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Wolf – Problem oder Problemlöser?


ÖKOJAGD - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 21.01.2019

„Wo der Wolf jagt, wächst der Wald“ – ist es wirklich so einfach? Oder ist es nicht vielmehr eine verständliche Wunschvorstellung um den vertrackten Wald-Wild-Konflikt endlich zu lösen? Ein Beitrag zur Kultur des Kooperierens zwischen Forst und Jagd.

Seit den 1970er Jahren argumentieren und diskutieren wir, wieviel Wild waldver- bzw. waldertraglich ist, wo die Grenze verlauft zwischen Wildeinfluss und Wildschaden, okonomischem und vor allem okologischem, damit die Schutz-, Erholungs- und Wohlfahrtsfunktionen des Waldes als offentliches Gut gewahrt bleiben.

Im Sommer 2012 bekannten sich Vertreter von Forst und Jagd im Wallfahrtsort Mariazell dannöffentlich zum Selbstverstandlichen: Zur Verjungung der standorttypischen Baumarten (mit forstlichen Schutzmasnahmen als Ausnahme) und zu der dafur notwendigen Regulierung der Schalenwildbestande „als vordringliche Aufgabe der Zukunft“. Furwahr eine Aufgabe der Zukunft. Denn bei der diesjahrigen Jagertagung erklarten Vertreter von Forst & Jagd ubereinstimmend, dass nach nunmehr 6 Jahren noch keine Trendumkehr feststellbar ist1. Sie ist grostenteils noch nicht einmal in den Kopfen angekommen.

Wie Werner Beutelmeyer feststellt2, fehle bei drei Viertel der befragten Jager das Problembewusstsein immer noch und gerade „in Rotwildrevieren [wird] am wenigsten an der Losung bzw. Verbesserung der Schadensthematik gearbeitet“. Denn obwohl die Ergebnisse von Waldinventur und Wildeinflussmonitoring vereinbart auser Streit stehen, vermutet doch fast die Halfte der befragten Jager „dass die ausgewiesenen Forstschaden entweder weit ubertrieben oder gar nur Propaganda der Forstleute sind“. Gleichzeitig erklaren zwei Drittel, Verbissschaden nicht eindeutig zu erkennen.

Die Situation ahnelt der eines Patienten, der die Diagnose nicht wahrhaben will, weil er mit der Therapie nicht einverstanden ist. Der Befund „fehlende Verjungung“ ist vielerorts fur den Kundigen offensichtlich, aber die Rosskur einer massiven Reduktion der Schalenwildbestande will sich kaum ein Jager zumuten. Verstandlich, geht doch die Gleichung „weniger Wild = weniger Schaden“ keineswegs immer auf. Erfahrungsgemas fuhrt erhohter Jagddruck meist erst recht zu Schaden. Und das, obwohl der Bestand gefuhlt schon nahezu ausgerottet ist. Zudem liegt die Ursache fur nichtvorhandene Verjungung ja oft auch in waldbaulichen Fehlern. Andererseits kann bei starkem Wildeinfluss keinem Forstmann die Verjungung gelingen, auch wenn er das Spiel mit Licht und Schatten meisterhaft beherrscht. Das erinnert an endlose Schere- Stein-Papier-Runden: jedes stichhaltige Argument kann durch ein anderes entkraftet werden.

Ein neuer Mitspieler

Jetzt aber gibt es einen neuen Mitspieler, der die notigen Veranderungen anstosen konnte, wenn man ihn zulasst. Der Wolf ist – wie das Schalenwild – als Wildtier ein integraler Teil des Waldokosystems (ja, dazu hatten sich in Mariazell sowohl Forst als auch Jagd bekannt). Er erfullt die Vorgabe, vorrangig weibliches und Jungwild zu bejagen und kommt auch der Forderung nach einer grosraumigen wildokologischen Raumplanung nach: das Revier eines Rudels erstreckt sich uber 170 Eigenjagdreviere. Ist der Wolf der ersehnte Problemloser?

Nein, meint der Dachverband „Jagd Osterreich“, der die osterreichische Jagerschaft vertritt. Im Gegenteil. Der Wolf schaffe Probleme, vor allem „vermehrte Schaden am Wald“3.

Ja, meinte der Schweizer Forstverein und begruste – im selben Jahr als in Osterreich die Mariazeller Erklarung als „richtungsweisend“ gefeiert wurde – „die Prasenz von Luchs und Wolf […] als erwunschten Beitrag zur Bestandesregulierung von Reh, Hirsch und Gamse.“4 Denn 2012 waren am Calanda, einem knapp 3.000m hohem Bergmassiv an der Kantonsgrenze Graubunden-St Gallen, erstmals seit 150 Jahren wieder Wolfe auf Schweizer Boden geboren worden. Das ist seither jahrlich der Fall. Da die Jungwolfe aber nicht dauerhaft im Rudel bleiben, sondern abwandern, leben und jagen am Calanda konstant funf bis zehn Wolfe. Wachst der Wald, wo Wolfe jagen?

Ja. „In der Sommerkernzone des Wolfrudels spricht einiges fur einen direkten Effekt von Wolfen auf die Baumverjungung […] der Verbiss an bevorzugt gefressener Baumverjungung sank und die Dichte der Baumverjungung nahm zu“5.

Und nein, denn ein Teil des Verbisses hat sich nur verlagert: in den Wintereinstand, wo der Sommerverbiss zunahm (allerdings weniger als er im Sommereinstand abgenommen hatte), weil das Rotwild sommers dort einsteht, wahrend die Wolfe in der Nahe des Wurfbaus bleiben. Das ist die naheliegende Reaktion auf jede Bejagung: Wenn es kann, weicht das Wild in weniger oder unbejagte Bereiche aus. Und aufgrund der im Schweizer Jagdsystem kurzen Jagdzeit im Herbst ist das Wild am Calanda im Sommer – dort, wohin es den Wolfen ausweichen kann – vollig unbejagt. Im Winter ist ein grosraumiges Ausweichen energetisch offenbar nicht sinnvoll und Rotwild bleibt in seinem Einstand, auch wenn dort Wolfe jagen.

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Bildquelle: ÖKOJAGD, Ausgabe 4/2018

Ein neuer Mitspieler, der zu einem Paradigmenwechsel in der Schalenwildbejagung beitragen könnte.


(Fotoauswahl ÖKOJAGD, Foto © W. Bajohr)

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Ebenso wenig wie der Wolf den Jäger, kann der Jäger den Wolf ersetzen.


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Als gute Läufer jagen Wölfe ebenfalls gerne im offenen Gelände, hier ein Rotwildrudel im Grünland.


Wolf kann Jäger nicht ersetzen

Freilich, wo der Wildstand fur die Verjungung des Waldes zu hoch ist, verlagert sich mit viel Wild auch viel Verbiss. Dann kann auch der Wolf keine Waldwunder wirken. Eine Lokalzeitung titelte daher: „Die Forster konnen sich nicht auf den Wolf verlassen“6. Naturlich nicht. Wie auch eine rumanische Studie zeigt, kann der Wolf nicht verhindern, dass in von Menschen unbejagten Schutzgebieten ein Drittel, stellenweise sogar die Halfte der im Kronenbereich vertretenen Arten durch Schalenwild und Vieh verbissen werden und uber 1,5m Wuchshohe nicht hinauskommen. In wolffreien, unbejagten Waldern Thuringens ohne Waldweide- Einfluss sind es allerdings 67%7.

Die Schweizer Forstwirte wussten wohl, dass in einer Kulturlandschaft der Wolf nur „einen wichtigen Beitrag zum Gleichgewicht zwischen Wald und Wild leisten“8, den Jager aber nicht ersetzen kann: Wolfe erbeuten schlicht zu wenig: pro 100 Hektar erjagt ein achtkopfiges Rudel in der Lausitz 2,22 Stuck Schalenwild9; das entspricht ziemlich genau den umgerechnet 3 erwachsenen Rehe/100 ha fur das Rudel auf dem Truppenubungsplatz Allentsteig10. Zwar benotigt ein Wolf im Schnitt 2-3kg Fleisch pro Tag, aber weil sein Revier sich uber durchschnittlich 200 km2, also 20.000 ha und damit uber mehr als 170 osterreichische Eigenjagdreviere erstreckt (im Burgenland und in Tirol „nur“ uber 66 Eigenjagden, weil hier die Mindestgrose fur Eigenjagden 300 ha ist), erlegen Jager jahrlich im Durchschnitt das Funf- bis Zehnfache.

Ebenso wenig wie der Wolf den Jager, kann der Jager den Wolf ersetzen. Das liegt in der Natur der Sache: Ein Rasenmaher erzielt einen anderen okologischen Effekt als Beweidung, eine Forstkultur kann die okologische Nische einer Naturverjungung nicht nachbilden. Das irrige Selbstbild der Jager als Wolfersatz ist einer der Grunde, warum die Wald-Wild-Problematik nicht vom Fleck kommt.

Unerwünschte Selektion

Der Mensch ist ein Augentier, er muss auf Sicht jagen, und tut dies bevorzugt von Hochsitzen mit erweitertem Blickfeld. Entsprechend weicht das bejagte Wild ins Dickicht und ins Dunkel der Nacht aus. Es ist eine Selektion zum Nachteil der Jager, denn es uberleben und vermehren sich jene scheuen Tiere, die sich nicht auf Freiflachen wagen11. Aber es ist eine Jagdart nach den Wunschen der meisten Jager: haufiger Einzelansitz im eigenen Revier bzw. Einzeljagd mit personlicher Abschusszuteilung, wobei Trophaentrager sowie eine vorhersehbare Brunftjagd im Mittelpunkt des Interesses und des Jagd-Hege-Managements stehen.

Dieses „permanente Hinterherschleichen am Rotwild“12, wie der Vorarlberger Wildbiologe Hubert Schatz es nennt, hat im Verlauf der letzten Jahrzehnte dazu gefuhrt, dass das Wild – unabhangig von der Hohe des Bestandes – in zu vielen Gebieten einen zu starken Einfluss auf den Wald hat – und mancher Einstand mehr verknochert als verholzt. Andere Jagdstrategien waren dringend erforderlich. Aber Stoberjagden mit Hunden als Helfer sind selten, denn sie sind aufwendig, erfordern gute Hunde, gute Schutzen, viel Planung, Abstimmung und Zusammenarbeit. Deshalb sind diese Gemeinschaftsjagden meist nur eine Notlosung, wenn „der Hut brennt“ und das Wild schon bis zur Unsichtbarkeit bejagt wurde.

Als gute Laufer jagen Wolfe ebenfalls gerne im offenen Gelande. Dort sind ihre Jagden leichter zu beobachten und zu filmen, weshalb so auch das Bild ist, das wir aus nordamerikanischen Dokumentationen im Kopf haben: Wolfe, die einen Elch ein, zwei oder mehr Kilometer uber offene Flachen verfolgen. Die Flucht ist allerdings oft erfolgreich und muss nicht unbedingt eine lange Hetzjagd sein: In Skandinavien fluchten Rehe im Schnitt 237 m, Elche nur 76 m. Nach dieser kurzen Jagdstrecke war in etwas mehr als der Halfte der Falle das Beutetier entkommen13. Besser ist es freilich, von den Wolfen gar nicht erst entdeckt zu werden. Von Menschen nicht bejagte Wapiti im Yellowstone Nationalpark hielten sich vor der Ansiedlung der Wolfe in den Sommermonaten fast ausschlieslich auf offenen Flachen auf. Nach der Ansiedlung der Wolfe nutzten sie wenige offene Aufenthaltsgebiete und standen vermehrt im Wald ein14

Auch Rotwild wurde wohl vor dem Wolf Sichtschutz im Wald suchen – aber dort steht es tagsuber ja ohnehin Rehe, als Schlupfer im Dickicht zu Hause, erweisen sich vor allem Kulturzaune als fatal19.

Rotwild reagiert auf den Waldjager Wolf entsprechend: Es macht sich schwer auffindbar, indem es kleine Gruppen bildet, die als Einheit weniger leicht entdeckt werden20, es steht mal da ein, mal dort, und wird dadurch unvorhersehbar.

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Rotwild reagiert auf den Waldjäger Wolf, indem es kleine Gruppen bildet, die weniger leicht entdeckt werden und wird dadurch unvorhersehbar.


(Foto © M. Rüttiger)

Geringer Reduktionseffekt

Es ist das uber die Jahrtausende wiederholte Fangen und Verstecken spielen, das die Sinne von Jager und Beute scharft. Nur Muffelwild verliert jedes Mal, weil es den Wolf im Laufe seiner Evolution nicht kennengelernt hat. Von dieser nicht heimischen Wildart abgesehen: Reduziert der Wolf die Wildbestande? Sicherlich – oft aber nicht in einem forstlich relevanten Ausmas. „Die Gleichung Wolf = weniger Wild = weniger Verbiss ist“, wie Andrea Kupferschmid von der Eidgenossischen Forschungsanstalt WLS festhalt, „zu einfach. Vielmehr existieren komplizierte Wechselwirkungen zwischen Raubtieren und wildlebenden Huftieren. Dadurch variiert der Verbiss an der Baumverjungung kleinraumig, an manchen Orten mehr, an anderen weniger“21. Genau darum geht es: um die Variation in der Verteilung von Wild und Verbiss.

Bereits durch ihre Anwesenheit halten Wolfe das Wild zwischen verschiedenen Einstanden in Bewegung, und bewir- ken damit kleinraumig eine dynamischere Raumnutzung und eine breitere Verteilung des Verbisses22. Und indirekt auch eine Reduktion: Wittert Rotwild Wolfskot, sichert es so viel haufiger, dass die Asezeit auf die Halfte verkurzt und entsprechend weniger gefressen wird23 – ein Effekt, der mehrere Wochen anhalt. Sofern der Wildbestand nicht durch Hegemasnahmen dauerhaft uber der Tragfahigkeit gehalten wird, bleibt der Verbiss damit das, was er sein soll: Wildeinfluss und kein Wildschaden.

Keine Schnellschüsse

Veranderungen durch Wechsel in andere Einstande sind auf der Ebene von Wildlebensraumen betrachtet geringfugig, aber sie werden aufgrund des kleinstrukturierten Reviersystems sowie eingefahrener, starrer Jagdkonzepte als massiv und negativ wahrgenommen. Es ist verlockend, die Ursache fur Wildschaden (als hatte es bisher keine gegeben) dem Wolf als Sundenbock aufzuburden. Die Aussage „Das Grosraubwild ist fur die Wildschadenspravention (Rotwild) kontraproduktiv!“24 – nur zwei Jahre nachdem sich Wolfe auf dem Truppenubungsplatz Allentsteig angesiedelt hatten – war ebenso vorschnell wie die „Wo der Wolf jagt, wachst der Wald“-Sichtweise unzulassig vereinfachend ist. Denn – wie auch die Wildbiologin Christine Miller den Jagern bestatigt – „nach einer gewissen Gewohnungsphase stellt sich Schalenwild auf die Gegenwart von Wolfen ein“25. Hilfreich sind differenzierte Fragen wie sie Christian Kubitschka, der Leiter der Stabsgruppe Nachhaltigkeit und Raumnutzung der Heeresforstverwaltung in Allentsteig, heute stellt: „Welche Beweise haben wir fur welche Thesen? Schalt das Wild, weil der Wolf da war? Was ist mit Schaden bevor er kam? Inwiefern wirkt sich das veranderte Asungsangebot, welches parallel zur Wolfsbesiedelung am TUPL einherging, in puncto Offenlandflucht des Rotwildes aus“?26 Sind wirklich die Wolfe, die wahrend einer massiven Rotwild-Reduktionsphase kamen, der Grund dafur, dass Rotwild nicht mehr auf den grosen Freiflachen steht?

Uberall dort, wo Grosraubtiere UND Menschen jagen, meidet das Wild vorrangig den menschlichen Jager27. Die Hauptverantwortung fur das Feindverhalten des Wildes liegt beim menschlichen Jager. Nur er kann auf Distanz zuschlagen und er jagt in hoher Dichte: Selbst wenn Osterreich flachendeckend Wolfsjagdrevier ware, ware fur ein Stuck Wild die Wahrscheinlichkeit, einem Jager in den Anblick zu kommen, 170- mal hoher als einem Wolf uber den Weg zu laufen. Die Anwesenheit von Wolfen provoziert deshalb keineswegs das Schreckensszenario einer „intensiven Bejagung…[und] verstarkten, dauerhaften Beunruhigung“, die zwangsweise „vermehrte Schaden am Wald (z. B. Schalschaden)“ provoziert, wie dies der Dachverband prophezeit. Wolfe, fur die jede Jagd mit Energieaufwand und Verletzungsrisiko verbunden ist, jagen nicht „notwendig intensiv“, sondern minimalinvasiv.

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Überall dort, wo Großraubtiere UND Menschen jagen, meidet das Wild vorrangig den menschlichen Jäger. Die Hauptverantwortung für das Feindverhalten des Wildes liegt beim menschlichen Jäger.


(Foto © R. Schlude)

Die Angst der Jager „dass das Wild wesentlich vorsichtiger wird – und das wird auch die Bejagung fur die Jager erschweren,“28, die Christian Schoiber aus dem Vorstand der Salzburger Jagerschaft stellvertretend fur viele Jager ausspricht, offenbart die Hauptursache fur die bestehende Wald-Wild-Problematik. Und diese wird man nicht mit eben jener Jagd-Hege-Strategie losen, durch die sie entstanden ist. Die einzig sinnvolle Reaktion auf die Anwesenheit eines Wolfrudels ist die Anpassung der Bejagungsstrategie, so wie sie die Verantwortlichen auf dem Truppenubungsplatz Allentsteig vornehmen: eine Schwerpunktbejagung in den schadensanfalligen Waldgebieten29. Diese Jagdstrategie ware freilich immer schon zweckdienlich gewesen, doch fur ihre Umsetzung bedurfte es offenbar der Anwesenheit der Wolfe als treibende Kraft.

Wölfe als Korrektiv des bestehenden Jagdsystems

Wer sie nicht als Anmasung der Natur sieht, die solcherart in die peinlich gehegten Bestande eingreift, erkennt, dass Wolfe nicht Konkurrenten der Jager sind, sondern ihr dringend notiges Korrektiv. Wolfe konnten den Teufelskreis durchbrechen, den das bestehende Jagdsystem geschaffen hat. Ihr groser Aktionsradius gibt aber nur den Impuls dazu, den engen Spielraum des Reviersystems zu erweitern und das umzusetzen, was seit Langem notig ist: grose wildokologische Einheiten fur Rotwild mit revierubergreifenden Konzepten nicht nur fur gemeinschaftliche Bewegungsjagden, sondern auch fur Einzelansitze.

„Wie der Wolf jagen“30 hat bereits vor Jahren der Wildbiologe Hubert Schatz den Jagern ans Herz gelegt. Revierubergreifend nicht nur zu hegen, sondern auch zu jagen (ist doch die fachgerechte Jagd ein wesentlicher Teil der Hege) ware eine geeignete Masnahme, um aus der durch egoistisches Revierdenken („Die anderen sollen schiesen“ oder „Ich schies mir meinen Sommerbestand nicht zusammen“) geschaffenen Sackgasse, in der vor allem die heimische Rotwildjagd steckt, herauszukommen. Eine erfolgreiche Rotwildbewirtschaftung erfordert ein Abgehen von starren Bejagungsgewohnheiten, erfordert, wie Friedrich Volk betont, „Flexibilitat, gute Jagdkonzepte, Abwechslung und dauerhafte Bereitschaft zur Veranderung“31. Das ist der Ball, den der Wolf ins Wald- Wild-Feld spielt. Es liegt an Grundbesitzern und Jagern, ihn anzunehmen und damit weiterzuspielen. Die Wildbewirtschaftung wird nicht weniger, sondern anders. Der Wolf verandert sie in ahnlicher Weise wie eine Fusgangerzone das Geschaftsleben. Auch hier fuhrt die Angst vor Veranderung jedes Mal zu wutenden Protesten und schlimmsten Befurchtungen. Doch trotz Sperre fur den motorisierten Verkehr bleiben die zahlungskraftigen Kunden keineswegs aus, im Gegenteil „Die Umsatze steigen in Fusgangerzonen im Allgemeinen um mehr als 20 Prozent an.“ 32. Ebenso wird ein Gebiet durch den Wolf nicht weniger wert, sondern mehr.

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Bildquelle: ÖKOJAGD, Ausgabe 4/2018

Ein Jagdgebiet wird durch den Wolf nicht weniger wert, sondern mehr, wenn gerade das Unberechenbare den Reiz der Jagd ausmacht.


(Foto © R. Bernhardt)

Denn einerseits ist ein artenreicher, resilienter, an die veranderten Umweltbedingungen angepasster Wald bereitsmittelfristig ein hoherer und verlasslicherer Vermogenswert als Trophaentrager. Andererseits gibt es durchaus in ausreichenden Zahl Jager, welche die Jagd hoher wertschatzen, wenn sie alle Sinne, auch den Scharfsinn, fordert. „Waldjagd ist unvorhersehbar […] Der Waldjager muss flexibel sein […] Gerade das Unberechenbare macht aber den besonderen Reiz dieser Jagd aus33“ schreibt Hubert Zeiler uber seine Rotwildjagd in Slowenien. „Wer den Wolf scheut, soll nicht in den Wald gehen“ meinte der grose russische Erzahler Fjodor Dostojewski im ubertragenen Sinn. Im Sinne des Waldes und einer zukunftsorientierten Jagd ist ein ahnlicher, durchaus konkreter Standpunkt angebracht: „Wer den Wolf als Mitjager scheut, soll nicht auf die Jagd gehen“.

Dr. Karoline Schmidt ist freischaffende Wildbiologin. Sie lebt in Niederösterreich.karoline.schmidt@inode.at

In ähnlicher Form veröffentlicht in der Österr. Forstzeitung 08 und 09 2018.

1 Schima, j. und Gorton, F. (2018) Forst & Jagd Dialog - aktueller Stand und weitere Entwicklungen. 24. Osterr. Jagertagung (2018) 21-14
2 Beutelmeyer, W. (2017) Abgerufen am 17. April 2018
3 Positionspapierwww.jagdfakten.at/wp-content/uploads/2018/02/Posi tionspapier-Wolfe_Jagd-Osterreich_ 20180207.pdf
4 Positionspapier Schweizer Forstverein (2012)www.forstverein.ch/…/pp_sfv_luchs_wolf_2012.pdf
5 Kupferschmid, A.D.; Beeli, F.; Thormann, J., (2018) Effekte des Wolfrudels am Calanda auf die lokale Baumverjungung. Bundnerwald, 71 (1), 37-44. S. auch OKOJAGD 2-2018, S. 14 - 18
6 Straub, U. (2018) Die Forster konnen sich nicht auf den Wolf verlassen. Die Sudostschweiz/ Graubunden 28.3.2018
7 Schulze, E. D., Bouriaud, O., Waldchen, J., Eisenhauer, N., Walentowski, H., Seele, C., …& Hessenmoller, D. (2014). Ungulate browsing causes species loss in deciduous forests independent of community dynamics and silvicultural management in Central and Southeastern Europe. Annals of Forest Research, 57(2), 267-288.
8 Positionspapier Schweizer Forstverein (2012)www.forstverein.ch/…/pp_ sfv_luchs_wolf_2012.pdf 9www.jagderleben.de/praxis/woelfe-schalenwild
10 Kubitschka, Christian (2018)
11 Ciuti, S., Muhly, T. B., Paton, D. G., Mc- Devitt, A. D., Musiani, M., & Boyce, M.

Dr. Karoline Schmidt ist freischaffende Wildbiologin. Sie lebt in Niederösterreich.karoline.schmidt@inode.at

In ähnlicher Form veröffentlicht in der Österr. Forstzeitung 08 und 09 2018.

1 Schima, j. und Gorton, F. (2018) Forst & Jagd Dialog - aktueller Stand und weitere Entwicklungen. 24. Österr. Jägertagung (2018) 21-14
2 Beutelmeyer, W. (2017) Abgerufen am 17. April 2018
3 Positionspapierwww.jagdfakten.at/wp-content/uploads/2018/02/Posi tionspapier-Wölfe_Jagd-Österreich_ 20180207.pdf
4 Positionspapier Schweizer Forstverein (2012)www.forstverein.ch /…/pp_ sfv_luchs_wolf_2012.pdf 5 Kupferschmid, A.D.; Beeli, F.; Thormann, J., (2018) Effekte des Wolfrudels am Calanda auf die lokale Baumverjüngung. Bündnerwald, 71 (1), 37-44. S. auch ÖKOJAGD 2-2018, S. 14 - 18
6 Straub, U. (2018) Die Förster können sich nicht auf den Wolf verlassen. Die Südostschweiz/ Graubünden 28.3.2018
7 Schulze, E. D., Bouriaud, O., Wäldchen, J., Eisenhauer, N., Walentowski, H., Seele, C., …& Hessenmöller, D. (2014). Ungulate browsing causes species loss in deciduous forests independent of community dynamics and silvicultural management in Central and Southeastern Europe. Annals of Forest Research, 57(2), 267-288.
8 Positionspapier Schweizer Forstverein (2012)www.forstverein.ch /…/pp_ sfv_luchs_wolf_2012.pdf
9www.jagderleben.de/praxis / woelfe-schalenwild
10 Kubitschka, Christian (2018)
11 Ciuti, S., Muhly, T. B., Paton, D. G., Mc- Devitt, A. D., Musiani, M., & Boyce, M. S. (2012). Human selection of elk behavioural traits in a landscape of fear. Proceedings of the Royal Society of London B: Biological Sciences, rspb20121483. 12 Schatz, Hubert (201) Befindet sich die heimische Rotwildjagd in einer Sackgasse? Vorarlberger Jagdzeitung Sep/Okt 2011 S. 4-7
13 Wikenros, C., Sand, H., Wabakken, P., Liberg, O., & Pedersen, H. C. (2009). Wolf predation on moose and roe deer: chase distances and outcome of encounters. Acta Theriologica, 54(3), 207-218.
14 Mao, J. S., Boyce, M. S., Smith, D. W., Singer, F. J., Vales, D. J., Vore, J. M., & Merrill, E. H. (2005). Habitat selection by elk before and after wolf reintroduction in Yellowstone National Park. The Journal of Wildlife Management, 69(4), 1691-1707; 15 Kunkel, K., & Pletscher, D. H. (2001). Winter hunting patterns of wolves in and near Glacier National Park, Montana. The Journal of Wildlife Management, 520-530; Bailey, I., Myatt, J. P., & Wilson, A. M. (2013). Group hunting within the Carnivora: physiological, cognitive and environmental influences on strategy and cooperation. Behavioral Ecology and Sociobiology, 67(1), 1-17.
16 Mech, L. D., & Boitani, L. (Eds.). (2010). Wolves: behavior, ecology, and conservation. University of Chicago Press.
17 Bergman, E. J. 2003. Assessment of prey vulnerability through analysis of wolf movements and kill sites. Thesis, Montana State University, Bozeman, USA ; Bergman, E. J., Garrott, R. A., Creel, S., Borkowski, J. J., Jaffe, R., & Watson, F. G. R. (2006). Assessment of prey vulnerability through analysis of wolf movements and kill sites. Ecological Applications, 16(1), 273-284; Kuijper, D. P., Bubnicki, J. W., Churski, M., Mols, B., & Van Hooft, P. (2015). Context dependence of risk effects: wolves and tree logs create patches of fear in an old-growth forest. Behavioral Ecology, 26(6), 1558-1568; Bojarska, K., Kwiatkowska, M., Skórka, P., Gula, R., Theuerkauf, J., & Okarma, H. (2017). Anthropogenic environmental traps: Where do wolves kill their prey in a commercial forest? Forest Ecology and Management, 397, 117-125.
18 Kuijper, D. P. J., De Kleine, C., Churski, M., Van Hooft, P., Bubnicki, J., & Jędrzejewska, B. (2013). Landscape of fear in Europe: wolves affect spatial patterns of ungulate browsing in Białowieża Primeval Forest, Poland. Ecography, 36(12), 1263-1275.
19 Bojarska, K., Kwiatkowska, M., Skórka, P., Gula, R., Theuerkauf, J., & Okarma, H. (2017). Anthropogenic environmental traps: Where do wolves kill their prey in a commercial forest?. Forest Ecology and Management, 397, 117-125.
20 Hebblewhite, M., & Pletscher, D. H. (2002). Effects of elk group size on predation by wolves. Canadian Journal of Zoology, 80(5), 800-809.
21 Kupferschmid, A.D.; Beeli, F.; Thormann, J., (2018) Effekte des Wolfrudels am Calanda auf die lokale Baumverjüngung. Bündnerwald, 71 (1), 37-44.
22 Proffitt, K. M., Grigg, J. L., Hamlin, K. L., & Garrott, R. A. (2009). Contrasting effects of wolves and human hunters on elk behavioral responses to predation risk. Journal of Wildlife Management, 73(3), 345- 356. Bergman, E. J. 2003. Assessment of prey vulnerability through analysis of wolf movements and kill sites. Thesis, Montana State University, Bozeman, USA.
23 Kuijper, D. P., Verwijmeren, M., Churski, M., Zbyryt, A., Schmidt, K., Jędrzejewska, B., & Smit, C. (2014). What cues do ungulates use to assess predation risk in dense temperate forests?. PLoS One, 9(1)
24 Kubitschka (2017)www.raumberg-gumpenstein.at/cm4/de/forschung / publikationen/downloadsveranstal tungen/viewdownload/3184-jaegerta gung-2017/29571-der-wolf-im-waldvier tel-am-truppenuebungsplatz-allentsteig. html
25 Miller, Christine (2017) Wildtiere unter Stress. Steirischer Aufsichtsjäger10: 12-15
26 Email vom 2. Mai 2018
27 Theuerkauf, J., & Rouys, S. (2008). Habitat selection by ungulates in relation to predation risk by wolves and humans in the Białowieża Forest, Poland. Forest Ecology and Management, 256(6), 1325-1332.; Proffitt, K. M., Grigg, J. L., Hamlin, K. L., & Garrott, R. A. (2009). Contrasting effects of wolves and human hunters on elk behavioral responses to predation risk. Journal of Wildlife Management, 73(3), 345- 356.; Ciuti, S., Northrup, J. M., Muhly, T. B., Simi, S., Musiani, M., Pitt, J. A., & Boyce, M. S. (2012). Effects of humans on behaviour of wildlife exceed those of natural predators in a landscape of fear. PloS one, 7(11), e50611.; Sönnichsen, L., Bokje, M., Marchal, J., Hofer, H., Jędrzejewska, B., Kramer-Schadt, S., & Ortmann, S. (2013). Behavioural Responses of European Roe Deer to Temporal Variation in Predation Risk. Ethology, 119(3), 233- 243; Gervasi, V., Sand, H., Zimmermann, B., Mattisson, J., Wabakken, P., & Linnell, J. D. (2013). Decomposing risk: landscape structure and wolf behavior generate different predation patterns in two sympatric ungulates. Ecological Applications, 23(7), 1722-1734; Kuijper, D. P., Bubnicki, J. W., Churski, M., Mols, B., & Van Hooft, P. (2015). Context dependence of risk effects: wolves and tree logs create patches of fear in an old-growth forest. Behavioral Ecology, 26(6), 1558-1568; Kupferschmid, A. Kunkel wild ungulates experience higher stress with humans than with large carnivores?. Behavioral Ecology, 29(1), 19-30.;
28salzburg.orf.at/news/stories / 2900542/
29 Landesverwaltungsgericht LVwG-AV-639/ 001-2017 St. Pölten 12. Juli 2017;www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Lvwg / LVWGT_NI_20170712_LVwG_AV_639_ 001_2017_00/LVWGT_NI_20170712_ LVwG_AV_639_001_2017_00.pdf
30 Schatz, Hubert (201) Befindet sich die heimische Rotwildjagd in einer Sackgasse? Vorarlberger Jagdzeitung Sep/Okt 2011, S. 4-7
31 Völk, Friedrich (2016) Rotwild: Wie kann man Alttiere effizient bejagen? Weidwerk 12:20-22
32derstandard.at/1293370954449 / Hintergrundgespraech-zu-Fuzo-Plaenen- Die-Mariahilfer-Strasse-eitert-vor-sich-hin
33 Zeiler Hubert (2017) Waldbau, Wild und Waldjagd. Anblick 7 S 28-30


(Foto © W. Bajohr)

(Foto © R. Bernhardt)

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