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Wolf und Pferd: Keine Freunde fürs Leben


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St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 120/2021 vom 15.11.2021

DOSSIER

Fünf tote Ponys sollen 2021 auf Glorias Konto gehen, außerdem mehrere Schafe. Auch Jörg Reßing, der in der Nähe von Hünxe mit 45 eigenen Pferden und Ponys sowie 60 Einstellpferden einen Reiterhof betreibt, traute seinen Augen nicht, als Gloria völlig entspannt neben seinem Hoflader Richtung Weide trabte. Ohne jede Scheu. Warum auch? Wölfe sind hierzulande bestens geschützt, natürliche Feinde haben sie keine, der Tisch ist reich gedeckt in den Wäldern und auf den Weiden.

Kürzlich tauchten zwei Herren im Auftrag des NRW-Landwirtschaftsministeriums bei Jörg Reßing auf, um sich den Schutzzaun mit sieben Litzen anzusehen, für den er sich Zuschüsse erhoffte zu den 100.000 Euro, die er dafür hätte ausgeben müssen. Nachdem sie einige nur wenige Zentimeter große Lücken auf dem unebenen Boden entdeckt hatten, winkten sie ab und fuhren wieder weg. „Wir ...

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Eine Übersicht über die Verteilung der Wölfe in Deutschland.
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... leben mitten im Wolfsgebiet“, sagt Reßing. „Bei uns geht alles den Bach runter.“ Nachbarn beobachteten, wie ein Herde von sieben Pferden von einem Wolfsrudel durch den Drahtzaun gejagt wurde, vier verschwanden im nahegelegenen Wäldchen, drei liefen nach Hause, zum Glück nicht auf die Autobahn. Gloria, die besonders schlaue Wölfin, darf „entnommen“, also getötet werden. „Aber die Besitzerin eines der gerissenen Ponys hat bereits Drohungen erhalten. Wenn Gloria getötet wird, sollte sie mit ihren Kindern lieber im Dunkeln nicht mehr vor die Tür gehen“, erzählt Reßing.

„Die Schafe sind im Stall oder alle weg. Jetzt geht der Wolf auf die nächst größeren Tiere.“

Simon Darscheid, Schafzuchtverband NRW

Die Zahl der Wölfe in Deutschland steigt pro Jahr um rund 30 Prozent. 2020 wurden 130 Wolfsrudel, 38 Paare und neun Einzeltiere in Deutschland gezählt (Quelle: Dokumentation und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf, DBBW ). Rund 4000 Weidetiere kamen 2020 ums Leben; das waren 37 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Neben Schafen, Rindern und Ziegen werden zunehmend auch Fohlen und Ponys Opfer von Wolfsattacken. Auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) äußert sich besorgt: „Die Rückkehr des Wolfes ist akzeptabel, solange sie nicht auf Kosten anderer Tiere, etwa Weidetiere, geht. Das ist aber im Moment leider der Fall“, sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach. Er sieht vor allem Probleme darin, die artgerechte Pferdehaltung sicherzustellen: „Wir sind mittlerweile in einer Situation, dass viele Pferdehalter ihre Pferde nachts und auch tagsüber nicht mehr auf die Weide oder den Paddock bringen, weil sie sich nicht trauen. Sie sehen die realistische Gefahr von Wolfsangriffen und Wolfsrissen. Hier handeln wir eigentlich tierschutzwidrig, denn es gehört zum Anrecht unserer Pferde, dass sie draußen gehalten werden können. Wir müssen vernünftige, akzeptable Lösungen zwischen Politik, Tierschützern und Weidetierhaltern finden.“

Entschädigungen

Laut DBBW hängt die Zahl der Risse in erster Linie von den Schutzmaßnahmen für die Weidetiere ab, nicht von der Anzahl der Wölfe. Welche Kosten für Zäune übernommen werden, wird in den Bundesländern unterschiedlich gehandhabt. „Es wird entschädigt, wenn der Wolf nicht ausgeschlossen werden kann“, sagt z. B. Frank Hahnel, Berufsschäfer in Brandenburg. Dort leben 79

Rudel. Die Genehmigung, einen Zaun zu errichten, wird nicht überall erteilt, es bedarf einer Baugenehmigung, die Hobby schäfern oft verweigert wird. Auch hohe Elektrozäune bieten keinen hundertprozentigen Schutz, immer wieder gelingt es Wölfen, die Zäune zu überwinden. Sie gelten dann als „Problemwölfe“ und dürfen getötet werden.

Wölfe und Politik

Auch im Bundestag wurde schon über den Wolf gestritten. Außer den Linken und den Grünen fordern die Parteien inzwischen, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen, da der Wolf nicht mehr vom Aussterben bedroht sei. Dann könnte durch gezielte Abschüsse die Zahl der Wölfe reguliert werden. FDP und AfD fordern „wolfsfreie Gebiete“, überall dort, wo aufgrund intensiver Weidehaltung oder dichter Besiedelung der Wolf eine Gefahr darstellt. Der Sprecher der Liberalen im Bundestag, Karlheinz Busen, wies auf die Kosten hin, mehrere Millionen für Wolfsmanagement und Herdenschutz schon jetzt. Auch die CDU/CSU setzt sich dafür ein, den strengen Schutzstatus des Wolfs im europäischen Naturschutzrecht zu überprüfen, der vielen Maßnahmen im Weg steht. Das Anwachsen der Population müsse auf ein „insgesamt erträgliches Maß einreguliert“ werden. Selbst in den Reihen der SPD mehren sich Forderungen nach ausgewiesenen Wolfsgebieten, außerhalb derer der Wolf als jagdbares Wild behandelt wird. Die Weidetierhalter im SPD-regierten Flächenland Niedersachsen haben mit am stärksten unter der Wolfsschwemme zu leiden.

Doch der Wolf genießt im EU-Recht uneingeschränkten Schutzstatus, um das zu ändern, müssten 27 Staaten zustimmen. Klingt eher unwahrscheinlich.

„Viele Pferdehalter bringen ihre Pferde nachts und auch tagsüber nicht mehr auf die Weide oder den Paddock. Hier handeln wir eigentlich tierschutzwidrig, denn es gehört zum Anrecht unserer Pferde, dass sie draußen gehalten werden können.“

Sönke Lauterbach, Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung

„Die Weidetiere durch hohe Zäune zu schützen ist utopisch. Es bedeutet die Kulturlandschaft auf tausende von Kilometern durch meterhohe Zäune zu durchschneiden.“

Karlheinz Busen, FDP- Sprecher im Bundestag

„Das einzige, was uns beim Thema Wolf fehlt, ist ein klarer Kopf. Wir müssen unsere Tiere mit gesellschaftlicher Förderung schützen.“

Günther Czerkus, Vorsitzender des Bundesverbandes der Berufsschäfer e.V.