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Wohnen mit Farben: Alles von Weiß bis Schwarz


ÖKO-TEST Spezial Wohnen und Leben - epaper ⋅ Ausgabe 13/2014 vom 21.11.2014

Farben umgeben uns als Hülle. Sie sind Ausdruck unserer ganz persönlichen Vorlieben. So unterschiedlich und individuell Menschen sind, so vielfältig erleben sie auch die Farben in ihrer Umgebung. Gibt es trotzdem ein paar Grundregeln?


Artikelbild für den Artikel "Wohnen mit Farben: Alles von Weiß bis Schwarz" aus der Ausgabe 13/2014 von ÖKO-TEST Spezial Wohnen und Leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Jürgen Schliehe

Endlich, die neue Wohnung ist gefunden! Nun soll aus den vier Wänden ein Heim werden – ein Rückzugsort, ein Zuhause. In unserer Wohnung wollen wir uns entspannen und regenerieren. Ganz wichtig dafür: die Farben. Für den einen muss es ganz viel Gelb sein. Er as soziiert Heiterkeit und Extrovertiertheit damit. Ein anderer erlebt Gelb als grell und ...

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... irritierend, für ihn sollen warme rote Töne dominieren. Ein Dritter fühlt sich am wohlsten, wenn ihn viel Blau umgibt. Als „kühl“ wird die Farbe beschrieben, sie wirkt aber auch entspannend.

Die Detmolder Innenarchitektin und Professorin an der Schule für Architektur und Innenarchitektur Ulrike Kerber antwortet deshalb auf die Frage, welche Farben sie für welche Bereiche einer Wohnung empfehlen könne: „Alles von Weiß bis Schwarz.“ Es kommt in jedem einzelnen Fall auf die Temperamente der Bewohner an, auf ihre Erinnerungen an Farbstim mungen. Es gibt aber auch äußere Bedingungen: So ist die Himmelsrichtung zu berücksichtigen und damit die Einwirkung des Tageslichts. Wichtig für die Farbund Materialkomposi tion eines Innenraums ist auch die Farbigkeit des Außenraums. Je nachdem, wer einen Raum nutzt, sind ganz unterschiedliche Entscheidungen sinnvoll. „Kinder reagieren beispielsweise komplementär. Wenn Sie ein Kinderzimmer mit einem roten Farbton gemütlich machen wollen, dann regen Sie sie auf“, erklärt Kerber. „Das verändert sich im Laufe der Entwicklung, und das hat mit der wachsenden Erfah rung zu tun.“

Mut zur Langsamkeit

Standardlösungen für Küche, Schlafzimmer und Flur gibt es also nicht. Die Vielfalt, unbegrenzte Möglichkeiten stehen uns offen. Doch wie findet man die richtigen Farben und die Materialien, die diesen hohen Anspruch an Individualität ein lösen? Unsere Expertin rät, Mut zur Langsamkeit zu entwickeln: „So ein Umzug, der an einem Tag passiert – abends sitzt man in der Pizzeria, bezieht nur noch das Bett, räumt am nächsten Morgen ein paar Kartons aus und das war es – das ist für unser Bedürfnis nach Wohnen und Sicherheit fast eine Schocksituation“, veranschau licht Kerber. Es braucht Zeit, die richtigen Ideen für das neue Zuhause zu entwickeln.

Das könnte so aussehen: Man gibt sich ein Zeitfenster von zum Beispiel einigen Tagen. In dieser Zeit hält man sich immer wieder in den unfertigen Räumen auf und lässt alles auf sich wirken. Erst dann trifft man die Festlegungen. Gut möglich, dass dann nicht nur Entscheidun gen zur Farbgestaltung fallen. Ein Zimmer, das im Wohnungs grundriss als „Wohnzimmer“ bezeichnet wurde, kann zum Beispiel auch zum Kinderzimmer werden. Kerber: „Wenn wir zu schnell auf wackeliger Basis Entscheidungen treffen, haben wir mit den Dingen selber nicht mehr viel zu tun. Die Identifikation gelingt nicht mehr, die Dinge entfremden sich.“ Will heißen: Wenn ich mir die Chance gebe, mich einzugewöhnen, habe ich auch die Möglichkeit, diesen Ort als Schutzraum zu leben.

Auch bei der Suche nach der richtigen Farbe ist genügend Zeit der Schlüssel zum Erfolg. Ulrike Kerber probiert die gewünschten Farben aus. Dafür nutzt sie Tafeln, zum Beispiel aus Gipskarton oder Faserplatte. Sie sollten in etwa die Struktur der Wand haben und mindestens einen Quadratmeter groß sein. Auf diese Mustertafeln bringt sie die Farbe auf, und zwar genauso, wie sie es sich später an der Wand vorstellt. Das bedeutet, dass man so eine Tafel im Zweifelsfall auch in mehreren Durchgängen streicht. Das fertige Muster bekommt dann einen Platz im Raum, auf den im Alltag möglichst häufig der Blick fällt; das wird in der Regel in Augenhöhe sein. „Es bringt nichts, sie im Flur direkt auf den Fuß boden zu stellen“, betont Kerber. Nun lässt die Architektin das Muster einige Tage auf sich wirken. Wer die Zeit hat, wem es nicht auf die letzten zwei Wochen ankommt, der sollte seine neue Wohnung erst einmal nur provisorisch bewohnen. Auf diese Weise hat man die Chance, die Tageslichtstimmungen zu beobachten.

So entschlossen Ulrike Kerber dafür eintritt, die privaten Wohn räume in höchstem Maße individuell zu gestalten, so eindeutig fällt das Votum der Expertin gegen schlichte weiße Wände aus. Sie sind in den Augen der Architektin ein Relikt aus der „Raufaserzeit“ – für viele offenbar noch eine Grundprägung. „Wir verbinden die klassische Moderne mit der Idee der hellen Räume“, so Kerber. „Damit halten wir uns für moderne Zeitgenossen.“ Die Konnotation ist immer modern, zeitgemäß, pur, sachlich.

Ulrike Kerber

Foto: privat

Professorin an der Schule für Architektur und Innenarchitektur Detmold

www.gestaltraumfarbe.com

„Als Innenarchitektin nehme ich Dinge wie eine niedrige Decke oder die Enge eines Flures als Qualität des Raumes. Ich versuche, einen Umgang damit zu finden. Es soll etwas daraus entstehen. Entscheidend ist, was meine Aufmerksamkeit erregt.“

Wer will denn im Museum wohnen?

Aber wer will in einem Raum wohnen, in dem das eins zu eins übernommen wurde? Unwillkürlich beginnt man, Bilder an die Wände zu hängen, irgendwo einen lustigen roten Streifen hinzumalen und eine bunte Decke auf das Sofa zu legen, um irgendwie Atmosphäre zu schaffen. Das passiert aber erst mit Einbruch der Dunkelheit, wenn das Weiß nicht mehr so überstrahlt wirkt. Einzelne Lichtquel len können dann Atmosphäre schaffen. „Man denkt: Ist doch gemütlich. Das ist der Raum aber nicht“, so die Architektin. Mit Weiß stellt man alle Objekte im Raum frei, erklärt sie: die Bilder, das Fernsehgerät, die Sofalandschaft. Genau so, wie man es aus Museen kennt. „Jedes dieser Objekte wirkt dann ganz nackt als einzelnes Gestaltungsstatement.“ Als Menschen brauchen wir aber ein Raumgeflecht. Einen atmosphärischen Raum erleben wir, wenn die Dinge etwas miteinander zu tun haben. „Sie nehmen ja auch nicht einen Stuhl, der nicht zum Tisch passt.“

Zurückhaltend Akzente setzen – das gelingt auch im öffentlichen Raum wie in der Bildungsstätte „Haus Maria Frieden“ oder in einem Osnabrücker Priesterseminar.


Farben zum Klingen bringen

Weiß ist für die Gestaltung unseres neuen Heims also nur noch zweite Wahl. Doch wie beeinflussen Farben unsere Stimmungen und Gefühle? Reagiert der Mensch sichtbar körperlich auf unterschiedliche Farben? Hochschullehrerin Kerber definiert Farben als Energie: „Sie stimulieren uns in einer komplexen Form, einem Zusammenspiel von Erinnerungen, die mit einer Farbempfindung verknüpft sind, und der gegenwärtigen Wahrnehmung von Licht, Wärme und Proportionen.“ Die Wirkung von Farben ist aber auch ganz konkret physiologisch messbar und reproduzierbar. Entspannend können auf Menschen alle Farben im rotwelligen Bereich wirken – von Sonnengelb bis zu einem warmen Dunkelrot, fast schon Violett. Kühlere Farben haben eher einen inspirierenden Wachcharakter. Das schlägt sich unmittelbar im menschlichen Hormonhaushalt nieder. Abhängig von der Lichtfärbung kommt es im Körper zu unterschiedlichen Melatonin- und Serotonin-Ausschüttungen. Je höher der Blauanteil liegt, desto weniger Melatonin wird ausgestoßen. In solchem Licht ist der Mensch wacher. Außerdem: „Je wärmer die Farben, desto höher wird die Raumtemperatur empfunden“, sagt die Architektin. Ein sonnengelber Raum erscheint wärmer als ein hellblauer.

Doch wie gelingt es, die Farben nicht zu stark anzulegen, wie vermeidet man allzu dominante, störende Farben? Farbwirkungen sollten als Zusammenspiel in einem Farbklang beachtet werden, erklärt Kerber. Sie ermutigt zu intensiven Farben, auch auf großen Flächen: Man sollte viel experimentieren. Doch was versteht die Expertin unter einem „Farbklang“? Kerber verweist als Beispiel auf das Gefieder eines Vogels: „Da haben Sie viele Farben in verschiedenen Anteilen. Farben in der Tiefe, in der Höhe, oberhalb des Kopfes, am Bauch.“ Insgesamt ergibt sich meist ein harmonischer Farbklang. Naturfarben sind fast immer harmonisch zueinander. Sie betont, wie wichtig es sei, die einzelne Farbe nicht alleingestellt zu beurteilen. Es kommt darauf an, welche anderen Farben hinzukommen. Selbst ein tomatenroter Fußboden ist denkbar, wenn Möblierung, Türzargen, Wände und Lichteinfall dazu passen.

Beim Experimentieren greift die Expertin auch auf technische Hilfsmittel zurück, zum Beispiel beim Kauf eines neuen Teppichbodens. Auch hier sollte man sich ein Bild davon machen, wie seine Farbe in den eigenen Räumen wir ken wird. Es reicht oft, mit dem Handy ein Bild zu machen und das mithilfe von einfachen Programmen am PC zu simulieren, sagt Kerber. Damit lässt sich die spätere Wirkung besser beurteilen als mit einem DINA4großen Musterstück.

Doch Farbe ist nicht gleich Farbe. Wenn tomaten rote Fußböden möglich sind, weshalb wirken dann manche Farbflächen so glatt und langweilig? Wir erleben, so Kerber, eine kräftige Farbe als unan genehm, wenn sie keine Tiefe hat.

Wenn einzelne Gestaltungselemente dominant sind, wie hier die Fensternischen oder eine Stützsäule, dient der Rest des Raumes eher als ein dezenter Hintergrund.


Farbe ist nicht gleich Farbe

Die Expertin empfiehlt, grund sätzlich Farben zu verwenden, die aus Pigmenten gefertigt wer den. Sie bilden Schichten von ganz kleinen Körpern. Mit ihrer kristallinen Oberfläche erzeugen sie tausendfache Lichtreflekti onen. In unserer Wahrnehmung wirkt dies als Tiefe. Dispersionsfarben sind deshalb nicht einmal als Grundierung oder Hintergrund geeignet. Laut Kerber bestehen sie aus Kunststoffplättchen, die aneinander kleben. Dadurch haben Sie immer nur eine Reflektionsebene. Bei gleicher Intensität entwickeln diese Farben eine ganz andere Penetranz. Die führt zur Überreizung. Das hat keine Tiefe, sondern ist eine Fläche, die sich folienartig vor uns aufbaut. Dagegen ist es möglich, mit Natur farbe eine Wand rapsgelb zu gestalten. Die Menschen lieben die Wand, weil sie leuchtet, zu jeder Tageszeit anders.

Als aktuellen Trend in der Farbgestaltung nennt Ulrike Kerber die Wiederentdeckung der 60er-Jahre. Damals wurden aufgehellte Farben eingesetzt. „Ich sehe überall diese Grau-Grün-Töne. Das changiert sehr schön hin und her.“ In den 60er-Jahren hätten die Deutschen Ita lien als Reiseland entdeckt. Das Lebensgefühl hatte viel mit Leichtigkeit zu tun. Als modisch galten Farben wie Hellblau, Hellgrün oder Rosé. Den Farben wurde immer ein Teil Weiß oder Hellgrau beigemischt, sagt die Expertin. „Sie wirken gebrochen, sind nicht so über strahlt. Das waren keine lauten Farben, sondern sanfte. Der Stil hatte eine gewisse Eleganz.“ Und das hat heute ein Comeback.


Alle Fotos (4): Jürgen Schliehe