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WOHNEN 2019 Zu klein, zu teuer oder ganz weit draußen


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 06.03.2019

Zu fünft in drei Zimmern oder raus aufs Land: Vor dieser Entscheidung stehen viele Familien. Eine große Wohnung in der Stadt ist für viele unerschwinglich, weil die Mietpreise in schwindelerregende Höhen steigen. Drei Familien erzählen


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Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 4/2019

Umzug sk i s ten! Was für ein Spaß! Begeistert fischt Käthe (10 Monate) Küchenkram und Bücher aus den großen Kartons im Gang. So lange, bis Mama alles ins Zimmer von Max (3) stapelt. Es ist fünf Quadratmeter groß. Jetzt bleiben noch zwei. „Schläft Max eben ein paar Nächte bei uns“, sagt Susanne Baumgarten (31) und lacht. Die Wohnung der Baumgartens im Leipziger Stadtteil ...

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... Gohlis ist eindeutig zu klein geworden. „Unsere Küche, in der wir auch zu fünft essen, hat 13 Quadratmeter, das Bad ungefähr neun“, erzählt Papa Thomas (37).

Utopische Preise für eine Fünfzimmerwohnung

Vor sieben Jahren, als Johanna geboren wurde, haben ihnen die 70 Quadratmeter locker gereicht. Auch mit Max ging es noch. Dann kündigte sich Käthe an. „Damals haben wir angefangen, nach einer Wohnung mit fünf Zimmern zu suchen“, erzählt Susanne. „Aber die gab es in Gohlis einfach nicht! Oder nur zu utopisch hohen Preisen.“ Mehr als ein Jahr lang haben die Baumgartens Immobilienportale gecheckt. „Die meisten Wohnungen haben wir gar nicht erst besichtigt, weil für die Miete mein komplettes Gehalt draufgegangen wäre“, erinnert sich Thomas, der in der Produktion einer Autofirma arbeitet. Andere lagen in abgelegenen Teilen der Stadt. „Aber in Gohlis leben unsere Freunde, hier sind Johannas Schule und Max‘ Kita“, sagt Susanne. „Wir wollen hier nicht weg!“ Die Sachbearbeiterin in Elternzeit ist selbst schon Zimmern zu suchen“, erzählt Susanne. „Aber die gab es in Gohlis einfach nicht! Oder nur zu utopisch hohen Preisen.“ Mehr als ein Jahr lang haben die Baumgartens Immobilienportale gecheckt. „Die meisten Wohnungen haben wir gar nicht erst besichtigt, weil für die Miete mein komplettes Gehalt draufgegangen wäre“, erinnert sich Thomas, der in der Produktion einer Autofirma arbeitet. Andere lagen in abgelegenen Teilen der Stadt. „Aber in Gohlis leben unsere Freunde, hier sind Johannas Schule und Max‘ Kita“, sagt Susanne. „Wir wollen hier nicht weg!“ Die Sachbearbeiterin in Elternzeit ist selbst schon

Thomas und Susanne Baumgarten ziehen mit ihren Kindern Max, Käthe und Johanna ins Nachbarhaus


Auch kleine Städte werden immer teurer

Was derzeit auf dem Wohnungsmarkt vor allem in Großstädten passiert, ist dramatisch. Seit 2010 sind die Mieten in Deutschland um mehr als 30 Prozent gestiegen, in Städten wie München und Berlin sogar um über 50 Prozent. Das liegt zum Teil an den niedrigen Zinsen, die Investoren anlocken. Und daran, dass vor allem junge Leute in die Großstädte drängen. Aber auch kleinere Städte werden immer öfter zu „Schwarmstädten“ mit gro ßer Anziehungskraft – und höheren Immobilienpreisen. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem vergangenen Jahr fehlen in den77 deutschen Großstädten knapp zwei Millionen bezahlbare Wohnungen. Bezahlbar heißt: Die Miet- und Nebenkosten sollten nicht mehr als 30 Prozent des verfügbaren Einkommens betragen. Vier von zehn Großstadthaushalten liegen mittlerweile schon über dieser Grenze.

Auf dem Land muss oft ein Zweitwagen her

„Familien trifft das besonders hart, weil sie auf dem umkämpften Wohnungsmarkt ohnehin benachteiligt sind“, sagt Ulrich Hoffmann, Präsident des Familienbunds der Katholiken. „Sie brauchen nicht nur mehr Wohnraum, es ist für sie auch schwieriger, hohe Einkommen zu erzielen.“ Mit kleinen Kindern arbeitet meist nur ein Elternteil Vollzeit und verdient das Familieneinkommen; der andere bes tenfalls Teilzeit. Das drängt Familien ins Umland der Städte, wo dann oft die nötige Infrastruktur fehlt. Billiger wird es dort nicht zwangsläufig: Wer in der Stadt ohne Auto klarkam, braucht auf dem Land fast immer eins. Familien, die bislang mit einem Pkw gut versorgt waren, müssen in ländlichen Regionen häufig einen Zweitwagen anschaffen und unterhalten. „Bleibt die Vorstadt“, räumt Hoffmann ein. „Aber wenn die über eine gute Anbindung verfügt, steigen die Mieten dort so rasant wie in der Stadt.“
Die Neuners haben ihrer Lieblingsstadt schweren Herzens den Rücken gekehrt. „Wir mochten München und auch viele unserer Freunde leben dort“, erzählt Franziska Neuner (34). „Jetzt sehen wir sie nur noch selten.“ Bleiben war trotzdem keine Option für das Lehrerehepaar. Zwar reichten die gut 80 Quadratmeter locker für ein Paar mit Baby, „aber nachdem Oskar geboren wurde, war schnell klar, dass wir uns in naher Zukunft weitere Kinder wünschen“, erzählt Papa Andreas (37). „Dafür sahen wir einfach keine Perspektive.“ Finanziell wäre es vermutlich irgendwie gegangen, hätte Franziska nach einem Jahr Elternzeit sofort wieder in Vollzeit gearbeitet. Dagegen sprach nicht nur der weitere Kinderwunsch; sie wollte auch gern länger mit Oskar zu Hause bleiben. „Vermutlich hätten wir uns ohne mein Gehalt auch in drei Zimmern stapeln können, das machen in München viele“, räumt sie ein. „Aber für wie lange?“ Seit einem Jahr leben die Neuners jetzt in Lohr am Main. Oskar (3) und sein kleiner Bruder Fridolin (1) können von der Küche direkt in den Garten hüpfen, die Mietkosten der Familie haben sich halbiert.

Sind aus der Stadt aufs Land gezogen: Andreas und Franziska Neuner mit Oskar und Fridolin


Die Mietpreisbremse greift bisher kaum

Steigende Mietpreise waren nur ein Problem der Neuners. Ein weiteres: Der Markt an Vier- und Fünfzimmer-Wohnungen war schlicht leergefegt. „Es ist ja gar nicht so, dass es in Großstädtenkeine größeren Wohnungen geben würde“, erklärt Lukas Siebenkotten, Direktor des Deutschen Mieterbundes. „Aber sie werden oft von langjährigen Bestandsmietern bewohnt, die sich durch einen Umzug in eine kleinere Wohnung finanziell verschlechtern würden.“ Weil Vermieter vor allem bei der Wiedervermietung die Preise erhöhen, ist es für ältere Menschen, deren Kinder aus dem Haus sind, oft zu teuer, ihre Fünfzimmerwohnung aufzugeben. Als Neumieter einer Zweizimmerwohnung zahlen sie unter Umständen mehr als bisher. „Dem soll die sogenannte Mietpreisbremse entgegenwirken“, erklärt Siebenkotten. „Aber die greift leider bisher wenig bis gar nicht.“

Michael und Marina Rink mit Söhnchen Fabio suchen nach einer Dreizimmerwohnung


Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum

Ist der Umzug in einen kleineren Ort die Lösung? Marina Rink (29) meint: nicht unbedingt. Sie lebt mit ihrem Mann Michael (32) und Sohn Fabio (16 Monate) im rheinland-pf älzischen Germersheim. Die Kleinstadt hat überschaubare 20 000 Einwohner, trotzdem stehen die Rinks vor dem gleichen Problem wie Familien in Frankfurt und Hamburg: Sie leben auf 60 Quadratmetern, wünschen sich ein zweites Kind und finden keine größere, bezahlbare Wohnung. „Unsere Wohnung haben wir gekauft“, erzählt Marina, „obwohl uns klar war, dass sie bald zu eng sein würde.“ Gern hätten sie und ihr Mann noch eine Weile zur Miete gelebt, um Geld für eine größere Wohnung anzusparen. „Aber schon bei drei Zimmern wäre zum Sparen nichts mehr übrig geblieben.“ Den Kredit für die Wohnung haben der Paketdienst-Mitarbeiter und die Einzelhändlerin bekommen, als sie noch beide einen festen Job hatten. Doch mit Marinas Schwangerschaft ließ ihr Arbeitgeber den Vertrag auslaufen. „Wie es weitergeht, wissen wir nicht“, sagt Marina. „Vielleicht finden wir irgendwann eine gemeinsame Wohnlösung mit meinen Eltern.“


Um mehr als 30 % sind die Mieten in Deutschland seit 2010 gestiegen
QUELLE: HANS-BÖCKLER-STIFTUNG


Immobilien nicht nur für die Reichen

Ist denn für Familien wie die Rinks nirgendwo eine Lösung in Sicht? „Der Kern des Problems ist schlicht das Fehlen von bezahlbarer Wohnfläche“, erklärt Markus Lewe, Oberbürgermeister von Münster und Präsident des Deutschen Städtetages. „Bis in die 2000er-Jahre haben Bund, Länder und Gemeinden Flächen und Wohnungen verkauft, weil man davon ausgegangen war, dass die Bevölkerung eher schrumpft als wächst.“ Ein Großteil ging an privateInves toren. Häufig folgten: aufwendige Sanierungen und Mieterhöhungen. „Die Städte versuchen inzwischen, Flächen zurückzukaufen“, so Lewe, „und beim Weiterverkauf darauf zu achten, dass nicht nur Immobilien für die Reichen und Schönen entstehen.“ In Münster zum Beispiel gehen Baugrundstücke der Stadt nicht mehr wie früher an den Höchstbietenden. „Eher im Gegenteil: Der Investor, der die niedrigste Miete garantiert, bekommt den Zuschlag.“
Die Neuners behelfen sich einstweilen selbst: Sie haben sich einer Baugemeinschaft angeschlossen. „Es wird eine Wohnung mit einem kleinen Garten in einem 16-Parteien-Haus – in Würzburg, weil es uns letztlich doch wieder in die Stadt zieht“, erzählt Andreas. Die Familie wird dann zentral und gut angebunden wohnen, zu dem Preis, dass auf 107 Quadratmetern das ersehnte Arbeitszimmer keinen Platz hat. „Es ist die einzige Wohnung im Haus, die für uns infrage kommt“, erklärt Franziska. „Gerade so groß, dass es uns machbar erscheint, und gerade so teuer, dass wir keine finanziellen Probleme kriegen.“

Vollzeit statt Teilzeit, damit die Rechnung aufgeht

Die Lösung der Baumgartens in Leipzig dagegen heißt: Augen zu und durch. In zehn Tagen werden sie ins Erdgeschoss des Nachbarhauses ziehen. 120 Quadratmeter mit Gartenzugang. „Die Wohnung ist perfekt. Abgesehen davon, dass sich unsere Mietkosten zum nächsten Ersten verdreifachen“, stellt Mama Susanne fest. Nach der Elternzeit steigt sie nicht wie geplant in Teilzeit, sondern Vollzeit wieder ein. Außerdem hat sie sich ein Haushaltsbuch zugelegt. Der nächste Urlaub und das ein oder andere Mal Essengehen werden wohl ausfallen. „Ob wir das alles hinkriegen, zeitlich wie finanziell, wird sich zeigen“, sagt sie.

Millionen bezahlbare Wohnungen fehlen in den 77 deutschen Großstädten


QUELLE: HANSBÖCKLER-STIFTUNG

40 % der deutschen Großstadthaushalte zahlen mindestens 30 % ihres verfügbaren Einkommens für die Kaltmiete


QUELLE: HANSBÖCKLER-STIFTUNG

Mindestens90 m2 brauchen Familien mit fünf oder mehr Personen, um einigermaßen gut leben zu können


QUELLE: HANSBÖCKLER-STIFTUNG

INTERVIEW: „Wohnen darf kein Luxus sein!“

Vor allem Kinder haben unter zu hohen Wohnkosten zu leiden, davon ist Ulrich Hoffmann, Präsident des Familienbundes der Katholiken, überzeugt

Welche Folgen haben steigende Miet- und Immobilienpreise speziell für Familien?
Für sie wird Wohnraum immer mehr zum Luxus. Ihr Armutsrisiko steigt und letztlich bestimmt die Wohnungsgröße die Familienplanung. Eltern mit Kindern werden in unattraktive Stadtteile oder ganz aus der Stadt verdrängt.

Sind Familien nicht auf dem Land sowieso besser aufgehoben?
Manche sehen das bestimmt so. Aber viele leben dort aus finanzieller Notwendigkeit und zahlen einen hohen Preis für die günstige Wohnlage: Die Mobilitätskosten steigen, das Pendeln zum Arbeitsplatz kann zur psychischen Belastung werden und nicht zuletzt verkürzen lange Fahrzeiten auch die Familienzeit.

Dann lieber mehr gemeinsame Zeit auf weniger Raum?
Auch beengte Wohnverhältnisse können das Familienklima negativ beeinflussen und Kinder in ihrer Entwicklung einschränken. Das gilt besonders für Kleinkinder: Für sie ist die Wohnung der erste und wichtigste Lernort.

Was muss sich politisch ändern?
Auf dem Land, wo bezahlbarer Wohnraum vorhanden ist, muss die Infrastruktur ver bessert werden. In den Städten müssen mehr Wohnungen gebaut werden, die auch für Familien mit geringerem Einkommen bezahlbar sind. Den Zuschlag für ein Grundstück sollte nicht der Investor bekommen, der am meisten Geld bietet, sondern der, der das familienfreundlichste Konzept vorlegt.


FOTOS: STEFFEN BECK/STEFFENBECK.COM (2), MARTINNEUHOF/MARTIN-NEUHOF.COM (2), PRIVAT, ANNA WENISCH/ANNAWENISCH.DE (2)