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WORTWECHSLER MIT: IM INTERVIEW MIT: JAMIE BELL: BILLY ELLIOT ALS TÄTOWIERTER FASCHIST


deadline - das Filmmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 77/2019 vom 04.09.2019

Jamie Bell tanzte sich bereits als Vierzehnjähriger zu totalem Starruhm in BILLY ELLIOT. In den Folgejahren begegnete er King Kong, war Jumper, Tintin, Nymphomaniac sowie das Ding in Josh Tranks zu Unrecht abgesägtem FANTASTIC FOUR und fuhr mit dem Snowpiercer. Nun spielt er in SKIN den wahren Leidensweg, der eigentlich eine Erlösung ist, des ehemaligen Neofaschisten Bryon Widner. Wir haben uns für euch mit dem frech-sympathischen Briten zum Plausch getroffen.


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Bildquelle: deadline - das Filmmagazin, Ausgabe 77/2019


»ICH BIN NIEMAND,DER EINFACH VERGIBT, UND DU HAST EINIGE SCHRECKLICHE DINGE GETAN. «


DEADLINE: Erzähl etwas über den Prozess, dich für SKIN ...

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... »tätowieren« zu lassen.
JAMIE BELL: Stephen Bettles war der Make-up-Künstler, der für die Tattoos verantwortlich war, und er hat seinen Job sehr ernst genommen. Die Tattoos, die ich im Film habe, sind eins zu eins Bryons echten Tattoos nachempfunden. Es sind einzelne Stücke, die man auf die Haut setzt, sie sind sehr teuer – und wir brauchten viele davon. Wir waren irgendwann so weit, dass ich sie auch zwischen den Drehs auf meiner Haut lassen musste, da wir kein Geld mehr hatten, um neue anfertigen zu lassen. Das war schon speziell, in dieser Kleinstadt in New York mit den faschistischen Tattoos rumzulaufen. Zum Glück bin ich niemandem über den Weg gelaufen, der ihre Bedeutung kannte, das hätte sonst sehr brutal für mich enden können. Ich selbst wäre auch nicht gerade glücklich darüber, wenn jemand so in meiner Stadt rumlaufen würde. Es ist interessant, wie die Menschen einen bewusst ignorieren, wenn man so aussieht, und so tun, als sei gar nichts Ungewöhnliches daran. Aber das ist genau das, was Bryon wollte. Er wollte nicht beachtet oder angesprochen werden oder mit einem Außenstehenden zu tun haben. Er hatte nicht das Gefühl, dass andere sein Leben bereichern könnten.

DEADLINE: Auch beim Körpergewicht musstest du für die Rolle ordentlich zulegen.
JAMIE BELL: Ja, wenn man Bryon trifft, wird einem bewusst, dass er auf seinen Körper nicht sehr achtet. Er lässt sich gehen, was einen natürlich auch kaputtmachen kann. Er ist sich dessen aber nicht bewusst, er schlafwandelt durch sein Leben. Er hat schreckliche Entscheidungen in seinem Leben getroffen. Um auf seine Statur zu kommen, war ich viel im Fitnessstudio. Mir fällt es nicht leicht, schwerer zu werden. Ich habe wie ein Verrückter Eis gegessen und trotzdem kaum zugenommen. Unser Regisseur, Guy Nattiv, kam immer wieder zu mir und hatte Zweifel, dass ich es körperlich schaffen würde. Ich sollte für SKIN so wie Robert De Niro in WIE EIN WILDER STIER aussehen. Da hätte ich 25 Kilo zulegen müssen. Als dann der Dreh begann und ich schwerer war, verlor ich das Gewicht durch die Arbeit und das viele Laufen wieder schnell – was natürlich ein Problem war. Zu Beginn der Vorbereitungen schaute ich mit Guy in den Spiegel, und wir beide konnten uns kaum vorstellen, dass ich in der Rolle glaubwürdig sein würde. Bryon hatte auch besondere Ohren, und meine sehen eher aus wie die eines kleinen Jungen. Ich hatte überhaupt nichts Schreckliches und Hasserfülltes an mir, was jedoch dringend notwendig war für die Rolle. Wir haben alles Mögliche probiert: die Ohren näher am Kopf befestigt, um etwas von der Unschuld zu verlieren, oder wir haben Bryons Zähne nachgebildet und mir eingesetzt – und er hat wirklich verrückte Zähne … Was am Ende tatsächlich gut funktioniert hat, waren die schwarzen Kontaktlinsen. Auf einmal schien ich ein schwarzes Loch im Gesicht zu haben. Zusammen mit den schiefen Zähnen wirkte ich dann wie ein kantiger Hai, der etwas Lebloses an sich hatte – genau, was wir wollten.

DEADLINE: Hast du den echten Bryon getroffen?
JAMIE BELL: Ja, er lebt noch immer unter Personenschutz. Ich habe ihn vier Tage in seiner Garage besucht. Wir haben einfach über sein Leben und seine Kindheit gesprochen. Sein Elternhaus war schrecklich, in der Schule wurde er gemobbt. Er war der einzige Weiße in seiner Schule, die anderen waren alle südamerikanischer Abstammung. Er wurde gemobbt, weil er Weißer war. Einige dieser Informationen waren hilfreich, andere nicht. Ich habe ihm gesagt: »Ich bin niemand, der einfach vergibt, und du hast einige schreckliche Dinge getan. Ich werde dich Dinge fragen, die dir vielleicht nicht gefallen werden, und du wirst mir Sachen sagen, die ich nicht hören will. Aber solange wir ehrlich zueinander sind und nicht über einander urteilen, kann es funktionieren.« Für einen Schauspieler ist es ein großes Problem, wenn man eine Figur schon verurteilt, bevor man überhaupt begonnen hat, sie zu spielen. Ich habe einfach ein starkes Verständnis von Richtig und Falsch, und es fällt mir schwer, nicht zu urteilen. Leider.

DEADLINE: Hat er sich selbst verziehen?
JAMIE BELL: Nein, das glaube ich nicht. Er wird für immer damit leben müssen. Und vielleicht ist es auch richtig so.

DEADLINE: Was hat Bryon schlussendlich aus der faschistoiden Szene geführt? Seine Frau? Verspürte er Reue?
JAMIE BELL: Ich denke, es waren vor allem die Kinder. Als er seine Frau getroffen hat, wurde er von einer Energie angesteckt, die etwas in ihm ausgelöst hat. Sie hat seine Schwäche und Zerbrechlichkeit, die für andere Menschen verborgen blieben, gesehen. In den Kindern hat er dann gesehen, was ihm als Kind gefehlt hat. Ich glaube, er war selbst davon überrascht, wie sehr er ein Vater sein wollte. Und dadurch entstand eine Verbindung aus Liebe, er hat verstanden, dass er die Kinder nicht durch sein Verhalten in Gefahr bringen darf. Unser Film ist die Geschichte seines Erwachens.

DEADLINE: Konntest du etwas von dir selbst in die Rolle einbringen?
JAMIE BELL: Puh … schwierig. Ich wurde so erzogen, dass es mir sehr schwerfällt, Menschen zu hassen. Aber wenn man Bryon heute sieht, ist zum Beispiel nichts mehr geblieben von seinen Tattoos, hier und da vielleicht eine leichte Färbung der Haut. Ansonsten wirkt er durchaus normal, interessiert, respektvoll, er hat Leidenschaft für bestimmte Dinge. Sein Leben hätte ohne Weiteres auch ganz anders verlaufen können. Mein Leben genauso – wenn ich zum Beispiel BILLY ELLIOT nicht hätte machen dürfen.

DEADLINE: Bryon ist ohne echten Vater aufgewachsen, ähnlich wie du.
JAMIE BELL: Ja, das verbindet uns sicher. Gewalt wird meist von Männern verübt. Wenn man als Kind keinen Vater hat, gibt es verschiedene Arten, damit umzugehen und das zu kompensieren. Grundsätzlich ist es wichtig für Kinder, eine Führung zu haben. Ich wurde von Frauen aufgezogen: meiner Mutter, meiner Tante, meiner Großmutter, in einem sehr liebevollen Haushalt. Das hat Bryon sicher gefehlt. Er hat dann jemanden gefunden, aber das war eben die falsche Person. Sie haben ihm viel versprochen: Du kommst von hier weg, wir geben dir ein Tattoostudio, wir geben dir Geld, wir geben dir Hunde … Das hörte sich für ihn großartig an. Dazu durfte er trinken, Dinge kaputtmachen – junge Leute sind anfällig für so was.

DEADLINE: Ist es dir schwergefallen, nach Drehschluss wieder ganz du selbst zu sein?
JAMIE BELL: Dazu hatte ich kaum Zeit. Wenn ich arbeite, dann arbeite ich 24 Stunden. Nach Ende des Drehtags schaue ich mir bereits das Material für den nächsten zur Vorbereitung an. Aber da müsste man wohl meine Frau fragen. Sicher war ich ein Albtraum für sie während des Films. Es gab ein paar Momente mit unserem Regisseur Guy, in denen ich ihm sehr laut gesagt habe, wenn ich mit etwas nicht einverstanden war. Normalerweise bin ich da diplomatischer. Meine Frau hat dann irgendwann zu mir gesagt, ich solle ruhig bleiben. Das war sicher ein Zeichen. So eine Rolle ist wie eine Droge, und es beeinflusst einen, so eine negative Figur zu spielen. Wir haben schreckliche Szenen gedreht, in denen wir die schlimmsten Nazis sind. Aber ich brauche die Herausforderung, mal jemand ganz anderes sein zu müssen. Darsteller wie Christian Bale und Gary Oldman, große Vorbilder von mir, machen das ständig. Dafür bewundere ich sie. Demnächst spiele ich einen Poeten, der die schönsten Liebeslieder schreibt – wieder etwas ganz anderes.

DEADLINE: Vielen Dank, Jamie.