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Worte finden


Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 26.08.2021

COMMUNITY

Ende September soll das Urteil gegen den HIV- Arzt fallen, der in fünf Fällen angeklagt ist, Patient*innen in seiner Praxis missbraucht zu haben. Der Prozess wirft Fragen zum Thema auf: Wie erkennt und benennt man einen Missbrauch? Welche Schritte sind sinnvoll, sollte man Opfer eines Übergriffs geworden sein? Sascha Suden sprach mit Arnd Bächler, psychologischer Psychotherapeut der Schwulenberatung Berlin

schwulenberatungberlin.de

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Arnd, wann ist ein Übergriff ein Übergriff?

Das definiert das Opfer selbst. Wenn die betroffene Person das Gefühl hat, hier passiert etwas Unangemessenes. Es gibt Verhaltensregeln für Therapeut*innen, für Ärzt*innen, für Erzieher*innen, und wenn die überschritten werden, ist es ein Übergriff.

Kann ich etwas auch dann als Übergriff empfinden, wenn es nicht so gemeint war?

Ja, wenn ich das Gefühl habe, hier verletzt jemand meine Grenzen. Wenn es nicht so gemeint war, ist es für den „Täter“ auch möglich, sich zu entschuldigen, denn es kann durchaus Missverständnisse geben.

Was soll ich in dem Fall machen?

Deine Gefühle ernst nehmen. Sprich es an. Sag stopp! Oder verlasse die Situation. Das wäre ideal, wenn man das Selbstbewusstsein dafür hat. Danach Unterstützung holen. Als Erstes im Freundeskreis oder in der Familie, danach professionelle Hilfe suchen. Die können einschätzen, wie gravierend es war, und bei Fragen helfen: Wie gehe ich mit dem Täter um? Reichen ein Gespräch oder eine Entschuldigung? Oder will ich ihn anzeigen?

Soll ich nach jedem unguten Ereignis bzw. Gefühl ein Gedächtnisprotokoll anfertigen?

Ja. Nach einem Vorfall ist ganz klar die Empfehlung, ein Protokoll anzufertigen, so ausführlich und so schnell wie möglich. Natürlich hängt das vom Grad der Verletzung ab. Ist es am nächsten Tag vergessen oder beschäftigt und quält es einen?

Inwieweit sind Komplimente übergriffig?

In professionellen Beziehungen bei Psycholog*innen, Ärzt*innen, der Polizei oder bei Lehrer*innen hat das in der Beziehung nichts zu suchen. Sexualisierte Komplimente lenken ab und bringen die Beziehung auf eine andere Ebene, die nicht angemessen ist.

Bin ich als Opfer dafür verantwortlich, dass so was anderen nicht passiert, und muss deshalb Anzeige erstatten?

Anzeige erstatten kann gut sein, wenn man sagt: Was mir passiert ist, soll anderen nicht passieren. Ich finde es sehr ehrenwert, wenn man sich dazu entscheidet, diesen schwierigen Weg zu gehen, um andere zu schützen. Aber man sollte es niemandem vorwerfen, der das nicht macht. Ein Gerichtsverfahren ist sehr belastend. Das kann retraumatisierend und teuer werden.

Was ist, wenn einem keine*r glaubt?

Die Erfahrung haben viele Opfer gemacht. Ich denke vor allem an Kinder und Frauen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass einem in queeren Beratungsstellen nicht geglaubt wird. Wenn, dann würde ich mir andere suchen, die mir glauben und mich ernst nehmen.

Was ist mit dem Relativieren, so was wie: Das war sicher ein Missverständnis, das hast du falsch verstanden.

Das machen Leute, die hilflos sind, die vielleicht jemanden beruhigen wollen, aber ernst nehmen geht anders. Bei professionellen Stellen begegnet einem das weniger. Aber es gibt auch Therapeut*innen, Ärzt*innen, Lehrer*innen, die überfordert sind und die Situation erst einmal beschwichtigen.

Was erwidert man denen, die sagen, dass Schwule solch übergriffiges Verhalten zu dulden hätten? Nach dem Motto: Du gehst ja schließlich auch in den Darkroom.

Ich finde es sehr bösartig, so etwas zu sagen. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man privat freiwillig in einen Darkroom geht. In einer Praxis hingegen vertraut man darauf, dass der Arzt einen schützt.

Warum schweigt die schwule Community eigentlich seit 20 Jahren im Fall des angeklagten HIV-Arztes?

Diese Frage sollte uns alle beschäftigen. Der Arzt ist sehr erfolgreich, mächtig und reich. Er leistet sich einen teuren Anwalt, der ein Klima der Angst schafft, sodass alle vorsichtig dabei sind, sich zu äußern. Hinzu kommt, dass der Arzt auch viel Gutes bewirkt und vielen Leuten geholfen hat. Dann hat sich auch der Zeitgeist verändert: Früher wurde sexualisierte Gewalt nicht so ernst genommen. Es könnte auch sein, dass sich einige Player in der Community dafür schämen, dass sie mit diesem Arzt zusammengearbeitet haben, z. B. bei Workshops. Oder von ihm Spenden angenommen und ihn in Ämter gewählt haben.

Welche Rolle spielen offene oder latente Homophobie beim Verlauf dieses Verfahrens?

Die Dauer des Verfahrens und die vielen Behörden, die es nicht ernst genommen haben, wirken auf mich homophob. Als ob schwule Opfer nicht so viel zählen wie andere Opfer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Gynäkologe, den viele Frauen beschuldigen, zehn Jahre hätte weiterarbeiten dürfen.

Was würde das mit den Nebenkläger*innen machen, wenn der HIV-Arzt freigesprochen werden sollte?

Ich glaube, dass das den Opfern sehr wehtun würde. Weil sie dadurch das Gefühl bekämen, nicht ernst genommen zu werden. Ihnen würde nicht geglaubt und damit würde ihr Leid nicht anerkannt. Es wären eine Retraumatisierung und eine verheerende Aussage.

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