Lesezeit ca. 6 Min.

Worin sind Sie bei der Hausarbeit we it vorn, SEBASTIAN FITZEK?


Logo von emotion
emotion - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 04.05.2022

Männergefühle

Artikelbild für den Artikel "Worin sind Sie bei der Hausarbeit we it vorn, SEBASTIAN FITZEK?" aus der Ausgabe 6/2022 von emotion. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: emotion, Ausgabe 6/2022

Seine Thriller haben sich über 15 Millionen Mal verkauft und sind in 34 Sprachen übersetzt. Besonders Frauen stürzen sich darauf. Sebastian Fitzek ist aber nicht nur der erfolgreichste deutsche Autor – er polarisiert auch wie kaum ein zweiter. Immer wieder wird ihm die Gewalt in seinen Büchern zum Vorwurf gemacht; Literaturkritiker Denis Scheck bezeichnete ein Buch gar als „miesen Gewaltporno“.

Fitzek, 50, Vater von vier Kindern und Schirmherr des Vereins „Das frühgeborene Kind“, lässt sich davon nicht aus der Fassung bringen. Wie kann das sein?

Ohne Hass oder Zorn kommt kein guter Krimi aus. Wie menschlich ist Hass, Herr Fitzek?

Hass ist eine der negativen Grundemotionen. Er stellt sich aber nicht von allein ein. Hass braucht immer eine Vorgeschichte, damit er getriggert wird.

Kann im Hass was Lustvolles stecken?

Fiktional zu hassen ist okay, im echten Leben nicht. Gerade Bücher und Filme ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von emotion. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Vergesst den Blick für die schönen Momente nicht. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Vergesst den Blick für die schönen Momente nicht
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von HEUTE BANK, MORGEN BAUERNHOF. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HEUTE BANK, MORGEN BAUERNHOF
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von „LASST UNS DIE WELT VERÄNDERN!“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„LASST UNS DIE WELT VERÄNDERN!“
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von DIE FA CETTEN EINER FRAU. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE FA CETTEN EINER FRAU
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
LIVING NEWS
Vorheriger Artikel
LIVING NEWS
ATELIERBESUCH
Nächster Artikel
ATELIERBESUCH
Mehr Lesetipps

... nutzen wir als emotionale Blitzableiter.

Wir leben und durchleben mit den Sinnen der Figuren auch negative Gefühle.

Wir nutzen die stellvertretende Entladung und Enthemmung als eine Art reinigende Katharsis für das reale Leben.

Ich habe mich gefragt: Was ist nur los mit der Affektkontrolle Ihrer Figuren?

Ihr Handeln dient den Leser*innen oft als stellvertretendes Ventil. Wobei viele beim Lesen einfach den Kopf freibekommen und abschalten wollen.

Sie gelten als Leser*innenversteher.

Haben Sie die Nähe zur Zielgruppe beim Radio gelernt?

Beim Radio wird jeder Song, der gespielt werden soll, durch Marktanalysen getestet. Meine erste Geschichte wollte ich aber schreiben, ohne mich vorher zu vergewissern, ob die Story ihren Markt findet. Mit Marktforschung wäre „Die Therapie“ sicherlich nicht mein erster Bestseller geworden, denn 13 Verlage haben ihn zunächst abgelehnt.

Was macht eine Geschichte zu einer guten Geschichte?

Sie muss inhaltlich funktionieren, von Herzen kommen, der Funke muss überspringen. Ich schreibe nie Bücher mit Kalkül, wichtig ist: Ich muss sie selbst lesen wollen. Beim Entstehen lese ich mir meine eigenen Bücher tatsächlich laut vor, und sobald ich schneller lesen oder etwas überspringen will, kürze ich da noch mal.

Haben Sie Ihre besten Killerkapitel möglicherweise gelöscht?

Die hätten mich vielleicht auf die Bestsellerliste der „New York Times“ gespült. Im Ernst: Ich bin mein einziger Seismograf, ob was funktioniert.

Jetzt ist „Schreib oder stirb“ erschienen, Buch Nummer 26. Sie haben es mit dem Comedy-Autor Micky Beisenherz geschrieben. Eine Frischzellenkur?

Nein, aber es hilft, nicht einfach in bestehende Routinen zu verfallen. Ich bin immer aufgeregt, ob das neueste Buch bei der Leserschaft funktioniert. Es gibt aber keine Erfolgsformel beim Schreiben, die über Jahrzehnte Bestand hat.

Ihre Leser*innen sind nicht treu?

Doch. Da habe ich einen Vorteil gegenüber Newcomer-Autor*innen. Aber auch mein Vertrauensvorschuss reicht immer nur bis zur ersten Empfehlung für das aktuelle Buch. Zum Beispiel haben ja nicht 55 Millionen Menschen „50 Shades of Grey“ gekauft, weil „Sex“ auf dem Klappentext stand. Das Buch hat einen Nerv getroffen. Ich habe Glück, dass die Fans der ersten Käuferwelle meine Bücher immer weiterempfehlen.

Ob Menschen meine Bücher auch noch in ein paar Jahren lesen werden, weiß ich nicht, aber ich hoffe es natürlich.

In „Schreib oder stirb“ spielen Sie mit Furcht und Humor. Wie passt das zusammen in einem Thriller?

Es war zunächst ein Wagnis. Aber ich bin seit vielen Jahren von Mickys Humor fasziniert und da liegen wir auf einer Wellenlänge, was eine gute Voraussetzung war.

Aber Ihr Co-Autor ist doch Anfänger im Krimi-Genre. Bestand nicht die Gefahr, ihn erst „anlernen“ zu müssen?

Mein Rohentwurf hat auf der Spannungs-und Figurenebene funktioniert, für ihn hat das humoristische Einfallstore geöffnet. Die hat er gekonnt bespielt, denn Micky hat ein geniales Verständnis für Timing. Wir haben dann aber auch noch in unseren gegenseitigen Kernkompetenzen von Humor und Spannung herumgewildert. Da ist beim Schreiben eine empathische Symbiose entstanden. Für mich war es schön, mein eigenes Buch lachend zu lesen.

„Ich lebe literarisch keinen Hass auf Frauen aus. Meine Protagonistinnen sind Heldinnen“

Hat Sie etwas an der Zusammenarbeit überrascht, obwohl Sie den Humor teilen und schon länger befreundet sind?

Nein, aber das, was ich gesehen habe, lässt mich hoffen, dass Micky neben seinen Sachbüchern, Kolumnen und TV-Sendungen die Zeit findet, einmal einen Roman zu schreiben. Da schlummert ein enormes Potenzial in ihm.

Wie haben Sie selbst sich das Schreibhandwerk erarbeitet?

Das ging intuitiv. Ich habe dafür erst mal Krimis verschlungen. Meine ersten Bücher sind ohne jedes theoretisches Wissen entstanden. Das ist bei mir wie in der Musik oder beim Sport, da muss man ja auch Tonleitern üben oder die Muskeln trainieren.

Und beim Schreiben?

Da müssen meine Figuren ein Ziel haben. Sie machen eine Entwicklung durch und sollten so interessant sein, dass ich ihnen über Hunderte Seiten gerne folge. Einen Gag an den nächsten zu klatschen, ist noch kein gutes Buch.

Die Verrohung beginnt bei Tätern – tatsächlich sind es meist Männer – oft mit der Wahl ihrer Worte. Den Worten folgen oft schrecklichste Taten, wie wir aus dem realen Alltag wissen, egal, ob es um Psychopathen, Terroristen, Schläger oder sonst wie aggressive Täter geht. Was enthemmt Ihre Figuren?

Die Realität ist viel schrecklicher, als das, was wir Autoren schreiben. Ich schaue den Protagonist*innen aufs Maul.

Steven Kings „White Trash“-Figuren benutzen im echten Leben das F-Wort, das heißt nicht, dass Steven King für die Verrohung der Kultur zuständig ist. Für mich ist es erschreckend, was in den sozialen Netzwerken abgeht. Ich wäre heute nicht gerne ein Teenager, der sich täglich fragt „Was poste ich heute, damit mich die Community morgen noch mag?“ Mein Eindruck ist, dass man kaum noch etwas posten kann, ohne eine absurde Diskussion loszutreten, die dann mit verrohter Sprache fortgeführt wird. Nach der Ära von Donald Trump, der sich als damals mächtigster Mann der Welt so oft im Ton vergriffen hat, haben die Abfälligkeiten im Netz rasant zugenommen. Es wird immer schwerer, das Rad zurückzudrehen.

DER DURCHSTARTER

Sebastian Fitzek lebt mit seiner Lebensgefährtin und den Kindern als Patchworkfamilie in Berlin. Insgesamt 26 Bücher hat er seit „Die Therapie“, seinem Debüt von 2006, auf den Weg gebracht, gerade wird „Die Therapie“ von Amazon Studios als 6-Teiler adaptiert.

1 Zusammen mit Kim Fisher moderiert Sebastian Fitzek alle zwei Wochen die Talkshow Riverboat. 2 Unerwartete Mischung: „Schreib oder stirb“ (Droemer, 19,99 €) triggert diesmal neben Gänsehaut auch die Lachmuskeln.

Treffen Sie Beschimpfungen im Netz?

Mich weniger, Frauen, also meine Kolleginnen, bekommen da viel mehr ab.

Hat sich in Ihrem schreibenden Verhältnis zur Tötungslust im Lauf der Jahre was verändert? Töten Ihre Figuren heute anders als früher?

Ich stehe erstaunlicherweise immer im Verdacht, besonders grausame Tötungsszenen zu schreiben. Dabei öffne ich nur ein Schlüsselloch, lasse die Leser*innen hindurchschauen und triggere die Fantasie. Ich nutze den Grusel als Anreiz, um mich mit dem Leben zu beschäftigen und darüber zu erzählen.

Der Serienkiller interessiert Sie nicht?

Mich interessiert immer das Opfer. Wie geht das Opfer mit einer gewaltsamen Situation um? Ich schreibe keine detektivischen Polizeiromane, sondern über Menschen, die auf Gewalterfahrungen nicht vorbereitet sind. Nur dieser Blickwinkel ist für mich spannend.

Die Opfer sind bei Ihnen fast immer Frauen, warum eigentlich?

Auch in der realen Statistik sind hier leider Frauen in der Mehrzahl. Sie werden häufiger Opfer von Kriminalität und Gewalttaten. Aber ich habe keinen Masterplan, wann eine Frau in meinen Krimis sterben muss. Übrigens lesen viel mehr Frauen als Männer meine Bücher. Was, meinen Sie, warum das so ist?

Vielleicht, weil sich Frauen intensiver damit beschäftigen müssen, wie sich bedrängende Situationen abwehren lassen. Ich habe aber auch gebeutelte Männer in meinen Büchern. Ich lebe auf jeden Fall literarisch keinen Hass auf Frauen aus. Meine Protagonistinnen sind Heldinnen.

Offenbar sieht das sogar die Opfer-Hilfe-Organisation Weisser Ring so.

Ja, sie haben mich zum Botschafter gemacht, weil ich die Opferrolle so treffsicher beschreibe. Es gibt aber auch viele Täterinnen in meinen Werken. Gewalt ist bei mir nicht eindeutig männlich verortet. Hassen Sie denn selbst?

Nein.

Auch nicht den Literaturkritiker Denis Scheck ein kleines bisschen? Der nimmt Sie ja immer wieder hart ran. (Lacht) Nein, diese Relevanz hat er nicht in meinem Leben.

Könnten Sie sich vorstellen, mit ihm zu Abend zu essen?

Essen kann ich mit jedem. Aber lieber wäre ich einmal an einem Tisch mit Barack Obama, Trump und Putin. Ich würde auch gerne einen Abend mit Michelle Obama verbringen.

SAGEN SIE ...

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Die Biografie von Arnold Schwarzenegger und einige Drehbücher für meine eigenen Bücher. Aber ich hinke hinterher und hänge wegen der Nachrichtenlage gerade zu viel am Handy.

Was hat Sie als Kind getröstet?

Die Liebe meiner Eltern. Am meisten die meiner fürsorglichen Mutter. Mein Vater hat viel gearbeitet. Und Bücher waren für mich echte Realitätsflucht. Ich war nicht der Coolste in der Schule und hatte nicht so viele Freunde.

Worin sind Sie bei der Hausarbeit ganz weit vorne?

Ich swiffer gern. Den Müll runterbringen, Geschirrspüler einräumen – so was klappt alles, aber leider kann ich überhaupt nicht kochen, null, wirklich gar nicht.

Was würden Sie gern besser können?

Handwerken. Ich will die Schuld nicht abwälzen, aber da haben mir meine Eltern nichts beigebracht. Wenn man Handwerkerkurse googelt, findet man viele Angebote für Frauen. Für bescheuerte Autoren, die keinen Dübel in der Wand versenken können, ist das Angebot leider mau.