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Working Women: GEMEINSAM DOPPELT SPITZE


emotion - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 02.12.2020

Wenn ein Paar beruflich erfolgreich ist und beide es bleiben wollen – cool! Nur: Wer kümmert sich dann um die Kinder? Leider stecken meist die Frauen zurück, verzichten auf berufliche Träume und Chancen. Dabei geht es auch gerechter: Duale Karrieren sind eine Chance für alle – Frauen, Männer und Unternehmen


Artikelbild für den Artikel "Working Women: GEMEINSAM DOPPELT SPITZE" aus der Ausgabe 1/2021 von emotion. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: emotion, Ausgabe 1/2021

Den Ton stellt sie runter und sagt dem Kleinen: „Leise sein“, bevor sie sich ans Notebook setzt. Es ist der letzte Tag ihrer Probezeit, „Feedback-Gespräch“ hat sie sich für diesen 30. April 2020 im Kalender notiert. Sophie, die nicht wirklich Sophie heißt, auch wenn der Rest ihrer Geschichte stimmt, ...

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... arbeitet damals bei einer Strategieberatung: vier Tage die Woche – auf dem Papier, den Freitag hängt sie zu Hause oft freiwillig dran. Anders sind all die Kannstdu- schnell-Mails nicht zu schaffen, eigentlich macht sie es gern. Trotzdem will die 39-Jährige es im Call ansprechen, auch weil es zu viel wird, seit sie und ihr Mann mit dem Vierjährigen zu Hause im Homeoffice arbeiten. Aber dann sitzt da die Personalchefin statt des Chefs, smalltalkt, kommt von abgesprungenen Kunden auf finanzielle Einbrüche und Flexibilität. Zwei Minuten später ist Sophie arbeitslos.

Ihr steigen auch heute noch Tränen in die Augen, wenn sie davon erzählt, weil die Arbeit für sie immer schon viel mehr war als ein Weg, Geld zu verdienen. Sie hat sich darin verwirklicht, ihren Ehrgeiz ausgelebt, Erfolge gefeiert – wie ihr Mann, der Bildungsprojekte bei einer Stiftung betreut. Es geht nicht um die Sorte Erfolge, die als Meldungen durch die Presse gehen, sondern um eher überschaubare und trotzdem wichtige und schöne, wie bei anderen Doppelkarriere-Paaren, die sie kennen. Zum Beispiel ihre Freunde, die gemeinsam ein Atelier für florales Design betreiben. Deren Arbeitstage beginnen morgens um halb sechs auf dem Großmarkt, wo sie Blumen besorgen, und enden selten vor 18 Uhr. Samstags und sonntags dekorieren sie bei Familienfeiern und anderen Festen.

„Commitment“ nennt man so viel Einsatz heute, er ist typisch für Paare, die keine Lust haben auf Entweder-bist- du-erfolgreich-oder-ich. Experten schätzen, das gelte für 10 bis 15 Prozent der Paare in Deutschland. Genau sagen lässt es sich nicht, weil Leidenschaft anders als Arbeitsstunden und Gehalt nicht zur statistischen Größe taugt. Es ist also eine eher kleine Gruppe, um die es geht und die trotzdem Aufmerksamkeit verdient. Denn Dual Career Couples, wie sie im Englischen heißen, gelingt, was in Beziehungen selbstverständlich sein sollte, aber selten ist: ein faires Arbeits- und Lebensmodell. Wobei die Sache mit der Fairness ähnlich schwer zu fassen ist wie die mit der Leidenschaft, sagt Jennifer Petriglieri. Die britische Wirtschaftswissenschaftlerin erforscht Doppelkarriere-Paare seit Jahren: „Die meisten leben das 50/50-Modell, auch wenn es beiden Seiten am meisten Kraft abverlangt, weil beide im mer alle Bälle in der Luft halten müssen.“ Zeit für anderes, vor allem für einen selbst, bleibe da wenig. Andere Dual Career Couples wechseln sich mit dem beruflichen Vorankommen in festen Zyklen ab, meist nach drei bis fünf Jahren, hat Petriglieri festgestellt. Und dann gebe es eine dritte Variante, die ungünstigste: „Diese Paare versuchen es mit der klassischen Konstellation.“ Der Mann arbeitet mehr als die Frau, auch wenn beide sich im Job einbringen und gut verdienen. „Irgendwann ist sein Karrierevorsprung aber so groß, dass sie schließlich zurücksteckt, damit wenigstens einer vorankommt.“


WIR KÖNNEN NICHT ETWAS, DAS GESELLSCHAFTLICH FALSCH LÄUFT, PRIVAT LÖSEN


Dass aus einem Doppelkarriere- ein Doppelverdiener-Paar wird, wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht fast immer Frauen wären, die sich von beruflichen Träumen, Wünschen und Ambitionen verabschieden, und meistens eben nicht ganz freiwillig. Fast jede Zweite in Deutschland arbeitet in Teilzeit, bei Frauen mit Kindern sind es zwei Drittel. Die meisten würden laut Umfragen gerne vollzeitnah aufstocken, aber die wenigsten schaffen es, könnte man sagen, wenn diese Formulierung nicht so trügerisch wäre. Wenn sie nicht so tun würde, als hätten diese Frauen es selbst in der Hand. Das haben sie nämlich nicht, auch wenn einem der Zeitgeist immerzu einredet, man könne individuell lösen, was kollektiv falsch läuft.

Eigentlich müsste man sagen: Die Idee einer Doppelkarriere-Beziehung wird den meisten Frauen unmöglich gemacht. Nicht sie scheitern beim Karrieremachen, vielmehr lässt sie die Politik im Stich, die Gesellschaft und vor allem die Wirtschaft.

Ira Künnecke kann davon ausführlich erzählen. Seit 2009 arbeitet sie beim Dual Career Support der Universität Köln. Es ist eine komplexe Aufgabe, stark vereinfacht hilft Ira Künnecke, das Modell Doppelkarriere am Laufen zu halten. „Wissenschaft und Forschung“, betont sie, „sind eine eigene Welt.“ Aber die deckt sich mit dem, was einem auch sonst begegnet: Meist sind es Männer, die etwa als Professoren berufen werden und dann für diesen Job umziehen. „Ihre Partnerinnen sind oft ähnlich gut ausgebildet und stehen vor der Frage, ob sie mitkommen sollen und wie es dann mit ihrer eigenen Arbeit weitergeht.“

Dual-Career-Support-Abteilungen an Universitäten vermitteln keine Stellen, sie beraten. Beschließt eine Partnerin mitzukommen, kontaktiert Ira Künnecke sie, gemeinsam gehen sie den Lebenslauf durch, überlegen, wie das Stellenprofil aussehen sollte. Suchen und bewerben müssen sich die Frauen selbst. Manchmal findet sich etwas Passendes, spätestens mit Kindern wird es kompliziert: „Dann will oder muss die Frau in Teilzeit arbeiten, was fast unmöglich ist, weil es in Deutschland kaum Teilzeitstellen auf einem qualifizierten, hochwertigen Level gibt. Das hat dann viel zu häufig die Konsequenz, dass die Frauen am Ende unterhalb ihrer eigentlichen Qualifikation arbeiten und da später schwer wieder rauskommen.“

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Als Mitglied und eine von zwei Sprecherinnen des Dual-Career-Netzwerks Deutschland hält Ira Künnecke oft Vorträge und spricht mit Arbeitgebern. Sie fordert mehr Teilzeitmöglichkeiten in anspruchsvollen Jobs und weniger Präsenzpflicht. Das würde Frauen wie Männern helfen, vor allem den jüngeren, die selbst auch oft wegwollen vom sturen Stunden-Absitzen im Büro. Geht nicht, heißt es fast immer. Dabei geht es sehr wohl, wenn Unternehmen nur wollen.

Das beweisen unter anderem Magdalena Rogl und ihr Mann Timm – sie Head of Digital Channels bei Microsoft, er Product Manager beim Bonusprogramm-Anbieter Payback, zusammen Patchwork-Eltern von vier Kindern im Alter von 11 bis 18. Beide arbeiten Vollzeit, „ich etwas mehr als er“, sagt die 35-Jährige, die neben der regulären Arbeit an Podiumsdiskussionen und Konferenzen teilnimmt. Die 40 Stunden plus x gehen sowohl bei ihr als auch bei ihm dank sehr flexibler Arbeitszeiten und -orte mit großen Freiräumen einher. Magdalena Rogl kann arbeiten, wann und wo sie will, solange sie ihre Aufgaben schafft. Das mache vieles leichter, sagt sie: „Ich kann tagsüber Dinge erledigen, für die ich sonst freinehmen oder die ich in den Feierabend und ins Wochenende packen müsste. Und ich kann für die Kinder da sein, wenn sie mich brauchen.“

Allein aus Nettigkeit ermöglicht Microsoft das nicht. Natürlich verfolgt das Unternehmen wirtschaftliche Interessen mit solchen Angeboten, die zum Employer Branding gehören und gut ausgebildete Fachkräfte anlocken sollen. Während manche Arbeitgeber aber nur mit Frauen- und Familienfreundlichkeit werben, haben andere begriffen, dass sich wirklich etwas ändern muss. Microsoft liegt dabei weit vorne. Wie weit, das hat sich im Frühjahr gezeigt. Als Kitas und Schulen schlossen und die Kinder zu Hause blieben, beschloss der Konzern, Eltern noch mehr Flexibilität einzuräumen als sowieso schon, sagt Claudia Hartwich, Personalchefin von Microsoft Deutschland: „Sie konnten eine zwölf Wochen dauernde, vom Konzern bezahlte Elternzeit nehmen. Ob am Stück oder über eine längere Phase verteilt, lag bei ihnen.“

Anderswo führten ähnliche Maßnahmen zu Protesten. Bei Facebook beschwerten sich kinderlose Angestellte, Eltern würden bevorzugt. Es wurde schnell hässlich, in internen Foren wurden einige Mütter und Väter namentlich genannt und angegriffen. Ähnliche Diskussionen gab es bei Twitter und Google.


WIESO FIRMEN FAMILIEN UNTERSTÜTZEN SOLLTEN? NUN: WIESO NICHT?


Wie anderswo hat die Corona-Pandemie auch hier einen Graben vertieft, der schon vorher existierte und jetzt noch tiefer ist. Im Kern geht es um die Frage: Wieso sollen Unternehmen Menschen dabei unterstützen, Job und Familie so zu vereinbaren, dass sie sich privat und beruflich verwirklichen können? Man könnte umgekehrt fragen: Wieso nicht? Die Wirtschaftswelt hat Frauen und besonders Mütter über Jahrzehnte strukturell benachteiligt. Es gibt einiges gutzumachen. Dafür braucht es ein berufliches Umfeld, das Frauen Chancen bietet, auch wenn sie Kinder haben.

Magdalena Rogl sagt, sie habe bei Microsoft immer schon Unterstützung bekommen. Ihr Vorgesetzter sei mit ihr und dem Team immer in Kontakt und habe Aufgaben umverteilt, als ihr Mann Ende 2019 so krank war, dass sie nicht mehr wusste, wie sie ihrem Partner helfen und gleichzeitig Kindern und Job gerecht werden sollte. Dass so etwas in der Arbeitswelt eben auch möglich ist, führt Personalchefin Claudia Hartwich auf echtes Interesse an Angestellten und anhaltendes Engagement zurück. Gerade während Corona habe man gesehen, wie wichtig das sei, schrieb die Personalchefin in einem Beitrag auf LinkedIn, dem sie den Titel gab: „Warum Menschlichkeit für Unternehmen so wichtig ist – gerade in Krisenzeiten“. Ihre zentrale These: Man muss für seine Leute da sein.

Flexibles Arbeiten, Führung in Teilzeit, Jobsharing, Hilfe bei der Kinderbetreuung (am besten in betriebseigenen Einrichtungen), Netzwerke, Karriereförderung für Frauen und eine Unternehmenskultur, die auf Ergebnisse statt auf Präsenz setzt – diese Möglichkeiten, von denen auch Doppelkarriere-Paare profitieren, werden in Deutschland bislang vor allem von Großkonzernen wie eben Microsoft, Siemens, Evonik, BASF, Lufthansa, DHL oder Volkswagen genutzt. Nicht jedes Unternehmen kann das alles leisten, mehr als aktuell ginge bei vielen aber sehr wohl.

Entgegenkommen lässt sich nicht erzwingen, weder in der Wirtschaftswelt noch in der Liebe – auch über sie muss man sprechen, wenn es um Dual Career Couples geht, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin Jennifer Petriglieri. Das hat sie selbst erlebt, als sie ihrem Mann vor zehn Jahren beim Frühstück verkündete, sie werde ihren Job an der Uni hinschmeißen. Es war ihr zu viel mit Kindern, Haushalt und der Aussicht, dass es über Jahre so weitergehen würde. „Ich dachte, er würde mit Erleichterung und halbherzigem Widerstand reagieren“, erinnert sie sich. „Stattdessen sagte er: ‚Das ist der Schlafmangel, der aus dir spricht. Auf keinen Fall lasse ich dich deinen Traum aufgeben.‘“ Sie sei dabei, einen Fehler zu machen, den sie ihr Leben lang bereuen werde, und er würde ihr dabei nicht tatenlos zusehen. Drei Jahre davor hatte sie das Gleiche zu ihm gesagt, als er die E-Mail mit einem Jobangebot gelöscht hatte, weil dieselbe Uni ihn vorher zweimal abgelehnt hatte.


ERFOLGREICHE DUAL CAREER COUPLES HABEN MEIST EINE GEMEINSAME VISION


Nicht immer läuft es so filmreif, aber Doppelkarriere-Paare zeichnet ein besonderes Verständnis von Beziehung und Arbeit aus, sagt Jennifer Petriglieri. Frauen und Männer begreifen sich darin nicht als Individuen, die zusammen leben und beruflich ihr eigenes Ding machen. Vielmehr betrachten sie auch ihre Berufswege als miteinander verwoben, sind deshalb ständig im Gespräch, was Beraterin Ira Künnecke an der Uni Köln ähnlich erlebt: „Bei Dual Career Couples hört man eigentlich nie, dass sich die Situation eben so ergeben hat. Stattdessen gibt es oft von Anfang an eine gemeinsame Idee, wie es laufen soll. Wenn sich die Umstände ändern, wird diskutiert, neu ausgehandelt.“

Das setze Veränderungsbereitschaft, Beharrlichkeit, Konfliktfähigkeit voraus. Und die Bereitschaft, dem anderen zuliebe auch mal zu verzichten, zusammenzuhalten, füreinander da zu sein. Wie Magdalena Rogls Mann, der ihr auf eine verzweifelte Ich-schaffe-das-allesnicht- mehr-Nachricht antwortete, Beruf und Familie sei nicht nur ihr eigenes Thema, sondern das von ihnen als Paar und Eltern.

Im Alltag erfordert das fast schon Managementkompetenzen. Die Alternative wäre, darauf zu verzichten, beruflich voranzukommen – aber für Menschen, denen ihre Arbeit so wichtig ist, wäre das keine Alternative.


Illustrationen Serafine Frey