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„WOVOR HATTE ICH BLOSS ANGST? “


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 09.11.2022

An einem schwülen Herbsttag komme ich bei Gwyneth Paltrow in Amagansett an. Ihr Anwesen, ein 650 Quadratmeter großes, mit schwarzen Kacheln verkleidetes Herrenhaus in den Hamptons, ist nur eines von mehreren in Paltrows Portfolio. Sie besitzt außerdem ein Haus in Brent- wood, Kalifornien, und einen „Zufluchtsort der Ruhe“ mit Spa in Montecito, Santa Barbara, das sie in der amerikanischen „AD“ als ihr „ewiges Zuhause“ beschrieb. Das Anwesen in den Hamptons kaufte sie 2006 mit ihrem ersten Ehemann, dem Coldplay-Frontmann Chris Martin. Hier heiratete sie außerdem 2018 ihren zweiten Mann, den Fernsehautor und Produzenten Brad Falchuk. „GP wird in Kürze bei Ihnen sein“, werde ich informiert, während über mir der Donner grollt. „Sie ist gerade in der Sauna.“ Natürlich ist sie das. Hinter den üppigen Pflanzen, am anderen Ende des Pools, sehe ich tatsächlich eine Gestalt aus einer Konstruktion aus Holz ...

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INNERE RUHE ?Eine von Gwyneths Superkräften ist ihre Fähigkeit, den Lärm zu ignorieren und sich auf das zu konzentrieren, was sie tun möchte?, sagt ein guter Freund über Paltrow.
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... und Glas auftauchen. Paltrow trägt noch ihren Badeanzug, völlig unbeeindruckt davon, eine Fremde in ihrem Garten anzutreffen. Sie geht ins Haus und lässt mich am Gartentisch stehen wie einen Gast, der mehrere Stunden zu früh zu einer Party erschienen ist.

Sie beschreibt sich selbst als unpolitisch, aber sie ist Teil gesellschaftlicher Debatten. Der Launch einer Duftkerze namens „This Smells Like My Vagina“ im Januar 2020 ist ein gutes Beispiel für Paltrows Fähigkeit, Kontroversen auszulösen. „Die Kerzen sollten keine Schlagzeilen machen“, betont sie. „Wir tun niemals etwas, nur um skandalös zu sein. Es geht darum, herrschende Systeme und Ungerechtigkeiten zu entlarven, solche Sachen. Manchmal arbeiten wir an etwas, und ich denke, das wird wahrscheinlich Aufsehen erregen, aber das ist nicht unser Antrieb.“ Tatsächlich sprechen die Kerzen Goop-Themen an wie weibliche Lust, die Wechseljahre und sexuelle Gesundheit. „Ich wollte Tabus niederreißen. Frauen haben das Recht, sich in jeder Phase ihres Lebens wohlzufühlen und sich nicht zu schämen, wenn sich ihre Hormone ändern“, sagt sie. „Diese Scham, sich beim Sex gut zu fühlen oder mehrere Sexualpartner zu haben … Warum tragen Frauen die mit sich herum? Es ist so ätzend. Die müssen wir abschütteln. Und ich glaube, wenn ich diese Themen anspreche, kommt es nicht lüstern oder schmierig rüber, eben deshalb, weil ich ein nettes Mädchen von der Upper East Side bin.“ Geboren wurde sie allerdings in Kalifornien, in eine reiche Showbiz-Familie. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Cali-woo-woo und patrizischen Ostküstenprivilegien, die Paltrows Marke so stark macht. „Wenn mir etwas fehlt, suche ich nach Lösungen“, sagt sie. „Ich probiere verschiedene Ernährungsmethoden aus, bis ich eine finde, die funktioniert. Oder ich hinterfrage ein bestehendes Scheidungsparadigma und stelle es auf den Kopf. Oder ich sage, Frauen sollen ihre Sexualität voll und ganz ausleben können.“

Nicht alle ihre Theorien sind wissenschaftlich belegt. Ihre Lösungsvorschläge für Long Covid etwa wurden von Experten rundweg abgelehnt. Der medizinische Leiter der britischen Gesundheitsbehörde NHS beschrieb ihre Methoden wie Infrarotsaunen als „wirklich nicht die Lösungen, die wir empfehlen“. Nicht, dass sie sich viel um Kritik schert. „Im Grunde bringt mich nichts mehr aus der Ruhe“, sagt sie. Ich glaube ihr. „Eine von Gwyneths Superkräften ist nämlich ihre Fähigkeit, den Lärm zu ignorieren und sich auf das zu konzentrieren, was sie tun möchte und woran sie glaubt“, sagt ihr Freund Derek Blasberg. „Ich wünschte, sie könnte das abfüllen und unter dem Goop-Label verkaufen.“ Ob sie immer schon so unverwundbar war? „Nein“, sagt Paltrow. „Aber als ich berühmt wurde, habe ich aufgehört, irgendetwas über mich zu lesen … Ich war um die 23 Jahre alt, als ich beschloss, dass das alles unwichtiger Müll ist.“ Bis heute liest sie nichts von dem, was über sie veröffentlicht wird. Als Hollywood-Queen kann sie es sich schließlich leisten, sich von der normalen Welt abzuschotten.

„ DieseScham, sich beim Sex gut zu fühlen ... Die müssen wir abschütteln.“

Unser Treffen findet kurz vor Paltrows 50. Geburtstag am 27. September statt, ein Meilenstein für jede Frau, besonders für eine, die in der Öffentlichkeit steht. „Es fühlt sich unglaublich an“, sagt sie. Wirklich? Absolut ja. „Weil ich mir solche Sorgen gemacht habe, dass ich einen …“ Zusammenbruch erleiden würde? „Ja. Als ich 40 wurde, war es wirklich schwer für mich“, sagt sie. „So vieles war noch ungeklärt. Ich rang damit, was es für mein Leben und meine Karriere bedeutete, nicht mehr so begehrenswert zu sein, kommerziell betrachtet. Ich war nicht mehr reproduktionsfähig – und darüber definiert sich Sexyness doch in unserer Kultur. Die Gesellschaft betrachtet einen grundlegend anders, besonders, wenn man wie ich seit dem 20. Lebensjahr im Fokus steht und es gewohnt ist, die eigene Attraktivität zu verkaufen. Das war wirklich hart für mich. Dann kam auch noch das Ende meiner Ehe, und ich zog in die USA.“ Sie blickt strahlend auf. „Deshalb dachte ich, ich werde definitiv einen totalen Zusammenbruch haben, wenn ich 50 werde. Aber es ist großartig! Ich fühle mich so gut, ich bin so dankbar, dass ich lebe und gesund bin. Ich bin unsterblich in meinen Mann verliebt. Ich könnte nicht stolzer auf meine Kinder (Apple, 18, und Moses, 16) sein. Das Geschäft läuft. Wir haben so viel durchgemacht und sind immer noch da, obwohl uns anfangs so viel Wind ins Gesicht wehte.“

„Für ein erf ülltes Leben müssen wir uns selbst gegenüber rücksichtslos lo yal sein.“

Goop war schon immer ein Herzensprojekt. „Meine Motivation war, andere Menschen an meinen Entdeckungen teilhaben zu lassen. Ich bin immer schon diejenige gewesen, die andere um Tipps baten.“ Welchen Rat würde sie jetzt, mit 50, all jenen geben, die sich weniger selbstbewusst fühlen? „Das Wichtigste ist, rücksichtslos ehrlich zu sich selbst zu sein. Ehrlich in Bezug auf die Dinge, die wir unterdrücken, gegen die wir kämpfen, die nicht funktionieren. Ich glaube, für ein erfülltes Leben müssen wir uns selbst gegenüber rücksichtslos loyal sein. Manchmal stellt das dann das ganze Leben auf den Kopf.“

Also ein Leben ohne Bullshit? „Genau. Das war für mich lange sehr schwer, und jetzt frage ich mich: Wovor hatte ich bloß Angst?“ Nicht, dass sie 24 Stunden am Tag ekstatisch ist. „Ein Mensch zu sein bedeutet, bisweilen existenzielle Traurigkeit zu spüren. Es geht darum, diese Traurigkeit zuzulassen und keinen Martini zu trinken, was ich wahrscheinlich für eine lange Zeit ...“, sie driftet ab. „Wir alle lenken uns von unserem Schmerz ab: Instagram, Netflix, Alkohol, Einkaufen, Geschäftigkeit. So war es auch bei mir: Ich war so beschäftigt, so derart busy, dass ich meine Gefühle nicht fühlen musste.“ Sie ist sich nicht ganz sicher, ob ihre momentane Ausgeglichenheit bestehen bleibt. Es wird ein schweres Jahr. „Bald geht meine Tochter aufs College, ich werde 50“, sagt sie. „Es wird ein interessanter Herbst.“ In Paltrows Traumwelt würde sie heute sehr früh mit ihren Kindern zu Abend essen – „meistens paleo, milchfrei, weitgehend alkoholfrei“ – und dann mit Brad im Bett fernsehen. „Wir schauen gerade die Survival-Show ‚Alone‘ – wir lieben das“, erzählt sie. „Wenn Brad in Kalifornien arbeitet, schaue ich mir spanische Mordserien an.“

An diesem Abend schmeißt sie jedoch eine Pyjama-Party. Wegen des schlechten Wetters findet sie in der Scheune von Paltrows Freundin und Geschäftskollegin Amy Griffin statt. Ungefähr 30 Frauen haben sich bei ihr versammelt, um die Markteinführung des Peeling-Nachtserums zu feiern, und alle wurden angewiesen, ihre beste Nachtwäsche zu tragen. Paltrows langjährige Stylistin Elizabeth Saltzman kommt frisch von einer „epischen“ Gucci-Party, die in ihrem Garten stattfand. Savannah Guthrie, Moderatorin der „Today Show“ plaudert freundlich über ihr Scoop-Interview mit Amber Heard und das grausame Aufstehen am frühen Morgen. Kochbuchautorin (und Ehefrau von Jerry) Jessica Seinfeld schwebt mit dem bezaubernd sorglosen Gesichtsausdruck einer sehr wohlhabenden Person durch den Raum.

Der Abend ist sachlich und riecht nach Östrogen und Geld – ganz Goop eben. Gwyneth Paltrow wirkt in ihrem sonnenblumengelben Ensemble noch goldener. Sie trägt ihr Pyjama-Oberteil aufgeknöpft über einem passenden BH. Wenn sie am Kopfende des Tisches sitzt und über Arbeit, Urlaub und Kinder spricht, verkörpert sie die glamouröse ältere Schwester, der die Goop-Kundin nacheifert. Und dann, nach nur zwei Bissen Dessert, steht sie geräuschlos auf und verschwindet leise, während die Sonne hinter dem Horizont versinkt.

Kurz Bio

Gwyneth Paltrow wurde 1972 als Tochter des Regisseurs und Produzenten Bruce Paltrow und der Schauspielerin Blythe Danner geboren. Steven Spielberg ist ihr Patenonkel. Mit 24 Jahren verlobte sie sich mit Brad Pitt, nach der Trennung war sie einige Jahre mit Ben Affleck liiert. Sie wurde bekannt mit Rollen in „Sieben“ (1995), „Emma“ (1996) und „Shakespeare in Love“ (1998) für den sie schluchzend, in einem rosa Kleid von Ralph Lauren, einen Oscar entgegennahm. Ihre letzte Rolle hatte sie 2020 in der Netflix-Serie „The Politician“.