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WOLLEN SIE LACHEN ODER AUFSCHREIEN?


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Cosmopolitan - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 07.09.2022

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Beim Lachen wird ein Glückscocktail aus Serotonin, Dopamin und Endorphinen ausgeschüttet. Merken wir deshalb nicht, wenn unsere Witze andere verletzen?

Die Hochzeitsfeier, auf der sie gerade war, habe völlig harmonisch begonnen, erzählte kürzlich eine Freundin in kleiner Runde. Bis dann das Unglück passiert sei. Man konnte es fast ahnen. Wenn der Hund nicht die Ringe frisst, keiner beim Treueschwur aus Versehen einen falschen Namen sagt und niemand den fliegenden Brautstrauß ins Auge bekommt, gibt es nur einen Programmpunkt, der ein solches Fest zerstören kann: die Ansprachen bei Tisch.

Tatsächlich ging einer der Trauzeugen auf das ereignisreiche Liebesleben ein, das die Braut in jungen Jahren geführt haben soll. Er fand das lustig, stürzte sich beherzt in die Details und merkte nicht, wie die Stimmung im Saal auf Klirrfaktor null sank. Unter den Tanten und Onkels ...

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... rumorte es, der Bräutigam kochte vor Wut. Der Brautvater unterbrach die Rede, es kam zum Tumult. Angeblich flog sogar Essen, das Fest musste abgebrochen werden. Zugegeben: Hier hat die Erzählerin vielleicht etwas ausgeschmückt. Außerdem trägt die Episode verdächtige Parallelen zu einer Szene aus dem Filmklassiker „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“.

DARF MAN DAS?

Aber ob die Geschichte nun ganz wahr ist oder nicht: Sie erinnert uns an eine wichtige, oft vergessene Wahrheit. Scherze sind zwar nur Worte, aber sie können schwere Folgen im echten Leben nach sich ziehen. Sie können Fakten schaffen und in Wunden schlagen, selbst dann, wenn keine böse Absicht dahintersteckt. In der Praxis genügt es ja schon, wenn man mit einer neuen, großartig geschnittenen gelben Hose beim Abendessen eintrifft. Und dann irgendwer in der Runde die genial blöde Frage stellt, ob man eine Gastrolle bei den Simpsons ergattert habe.

Vieles lässt sich leicht verdauen. Anderes weniger gut, man sucht es sich nicht aus. Wer also fordert, man dürfe dem Humor grundsätzlich keine Grenzen setzen, solange er niemanden physisch angreife – der hat nicht ganz kapiert, dass auch das Innere des Kopfes ein ziemlich wichtiges Körperteil ist.

Die Frage, was Witze dürfen und was nicht, ist zuletzt ein Reizthema geworden. Vorwürfe und Argumente zischen hin und her: auf Instagram und Twitter, bei Podiumsdiskussionen und an Frühstückstischen. Ein Kinderchor Sofía Vergara lacht gern über sich selbst. Ganz anders ist die Lage, wenn’s andere tun: Moderatorin Ellen DeGeneres kassierte einen Shitstorm dafür, dass sie sich über den Akzent der Schauspielerin lustig machte singt im Fernsehen von der Oma, die eine Umweltsau ist – und am Ende stehen Demonstrant*innen vor dem Funkhaus, der Intendant muss sich entschuldigen. Die Kabarettistin Lisa Eckhart erzählt in ihrer Zwanzigerjahre-Maskerade verächtliche Dinge über jüdische Menschen, während der Komiker Dieter Nuhr altväterlich über Corona-Politik und Klimaaktivisten herzieht. Alles Satire. Alles erst hart an der Grenze bis darüber hinaus, dann mitten im Shitstorm.

STEHT DRÜBER

Barack Obama zeigt gern öffentlich Selbstironie. In einer Talkshow kommentierte er fiese Twitter-Posts über sich und kassierte dafür 600 000 Klicks

Die Frage, was Witze dürfen und was nicht, ist ein Reizthema.

VERARSCHEN KANN ICH MICH ALLEIN

EINE SACHE DER DEFINITION

Höhepunkt war die Ohrfeige, die Will Smith dem Oscar-Moderator Chris Rock ins Gesicht schallerte, nachdem der sich einen müden Joke über die Haare von Will Smiths Frau erlaubt hatte (die an einer Haarausfall-Krankheit leidet).

„Für mich sind das Grundgesetz und das Strafgesetzbuch die Grenzen“, sagte der deutsche Altmeister Harald Schmidt über sein Humorverständnis. „Jetzt aber kommt etwas Neues dazu, nämlich der Vorwurf: Du hast meine Gefühle verletzt!“ Die Schreckensvision: Linkspolitische Aktivist*innen wollen angeblich all denen Bühnenverbot erteilen, die ihre neuen Sprachregeln ignorieren. Aber im Ernst: Ist die Rede- und Spaßfreiheit in der westlichen Welt in Gefahr? Muss man bald wirklich zum Lachen in den Keller gehen, weil die besten Comedians nur noch in modrigen Abstellkammern auftreten dürfen? Sicher nicht. Es ist aber normal und gut, wenn ab und zu neu verhandelt wird, was Humor bedeutet. Zeiten ändern sich – und damit auch Kriterien dafür, was als lustig gilt und was als Beleidigung oder Hetze.

Wer sich an die endlos platten Gags über schwule Raver, polnische Autoknacker und dumme Blondinen erinnert, die noch vor 25 Jahren in großen TV-Shows zu hören waren, dürfte froh sein, dass die Standards immer wieder aktualisiert werden. Zudem konkurrieren heute jeden Tag Zigtausende von Menschen darum, in Podcasts, Tweets und TikTok-Videos, wer die oder der Lustigste ist. Dass hier öfter mal jemand über die Stränge schlägt, der dann wieder eingefangen werden muss, ist schon von der Statistik her logisch.

GROSS RUMTÖNEN

Man darf über Witze nicht nur leise kichern – auch grunzen ist girly und völlig okay, findet Schauspielerin und Komikerin Tina Fey

BRIT-COM

Viel zu lachen hatte Prinzessin Diana am Königshof nicht, auch der Humor dort war gewöhnungsbedürftig: Bei ihrem ersten royalen Weihnachtsfest bekam sie einen Toilettenpapierhalter von ihrer Schwägerin Anne geschenkt

DIE NEUE NARRENFREIHEIT

In alten Zeiten hatten Komödiantinnen und Komödianten ja noch den Status echter Rebell*innen. Die Wurzeln der Comedy liegen im Karneval – und das waren früher die wenigen Tage im Jahr, in denen das Volk sich über Könige, Pfarrer und Päpste lustig machen durfte, ohne Angst vor Strafe haben zu müssen. Man nannte das Narrenfreiheit.

Die gilt heute jederzeit für alle, die nicht in autokratischen Systemen leben. Gerade deshalb sollten wir uns ein Beispiel an dem mutigen Spirit nehmen, der die Ururgroßeltern des Humors antrieb. Ihnen ging es nicht um den lautesten Applaus, sondern um die großen, existenziellen Beschwerden und Kämpfe. Um den Aufstand gegen die Mächtigen. Darum, die Welt mit ihren Scherzen besser zu machen.

MILLION-DOLLAR-SMILE

Bei ihrem berühmten Lächeln geht Schauspielerin Julia Roberts kein Risiko ein. Ihr Smile ist mit 21,9 (!) Millionen Dollar versichert

Es ist gut und richtig, wenn Humor neu verhandelt wird.

KOMPENSATIONS-STRATEGIE

Schon mal in unpassenden Situationen lachen müssen? Total natürlich, denn: Nervöses Lachen kann in schmerzhaften, traumatischen oder traurigen Momenten als natürlicher Abwehrmechanismus verstanden werden, mit dem wir versuchen, besser mit der Situation klarzukommen

WITZE ALS WIDERSPRUCH

Zwei Dinge brauchen wir daher unbedingt in der Gegenwart. Erstens: mehr Gründe zum Lachen, viel mehr. Zweitens: einen Humor, der es zusätzlich auch noch schafft, schlaue, produktive Fragen zu stellen. Witze, die genau die Autoritäten ins Visier nehmen, die mehr Widerspruch und Lächerlichkeit verdienen – und die sich nicht darin erschöpfen, dass wir uns auch noch gegenseitig fertigmachen. Obwohl man so die schnelleren, größeren Lacher bekommt. Aber eben auch die billigeren.

Wenn Felix Lobrecht über die Teenager von „Fridays for Future“ spottet, die sein satirisches Ich für Schulschwänzer hält, die zu „dusselig“ sind um zu verstehen, wofür sie demonstrieren – dann will er sicher nicht die Klimaproteste torpedieren. Trotzdem wiederholt er damit eins zu eins die Sprüche, die rechtspopulistische Hetzer*innen täglich im Netz absetzen und blutig ernst meinen. Wie man dagegen auch die paradoxen Zustände zum Tanzen bringt, zeigt Hannah Gadsby. Die queere Australierin erklärt in ihrem berühmten Programm „Nanette“, warum sie glaubt, dass die Zeit für Comedy eigentlich vorbei sei. Und macht große, schillernde Comedy daraus. Ein Meisterinnenstück.

GUTER UND SCHLECHTER HUMOR

Was auf jeden Fall von gestern ist: Humor, der auf die einsticht, die sowieso schon am Boden liegen. Klar wird auch so was weiterhin legal bleiben (zum Glück, denn Verbote erschaffen oft nur falsche Held*innen), aber das wortwörtliche Nach-unten-Treten verdient keinen Applaus. Selbst wenn der schlechte Witz von Menschen kommt, die selbst zu einer marginalisierten Gruppe gehören. Ein schlechter Gag bleibt ein schlechter Gag. Man sollte ihm lässig das Lachen verweigern.

SPASS HÄLT JUNG

Wer das Leben mit Humor nimmt, lebt länger. Und zwar bis zu einem Fünftel, das besagt eine Studie der norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie. Das gilt aber nur für positive Scherzkekse

Eine wichtige Ausnahme gibt es dennoch: Wirklich gute Witze über Benachteiligte oder gefährdete Communities, die uns schmerzhaft überrumpeln und zum Nachdenken bringen – die dürfen nur von denen erzählt werden, die selbst betroffen sind. Weil sie erst dadurch die Kraft bekommen, uns vor den Kopf zu stoßen.

Die US-Komikerin Sarah Silverman, Tochter eines jüdischen Ehepaars, ist darin Spezialistin. Als 2018 ihr Ehrenstern am Walk of Fame in Hollywood enthüllt wurde, konnte sie sich in der Dankesrede einen finsteren Scherz nicht verkneifen. „Die Zahl der antisemitischen Straftaten ist seit 2016 um 57 Prozent gestiegen“, sagte sie, wobei sie sich auf amerikanische Statistiken von 2017 bezog. „Mir ist also klar, wie glücklich ich mich schätzen kann, einen Stern zu bekommen und ihn mir nicht auf den Mantel nähen zu müssen.“ Das provozierte empörte Aufrufe, aber auch Lacher. Das tat weh. Wenn beides zusammenkommt, dann entsteht wirklich großer Humor.

WER ZULETZT LACHT, LACHT AM BESTEN

Sammy Davis Jr. und seine Frau, Sängerin Altovise Gore, haben den Spaß am Leben nie verloren, obwohl er seit einem Autounfall 1954 nur noch auf einem Auge sieht. Er machte darüber sogar Gags, sagte, er sei „der einzige schwarze einäugige jüdische Entertainer der Welt.“

Die schärfste Waffe, die wir haben: unser Lachen verweigern.

JOACHIM HENTSCHEL ist Journalist und Autor für zahlreiche Medien und lebt in Berlin. In seinem aktuellen Buch „Dann sind wir Helden“ erzählt er vom deutsch-deutschen Popkulturdialog im Kalten Krieg.

WAS MUSIK KANN

„Dann sind wir Helden – Wie mit Popmusik über die Mauer hinweg deutsche Politik gemacht wurde“ (Rowohlt, 26 €)