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WOLF IM WIDERSTREIT: KLARTEXT!


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 40/2020 vom 13.03.2020

Ist der Wolf eine bedrohte Art? Warum sind Hybriden ein Problem? Untergräbt die Wolfspolitik unser Jagdrecht? Welche Probleme gehen mit dem Wolf einher? Oder wie gehen unsere Nachbarn mit ihm um? Antworten liefert Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel, aber nicht ohne zu sagen, wie es laufen müsste.


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Wolf: ist vieles - Heilige Kuh der Naturentrückten, Hoffnungsträger der Jagdgegner, Geisel der Schafhalter oder Verschlinger von Steuergeldern. Nur eines nicht: eine ganz normal behandelte Wildart.


FOTOS: GEORG BONSEN/PIXABAY

DER AUTOR

PROF. DR. HANS-DIETER PFANNENSTIEL,

geboren 1944, Diplom-Biologe, 40 Jahre als ...

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... Professor für Zoologie an der TU Braunschweig und an der FU Berlin, Jäger seit 1968, Mitarbeit im Präsidium des Landesjagdverbands Brandenburg als Vizepräsident, langjährige Leitung einer Hochwild-Hegegemeinschaft, zeitweilig Vorsitzender des Landesjagdbeirats Brandenburg, Buchautor, zahlreiche wissenschaftliche Originalarbeiten unter anderem zur Wildbiologie.

Angst bestimmt die Wolfspolitik in Deutschland. Gesetzgeber und Ministerialbürokratie fürchten im Falle eines Abweichens vom Mainstream des ideologischen Naturschutzes den zu erwartenden Shitstorm der „Wolfskuschler“, wie die extremen Wolfsschützer in sozialen Medien gelegentlich abschätzig genannt werden, und im Extremfall den Verlust des Mandats bei der nächsten Wahl. Über kurz oder lang wird diese Politik dem Wolf schaden, da im ländlichen Raum die ursprüngliche Pro-Wolf-Stimmung sich inzwischen ins Gegenteil verkehrt hat. Viele Falschinformationen sind wohl Ursache für das Lavieren der Politik. Aufklärung tut Not.

DER WOLF IST KEINE BEDROHTE TIERART

Auf der Nordhalbkugel gibt es seit jeher große, vitale Wolfspopulationen. Die Art ist eindeutig weder gefährdet noch gar vom Aussterben bedroht. Artenschutz wird häufig mit Tierschutz verwechselt. Eine Art zu schützen und zu erhalten, muss nicht unbedingt mit dem Schutz jedes einzelnen Individuums einhergehen. Vor kurzem musste sich ein angefahrener Wolf auf dem nördlichen Berliner Ring stundenlang quälen und auf eine Entscheidung seitens der Behörden warten, bis ein Veterinär ihn von seinen Leiden erlösen durfte. Aus falsch verstandenen Artenschutzgründen wurde der Tierschutz grob vernachlässigt.

Die „Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen“ wird als Fauna- Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-R) bezeichnet. Danach genießen die Tier- und Pflanzenarten des Anhangs IV, darunter Biber und Wolf, strengsten Schutz. Isegrim ist in den EU-Staaten willkürlich in Anhang IV oder V eingeordnet. Anhang V umfasst ebenfalls geschützte Arten, die aber bejagt werden können. Gams- und Steinwild gehören dazu. In Deutschland, in Frankreich und in Schweden stehen Grauhunde in Anhang IV, im Baltikum in Anhang V. In Spanien und in Griechenland ist er in einem Landesteil in V und in anderen Gebieten in IV gelistet. Dieser europäische Flickenteppich lässt das biologische Populationskonzept vollkommen außer Acht.


„ANGST BESTIMMT DIE WOLFSPOLITIK IN DEUTSCHLAND.“


Zügellos: die Vermehrung der Wölfe in Deutschland. Und damit verstärken sich die Probleme, die mit dieser Tierart einhergehen.


FOTO: REINER BERNHARDT

UNSERE WÖLFE GEHÖREN ZUR EURASISCHEN POPULATION

Nach einer einfachen biologischen Definition ist eine Population eine Gruppe von Individuen einer Art, die zumindest potentiell alle untereinander kreuzbar sind. Nach dem Landesumweltamt Brandenburg gehören die Wölfe in Deutschland zu einer „Deutsch-Westpolnischen Population“. Gleichzeitig meint das Amt: „Brandenburg ist nicht nur ein Einwanderungsland für Wölfe; von hier abgewanderte Tiere konnten durch bundesweiten Datenaustausch in anderen Bundesländern, wie auch in mehreren europäischen Staaten genetisch nachgewiesen werden.“ Es findet also Genaustausch zwischen den Wölfen in Europa statt. Folglich stellen unsere Wölfe einen lokalen Wolfsbestand dar, der zu einer eurasischen Population gehört, die sich seit langem im günstigen Erhaltungszustand befindet. Es gibt allenfalls einen Deutsch- Westpolnischen Wolfsbestand, aber keine solche Population. Wolfsmanagementpläne sprechen sogar von Wolfspopulation im betreffenden Bundesland. Das ist schlicht Unfug. Oft geistert auch die Zahl von 1.000 geschlechtsreifen Wölfen durch die Diskussion, die angeblich für einen günstigen Erhaltungszustand da sein müssten. In der FFHRichtlinie wird nirgends eine solche Zahl genannt. Hier wird mit gezinkten Karten gespielt. 1.000 geschlechtsreife Wölfe bedeuten 500 Rudel. Bei im Mittel acht Rudelmitgliedern wären das mindestens 4.000 Wölfe in Deutschland - eine Horrorvorstellung.

1. Wolfsproblem: die Ausrottung des Muffelwilds. Und das, obwohl Deutschland für die Art Mufflon um ein Vielfaches wichtiger ist als für die Art Wolf.


FOTO: WOLFGANG RADENBACH

2. Wolfsproblem: das Reißen von Nutztieren. Die Kosten tragen die Besitzer vornehmlich selbst oder der Steuerzahler.


FOTO: REINER BERNHARDT

3. Wolfsproblem: die Einschränkung der menschlichen Bewegungsfreiheit. Denn in Wolfsgebieten dürfen Kinder vielfach nicht mehr allein im Wald spielen.


FOTO: OKAPIA/ELMAR HERZ


„WILDBESTÄNDE SOLLEN NACH UNSEREN JAGDGESETZEN GESUND UND AN DIE LANDESKULTUR ANGEPASST SEIN. AN DEN WOLF SOLL SICH PARADOXERWEISE DIE LANDESKULTUR ANPASSEN.“


4. Wolfsproblem: das Reißen von vierläufigen Jagdhelfern. Mittlerweile wird schon empfohlen, in Wolfsgebieten keine Hunde mehr frei stöbern zu lassen.


HUND-WOLF-HYBRIDEN SIND EIN ARTENSCHUTZPROBLEM

Aus internationaler Sicht des Artenschutzes müssen Hybriden zwischen Wildtierarten und ihren domestizierten Formen unter allen Umständen vermieden werden. Die in Südeuropa nachgewiesene hohe Dichte von Hundegenen in Wolfsbeständen ist aus artenschutzfachlicher Sicht mehr als bedenklich. Falls auch unsere Wölfe, wie von einigen Wissenschaftlern durchaus diskutiert, bereits zu einem erheblichen Prozentsatz Hybriden sind, dann sind unsere Artenschutzmaßnahmen Artvernichtungsmaßnahmen. Es ist deshalb außerordentlich wünschenswert, alle genetischen Daten unserer Wölfe in einer Datenbank der Kritik der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist bisher leider Fehlanzeige. Die Möglichkeit, dass aus dem Süden oder Osten zuwandernde Hybriden ihre Gene nach Deutschland mitbringen, wird bei uns anscheinend vollkommen ausgeblendet. Erst im Februar 2020 wurden die Hybriden aus der bereits zweiten Paarung einer Wölfin mit einem Haushundrüden auf dem Übungsplatz Ohrdruf in Thüringen zum Abschuss freigegeben. Die jagdlichen Vorgaben hinsichtlich des Orts, der Zeit und des berechtigten Personenkreises sind extrem restriktiv. Es ist fraglich, ob so alle Hybriden erlegt werden können. Dem berühmten niedersächsischen Wolf GW717m (German Wolf 717 male) rennt man ja auch immer noch hinterher. Die Erlegungsbemühungen sollen den Steuerzahler angeblich schon 1,25 Mio Euro gekostet haben. Leider hat GW717m kein Namensschild umhängen, und wenn der Abschuss eines anderen Wolfs für den Erleger das Ende seiner jagdlichen Betätigung darstellt und eine saftige Strafe nach sich zieht, dann überlegt man sich eben, ob man den Finger krumm macht. In Brandenburg hat jüngst der Staatsanwalt einen Jäger angeklagt, der einen Wolf erlegt hat, als dieser seinen Hund angegriffen hat. Das Verfahren läuft noch.

GEGENWÄRTIGE WOLFSPOLITIK UNTERGRÄBT UNSER JAGDRECHT

Säulen unseres Jagdsystems sind das Reviersystem und das gesetzlich geregelte Zusammenspiel der beteiligten Akteure. Außerhalb des Jagdsystems und des Jagdrechtskreises hat sich bereits eine Vielfalt von Institutionen, Gremien, Nicht-Regierungsorganisationen und Einzelpersonen gefunden, die sich mit missionarischem Eifer um den Wolf kümmern. Das wird deutlich, wenn man sich die sogenannten Wolfsmanagementpläne der Bundesländer anschaut, wer mit dem Managen betraut ist. Wildbestände sollen nach unseren Jagdgesetzen gesund und an die Landeskultur angepasst sein. An den Wolf soll sich paradoxerweise die Landeskultur anpassen. Mit der nahezu vollständigen Ausrottung des Muffelwildes, darunter die reinrassigsten Wildschafe Europas in der Niedersächsichen Göhrde, hat der Wolf bereits Fakten geschaffen. Die Weidewirtschaft soll sich mit Zäunen und Herdenschutzhunden an den Wolf anpassen - verkehrte Welt.

Rudel Wölfe: lässt die Politik hierzulande, im Gegensatz zu den Weidetierhaltern, verängstigten Waldbesuchern oder um ihre Kinder Besorgte, nicht im Regen stehen.


FOTO: RAFAL LAPINSKI

DER WOLF BLEIBT EIN PROBLEM FÜR DIE WEIDEWIRTSCHAFT

Kein anderes Raubtier bereitet der Weidewirtschaft so ernste Probleme und ängstigt weite Teile der ländlichen Bevölkerung vor allem in Brandenburg, Sachsen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, wo es derzeit die meisten Wölfe gibt. Die Zahlen der Tabelle aus dem Monitoringjahr 2018/19 (1.5. bis 30.04.) stammen von der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (abgerufen am 18.02.2020). Man kann davon ausgehen, dass die dort dokumentierten 25 Paare im laufenden Monitoringjahr ebenfalls Welpen haben werden. Geht man von acht bis zehn Rudelmitgliedern aus, sind das ohne wandernde Jungwölfe deutlich über 1.000 Individuen. Bei 30 bis 35 Prozent Nettozuwachs pro Jahr verdoppelt sich die Zahl der Wölfe alle drei Jahre.


„DIE WEIDEWIRTSCHAFT SOLL SICH MIT ZÄUNEN UND HERDENSCHUTZHUNDEN AN DEN WOLF ANPASSEN - VERKEHRTE WELT.“


Nach wie vor steigen Wolfsrisse und -bestand parallel exponentiell an. Wenn der Schutz von Weidevieh durch Zäune und Herdenschutzhunde Erfolg hätte, sollte die Parallelität des Anstiegs aufhören, tut sie aber nicht. Das Ende der Beweidung hätte für viele Offenlandarten bei uns verhängnisvolle Folgen. Eine tatsächlich wolfsdichte Zäunung weiter Areale unserer Landschaft kann auch nicht die Lösung sein, wenn gleichzeitig für Grünbrücken enorme Summen ausgegeben werden. An manchen Schulen fallen bereits Wandertage aus, und einige Kindergärten lassen ihre Zöglinge nicht mehr im Freien spielen bzw. zäunen ihre Flächen wolfssicher ein. Hunde sollen bei der Jagd in Wolfsgebieten nicht geschnallt werden.

PRAGMATISCHER UMGANG DER NACHBARN MIT DEM WOLF

Die „Entnahme“ von „Problemwölfen“ im Rahmen der Ausnahmetatbestände von Artikel 16 der FFH-Richtlinie wird das Problem bei uns nicht lösen, und an der restriktiven Genehmigungspraxis der Naturschutzbehörden wird auch die jüngste Novelle des Naturschutzgesetzes kaum etwas ändern. Im Baltikum wird der Wolf (Anhang V) planmäßig, nachhaltig und von einem wildbiologischen Institut begleitet bejagt. Die Jahresstrecke liegt im Mittel der letzten Jahre bei 300 Wölfen. Es gibt nach wie vor Wölfe im Baltikum, und ihr Erhaltungszustand wird trotz Bejagung auch von der EU offiziell als günstig eingeschätzt. In Frankreich - Wolf in Anhang IV - werden jedes Jahr etwa 50 Wölfe freigegeben. Allem Anschein nach ist bisher von der EU kein Verfahren gegen Frankreich eingeleitet worden, obwohl die generelle Freigabe einer bestimmten Zahl von Wölfen wohl kaum dem Artikel 16 der FFH-Richtlinie entspricht. In Schweden - Wolf in Anhang IV - hat der Reichstag den günstigen Erhaltungszustand der dortigen Wölfe mit fachwissenschaftlicher Rückendeckung bei etwa 300 Exemplaren festgelegt. Deshalb gibt es in Schweden Lizenzjagd auf den Wolf und sogenannte Schutzjagd. Außerdem wurde das Gebiet der samischen Rentierzüchter zum wolfsfreien Gebiet erklärt. Durchwanderer werden dort geduldet. Wölfe, die sich dauernd ansiedeln wollen, werden erlegt. Mit der Lizenzjagd ist die EU nicht einverstanden, wohl aber mit der Schutzjagd. Warum geht das nicht bei uns? Könnte das an einem Staatssekretär im Bundesumweltministerium liegen, der vorher NABU-Chef war?

SO MUSS ES MIT DEUTSCHLANDS WÖLFEN WEITERGEHEN

Der Artenschutz liefert keine wildbiologischen oder populationsökologischen Gründe für den bei uns praktizierten Totalschutz des Wolfs. Die weitere Entwicklung des Wolfsbestands in Deutschland und die weiter steigenden Rissvorkommen werden im Verein mit den steigenden Kosten für Prävention und Schadensausgleich, die der Steuerzahler zu erbringen hat, eine jagdliche Einflussnahme unumgänglich machen. Die Bundesregierung muss der EU unverzüglich melden, dass der Wolfsbestand in Deutschland als Bestandteil einer eurasischen Population den von der FFH-Richtlinie geforderten günstigen Erhaltungszustand aufweist. Zeitgleich muss ein Antrag an die EU zur Listung deutscher Wölfe in Anhang V der FFH-Richtlinie gestellt werden. Schließlich muss der Wolf in den Katalog jagdbarer Arten des Bundesjagdgesetzes aufgenommen werden. Da- nach muss in möglichst breitem Konsens überlegt werden, wie die Bejagung des Wolfes aussehen soll. Selbstverständlich muss die Bejagung nach den gleichen wildbiologischen Kriterien sowie Grundsätzen der Waidgerechtigkeit erfolgen, die auch für andere Wildarten als unser Maßstab gelten.

Wolfsjagd: in zahlreichen EU-Ländern mit zum Teil deutlich weniger Wölfen als Deutschland erlaubt - ein Schelm, wer Böses dabei denkt.


FOTO: MAX STEINAR

Quelle: Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW)