommen ist, sie zu erlösen. Ihnen ist regelrecht ein Stein vom Herzen gefallen. Endlich war da ein guter Grund in Gestalt der deutschen Elf, um aufzugeben.

Ich weiß, dass dies erst einmal verrückt klingt. Aber: Vier Jahre lang hatten sie auf diese Heim-WM hingezittert, vermochten dann jedoch in keiner einzigen Partie wirklich zu überzeugen. Es mangelte ihnen – wie zum Beispiel die knappe Entscheidung im Achtelfinale gegen Chile samt Elfmeterschießen zeigte – einfach an Format, während die Deutschen gleich zum Auftakt mit Portugal einen Großen in die Schranken gewiesen hatten. Hier ein mörderischer Druck, dort eine herausragende Klasse. Es kam letztlich so, wie es kommen musste.

Neymar, vom Kolumbier Zúñiga im Viertelfinale umgetreten, fehlte verletzt. Fred, 2013 im Confederations-Cup noch Torschützenkönig, wurde ob mangelhafter Ausbeute von den aufgebrachten Fans zum Sündenbock gestempelt und gnadenlos ausgepfiffen. Brasilien lag psychisch am Boden, gescheitert an den eigenen, zwanghaft hohen Erwartungen. Deutschland klappte da kurzum das Visier hoch, nützte die Gunst der Stunde eiskalt. Und war von da an der logische Weltmeister. Ich saß mit Freunden vor dem Fernseher. Dieses historische Ergebnis hat allen die Sprache verschlagen. Und in der Höhe konnte dies sicher niemand vorherahnen. Den Sieger schon.

FRÜHSCHICHT

BERND LINNHOFF

Der renommierte Journalist begleitete die Nationalmannschaft seit den 70er Jahren auf vielen Reisen. Heute lebt er in Chiang Mai. Das 7:1 sah er allein. Dabei hätte er so gerne jemanden umarmt.

Am Morgen dieses 9. Juli 2014 war ich allein in meinem Apartment in der Smith Residence in Chiang Mai. Meine Freundin Toey hatte es vorgezogen, in ihrem eigenen zu übernachten. Fußball gehört nicht direkt zu ihren Vorlieben – bis zu unserem Kennenlernen hatte sie den Namen Bayern München nie gehört. Um nur ein Beispiel zu nennen. Allerdings schaue ich mir Fußball im Fernsehen gerne allein an. Ungestört, nur auf auf das Spiel konzentriert. Fußball ist ja unter anderem immer noch Sport. Vor- und Nachberichterstattung interessieren mich bei TV-Spielen schon seit Jahren nicht mehr, auf Thai hätte ich das Geplauder in meiner Wahlheimat nicht einmal verstanden. Aber der Reihe nach.

Eine WM in Europa oder gar im noch weiter westlich gelegenen Brasilien bereitet fernöstlichen Enthusiasten traditionell Kummer. Dank des Zeitunterschiedes (der brasilianischen Ortszeit um neun, mitteleuropäischer Sommerzeit um fünf Stunden voraus) begannen in Thailand die späten Spiele am frühen oder auch späteren Morgen des nächsten Tages. Viele Fans sanken daher schon abgekämpft zur Seite, bevor auch nur angepfiffen wurde. Thailands Volkswirtschaft verzeichnet in WM-Wochen einen Produktionsausfall von etwa 25 Prozent. Denn die Siamesen erscheinen nach den nächtlichen Partien entweder gar nicht zur Arbeit oder zu einer Tageszeit, die ihnen sozialverträglich erscheint. Dies ist nicht der Platz, über die Berechtigung einer Militärdiktatur zu sinnieren. Für die Fußball verrückten Thais jedoch war der Coup im Mai ein Glücksfall. Denn bis dahin lagen die kostspieligen Rechte exklusiv bei einem Pay-TV-Anbieter, der fürs Zuschauen einen speziellen Decoder und viel Geld verlangte. „Return to happiness“ lautete die Parole der Militärs, und so verfrachteten sie das Turnier zum Wohle des Volkes gerade rechtzeitig ins Free-TV. Der Rechteinhaber wurde entschädigt, die Fans atmeten durch. Vor allem jene 300 000, die sich einen Decoder gekauft hatten …

Am 9. Juli saß ich also um drei Uhr morgens in Nordthailand in meinem Bett, als am Abend des 8. Juli in Rio angepfiffen wurde. Ich hatte ein paar Stunden vorgeschlafen und war entspannt. Mehr als das Halbfinale hatte ich der deutschen Mannschaft (und ihrem Trainer) vor dem Turnier und auch nach den ersten Spielen eh nicht zugetraut. Die Einschätzung konnte ich sehr gut begründen. Leider sind Argumente im Fußball oft schneller widerlegt, als ein Dackel schnappen kann. Das gilt erst recht für Ferndiagnosen aus 9000 km.

Müller schoss das 1:0, seine Freude wirkte unspektakulär wie der Treffer selbst. Den Zug schätzte ich sehr am DFB-Team: Bodenständige Freude über ein Tor, unprätentiöser Jubel selbst dann, wenn er schäumte; nie die große Geste ohne Grund, keine Inszenierung, kein Posen. Anders ich: Im Bett reckte ich die Faust nach oben. Gut, dass es von solchen Momenten keine Bilder gibt.

Dann fiel das 2:0, mit klinischer Präzision das 3:0, Brasilien wurde am offenen Herzen operiert. Mit der Axt. Ich sprang aus dem Bett. Suchte Menschen, die ich umarmen oder zumindest anstammeln konnte. Fußball ist doch Gruppenerlebnis! Stattdessen lief ich im Schlafzimmer, es ist nicht groß, auf und ab. Das 4:0 vonToni Kroos gab nicht nur den Brasilianern den Rest. Das Geschehen auf dem Bildschirm verschwamm, ich begann zu schluchzen. Zugleich stand ich neben mir und war mir selbst ein Rätsel. Nachdem ich fünf bis sieben Mal geschluchzt hatte, traf Khedira zum 5:0. Es schien eine anstrengende Nacht zu werden. Für mich. Ich legte mich wieder hin und meditierte mich mit kontrollierter Atmung zurück in eine halbwegs normale Gefühlslage. Dreißig Minuten waren gespielt, nun hatte ich endlich auch Augen für die Seleção. 200 Millionen Landsleute saßen den Spielern auf den Schultern, es stand 0:5, und noch blieb eine Stunde. Gibt es Schlimmeres für einen Spieler, eine Mannschaft?

Ein Foto aus dem Jahr 1954 oder 1955, abgedruckt im „Westfälischen Anzeiger“, zeigt den in Gedanken verlorenen kleinen Bernd, der vor einem Spiel den Sportplatz „seiner“ Hammer SpVgg umrundet. Auf dem Bild sehe ich einen Jungen, der seinen natürlichen Lebensraum schon früh gefunden hat. Der Fußball und seine Termine sollten meine Jahre strukturieren, als aktiver Spieler, als Sportjournalist, als Fan. Sieben Weltmeisterschaften durfte ich an Ort und Stelle begleiten, intensiver empfand ich mein Leben selten.

Doch ich musste 65 werden, um bei einem Fußballspiel die Fassung zu verlieren.

FASHION-SIEG

CHRISTOPH METZELDER

Der Vizeweltmeister von 2002 schaute das Spiel, in dem Deutschland so gar nicht mit Toren geizte, ausgerechnet mit einem Schotten. Der entpuppte sich zwar als Orakel. War aber am Ende bedient.

Ich habe das Spiel während der FashionWeek mit dem Team des Designers Michael Michalsky in einer Berliner Hotelbar verfolgt. Der Direktor „Lizenzen“, ein Schotte, erklärte sich mir zuliebe bereit, zum ersten Mal in seinem Leben ein Fußballspiel zu schauen. In einem Anflug aus Naivität und Ahnungslosigkeit tippte er 7:1 für Deutschland! Mit zunehmender Spieldauer wich unser anfängliches Gelächter stiller Bewunderung. Und als Brasilien kurz vor Abpfiff tatsächlich das 1:7 erzielte, hatte der Kollege seinen Ruf als „Orakel von Kilmarnock“ (seine Geburtsstadt) weg.Übrigens:VordemzweitenHalbfina-le tippte er auf ein 4:2 für Argentinien und platzierte in seinem ÜbermutsogareineWette.DasSpielendetebe-kanntlich4:2, allerdings nach Elfmeterschießen. Als wir ihm erklärten, dass er nichts gewonnen hat, da er das Ergebnis nach regulärer Spielzeit getippt hatte, sah man in seinen Augen, dass er ein Schotte ist … 

Insgesamt 223 WM-Tore hat Deutschland nach dem Spiel auf dem Konto – und damit drei mehr als der bisherige Rekordhalter Brasilien. Götze erhöht im Finale auf 224.

Funfact: Mit sieben Treffern erzielt das Team von Jogi Löw in 90 Minuten mehr Tore als England in den WM-Turnieren 2010 und 2014 zusammen.

Auf diese Männer setzt Luiz Felipe Scolari am 8. Juli 2014: Júlio César – Maicon, David Luiz (C), Dante, Marcelo – Fernandinho (46. Paulinho), Luiz Gustavo – Bernard, Oscar, Hulk (46. Ramires) – Fred (69. Willian)

Dieser Aufstellung vertraut Joachim Löw in Belo Horizonte: Manuel Neuer – Philipp Lahm (C), Jérôme Boateng, Mats Hummels (46. Per Mertesacker), Benedikt Höwedes – Bastian Schweinsteiger – Sami Khedira (76. Julian Draxler), Toni Kroos – Thomas Müller, Mesut Özil – Miroslav Klose (58. André Schürrle)

HOLGI. JOGI. YEAH!

ALEXA HENNIG VON LANGE

Die Schrifststellerin, Moderatorin und Mutter von vier Kindern suchte eigentlich nur die Nähe ihres Mannes, als sie sich zum Halbfinale neben ihn aufs Sofa setzte. Dann begann eine Zeitreise.

Ich sag´s ganz offen: Ich bin nicht so der Fußball-Typ. Ich würde sogar behaupten, in meinem Leben nie Fußball geguckt zu haben. Was überhaupt nicht stimmt, wenn ich mal meine Vergangenheit Revue passieren lasse. Denn: Der Papa von meinem besten Kumpel aus Kindertagen hat nichts anderes gemacht, als den lieben langen Tag auf dem Sofa zu sitzen und Fußball zu „starren“, während mein Kumpel Holgi und ich neben ihm auf demTeppich hockten und die Carrerabahn möglichst lautlos aufbauten. Die wir natürlich nicht fahren lassen durften, um Holgis Vater beim Fußball „inhalieren“ nicht zu stören. Manchmal ist er brüllend aufgesprungen, ist kopfschüttelnd hinund hergestapft und konnte sich nur schwer wieder beruhigen. Ich fand´s richtig verstörend! Wenn die Sonne zu stark ins Wohnzimmer schien, schob er sämtliche Möbel vor die Terrassentür und kreierte so eine ausgeklügelte Konstruktion aus Bilderrahmen, Regalen und Topfpflanzen, um ein optimales Fernseherlebnis zu gewährleisten.

Ich schätze, diese Nachmittage bei meinem Kumpel Holgi haben mich fußballtechnisch doch irgendwie geprägt. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Aber im letzten Sommer, als mein Mann kein WM-Spiel verpassen „durfte“ und ich mich notgedrungen irgendwann neben ihn aufs Sofa setzte, um wenigstens räumlich mit ihm Zeit zu verbringen, war ich plötzlich erfüllt von so einem ganz angenehm heimeligen Gefühl. Eine irre Ruhe breitete sich in mir aus, die mir sagte: „Alles ist perfekt!“ Meine ganze schöne Kindheit erschien wieder vor mir, in wunderbarem bernsteinfarbenem Licht. Und irgendwo im Augenwinkel leuchtete dieses grasgrüne Rechteck über das kleine Männchen flitzten. Ich war wieder das Mädchen, das mit Holgi die Carrerabahn aufbaute, während mein Mann neben mir vom Sofa aufsprang, irgendetwas brüllte, hin- und herstapfte, Möbel vor die Fenster schob, und sich nur schwer wieder beruhigen konnte. Dazu erklärte er mir atemlos allerhand Strategisches. Ich nickte so ein bisschen herum und lächelte besänftigend, weil ich wieder zurück in meine glückselige Erinnerung wollte. Aber mit einem Mal verschmolz meine Kindheit mit der Gegenwart. Länger als geplant, richtete ich meinen Blick auf dieses grasgrüne Rechteck, auf dem eine Menge Männer um ihr Leben rannten, kämpften, schwitzten, stürzten, wieder aufstanden und Tore schossen. Wie damals. Bei Holgi. Ich kann nicht erklären, wie es passierte, aber plötzlich interessierte ich mich mehr für den Ausgang des Spiels, als für das nostalgische Gefühl.

Es kann schon sein, dass ich in der Erinnerung die Spielzüge des 7:1-Spiels mit dem Finale durcheinanderbringe. So eine geübte Fußball-Guckerin bin ich noch nicht. Ich weiß aber noch, was mein Mann mir während des 7:1-Spiels gegen Brasilien ins Ohr brüllte, damit ich wenigstens im Ansatz schnallte, welchem historischen Ereignis ich hier gerade beiwohnte: „Niemand hat häufiger die WM gewonnen als die Brasilianer!“ Er blickte mich mit glühenden Augen an, um sicherzugehen, dass ich auch wirklich verstand, was das hieß. „Die sind die Zentrale des Fußballs! Die Jungs sind eigentlich nicht zu besiegen!“ Ich nickte wieder und sagte „Okay!“. Ich fand es ja auch komisch, dass unsere Mannschaft ein Tor nach dem anderen schoss, während die Brasilianer keinen Treffer landeten. Mein Mann riss an meiner Hand und schüttelte sie: „In ihrer gesamten Fußballgeschichte sind die Brasilianer noch nie so hoch besiegt worden.“ Ich sagte: „Yeah!“ Und: „Wow!“ Und noch mal: „Wow!“ Aber noch ein bisschen ohne Gefühl. Schließlich, als das Spiel zu Ende war und ich nahe dran war, meinem Mann aus der Küche eine Papiertüte zu besorgen, damit er nicht hyperventiliert, keuchte er: „Ein Wunder ist geschehen! Wir haben einen Riesen umgeschubst. Es war so einfach und doch so unglaublich!“ Ich versuchte, möglichst mitfühlend zu wirken. Ich schätze, es ist mir ganz gut gelungen. Noch nicht perfekt, aber immerhin gelang es mir, Holgis Vater besser zu begreifen, den ich damals für einen echten Freak gehalten hatte. Und als mein Mann mich schließlich in den Arm nahm und in mein Ohr raunte: „Toll, dass wir diesen Moment miteinander teilen konnten“, fühlte ich richtig was. Vielleicht vergleichbar mit den Leuten, die 1969 im Fernsehen die Mondlandung miterlebten.

BEERDIGUNGSPARTY

KAI SCHÄCHTELE

Sieben Wochen lang reiste der Journalist mit seinen Kollegen Christian Frey und Birte Fuchs durch Brasilien, um für das Blog brafus2014.com Geschichten von der Straße aufzulesen. Zum Halbfinale landeten sie auf einer mitten in Rio.

Bevor die Beerdigung beginnt, ist der Himmel gelb und grün, und auf der Bühne spielt eine Band Samba. Auf einer Länge von gut einem halben Kilometer haben die Organisatoren eines Straßenfestes mitten in Rio de Janeiro Plastikstreifen in den brasilianischen Farben aufgehängt, von der einen Seite der Häuser bis zur anderen. So, als sei alles vorbereitet für den Moment, wenn sich mit dem Schlusspfiff Menschen aus ihren Fenstern fallen lassen wollen, um im Fußballhimmel zu landen. Kann ja keiner ahnen, dass vielen eineinhalb Stunden später tatsächlich danach ist, sich aus den Häusern zu stürzen. Hier, wo die Menschen zusammenkommen, die lieber ihr eigenes Bier trinken wollen als das, das die Fifa ihnen einschenken möchte. Hier, auf einer sonst belebten Straße mitten in Rio, feiert das echte Brasilien. Die Samba-Band tritt ab. Noch wenige Minuten bis zum Anpfiff. Beziehungsweise: bis zum Beginn der Trauerfeier.

38 Tage quer durch eine fußballbegeisterte, aber auch WM-kritische Nation.

22 Geschichten von ganz besonderen Menschen. Von Brasilianern abseits der offiziellen Fanmeilen.

56 Caipirinhas (von den Autoren geschätzt) wurden währenddessen getrunken. Ob von jedem oder insgesamt, bleibt ihr Geheimnis.

Das sind die nackten Zahlen des Blogs brafus2014. Die Geschichten gibt es hier: www.brafus2014.com

Es ist Dienstagabend, kurz vor fünf. Ganz Brasilien steht still. Unmittelbar vor Spielbeginn laufen über die großen Bildschirme neben der Bühne die TV-Bilder aus den anderen Städten des Landes. Der Knotenpunkt eines Straßengeflechts in São Paulo: leer. Eine zentrale Kreuzung in Belo Horizonte: leer. Eine Art Marktplatz in Manaus: leer. Das Land wirkt, als habe es sich auf einen atomaren Vernichtungsschlag eines südamerikanischen Nachbarlands vorbereitet. Man könnte jetzt wahrscheinlich in Banken einbrechen oder Autos stehlen und die Polizisten täten so, als hörten sie die Anrufer nicht. Andererseits: Wer soll jetzt schon anrufen? Stehen ja alle vor einem Fernseher.

Halbfinale. Deutschland gegen Brasilien. Es ist eines der Spiele, auf das das Land jahrelang hingefiebert hat. Und einer der Momente, deretwegen es sich diese WM überhaupt angetan hat. Jedem in Brasilien ist klar, dass dieser Zirkus eigentlich ein Irrsinn ist. Es mangelt in diesem Land an so viel Grundsätzlichem. Die Schulen sind marode. Gesund wird im Gesundheitssystem nur, wer genügend Geld und Geduld mitbringt, um die mitunter stundenlange Warterei auf den nächsten Arzt zu überstehen. In vielen Favelas sind Häuser noch immer nicht an Wasser und Strom angeschlossen.

Die Fifa hat trotzdem ein Turnier nach europäischen Standards verlangt und eines bekommen. Eine Fußball-Weltmeisterschaft in einem Schwellenland auszurichten, ist so anständig wie ein Spitzenrestaurant in einem Viertel zu platzieren, in dem die Mehrheit von Hartz IV lebt. So gesehen ist alles vorbereitet für das große Futtern. All you can eat für einen Abend. Doch satt wird niemand werden.

Es ist elf Minuten nach fünf, als der erste spitze Schrei durch die Straße gellt. Auf das 0:1 reagieren die Brasilianer noch mit Schrecken. Es wird auf Scolari geschimpft, Neymar und Thiago Silva werden vermisst. Das zweite Tor verfolgen sie mit Entsetzen. Aufgerissene Augen, Hand vor den Mund, Beten – das ganze südamerikanische Programm. Das dritte, vierte und fünfteTor nehmen sie nur noch mit Erstarrung wahr. Hier geht an diesem Abend nicht nur ein Fußballspiel verloren. Hier wird auch eine Illusion zu Grabe getragen: die von der eigenen Unbesiegbarkeit und der trügerischen Gewissheit der Brasilianer, dass im entscheidenden Moment alles ein gutes Ende nehmen wird. Nichts stimmt an diesem Abend. Nada.

Und doch gerät niemand außer Fassung. Je länger dieses Spiel dauert, umso leiser wird es um uns herum. Beim sechstenTor fangen die ersten an zu jubeln. Beim siebten schreien sie, als habe Brasilien gerade den entscheidendenTreffer erzielt, in der Nachspielzeit. Das einzigeTor ihrer eigenen Mannschaft nehmen sie entgegen wie den Wetterbericht. Kurz vor Schluss tanzt ein Pärchen Samba. Ohne Musik, aber mit umso mehr Würde. Dann beginnt es zu tröpfeln und ein leiser Windhauch versetzt das Fußballfirmament in stabile Seitenlage.

Und wir? Sind mittendrin in dieser surrealen Inszenierung und reagieren unterschiedlich. Der eine Teil feiert. Der andere steht still. Es ist nicht die Angst vor den Reaktionen der um uns Stehenden, die uns vom Jubeln abhält. Es sind der Respekt und das Mitgefühl, die auch uns immer stiller werden lassen. Wir fühlen uns, als hätten wir auf der Beerdigung eines guten Freundes per SMS erfahren, dass wir Eltern werden. Für Freude ist später noch genug Zeit. Nur ein paar Sekunden nach dem Schlusspfiff kehrt die Samba-Band zurück. Dieselbe Musik, die 90 Minuten davor noch nach Ouvertüre, Spaß und Caipirinha klang, verkommt jetzt zu einem melancholischen Trauertanz. Eine Stunde später ist die Straße leer, und ein Mann in orangefarbenem Overall und schwarzen Gummistiefeln spritzt mit einem Wasserschlauch die letzten Reste der brasilianischen WM vom Teer. Die Party ist vorbei. Was bleibt, ist die Achtung vor den Brasilianern, die an diesem Abend nicht gewinnen konnten – aber verlieren.

66 Millionen Facebook-Nutzer interagieren während des Spiels 200 Millionen Mal – und damit so häufig wie nie zuvor bei einer Fußball-Weltmeisterschaft.

Mit 35.600.000 Tweets ist #brager das meistdiskutierte Einzelsportereignis auf Twitter! Alleine 580.166 Tweets fliegen binnen 60 Sekunden nach Khediras 5:0 durchs Netz. Ebenfalls ein Rekord. Der Journalist Björn Rohwer veröffentlicht ein Buch mit den besten Tweets – bestellbar unter: wm2014.bjoernrohwer.de Hans Sarpei hat das Vorwort geschrieben. Die Erlöse fließen an Viva con Agua. Kaufen!

SCHLAGAUFSCHLAGZEILE

MATTHIAS BRÜGELMANN

Als der Vize-Chefredakteur der BILD Zeitung am Morgen des 8. Juli 2014 in die Berliner Redaktion fuhr, ahnte er nicht, dass es auch „am Balken“ – so nennt die Branche den Platz, wo die Blattmacher sitzen – weltmeisterlich zugehen würde.

Seite 1: Helene Fischer schön und sexy auf Mallorca!

Seite 2: Dobrindt unterschreibt sein Maut-Versprechen! Seite 3: Vater verhaut Schulhof-Dealer! Seite 4: DSDS-Kandidat trauert um sein Kind! Seite 5: Harry Potter ergraut!

Seite 6: Die schwarze Kasse von Schloss Neuschwanstein!

So hatten wir die Zeitung geplant.

Und dann kam

Müllerklosezweimalkrooskhedirazweimalschürrle. +++

Eins vorweg: Man kann keine Schlagzeile planen und dann aus der Schublade ziehen. Eine Super-Schlagzeile entsteht aus dem Moment heraus – oder eben nicht. Ähnlich wie der deutschen Nationalelf war uns bis zum Halbfinale noch nicht das ganz große Ding geglückt. „Müller-Rausch“ nach dem Auftaktsieg gegen zehn Portugiesen. „So bleibt der Titel ein feuchter Traum“ in Anspielung auf den klitschnassen Löw beim USA-Sieg. „Schüüürrle“ nach dem 2:1 gegen Algerien, obwohl Neuer die Figur des Spiels war. Immerhin „Rats-Fatz-Mats“ nach dem 1:0 gegen Frankreich. Auch BILD ist eine Turnier-Mannschaft...

1:0 Müller. 2:0 Klose. Da kommt erstmals der Gedanke: Was machen wir auf Seite 1?

Diese WM hat gezeigt: Die Wortspiel-Ära aus der Abteilung „Rudi haudi Saudi“ ist ins Digitale abgewandert. Twitter liefert schon während der Spiele Foto-Montagen und witzige Sprüche. Mein Lieblingstweet zum Brasilien-Spiel: „Mertesacker lag falsch. War doch eine Karnevalstruppe im Halbfinale.“ Eine Anspielung auf sein Explosions-Interview, als er ZDF-Mann Büchler angeblafft hatte: „Glauben Sie unter den letzten 16 ist eine Karnevalstruppe?“

Da kann PRINT am Folgetag nur schlecht aussehen. Wucht und Gefühl – da liegt die Chance.

3:0 Kroos. Staunen. Mein Telefon klingelt. Potsdamer Nummer. Der Chef ist dran. Schreit! Brüllt! Seine Stimme überschlägt sich wie Klose beim Salto! Hat der Altkanzler ein neues Buch geschrieben oder guckt er tatsächlich Fußball?!?

Kai: „Matthias, hast du das gesehen? Wahnsinn! Das gibt’s doch nicht! Was machen wir auf der 1? Mensch, wir werden Weltmeister!“ Ich: „Jetzt auch noch 4:0. Schon wieder Kroos.“ Kai: „Wie? Was? 4:0? Hier steht es 3:0. Es steht 3:0. Nein, jetzt auch 4:0. Das gibt’s doch nicht! Hahahaha! Bei dir fiel dasTor viel früher. Darüber müssen wir auch eine Geschichte machen! Matthias, sag doch mal was.“

Ich: „Das ist ohne Worte.“ Kai: „Schreib das auf! Das ist die Schlagzeile! Ohne Worte – schreib das auf!“ Wir legen auf. 5:0 Khedira. Beratung mit Sportchef Walter Straten. Ergebnis: Wenn schon ohne Worte, dann richtig. Wenn Deutschland historisch siegt, muss BILD auch historisch aussehen.

Chris ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der coolste CVD der Welt: „Gib mir ein paar Minuten, dann kriegen wir das hin.“ Sagt er immer. Und es stimmt. Immer.

Ich: „Chris, wir räumen alles aus. Jeder Torschütze auf einer Seite als Poster. Kriegst du die Seiten 1 bis 5 bis zum Schlusspfiff leer und baust die wichtigsten Stoffe um?“

Chris: „Gib mir ein paar Minuten.“ Er sagt nicht, dass wir das hinkriegen.

Ein paar Minuten später in der Halbzeitpause. Chris: „Die Herstellung fragt, ob bei uns sonst alles ok sei. Aber wir kriegen es hin.“ +++ Dann schaltet die BILD-Maschinerie auf Autopilot. Es wird nicht mehr viel gesprochen. Layout, Foto,Text – jeder weiß, was er zu tun hat. BILD-Gesetz: Je größer und turbulenter das Ereignis, desto ruhiger geht es in der Redaktion zu.

Ich erinnere mich an 1999, das Champions-League-Drama ManUnited gegen Bayern. Auf der Seite 1 wurde in 102 Sekunden aus YES! ganz einfach OH NO! Und weiter hinten machten wir aus „Super-Mario, König von Europa“ dann „Sekunden-Drama“. +++ Matthias: „Chris, du hast ja auch noch die Seite 6 leergeräumt!“ Chris: „Ach, die wolltest du gar nicht?“ Schürrle 6:0, 7:0. Wir lachen. An manchen Tagen läuft´s einfach. +++ Von der „Ohne-Worte“-Ausgabe verkauften wir etwa 330.000 Exemplare mehr als an normalen Tagen. Das ist sie also, die Rettung für die krisengeschüttelte Print-Branche: Mehr Fußball-Weltmeisterschaften, mehr 7:1-Siege.

KLARE WORTE

„Entzwei gerissen in 179 Sekunden. Es war wie bei einer Party, bei der plötzlich die Musik aufhört, das Licht angeht und die Polizei durch die Tür stürmt.“

The Sun / England

„Deutschland machte am Dienstagabend im Halbfinale Hackfleisch aus Brasilien.“

De Telegraaf / Niederlande

„Deutsche Schocktherapie. Die brasilianischen Spieler wirkten wie Clowns aus einem Wanderzirkus.“

Sport Express / Russland

„Am Tag des Weltuntergangs, den die Brasilianer gestern ohne Frage bereits zu erleben glaubten, wird man sich noch an dieses Halbfinale erinnern.“

L‘Équipe / Frankreich

„Weltmeisterlich: Die Deutschen sind die wahren Brasilianer“

Kurier / Österreich

„Brasilien war auf eine so perfekte Elf der Deutschen nicht vorbereitet.“

Público / Portugal

„Erbarmungslose Deutsche stürzen ein Land ins Drama. Eine historische Demütigung.“

La Gazzetta dello Sport / Italien

„Schande im Land des Fußballs. Der größte WM-Gewinner hat sich gekrümmt. Deutschland ziegte etwas, was der Seleção fehlte: Talent.“

O Dia / Brasilien

„Ein historischer Zusammenbruch und eine Show, wie wir sie noch nie gesehen haben.“

Svenska Dagbladet / Schweden

„Brasilien erleidet ein historisches Debakel. Zum Spiel der Deutschen fehlen die Worte. Es war wunderbar, präzise und schnell.“

El Mundo / Spanien

TORTAXI

SABINE COLE

Die Journalistin begleitete den FC Bayern zuletzt auf seiner USA-Reise und lernte Jérôme Boateng schätzen. Immerhin schoss der kein Tor, als sie auf dem Weg vom Taxi zur Couch war.

Dienstreise. Am Tag des Halbfinales. Wer am Nachmittag eines solchen Spiels einen Menschen in finanziellen Abhängigkeitsverhältnis per Terminbefehl durch die Republik beordert, dem fehlen nicht nur Sportsgeist und Empathie, dem mangelt es grundlegend an Benehmen. Der Münchner Flughafen ist am 8.7.2014 um 20.00 Uhr gespenstisch leer. Am Gate der LH 2082 nach Hamburg, Abflug 20:20 Uhr, stehen ein paar Dutzend Dienstreisende mit Musterkoffern und Laptoptaschen und starren immer wieder auf die Uhr. Die Nervosität ist greifbar. 21.35Uhr wäre pünktliche Ankunft in Hamburg. Wer nicht allzu weit vom Flughafen wohnt, hat reelle Chancen pünktlich zum Anpfiff um 22:00 MESZ an einemTV Gerät seiner Wahl zu sein. Das wissen alle, die hier stehen. Ich wohne in Wedel. 35 Minuten Fahrzeit mit demTaxi, wenn’s gut läuft. Ich kann es noch innerhalb der Anfangsviertelstunde schaffen, wenn der Flieger pünktlich geht.Tut er nicht. Ein Raunen geht durch die kleine Menge, als die Dame vom Bodenpersonal um etwas Geduld bittet. Schicksalsergeben wartet die Schlange am Gate. Rund 15 Minuten verspätet wird eingestiegen, geflogen und gelandet. Es beschwert sich niemand. Aber den Mienen der meisten ist anzusehen, dass sie genau wissen, wem sie dieses Foul zu verdanken haben.

Ein Kollege erzählt mir später, er habe kein relevantes Spiel der letzten drei Weltmeisterschaften gesehen, weil seine Sekretärin keinen Sinn darin sieht, Termine im Einklang mit der Begeisterung für Fußball zu koordinieren.

Zehn vor 22.00 Uhr sitze ich imTaxi. Ich bin sehr aufgeregt. Der Taxifahrer dreht sofort das Radio lauter. Anpfiff. Straße beim Jäger. Es ist der beste Taxifahrer, den man in einer derart angespannten Situation finden kann. Wir hören konzentriert die Live-Berichterstattung. Es ist kaum Verkehr. Ich erlaube mir den Kommentar, dass es mich verblüfft, dass überhaupt Menschen unterwegs sind. An so einem Abend, wo doch ganz Deutschland der diffusen Angst nachhängt, dass wir gegen den Gastgeber rausfliegen könnten. Auf der Osdorfer Strasse schießt Müller das 1:0. Der Taxifahrer und ich sind erleichtert, wir jubeln kurz. Auf der Bundesstraße vor Wedel drückt er aufs Gas. In Rekordzeit erreichen wir mein Zuhause. Beim Aushändigen der Quittung schießt Klose das 2:0. Ich lache, „Ach, ausgerechnet Klose“, entspanne mich, steige aus und gehe beruhigt auf den Hof. Jetzt kann so schnell nichts Schlimmes passieren, wenn ich erst meine Schuhe ausziehe, mir ein Getränk hole und mich vor den Fernseher setze. Glotze an. Dauert immer ein bisschen, bis das Bild da ist. Das Erste, was ich sehe, ist das Gesicht eines inbrünstig verzweifelten kleinen Jungen auf den Rängen. Khedira hat das 5:0 geschossen. Zwischen Bezahlen und Fernsehbild liegen drei Tore. Auf 30 Metern von der Straße ins Wohnzimmer wird derTraum einer Nation, die ich auf einer Reise im letzten Sommer sehr lieben gelernt habe, demontiert. Ich will mit meiner deutschen Mannschaft Weltmeister werden. Aber ich stehe völlig irritiert vor dem Fernseher und kann mich nicht freuen. Ich sehe die gefrorenen Gesichter im Stadion, die Ruhe, die so gar nicht zu einem Halbfinale passen will, deutsche Spieler, die auch nicht wissen, was sie tun und ob sie sich freuen sollen. Als Übersprungshandlung beginne ich während der Halbzeit aufzuräumen. Ich laufe raus und wieder rein, stelle mein Bügelbrett auf. Muss noch mal Bügel holen, Wäsche auch, verpasse bei dem Hin- und Hergerenne das 6:0 und schaue aus dem Fenster, als das 7:0 fällt. Ich denke: Das war kein Spiel. Das war wie ein Boxkampf zweier ungleicher Gegner, bei dem man ruft, der Trainer solle endlich das Handtuch werfen, weil man um das Leben des Verprügelten fürchtet. Als sich David Luiz nach dem Spiel tränenreich bei seinem Volk entschuldigt, muss ich mit ihm weinen. Ich mache den Fernseher aus. Wenn es einen Fußballgott gibt, dann ist es derselbe Gott, der Kriege zulässt und Kindern beim Weinen zuschaut.

VERRÜCKT

HARTMUT SCHERZER

Er saß auf der Pressetribüne im Estádio Mineirão. Brasilien war seine 14. Fußball-WM als Reporter. In Worten: die vierzehnte! Ein Spiel wie dieses hatte er nie zuvor gesehen. Ein Jahrhundertspiel aber, sagt er, war es nicht.

Elf Deutsche haben innerhalb von achtzehn Minuten zweihundert Millionen Brasilianer in tiefste Depression gestürzt. „Alemanha massacra o Brasil“, Deutschland massakriert Brasilien, tippte der entsetzte Korrespondent der Zeitung Folha de São Paulo schon nach dem fünften Tor in der 29.Minute als Überschrift in seinen Laptop. Am Ende musste er das Ergebnis auf 7:1 korrigieren. Unglaublich. Brasilien gehört tektonisch zu den stabilsten Regionen der Welt: Keine Erdbeben – bis zum 8.Juli 2014, ausgelöst von seismischer Energie einer brillant aufspielenden deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Nach diesem unfassbaren Ergebnis stand Deutschland am 13 . Juli 2014 im berühmten Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro im Endspiel der Weltmeisterschaft und wartete nun als der Favorit auf den Sieger des zweiten Halbfinales, Argentinien oder Holland. Aber dieses historische Halbfinal-Ergebnis, das höchste der WM-Geschichte, wäre heute längst nur noch von statistischem Höchstwert, wenn Joachim Löw nicht endlich auch seinen ersten Titel errungen hätte, die 7:1-Helden nicht mit dem 1:0 gegen Argentinien auch Weltmeister geworden wären. Entsprechend schnappte keiner über ob dieser Sensation gegen den fünfmaligen Champion, den Gastgeber und erklärten Favoriten vor dem Turnier.

Die Forderung des Bundestrainers an seine Spieler, „ein bisschen Demut wäre jetzt auch angebracht“, war überflüssig. Keine überschäumende Freude oder gar euphorischer Jubel nach dem Schlusspfiff. „Mich interessiert nicht, ob wir heute Geschichte geschrieben haben. Am Sonntag gilt es, Geschichte zu schreiben“, sagte Mats Hummels nüchtern. Gelassene Nüchternheit statt ausgelassener Freude demonstrierten Löw und die Seinen nach diesem historischen Fußball-Ereignis.

„Es besteht kein Grund, euphorisch zu sein“, mahnte Toni Kroos. Der zweifache Torschütze und überragende Mittelfeld-Dominator erinnerte daran, falls es jemand angesichts des 7:1 übersehen haben sollte: „Wir sind noch nicht Weltmeister.“ Thomas Müller, sonst Schalk, brachte es betont sachlich auf den Punkt: „Fakt ist, wir sind wieder eine Runde weiter, wie nach dem Sieg gegen Algerien auch. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen.“

Als nach dem Scheibenschießen von Thomas Müller (11. Minute), Miroslav Klose (23.), Toni Kroos 3:0 (24. und 26.), Sami Khedira (29.) und André Schürrle (69. und 79.) in der 90. Minute Oscar das Gegentor gelang, wäre es blanker Hohn gewesen, von einem „Ehrentreffer“ zu reden. Denn Ehre hatte diese seelenlose Seleção wahrlich nicht gemacht. „Die schlimmste Niederlage aller Zeiten, eine Katastrophe“, knirschte Trainer Luiz Felipe Scolari. Mit tränenerstickter Stimme entschuldigte sich Kapitän David Luiz vor laufenden Kameras beim brasilianischen Volk.

Nicht nur für die brasilianischen Spieler selbst, auch für die Deutschen war es nicht zu begreifen, was sich da vor 58.000 Zuschauern in Gelb im Estádio Mineirão Tragisches abspielte. Die Sieger fühlten mit den Gedemütigten. Sami Khedira drückte den Real-Kameraden Marcelo innig an die Brust. Thomas Müller nahm Dante, der wegen der Sperre des Kapitäns Thiago Silva an diesem Debakel teilnehmen musste, in die Arme und versuchte ihn zu trösten. „Ich habe ihm gesagt: ‚Das hast Du nicht verdient.‘“ Mats Hummels hatte schnell gespürt: „ Angst hat bei ihnen mitgespielt.“ Weil einer nicht mitspielte: Superstar Neymar.

Gott ist Brasilianer. Behaupten die Brasilianer. Wenn dem denn so wäre, dann hätte der Allmächtige sie kläglich im Stich gelassen. Und hätte dafür einen Grund gehabt: Die Brasileiros haben einem Profi-Fußballer göttliche Verehrung gewidmet. Die Verletzung Neymars, sein Fehlen im Halbfinale gegen Deutschland, wurde als nationale Tragödie empfunden. Die Seleçao glaubte, ihren unverzichtbaren Leader durch Pathos und Psyche ersetzen zu können. Doch wer viel Pathos braucht, hat wenig Power.

Als sich beide Mannschaften auf dem Platz aufgereiht hatten, riss der stellvertretende Kapitän Luiz dasTrikot mit der 10 in die Höhe. Während der Hymne hielten Luiz und Júlio César das Hemd wie ein geweihtes Stück Stoff vor sich in den Händen. Motto: „Neymar sei bei uns.“ Und als wäre der Geist des Vergötterten in sie gefahren, legten die Gelb-Hemden wild entschlossen los. Nach elf Minuten hatte sich der Neymar-Zauber jedoch verflüchtigt. Müllers Tor nahm den Neymar-Gläubigen letztlich den Glauben an sich selbst.

Der „técnico“ Scolari hatte seit dem Sieg beim Confederations-Cup im Jahr zuvor alles auf eine Karte gesetzt, auf die Karte Neymar. „Sem alternativa“. Ohne Alternative. In der Phase, in der die Inspiration Neymars aus der Seleçao gewichen war, spielte Brasilien wie die Bahamas. Der Showdown wurde zur Mitleids-Show. Ein Spiel zwischen Bewunderung für die Deutschen und Bedauern für die Brasilianer. Der Star ist die Mannschaft – und Gott eben kein Brasilianer.

In der Lobby des Hotels San Diego Pampulha lag anderntags im Stapel der Zeitungungen die „O Tempo“ mit der Rückseite nach oben. Eine ganzseitige schwarze Traueranzeige war dort zu sehen: „BRASIL *12/6/14 †8/7/14“. Sarkastisch wurde nach der „Vexame“ (Schande) gegen Deutschland die „Seleçao“ beerdigt.

Der Ort Belo Horizonte hatte mit Schande im Fußball schon vor 64 Jahren Geschichte geschrieben. England, das Mutterland des Fußballs, erlebte hier bei seiner ersten WM-Teilnahme 1950 in Brasilien die erniedrigendste Niederlage seiner Historie. Im „Supporter‘s Guide“ rühmte sich die Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais sogar damit, Schauplatz „des größten Schock-Ergebnisses aller Zeiten in der Geschichte des FIFA World Cup“ gewesen zu sein. Der oder die Texter konnten nicht ahnen, dass die Demütigung Englands alsbald vom Desaster des eigenen Landes übertroffen werden würde.

Nicht Superstars wie Müller, Klose, Kroos, Khedira und Schürrle schossen damals die Tore zu diesem historischen Ergebnis. Es war ein Student der Columbia University und Tellerwäscher aus Haiti, Joe Gaetjens mit Namen, der in der 38.Minute mit dem Kopf das Tor zum sensationellen 1:0-Sieg der USA gegen England erzielte und „Minas Gerais mit seiner Hauptstadt einen sicheren Platz auf der Weltkarte verschaffte“. Das historische Datum: 29. Juni 1950.

Schauplatz war das alte Stadion Colosso do Horto, das denkmalgeschützt direkt neben dem neuen, 1965 von dem weltberühmten Architekten Oscar Niemayer entworfenen und für die WM komplett modernisierten Estádio Mineirão steht. Zwei weitere Spiele fanden bei dieser ersten Brasilien-WM in Belo Horizonte statt: Jugoslawien-Schweiz 3:0, Uruguay-Bolivien 8:0. Aktuell ist das Stadion die Heimstatt der brasilianischen Spitzenclubs Atlético Mineiro, Sieger des Copa Libertdores 2013, und Cruzeiro, Meister 2013.

Der „Supporter‘s Guide“ rühmte auch das Fußball-Museum in der Stadion-Region am Pampulha-See, das sich nun wohl oder übel auch der „Katastrophe“ (Luiz Felipe Scolari) gegen Deutschland wird widmen müssen. Belo Horizonte jedenfalls ist als Stadt der Schande ein zweites Mal in die Geschichte eingegangen.

Ebenso fassungslos wie fasziniert fragten mich jüngere und junge Kollegen nach dieser Sensation noch im Stadion, ob ich jemals zuvor so etwas erlebt hätte. Meine Antwort: Nein! Dass bei einem Duell zweier Giganten des Welt-Fußballs der eine derart deklassiert und mit einem 7:1 zutiefst gedemütigt wurde, das hatte ich in weit über fünfzig Berufsjahren tatsächlich noch nicht gesehen. Und dennoch: Es war kein Jahrhundertspiel. Das war, habe ich ihnen erzählt, für mich – und wird es wohl immer bleiben – das WM-Halbfinale 1970 in Mexiko zwischen Deutschland und Italien. 1:1 nach der regulären Spielzeit, 3:4 nach der Verlängerung. 120 Minuten Drama, davon die letzten dreißig die verrücktesten, die ich auf diesem Level je erlebt habe.