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WORTWECHSLER MIT NEIL JORDAN: GRETA


deadline - das Filmmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 75/2019 vom 15.05.2019
Artikelbild für den Artikel "WORTWECHSLER MIT NEIL JORDAN: GRETA" aus der Ausgabe 75/2019 von deadline - das Filmmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: deadline - das Filmmagazin, Ausgabe 75/2019

OT: GRETARegie: Neil Jordan / USA, Irland 2019 / 98 Min.Darsteller: Isabelle Huppert, Chloe Grace Moretz, Maika MonroeProduktion: Lawrence Bender, James Flynn, Sydney KimmeiVerleih: Capelight PicturesFreigabe: tbaStart: 16.05.2019

Womit ködert man menschliche Weibchen am einfachsten? Na klar, mit Handtaschen. Was nach einer klischeehaft en und sexistischen Pointe eines Altherrenwitzes klingt, ist grob gesagt der Plot des ungewöhnlichen Stalker-Thrillers G RETA. Und da wir nun eure Aufmerksamkeit haben, so geht das los: Um den Tod ihrer Mutt er zu verarbeiten und ihr Leben wieder in ...

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Womit ködert man menschliche Weibchen am einfachsten? Na klar, mit Handtaschen. Was nach einer klischeehaft en und sexistischen Pointe eines Altherrenwitzes klingt, ist grob gesagt der Plot des ungewöhnlichen Stalker-Thrillers G RETA. Und da wir nun eure Aufmerksamkeit haben, so geht das los: Um den Tod ihrer Mutt er zu verarbeiten und ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen, zieht die junge Frances (Hit-Girl und Carrie: Chloë Grace Moretz ) nach Manhatt an und wohnt dort mit ihrer besten Freundin Erica (Maika Monroe ) zusammen. Eines Tages fi ndet Frances, die ihren Unterhalt als Kellnerin verdient, eine vergessene Handtasche in der U-Bahn und bringt sie ihrer dankbaren Besitzerin, der französischen Klavierlehrerin Greta (Isabelle Huppert aus Paul Verhoevens E LLE), zurück. Aus Small Talk wird schnell Medium Talk und aus Bekanntschaft rasch Freundschaft . Da Frances die Mutt er fehlt und die Witwe Greta keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter hat, ersetzen sie sich gegenseitig die verlorenen einst liebsten Menschen in ihrem Leben. Doch bald erfolgt die erste von mehreren Wendungen: Frances entdeckt in Gretas Haus mehrere identische Handtaschen, die jeweils mit Post-its versehen sind, auf denen unterschiedliche Namen stehen – unter anderem auch Frances. Grund genug, dieser Ersatz-Mutte r-Tochter-Beziehung ein Ende zu setzen. Aber Greta lässt nicht locker und entfaltet in Windeseile ihre perfi de Stalker-Persönlichkeit. Sie lauert ihrem Opfer auf. Ob auf der Arbeit oder direkt vor der Haustür: Frances scheint in New York keinen Schritt mehr machen zu können, ohne dass Greta diesen beobachtet.

Regisseur und Co-Drehbuchautor (gemeinsam mit Ray Wright ) Neil Jordan legt im ersten Akt noch den Fokus auf die Beziehung zwischen den beiden Hauptfi guren – von denen vor allem Isabelle Huppert nach ELLE eine erneute Meisterleistung abliefert, die unter die Haut geht. Aber auch der typische Ausdruck von Moretz – sie sieht konstant so aus, als würde sie auf der Toilette sitzen und hätte ein Fragezeichen über dem Kopf – passt zur Situation, in der sich ihre Figur befi ndet. Ihr geht es nämlich ab dem zweiten Akt an den Kragen und dem Zuschauer an die Nieren. Genau hier spielt der Film seine absolute Stärke aus: das Stalker-Segment. Greta übt psychischen Druck aus, der sich schritt weise intensiviert. Aus Textnachrichten werden Anrufe und Sprachnachrichten, bis sie immer häufi ger in Frances’ Sichtfeld auft aucht und sie schließlich persönlich konfrontiert. Dabei bleibt der Film GRETA bis zu diesem Zeitpunkt noch sehr realistisch und bildet ab, was Stalking-Opfer immer wieder berichten. Der ausgeübte Druck ist zunächst nicht körperlicher Natur, man will ja nur reden, den Konfl ikt verbal beseitigen. Doch das Opfer fühlt sich verständlicherweise erdrückt von der Präsenz. Und selbst die Polizei kann nicht helfen, da auch die Rechte der Stalker geschützt sind.

Welch ein Clou, hier eine Täterin mittleren Alters zu wählen und eben nicht auf den Standard (weißer, speckiger Mann mit Mutt er-Komplex ) zu setzen. Huppert verkörpert auf fantastische Art und Weise sowohl die vertrauensvolle Mutt erfi gur als auch die psychopathische Stalkerin. Moretz ist das passende »Opfer«, das zwar oft genug die Grenze zieht, sich Hilfe holt und so entgegen einige Genre-Konfessionen agiert, aber dennoch psychisch wie physisch zu schwach ist, sich alleine komplett wehren/befreien zu können. Die Inszenierung sowie die Performances aller Beteiligten sorgen für konstantes Unbehagen beim Zuschauer und halten die Spannung auch über schwächere/redundantere Drehbuchpassagen aufrecht.

Am Ende nimmt GRETA dann aber etwas zu viel Last auf die Schultern und verrennt sich dabei in einigen vorhersehbaren Thriller-Klischees. Sind die ersten beiden Akte die Stärken, die diesen Psychotrip ungewöhnlich und empfehlenswert machen, werden im dritten Akt einige Standard-Versatzstücke in die restliche Spielzeit gequetscht. Das wirkt stellenweise überhastet und zu bemüht, sodass der Film etwas das Besondere verliert und von realistischem Psychothriller in Slasher-Routine abdrift et. Das wird einigen Genrefans sicherlich gefallen, während manche den starken Anfang bevorzugen werden. Zweifelsohne wird GRETA von den schauspielerischen Leistungen – allen voran von Huppert – getragen und ist ein ungewöhnlicher Genrebeitrag, der seine Fans fi nden wird. Denn letztlich, und das ist vielleicht das Wichtigste für einen Film zurzeit, lässt GRETA einen nicht kalt.
(MANUEL MAGNO)

MAMMA MIA!

NEIL JORDAN: UMGEBEN VON GEISTERN

Ob ZEIT DER WÖLFE, INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR, THE CRYING GAME oder zuletzt BYZANTIUM – Neil Jordan ist jemand, der sich von Film zu Film immer wieder neu erfindet, weil ihn viele Genres gleichermaßen begeistern. Doch Luft nach oben gibt es immer. Deshalb mixte der irische Regisseur kurzerhand Drama, Horror und Psychothriller, kleidete alles in ein Arthouse-Noir-Gewand und nannte seine mysteriöse Dame Greta. Wie er das filmisch ausbalancierte, welche Meinung er zu Social Media hat und was ihn an menschlichen Abgründen fasziniert, erklärt er im Interview.

DEADLINE: Die meisten Stalker-Filme sind männlich besetzt. Hat es Sie in den Fingern gejuckt, den Spieß einmal umzudrehen?
NEIL JORDAN: Genau. Ich wollte unbedingt diesen Film machen, weil die stalkende Person hier eben nicht männlich ist. Obwohl die Idee eines Mannes, der Handtaschen in Zügen zurücklässt, um Frauen damit in sein einsames Appartement zu locken, durchaus auch ihren Reiz hat, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. (lacht ) Doch normalerweise besitzen Männer keine solchen Accessoires. Ich war fasziniert von der Idee, dass eine ältere Frau die Voyeurin, Stalkerin und Obsessive ist, und wollte die Gründe dafür erforschen. Sobald der Mann aus dieser Gleichung herausgenommen wird, ist auch der ekelhafte sexuelle Unterton nicht mehr da, den Stalker-Filme sonst oft haben. Es war eine interessante Prämisse, dies durch etwas anderes zu ersetzen. Mit einer Frau im Zentrum konnte ich einen Film über Freundschaft erzählen und über Einsamkeit, ein wirklich verdrehtes Verständnis von Muttersein. In vielen Märchen geht es um dämonische Mütter. Seltsame Wesen, die in den Tiefen der Wälder leben und Kinder in ihre Welt entführen. Für mich bot der Film die großartige Möglichkeit, ein urbanes Märchen in einer ebensolchen Umgebung zu erzählen. Ein sehr krankes Märchen, das gebe ich zu, doch definitiv ein Märchen.

DEADLINE: Die Vorlage stammt von Ray Wright, zusammen haben Sie das Drehbuch geschrieben. Was hat Sie an der Geschichte fasziniert?
NEIL JORDAN: Die Schlichtheit – und das meine ich als Kompliment. Ich selbst tendiere dazu, meistens sehr komplizierte Geschichten zu schreiben, die schwer beginnen und schwer enden. In dieser simplen generischen Ausgangslage lag etwas fabelhaft Abgründiges, das schließlich den innerlichen Verfall zweier Menschen auch äußerlich manifestiert.

DEADLINE: Isabelle Huppert spielt ihren unberechenbaren Part bravourös. Das Beängstigende an ihr ist, dass sie als gebildete und gut situierte Mutter so harmlos wirkt. Was sie sich auch perfide zunutze macht …
NEIL JORDAN: Ja, richtig. Ich wusste, dass die Geschichte nur funktioniert, wenn ich sie mit einer Schauspielerin umsetze, die meine Gefühle versteht. Mit Isabelle an Bord hatte ich einen Film. In der Originalvorlage ist die Figur älter als Isabelle. Eine vom Leben erschöpfte ungarische Immigrantin. Frances’ Verbindung zu dieser Frau beruhte mehr auf Mitleid und hatte wenig mit raffinierter Verführung zu tun. Als Isabelle zusagte, habe ich den Part umgeschrieben und um sie herum strukturiert. Der französische Hintergrund und die Liebe zur Musik verliehen ihr eine stille, kultivierte Aura. Doch darunter war immer noch diese ungarische Realität verborgen. Für mich wirkte sie dadurch noch unheimlicher, weil sie nicht kategorisierbar war. Das Unbehagliche und Gefährliche an ihr blieb verborgen. Im ersten Moment fühlte man sich wohl bei ihr und konnte sich leicht vorstellen, in ihr Leben zu treten und ihre Freundin zu werden.

>DEADLINE: Für jeden, der manipuliert, braucht es auch immer ein passendes, mehr oder weniger bereitwilliges Gegenüber. Sieht man in anderen immer nur das, was man sehen will?
NEIL JORDAN: Ja, auf jeden Fall. Wie viele Menschen heiraten und lassen sich wieder scheiden, weil sie nicht sehen wollen, was sie plötzlich im anderen erkennen? Alles, was Frances tut, ist für sie schlüssig. Als barmherzige Samariterin bringt sie die Tasche zurück und könnte wieder gehen. Sie lässt sich aber von Greta dazu überreden, noch einen Tee zu trinken. Das ist aber noch nicht der große Fehler. Den begeht Frances erst, als sie Greta sagt: Ich werde für immer deine Freundin sein. Mit diesem Versprechen überschreitet sie eine Linie und kann dann nicht mehr zurück. Und auch Greta stuft ihre Handlungen nicht als verrückt ein. Sie folgt nur ihrem logischen Wahnsinn, weil sie an dieses Versprechen glaubt und will, dass es eingelöst wird. Die Ironie spiegelt sich in den verschiedenen Blickwinkeln auf ein und dieselbe Situation.

DEADLINE: Erschreckend am Film ist auch, wie einfach sich Informationen manipulieren lassen und Menschen spurlos verschwinden können, ohne dass das verdächtig erscheint …
NEIL JORDAN: Das hat mich auch beschäftigt. Ich habe fünf Kinder, und als Elternteil hast du immer Angst davor, dass sie plötzlich spurlos verschwinden. Andererseits tauchen Menschen auch ab, weil sie nicht gefunden werden wollen.

DEADLINE: Sie kritisieren aber nicht nur Social Media, sondern generell unsere kommunikationslose Zeit, in der über innere Konflikte nicht mehr geredet wird und sich jeder immer mehr in sich selbst zurückzieht. Glauben Sie, dass wir irgendwann gar nicht mehr miteinander reden können?
NEIL JORDAN: Wir tun es jetzt schon nicht. Wir sind nicht fähig, uns zu unterhalten. Ich finde es furchtbar, in einem Zug zu sitzen und zu sehen, wie Menschen an ihren Handys hängen. Mit Stöpseln in den Ohren telefonieren sie, spielen oder texten mit Leuten, die nicht bei ihnen sind. Das Verrückte ist ja, dass diese Art der sozialen Interaktion mit uns wächst. Je älter wir werden, desto häufiger kommunizieren wir nur noch so mit Menschen. Jeder scheint die ganze Zeit nur von Geistern umgeben zu sein. In der Geschichte der Menschheit ist das sicher die eigenartigste Form der Entwicklung, diese Idee, wie Freundschaften und Kommunikation zu pflegen sind. Diese Ironie zwischen den unendlichen Möglichkeiten, Konservation zu betreiben, welche die ganze Zeit fortgesetzt werden muss, und der absoluten Isolation von Menschen in einem städtischen Kontext ist wirklich außergewöhnlich.

DEADLINE: Stichwort absolute Isolation. GRETA ist eine tragische Studie über zwei einsame Menschen, die jeweils anders mit ihrer Trauer umgehen. Eine klare Rollenverteilung gibt es dabei nicht …
NEIL JORDAN: Stimmt, Greta ist nicht nur Täterin. Sie ist so verletzt, als Frances ihre Anrufe nicht beantwortet. Und wenn Frances besser verstehen könnte, dass Greta pathologisch einsam ist und die Taschen zurücklässt, weil sie irgendeine Art von menschlichem Kontakt braucht, würden vielleicht die grotesken Thriller-Aspekte der Story nie geschehen.

DEADLINE: Was fasziniert Sie so sehr an den psychologischen Abgründen

der Menschen?
NEIL JORDAN: In den Filmen, die ich mache, möchte ich eine Art von monströsem Verhalten ergründen. Figuren besser verstehen, die sich außerhalb der Grenzen der normativen menschlichen Psychologie bewegen. Deshalb faszinieren mich Fantastik- oder Horrorelemente. Das Unzugängliche, das in Kontrast zum normalen menschlichen Diskurs steht.

DEADLINE: Sind Sie dabei mehr an den Antworten oder an den Fragen interessiert?
NEIL JORDAN: Das ist eine sehr gute Frage. (lacht ) Ich denke, wahrscheinlich mehr an den Fragen. Würde mir mehr an den Antworten liegen, müssteich mehr an psychologischer Realität interessiert sein, doch das bin ich nicht. Mich interessieren die elementaren Methoden, wie menschliche Wesen sich selber verstehen. Deshalb finde ich auch Märchen sehr reizvoll. Die Mythen, die jenseits aller einfachen Erklärungen liegen.

DEADLINE: Ich mag den schwarzen Humor, der den Film durchzieht
NEIL JORDAN: Eine Stalker-Geschichte ist an und für sich sehr einfach gestrickt. Die Ausgangslage ist klar, es gibt keine Überraschungen. Man muss also irgendwie die Genre-Erwartungen drehen. Ich habe GRETA deshalb von Anfang an als schwarze Komödie behandelt und wollte den Humor in den brutaleren Szenen, die das Publikum von einem solchen Film quasi erwartet, platzieren. Auch um die Grenzen des Grotesken auszuloten und mit einer bestimmten Szene den Wahnsinn noch auf eine höhere Stufe zu heben.

DEADLINE: Denken Sie, dass wir alle diese dunkle Seite in uns tragen?
NEIL JORDAN: Auf jeden Fall. Du triffst jemanden auf der Straße und wirst gefragt, wie es dir geht. Bei einer ehrlichen Antwort darauf würde dieser Mensch wahrscheinlich vor dir weglaufen. Ich denke, wir tragen ein großes dunkles Potenzial in uns. Damit wir aber in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren, müssen wir es verbergen. Genau aus diesem Grund gibt es Horrorfilme, damit wir uns auf relativ bequeme Art und Weise mit unseren inneren Monstern auseinandersetzen können. Ich war kürzlich eine Woche in Südkorea. Die Filme dort sind so unglaublich brutal. Doch im Land selbst darf man keine Waffen tragen, noch nicht einmal ein Messer besitzen. Es gibt keinerlei Form von sozialer Belästigung. Dass das einheimische Kino so brutal und grotesk sein kann, während die Gesellschaft so kontrolliert ist, hat mich fasziniert.

DEADLINE: Kennen Sie Ihre eigene dunkle Seite?
NEIL JORDAN: Ja, tue ich, aber sie ist harmlos. Ich habe noch nie jemandem ein Haar gekrümmt. Ich bin sicher die gewaltloseste Person der Welt.

DEADLINE: Sie haben schon oft mit Stephen Rea zusammengearbeitet. Was schätzen Sie an ihm?
NEIL JORDAN: Seine ganz eigene Art zu schauspielern. In allem, was er tut, spiegelt sich die Erschöpfung seiner Handlungen wider. Das Bewusstsein dessen ist seine große Stärke. Ich fand das schon immer sehr verblüffend, und es kommt oft vor, dass ich mich bei einer Rollenbesetzung frage: Wer außer Stephen Rea kann diese Rolle spielen? Das war auch schon so, als ich ihn für THE CRYING GAME besetzte.

DEADLINE: Was ist Ihr nächstes Projekt?
NEIL JORDAN: Ich möchte mein Buch THE DROWNED DETECTIVE, das 2016 erschienen ist, gerne verfilmen. Falls ich es finanziert bekomme. Die Filmindustrie hat sich sehr verändert. Heute kann man nicht mehr sagen, ob Projekte überhaupt realisiert werden. Ein Projekt, das aber realisiert wird, ist die große TV-Serie JERUSALEM nach Simon Sebag-Montefiores Bestseller. Daran arbeite ich zurzeit.deadline: Vielen Dank für das interessante Gespräch.
INTERVIEW GEFÜHRT VON SARAH STUTTE