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Woran die DEUTSCHEN glauben


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 51/2021 vom 19.12.2021

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 51/2021

Deutschland ist riesig. Von Kiel nach Freiburg fährt man einen ganzen Tag. Von Aachen nach Dresden sind es 660 Kilometer, und man kann nur hoffen, dass die Autobahn nicht verstopft ist. 83 Millionen Menschen hierzulande verbringen ihre wache Zeit unterschiedlich, sprechen unterschiedlich, blicken aus ihren Fenstern auf Berge oder Äcker, Kleinstadtstraßen oder Shisha-Bars. Die Komplexität unserer modernen Gesellschaft ist eine Zumutung. Wer versucht, sich all die Gleichzeitigkeit und die Unterschiedlichkeit auf einmal vorzustellen, bekommt Kopfschmerzen.

Natürlich war es „früher“ etwas einfacher. Es gab mehr Dinge, die fast alle Leute taten oder richtig fanden. Anfang der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts gehörten 97 Prozent aller Bundesbürger der katholischen oder der evangelischen Kirche an. Heute sind es nur noch 50 Prozent. Keine andere gesellschaftliche Institution hat so schnell an Bindewirkung verloren – und wir wissen noch nicht einmal, ob uns etwas und, wenn überhaupt, was genau fehlt. Hinterlässt der abhandengekommene Glaube eine Lücke?

Ähnlich sieht es mit den politischen Sinnstiftern, den Volksparteien, aus, die manche Demoskopen schon definitiv für erledigt halten. Nur noch 38 Prozent der Wahlberechtigten insgesamt haben bei der Bundestagswahl im September für SPD oder CDU und CSU gestimmt. „In den 1970er-Jahren wurden Union und SPD noch von über 80 Prozent aller Wahlberechtigten gewählt“, sagt Manfred Güllner vom Meinungsforschungsinstitut Forsa.

GEGEN DEN ZEITGEIST

Es gibt auch Kräfte der Beharrung: Vereine spielen noch immer eine große Rolle bei der Freizeitgestaltung und Selbstorganisation der Deutschen. Mehr als 23 Millionen Menschen gehören einem Sportverein an. Aber die Konkurrenz schläft nicht: Individualsport, Fitnessstudios und Trainings-Apps. Andere Gruppen, die das Gemeinwesen stärken, stehen zunehmend unter Druck: Freiwillige Feuerwehren beispielsweise suchen oft händeringend nach Nachwuchs. Die „neue Mittelklasse“, die der Berliner Soziologe Andreas Reckwitz in seinem Buch „Gesellschaft der Singularitäten“ beschreibt, ist dermaßen mit ihrer Suche nach Besonderheit, Einzigartigkeit und Authentizität beschäftigt, dass sie quasi im Vorbeigehen eine „Krise des Allgemeinen“ auslöst. Und dann wertet sie auch noch die „Nicht-Singulären“, also die scheinbar konformistischen Langweiler, ab, die weiter im Verein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr mitmachen. So entsteht Populismus, als Gegenbewegung zum Zeitgeist.

Das Vertrauen in Deutschland, diese traditionelle Industrie- und Exportnation, ist zumindest angeknackst. Made in Germany hat bei uns nicht mehr den gleichen Klang wie noch vor 20 Jahren. Auch die Sicht der Bürger auf ihr Staatswesen ist zwiespältig geworden: Auf der einen Seite war eine überwältigende Mehrheit mit der Corona-Politik der großen Koalition einverstanden. Auf der anderen Seite offenbaren langfristige Untersuchungen prinzipielle Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Staates.

Gibt es jenseits dieser Unsicherheiten neue Ideen oder Praktiken, hinter denen sich doch wieder alle versammeln, bei denen alle mitmachen? Moderne Familienkonzepte, neue „Bindungs- und Verpflichtungsgemeinschaften“ gewönnen auf jeden Fall an Bedeutung, sagt der Kasseler Soziologe Heinz Bude dieser Zeitung. Freundschaft, diese „merkwürdige, gewählte Bindung“, erhalte einen neuen Stellenwert – sei in Zeiten des coronapolitisch motivierten Streits aber auch eine Herausforderung.

HEILSVERSPRECHEN

Dann ist sicher das Digitale zu nennen, und es ist Idee und Praxis zugleich. 62 Millionen Smartphones sind in den vergangenen zehn Jahren Prothesen gleich mit unseren Körpern verwachsen. Meinungsprägende Instanzen – von der Deutschen Nationalakademie Leopoldina über erhebliche Teile der deutschen Publizistik bis hin zu den Parteien der Ampel-Koalition – behandeln die Digitalisierung wie ein universales Heilsversprechen. Alles soll dadurch besser werden. „Wir haben Lust auf Neues und werden digitale Innovationskraft befördern“, heißt es im Koalitionsvertrag: „Wir wollen das Potenzial der Digitalisierung für die Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen, für Wohlstand, Freiheit, soziale Teilhabe und Nachhaltigkeit nutzen.“

Wer will schon gegen Wohlstand, Freiheit und Nachhaltigkeit sein? Deshalb wird in Deutschland verhältnismäßig wenig über die unkontrollierte Macht großer Tech-Konzerne, das Überwachungspotenzial immer neuer digitaler Anwendungen oder die massive Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit durch digitale Dauerablenkung gesprochen. Man will nicht unmodern wirken. Bude weist allerdings auf die Grenzen der Technologie gerade im schulischen Bereich hin: Die menschliche Lehrperson bleibe entscheidend für Bindung und Entwicklung, sagt Bude.

Ein weiteres gemeinschaftsstiftendes Thema, wenn auch im Negativen, ist der Klimawandel: Fast 70 Prozent der Deutschen haben Angst davor (laut einer Studie der Konrad- Adenauer-Stiftung aus dem Herbst). Nach Erkenntnissen des Instituts für Demoskopie Allensbach ist der Schutz des Klimas in die Spitzengruppe der für wichtig erachteten politischen Ziele aufgerückt. Und zwar nicht, wie früher, als bloßes Lippenbekenntnis, sondern als persönliches Anliegen. In dieser Frage bildet sich also definitiv ein neuer gesellschaftlicher Konsens heraus.

Doch was geschieht in der Gesellschaft unterhalb der neuen intellektuellen Großmoden, im Einklang mit ihnen oder gegen sie? Was glauben die Deutschen? Welche Gemeinschaften bilden sie im Alltag? Welche kleinen Trends von heute werden die Zukunft prägen? Am Kiosk oder in der Bahnhofsbuchhandlung wirbt eine schier unüberschaubare Zahl von aufwendig gestalteten Special-Interest-Zeitschriften für das jeweils attraktivste Lebensgefühl. WELT AM SONNTAG stellt hier eine kleine Auswahl vor, die deutlich macht, wie gravierend sich die Überzeugungen der Deutschen verändern.

JÄGER

Das Credo der Sau-Schützen

Die Jagd ist ein Mikrotrend, der bei uns seit der Jahrtausendwende boomt. 400.000 Jagdschein-Besitzer gibt es in Deutschland, und es werden immer mehr. Cedric Plohmann, Schiffsbetriebstechniker und engagierter Freizeitjäger in Schleswig-Holstein, nennt als Hauptgrund für die Konjunktur seines Hobbys den Wunsch, „zu wissen, wo unser Fleisch herkommt und wie gut es ist“. Jagd ist ein effektives Gegengewicht zu einem naturfernen Berufsalltag. Man stellt dem Wild nicht nur nach, man hegt und beobachtet es auch. In glaubensvollem Eifer werden emsig die Fachbegriffe gebimst und die Trachten der Jagd für teures Geld erstanden. Viele Jäger und vor allem Jägerinnen freuen sich, dass sie einen Hund mitnehmen dürfen, und lernen emsig, ihn „professionell“ zu führen. Die Jagd wird überdies als Umweltschutz in die höchsten Höhen gehoben. 882.112 Wildschweine wurden im vergangenen Jahr in Deutschland geschossen, vermeldet die Zeitschrift „Sauen. Das Magazin für Schwarzwildjäger“. Die Tiere vermehren sich nahezu unkontrolliert, wegen der warmen Winter und der üppigen Monokulturen. Frischlinge müssen nicht mehr von der Leitbache lernen, wie man harte Zeiten übersteht – vielmehr werden sie selbst mit einem Jahr geschlechtsreif und bringen eigene Junge zur Welt. Es sei sowohl tier- als auch umweltgerecht, das Wild im Zaum zu halten, lautet das Credo der Jäger.

FLEISCHESSER

Die Jünger des Nackensteaks

Wir Deutschen wissen, dass die Massentierhaltung eine große Mitschuld am Klimawandel trägt (vom Tierelend zu schweigen). Insofern versuchen viele, sich vegan oder wenigstens vegetarisch zu ernähren. Selbst auf dem Feld der kulinarischen Genüsse nimmt der Veganismus Glaubenszüge an. Die Deutschen wären aber nicht die Deutschen, wenn es nicht auch die Gegenbewegung gäbe. Der Glaube ans Fleisch! Die Crème de la Crème dieser Bewegung sind die Leser des Magazins „BEEF!“.

Monique Dressel hat diese einzigartige Zeitschrift über Fleisch vor 13 Jahren mit aus der Taufe gehoben. Bei „BEEF!“ geht es um Männer, Maschinen und eben – Fleisch. Die Redaktion schreibt kritisch über industrielle Landwirtschaft und propagiere artgerechte Tierhaltung.

Natürlich werde sie trotzdem von manchen Tierschützern attackiert – aber geneigte Leser fragten auch, ob die Redakteure eigentlich wüssten, was das ganze Biofleisch koste. Die Jünger antworten, wie es Gläubige eben tun: Es kostet, was es kosten sollte. Und damit ist „BEEF!“ gar nicht so weit entfernt von den Vorstellungen des neuen grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck. Der ist ein Fan von ökologischer Landwirtschaft und hat stets propagiert: Kein Nackensteak muss nicht sein – wenn es gut ist.

Früher waren 97 Prozent der Bundesbürger Mitglied in einer der Kirchen. Und heute? Die alten identitätsgebenden Größen mussten neuen weichen. Von Tattoos bis zur Jagd – Susanne Gaschke über mehr oder weniger Sinnstiftendes

VERBRENNUNGSMOTOR-FANS

Der Antichrist des Umweltamtes

Hans-Jörg Götzl besitzt einen 1972er-Porsche 911 in exakt jenem Orange, das die Cord-Wohnlandschaften einer ganzen Generation unvergesslich machte. Wenn er damit an der Ampel halte, dann werde der Wagen freundlich angeschaut – was nicht für jeden neuen Porsche gelte. „Die Leute mögen Oldtimer“, sagt Götzl, Chefredakteur von „Motor Klassik“, der Zeitschrift der summenden, brummenden deutschen Oldtimer-Szene.

Logischerweise haben Oldtimer Verbrennungsmotoren, und Verbrennungsmotoren sind so etwas wie der Antichrist des Umweltbundesamtes. „Aber tatsächlich ist es nachhaltiger, alte Autos zu Ende zu benutzen, als funktionstüchtige Pkw abzuwracken und durch E- Autos zu ersetzen“, sagt Götzl. Oldtimer hätten außerdem den Vorteil, dass sie nicht digital überrüstet seien. „Wozu dient denn eine Innenraumkamera in Ihrem neuen BMW?“, fragt der Motorjournalist. Die Welt der Oldtimer sei eine Welt der schützenswerten Fähigkeiten. Dort würden noch Rallyes gefahren, bei denen Smartphones verboten seien: Sie dürften weder als Stoppuhren noch zur Navigation eingesetzt werden. „Kartenlesen und Autofahren ohne digitale Bevormundung, das sind Kulturtechniken“, sagt Götzl. Im Glauben an die Großartigkeit seines Gefährts ist er wahrlich nicht allein.

TÄTOWIERTE

Im Kampf um die Einzigartigkeit

Bereits im Jahr 2006 beschrieb der amerikanische Meinungsforscher Mark J. Penn in seinem Buch „Microtrends“ die „kleinen Kräfte hinter den großen Veränderungen von morgen“. Eine seiner Prognosen lautete, dass die Tätowierung ein aufsteigendes Kulturgut sei, dass sie alsbald die Mittelklasse erobern werde.

Das geschah nicht nur in den USA, sondern auch bei uns. In heiligem Ernst begeben sich immer mehr Deutsche unter die Nadel. Der Anteil der Tätowierten in der Bevölkerung hat sich in den vergangenen sieben Jahren verdoppelt: von zehn auf 20 Prozent. Die 20- bis 29-Jährigen sind sogar fast zur Hälfte tätowiert. Galt das Tattoo früher als klarer Marker für Unterschichtszugehörigkeit, so ist es heute – folgt man den Theorien des Soziologen Andreas Reckwitz zum Kampf um Einzigartigkeit – ein Akt des „self-branding“. Wer tätowiert ist, ist lebensstiltechnisch auf der Höhe.

Es gibt inzwischen, so lässt es sich vielleicht am besten veranschaulichen, sogar tätowierte „Zeit“-Redakteurinnen. Einschlägige Fachmagazine drucken Abhandlungen über die Frage „Wie umgehen mit Untätowierten?“ (Antwort: tolerant). Olaf Scholz (SPD) sollte sich klarmachen, dass er nicht nur der Kanzler der Geimpften und der Ungeimpften, sondern auch der Kanzler der Tätowierten und der Untätowierten ist.

STADTFLÜCHTER

Sehnsucht nach dem Käferglück

Flucht ist angesagt, Stadtflucht. Im Corona-Jahr 2020 wurde in Deutschland zum ersten Mal seit vielen Jahren der Trend gebrochen, dass Menschen der Arbeit wegen in die Großstädte ziehen. Eine Studie des Ifo-Instituts mit 18.000 Befragten ermittelte, dass 13 Prozent der Bewohner von Großstädten in den kommenden zwölf Monaten aufs Land oder in kleinere Städte umsiedeln wollen. Die Begründung: eine zugesperrte Metropole, in der man Kulturangebote, Restaurants und Clubs wegen Corona nicht nutzen kann, ist nicht attraktiv. Der Homeoffice-Boom erlaubt es zudem, den horrenden Großstadtmieten zu entfliehen.

Die deutsche Literatur trägt der Sehnsucht vieler Menschen nach einem Leben jenseits der Zwangsurbanisierung schon länger Rechnung: Juli Zeh, Judith Hermann oder Angelika Klüssendorf haben in der jüngsten Vergangenheit großartige Dorfromane geschrieben.

Das Auflagenwunder „Landlust“ ist die Zeitschrift all derjenigen, die ein posturbanes Leben wollen. Chefredakteurin Sinja Schütte lobt die „wohltuende Abwesenheit von Lärm“ auf dem Land – und setzt selbstbewusst auf ein „kluges Zusammenspiel“ von Digitalem und Gedrucktem. „Lesen auf Papier ist anders als Lesen auf dem Screen“, schreibt sie: „Es wirkt entschleunigend.“

FLOW-FREUNDE

Segen der Yoga-Meister

Selbstoptimierung und ein positives Lebensgefühl, zum Beispiel durch Yoga – das waren Megatrends in Deutschland, lange bevor Corona kam. Auf den ersten Blick schienen sie gut geeignet, die Reduzierung des öffentlichen Lebens privat auszubalancieren. „Corona“ wirkte ja geradezu wie ein Booster für das „Bionade- Biedermeier“: Achtsam Trinken, Lob der Wiederholung, Runterkommen im Schnee – so lauteten die Überschriften der Zeitschrift „Flow“, dem Fachmagazin „für kleines Glück und das einfache Leben“.

„Doch nach zwei Jahren Einschränkung funktioniert das nicht mehr“, sagt Patricia Thielemann. Die Berliner Yoga-Meisterin hat zwar notgedrungen alles getan, um ihre Studios auf Fernunterricht umzustellen. „Aber man kann im Yoga nicht dauerhaft auf das Live-Erlebnis verzichten“, sagt Thielemann. „Schließlich geht es um Präsenz, Charisma und Berührung.“ Kein Online-Kurs könne die menschliche Begegnung vollständig ersetzen, vielmehr bestehe zumindest die Gefahr, dass die Übungen auf die reine Funktionalität reduziert würden: Jetzt tun wir was für die Bauchmuskeln! Yoga bleibe eine Riesenbewegung, gerade zur Bewältigung von Krisen, sagt Thielemann – „aber vor allem analog“.

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