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WORLD HANDICAP: Doppelte Buchführung


Golfpunk - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 13.11.2020

Am 01. Januar 2021 ist das altbekannte Handicap so tot wie Disco. Was folgt, ist jedoch alles andere als ein rechtsfreier Raum, sondern ein weltweit einheitliches System, das für alle Amateure vom Clubmeister bis zum Anfänger spürbare Veränderungen mir sich bringen wird.


Von Amis lass dich bitten, doch zocke nie mit Briten.“ Wer auf den Fairways dieser Welt unterwegs ist, lernt schnell, mit welchen Spielern man sich auf ein Matchplay einlassen kann und wo man besser dankend ablehnt. Der Grund sind die verschiedenen Handicap-Systeme auf der Welt. Während Nordamerikaner je de Privatrunde einreichen, ...

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Bildquelle: Golfpunk, Ausgabe 4/2020

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... funktioniert das britische CONGU-System analog zur deutschen Berechnung. Mit einem gravierenden Unterschied: Das Slope-Rating eines Platzes wird nicht für die Spielvorgabe herangezogen, sodass ein britisches Handicap härter als ein deutsches erspielt ist. Doch wenn die Uhr am 31. Dezember Mitternacht schlägt und dieses elende Jahr 2020 beendet, hat auch das Handicap-Wirrwarr ein Ende. Denn dann beginnt auch in Deutschland die Ära des World-Handicap-Systems.

Unter der Federführung des R&A und der USGA wurde seit einigen Jahren an einer Vereinheitlichung der sechs verschiedenen Handicap-Systeme auf der Welt getüftelt. Be reits im Januar wagten die USA, Australien und einige kleinere Verbände die Feuertaufe des World-Handicap-Systems, im März folgten unter anderem mit Schweden und Norwegen die ersten europäischen Länder, Anfang November zog Großbritannien nach. Und nun also Deutschland, wo sich der DGV lange geziert und noch einige Sonderregelungen herausgehandelt hat. So hat das vor vier Jahren stolz beschlossene Lebens-Han dicap von 26,5 weiter Bestand und führt die Grundidee des World-Handicap-Systems – ein vergleichbares Handicap für alle Golfer zu haben – ad absurdum.

Wer jedoch nicht vom Lebens-Handicap geschützt ist, muss sich bei der Konvertierung Ende November möglicherweise auf signifikante Veränderungen des Handicaps einstellen. Der Grund dafür liegt in einem komplett neuen Berechnungssystem. Bisher konnte man sich mit jeder guten Turnierrun de vom bestehenden Handicap nur in kleinen Schritten verbessern und in noch kleineren Schritten verschlechtern. Ab jetzt hingegen fällt das bestehende Handicap als Basisfaktor weg. Stattdessen wird unter Berücksichtigung von Course und Slope-Rating der gespielten Plätze ein Durchschnittswert aus den besten eigenen Runden berechnet. Wie viele genau dazu zählen, hängt davon ab, wie viele vor ga bewirksame Runden in den letzten vier Jah ren gespielt wurden. Wer nur fünf oder weni ger in seinem Stammblatt stehen hat, bekommt die beste Runde als neues Handicap. Wer als anderes Extrem 20 oder mehr Turniere gespielt hat, erhält die acht besten seiner letzten 20 Runden als Durchschnittswert.

DER VIELSPIELER

Wer in seinem Kalender den Geburtstag des Ehepartners nicht vermerken kann, weil alle Plätze durch die nächsten Turniere belegt sind, dürfte das World-Handicap-System mit einem Achselzucken hinnehmen. In aller Regel ist das aktuelle Handicap ein realistisches Abbild der Spielstärke und hält somit auch der Neuberechnung stand. Wie immer bestätigen aber auch hier Ausnahmen die Regel. Wer den Bryson DeChambeau gemacht und sein Spiel in den letzten Wochen zum Positiven transformiert hat, darf sich auf eine Absenkung freuen. Alle, bei denen das Krisenjahr 2020 hingegen auch golferisch solche Spuren hinterlassen hat, dass an Puffern nicht zu denken war, müssen tapfer sein: Gut möglich, dass das eigene Handicap so abstürzt wie die Weltranglistenposition von Francesco Molinari.

DER ANFÄNGER

Die Mehrheit der Neulinge dürfte unter dem neuen System keine Veränderung bemerken. Da bis zur Grenze von Handi cap 36 das Handicap bisher in vollen Schlägen reduziert wurde, ist in den meisten Fällen das Handicap nach dem ersten Turnier schon auf einen realisti schen Wert gesetzt. Die ganz großen Überflieger dürften mit dem World-Han dicap- System ihre Vorgabe noch schneller senken kön nen als bisher. Wer in drei Turnieren von 54 auf 18 kommen wollte, musste sich bisher insgesamt um 57 Schläge un terspielen – und dabei in jedem neuen Turnier mit einer niedrigeren Basis starten. Unter dem neuen System reicht es grob überschlagen, die Platzreife einmal um 34 Schläge zu unterbieten.

Diese neue Regelung dürfte in Zukunft für verwirrte Gesichter nach der Runde sorgen. Wer bislang seine Scorekarte abgegeben hat, wusste genau, wie sich das eigene Handicap verändert. Nach einer miesen Runde ging es ein Zehntel rauf, nach einer guten Runde ging es ein paar Zehntel runter. Jetzt muss man jedoch wissen, wie viele Runden man in den letzten vier Jahren hatte, welche bei Vielspielern als 21. aus der Wertung fällt und wie genau die schlechteste Runde war, die aktu ell für den Durchschnittswert herangezogen wird. Und damit es noch verwirrender wird, gibt es in Zukunft auch wieder eine Berücksichtigung der Platz- und Wetterbe din gungen, früher CBA genannt.

So ist es durchaus denkbar, dass jemand in Zukunft mit 32 Stableford-Punkten sein Handicap verbessert, während jemand mit 37 Stableford-Punkten sein Handicap ansteigen sieht.

Wobei, ganz korrekt ist das nicht. Denn mit der Einführung des World-Golf-Han dicap- Systems wird Stableford als Leitwährung ebenfalls verschwinden. Die Berechnung der handicaprelevanten Runden erfolgt als Zählspiel, wobei an Katastrophenlöchern der Maximum Netto Score gewertet wird (laien haft ausgedrückt die Zahl an Schlägen, ab denen es bisher null Stableford-Punkte an einem Loch gab). Auch andere Begrife verschwinden von nun an aus dem Golflexikon. Handicapklassen werden ebenso abgeschaft wie „nicht vorgabewirksame“ Zählspiele. Statt der EDS-Runde gibt es für alle Golfer jetzt vorab registrierte Privatrunden. Und wer in Zukunft auf der Clubterrasse von Pufer redet, wird vermutlich gerade geriebene Kartofeln serviert bekommen.

Doch wozu der ganze Aufwand? Neben der internationalen Vergleichbarkeit soll das World Golf Handicap vor allen Dingen eines erreichen: ein realistischeres Handicap. Talen tierte Anfänger erhalten in Zukunft schon nach drei gewerteten Runden ein Handicap, das mehr ihrer Spielstärke entspricht, als es bislang der Fall war. Bei Verletzungen und Schwungkrisen schlägt das Pendel dagegen von nun an auch schneller mal in die an dere Richtung aus. Doch wie genau wird sich das neue World-Handicap-System im Alltag aus wirken? Zur Analyse haben wir die deutschen Golfer in fünf verschiedene Typklassen unterteilt.

DER REKONVALESZENT

Golfer, deren Handicap aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr der Realität entspricht, konnten bisher bei der jähr lichen Vorgabeüberprüfung um bis zu drei Schläge nach oben gesetzt werden. Jeder, der mit einer Verletzung oder Krankheit tapfer weiter Turniere spielt, wird in Zukunft schneller das Handicap nach oben schnellen sehen. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Hat man sich beispielsweise nach einem Bandscheibenvorfall oder Ähnlichem zurückgekämpft, muss man in Zukunft nicht auch noch viele Monate oder Jahre kämpfen, um sein altes Handicap zurückzubekommen. Ein paar gute Runden reichen schon, um wieder an alte Zeiten anzuknüpfen – ganz wie Tiger Woods beim Masters 2019.


„Und wer in Zukunft auf der Clubterrasse von Puffer redet, wird vermutlich gerade geriebene Kartoffeln serviert bekommen.“


DER HOBBY-GOLFER

Alle, die dem Turniergeschehen abgeschworen haben und nur selten eine vorgabewirksame Runde gespielt haben, dürften die größten Veränderungen zu spüren bekommen. Wer seit vier Jahren kein einziges vorgabewirksames Ergebnis gespielt hat, ist auf der sicheren Seite: Hier wird das alte Handicap eins zu eins übernommen. Bei allen anderen dürfte das Pendel stark in die eine oder andere Richtung ausschlagen. Der Grund ist nicht nur für Kenner der Gauß- Verteilung offensichtlich: Bei wenigen Ergebnissen ist die Wahrscheinlichkeit von ein zelnen Ausreißern größer. Tendenziell wirkt sich das World-Handicap-System aber auch hier öfter zugunsten eines niedrigeren Handicaps aus. Denn bei weniger als sechs Turnieren reicht ein gutes Ergebnis, um das Handicap nach unten zu verschieben. In die andere Richtung müssten es schon alles schlechte Runden sein.

DER LEBENSHANDICAPPER

Irgendwann im Leben kommt der Punkt, an dem man überlegen möchte, wie man in Erinnerung bleiben will. Wer möchte schon, dass es irgendwann einmal bei der Trauerrede heißt: „Der Verstorbene war ein begeisterter Golfer und nimmt ein Handicap von 48 mit ins Grab.“ Es klingt doch viel besser, wenn der Pastor sagt: „Selbst kurz vor seinem Able ben hatte der 95-Jährige noch ein Handicap von 26,5.“ Mit diesem Wissen im Hin tergrund beschloss das DGV-Präsidium 2016, dass ein Golfer, der schon mal unter Handicap 26,5 war, nur noch auf ausdrück li chen Wunsch ein höheres Handicap bekommt.“ Diese Leitlinie war dem elfköpfi gen Männergremium (Durchschnittsalter: knapp 60) so wichtig, dass sie es auch für das World-Handicap- System durchgesetzt haben. Für alle, denen ein solches Vanity-Handicap wichtig ist, bleibt also alles beim Alten.