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Wozu Kampfkunst?


Taijiquan & Qigong Journal - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 16.05.2019

Eine Reflexion über das Wesen der Kunst und des Spielens Von Klaus-Heinrich Peters


Kampfkunst, die Kunst zu kämpfen und sich selbst und andere verteidigen zu können, wird häufig daran gemessen, wie gut sie dieses offenkundige Ziel erreicht. Aber ist das in der heutigen Zeit tatsächlich ihr wesentlicher Zweck? Klaus-Heinrich Peters reflektiert den Wert von Kampfkunst, wobei er den Fokus stärker auf die Kunst legt, die um ihrer selbst willen betrieben wird, ebenso wie das Spiel. Aus der Hingabe an die Sache selbst kann Transzendenz entstehen, die uns über uns selbst hinausführt.

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Why martial art? A reflection on the essence of art and play By Klaus-Heinrich Peters
Martial art, the art of fighting and of defending oneself and others, is often measured by how well it achieves this clear goal. But is that actually its essential purpose in the present day? Klaus-Heinrich Peters reflects on the value of martial art, whereby he puts the emphasis on the art that is practised for its own sake, and also on the aspect of play. Commitment to the thing itself can lead to transcendence that takes us beyond our self.

Wieso betreiben wir Kampfkunst? Was ist der eigentliche Sinn von Kampfkunst im Allgemeinen und Taijiquan im Besonderen? Für viele Kampfkünstler scheint das Thema der »Selbstverteidigung« eine hohe Priorität zu haben, und die Frage, ob die Kampfkunst denn »in der Realität« funktioniere, das wichtigste Kriterium für die Güte einer Kampfkunst zu sein.
Beginnen wir gleich dort: Mein Eindruck ist, dass der Selbstverteidigungsaspekt in der Kampfkunstszene viel zu hoch bewertet wird. Denn der angebliche Realitätstest einer Kampfkunst – nach dem Motto: Was machst du, wenn du »auf der Straße« angegriffen wirst? – ist zumindest in meiner eigenen Lebenswirklichkeit höchstunrealistisch , und zwar in zweierlei Hinsicht:
Erstens schlage ich mich nicht auf der Straße, ich gerate auch nicht in solche Situationen, und wenn ich doch angegriffen werden sollte (was nie passiert), werde ich wohl weglaufen und die Polizei rufen; denn ich kann wohl sicher sein, dass der Angreifer bewaffnet ist, und Kugeln kann ich persönlich nicht ausweichen.
Zweitens, wenn ich mich tatsächlich angegriffen fühle, dann passiert das nie »auf der Straße« und ein härterer Punch oder bessere Erdung würden mir auch nicht helfen. Denn was mich faktisch im wahren Leben angreift, sind Leute wie mein Vermieter, der die Nebenkosten fälscht, oder mein Telekommunikationsdienstleister, der falsch abrechnet, oder einfach ein unangenehmer Nachbar, der die Motorsäge anwirft, wenn ich schlafen möchte. Für diese Dinge brauche ich zur Selbstverteidigung einen Anwalt, oder doch eigenes juristisches Sachwissen, aber keine Kampfkunst. Die Dinge, die mich in dieser Welt hauptsächlich ärgern, sind fast immer unpersönlich, denn der Sachbearbeiter der Telekom hat ja keinen Fehler gemacht; und wenn ich ihm doch eine reinhauen möchte, so weiß ich, dass es wahrscheinlich den Falschen träfe und es mir hinterher leidtun würde.

Ich weiß natürlich nicht, welche Lebensumstände du hast und wo du lebst, aber wenn du wirklich Grund hast, um deine physische Integrität zu fürchten, solltest du nicht lieber einen Waffenschein machen, mit dem Messer kämpfen lernen und dann, ganz zum Schluss, irgendeine sanfte Kampfkunst, damit du nicht jeden halbgaren Schläger gleich umbringen musst?
Die angebliche »Realität« vieler Kampfkünstler ist, so gesehen, doch wohl eher eine ziemlich beschränkte Fantasie, weil sie die (immer noch) unübersehbare Vorherrschaft zivilisatorischer Umgangsformen schlicht ignoriert.

Spielerisches Boxen im Cheng Hsin Center in Texas: Nicht so sehr eine Übung in Selbst-Verteidigung, sondern vielmehr in Selbst-Losigkeit; auf dass die Spielenden die Idee und die Prinzipien des Spiels möglichst rein zu verkörpern lernen. Foto: K.-H. Peters


Worin liegt der Wert von Kampfkunst?

Trotzdem gilt der »Straßenkampf« vielen immer noch als paradigmatische Situation, auf die sich alles Üben der Kampfkunst beziehen sollte, und die Kampfkünste, insbesondere die »Sanften« gelten dann als spielerisches Modell der Realität, das dazu dient, das Kämpfen spielend zu lernen. Und in der Tat, auch beim Taijiquan lernen wir Prinzipien und Fertigkeiten, die in einer physischen Auseinandersetzung extrem erfolgreich angewendet werden können. Hinzu kommen die persönlichkeitsfördernden Wirkungen, die eine Situation, in der gekämpft werden müsste, schon in der Entstehung verhindern. Ein sicheres und lässiges Auftreten sowohl physisch im Sinne von Gleichgewicht und Entspannung als auch mental im Sinne von Selbstvertrauen verhindert wohl tatsächlich in einem großen Prozentsatz der Fälle, überhaupt zum Ziel von Gewalt zu werden.
Diese Dinge sind bekannt und benannt und sicher auch richtig, und man könnte noch manches andere Argument dieser Art hinzufügen, doch mir bleibt bei dieser Form der Argumentation immer ein schaler Nachgeschmack: Das Erlernen einer großen Kunst mit ein paar nutzbringenden Nebeneffekten zu begründen finde ich ungefähr so erhellend, wie das für die Raumfahrt investierte Geld mit der Entdeckung und Entwicklung der Teflonpfanne zu rechtfertigen – die Älteren unter den Lesern werden sich erinnern. Denn wenn dieses Argument tatsächlich ernst gemeint gewesen wäre, wieso hätte man das Geld nicht gleich zielgerichtet in die Entwicklung vernünftiger Haushaltsgeräte stecken sollen? Genau wie bei der Raumfahrt steckt der eigentliche Wert und die eigentliche Motivation der Kampfkunst nicht primär in ihrem praktischen Nutzen, und ist auch nicht in ihren Abfallprodukten zu finden.
Gesetzt, diese Überlegung gelte für jede Kunst (und der gespannte Bogen von Raumfahrt zu Kampfkunst scheint mir weit genug zu sein, um diese Vermutung nahezulegen), dann stellt sich die Frage nun so: Was ist Kunst, wenn wir aufhören, die Kunst weder vom Können des Künstlers noch aus ihren Nebeneffekten her zu denken – und seien diese noch so betörend? Was, wenn wir aufhören, die Kunst vom Standpunkt des Überlebens aus zu beurteilen und uns ständig zu fragen: »Was tut sie für mich, wozu dient sie?«, und stattdessen fragen: »Was ist denn Kunst – für sich?« Genau das: Kunst ist für sich.
Wo immer ein »für sich« sichtbar und gewollt ist, nennen wir es »Kunst«. Schau dir die Künste an: Ein Schauspiel oder Film ist nur dann Kunst, wenn nicht nur und nicht allein zum Zwecke der Unterhaltung oder zum Zwecke der Belehrung aufgeführt wird. Natürlich kann es auch unterhaltsam oder belehrend sein, aber es braucht, um Kunst zu sein, immer auch dieses in sich geschlossene und auf sich selbst beruhende »Mehr«. In der Musik können wir emotional bewegt sein oder das Können des Musikers bewundern – um wirklich Kunst zu sein, braucht es aber auch diese in sich stehende Gültigkeit des Stücks, die über bloßen Selbstausdruck des Künstlers und über bloßes Gefallen auf Seiten des Hörers hinausgeht.
Die Artisten im Zirkus, der Maler, die Schriftstellerin: Es sind nicht die Fertigkeiten als solche und erst recht nicht das Gefallen der Zuschauer, Betrachter, Leser, die das Eigentliche der Kunst ausmachen, sondern jeweils das »Für-sich-Stehen« des Werkes, hinter dem sowohl Künstler als auch Konsument zurücktreten. Deutlich wird dies besonders in Werken, die man selbst nicht mag, deren künstlerische Qualität aber von unverkennbarer Brillanz zeugt (für mich persönlich: Picasso); oder bei der sich den Nebeneffekten, Zwecken und Emotionen insgesamt verweigernden Kunst, wie zum Beispiel moderner Installationskunst. Wenn auf alles Zweckmäßige, alles Emotionale verzichtet wird, tritt der »Für-sich«-Aspekt der Kunst besonders deutlich hervor.
Dieses »Mehr«, was den Unterschied von Kunst und Zweckdienlichem ausmacht, ist das »für sich«, das über mich und meine Bedürfnisse hinausweist, jenes Größere, welches sich nicht um mich und mein Überleben (im weitesten Sinne) und mein Gefallen schert.
Wie können wir dieses »Mehr« genauer fassen, dieses »Mehr«, das zu den endlosen und sicherlich unentscheidbaren Diskussionen über »ist das Kunst?« führt? Das Künstlerische der Kunst ist gerade weder objektiv zu erweisen noch einfach nur eine subjektive Geschmacksfrage. (siehe dazu Kants »Analytik des Schönen« in seiner »Kritik der Urteilskraft«, Philipp Reclam, 1963 (die Originalausgabe erschien 1790)) Wie kann man verstehen, dass Kunst einerseits von Menschen für menschliche Betrachtung gemacht und für Menschen bedeutungsvoll sein soll, aber andererseits wesentlich gerade für sich stehen soll und sich um sich selbst drehenmuss ? Kann man den Gegensatz zwischen den offensichtlich nicht-objektiven und den gerade herausgearbeiteten trans-subjektiven Aspekten des Kunst-Phänomens genauer herausarbeiten? Man kann, aber zu dem Preis, dass man selbstverständliche Denkgewohnheiten über Bord werfen muss. Hören wir, um einen kurzen Eindruck davon zu erhalten, etwa Martin Heidegger:
»Im Werk der Kunst hat sich die Wahrheit des Seienden ins Werk gesetzt. […]Das Sein des Seienden kommt in das Ständige seines Scheinens. « Und später heißt es:»Schönheit ist eine Weise, wie Wahrheit als Unverborgenheit west.« (Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerks, in »Holzwege «, Vittorio Klostermann 1950, S. 21 und S. 42) Fassen wir dies nur als Wink, wohin die weitere Analyse gehen könnte; als zunächst nebelige Aussicht auf ferne zu erwandernde Gipfel, die die Möglichkeit erahnen lassen, dass das Verhältnis von Kunst und »Realität« gerade umgekehrt sein könnte, als uns der Alltagsverstand klarmachen möchte. Dass es sein könnte, dass sich das Sein der Realität in der Kunst ereignet und so den gewohnten Blickwinkel, dass sich das Seiende der Kunst – das Kunstwerk – in der Realität ereignet, ermöglicht. Lass es Denkanstoß sein, denn an dieser Stelle möchte ich abbiegen und mich mit den bisher gesammelten Eindrücken auf den Rückweg zu unserem eigentlichen Thema, der Kampfkunst machen.

links: Beim heiteren Spiel auf der Matte stellt sich oft eine Selbstvergessenheit ein, die sich um Sinn oder Nutzen nicht mehr kümmert.


Foto: Jochen Rester

rechts: Der frühere Freikampf-Weltmeister Peter Ralston wird oft als »Muhammad Ali der inneren Kampfkunst « bezeichnet. Beide gelten als Musterbeispiele dafür, wie meisterhafte Funktionalität in Anmut und Grazie umschlagen kann.


Foto: Epi van de Pol

Spielen um zu spielen

Auf dem Rückweg begegnet uns zuerst das Phänomen des Spielens. Das Spiel ist der Zwilling der Kunst. Sobald sich Kunst nicht mehr in einem materiellen Werk manifestiert, sondern in der gegenwärtigen Interaktion, sprechen wir vom Spiel. Für das Spielen gelten deshalb die gleichen Aussagen wie oben für die Kunst: Das Spiel, im Gegensatz zum Ernst (Realität) gilt entweder als Luxus oder als Kinderkram, in jedem Falle gilt: Spielen soll man, solange man dabei Sinnvolles lernt. Doch jeder weiß, oder kann sich zumindest erinnern, dass wahres Spielen sich wenig mit erhobenen Zeigefingern oder anderen sinngebenden Aktivitäten verträgt.

In einem Kontext formaler Strenge, wie ihn die choreographierte Bewegungsfolge beim Sanshou herstellt, treten grundlegende Bewegungs- und Interaktionsprinzipien besonders deutlich zutage.


Foto: Archiv K.-H. Peters

Ein Spiel, das nicht um seiner selbst willen gespielt wird, ist eben nicht mehr Spiel. Dabei ist völlig unerheblich, welche Fähigkeiten man tatsächlich, als Nebenwirkung, noch erwirbt. Beim Spielen, im Akt des Spielens, zählt das Spiel, und nur das Spiel. Das Spiel ist der Ort, an dem uns Anmut und Grazie begegnen, so sehr, dass, wenn du »in der Realität« Anmut und Grazie antriffst, die Situation dann eben spielerisch erscheint, spielerisch leicht gelöst wird, kurz: die Realität zum Spiel geworden ist.
Kampfkunst ist die Kunst der Interaktion, und diese Kunst manifestiert sich im Spielen. Wir spielen mit dem Partner, werfen und pushen uns, geben nach, folgen, führen und fügen. Wir versuchen uns im Einklang mit den äußeren Kräften und den Absichten und Kräften unseres Partners zu bewegen. Wir drängen unser Ego aus dem Weg, um unsere Handlungen und Absichten den Prinzipien zu überlassen. Wir geben nach, bis es in der Seele wehtut, und, auf diese Weise weichgeklopft, werden wir offen für Anderes, für den Partner, für die Möglichkeiten, die sich im Spiel zweier Körper und zweier Geister ergeben. In diesem Spiel ereignet sich die Hingabe an das, was wir schon sind: Körper, der Schwerkraft unterworfen, Bewegung, Absicht, Bewusstheit; und Welt. Im Spiel, in der Schönheit seiner Selbstvergessenheit, manifestieren sich die Prinzipien von Körper, Welt und Interaktion: Sie»kommen in das Ständige ihres Scheinens« . Im Einlassen auf das Spiel erscheinen die Weltlichkeit der Welt, die Körperlichkeit des Körpers, die Geistigkeit des Geistes und das Gegenüber meines Partners in ihrer»Unverborgenheit« . Vielleicht kann man so verstehen, dass man beim Spielen mit dem »Über-mich-selbst-Hinaus «, also dem wörtlich Transzendenten in Kontakt kommt, ganz im Gegensatz zur ernsten »Selbstverteidigungssituation«, die sich, wie der Name schon sagt, vollständig um mich und meine Zwecke dreht. Im Spiel gründet sich die Kampfkunst in sich selbst und in der Einheit von Form und Gehalt wird sie selbstund inständig. In dieser Eigenständigkeit zeigt sich das »für sich« jeder Kunst.
Zurück zur Ausgangsfrage: Wieso also betreiben wir Kampfkunst – oder warum sollte man es tun? Antwort: kein Grund. Kampfkunst ist Spiel und als solches duldet sie externe Zwecke nicht dauerhaft. Es gibt verschiedene positive Nebeneffekte, sogar sehr spezifische Nebeneffekte, die nirgends sonst erhältlich wären. Aber das ist nicht der Kern und kein dauerhaft tragender Grund. Am Ende gibt es nur den einen Grund, und das ist die Sache selbst. Nur in der Freiheit von Zielen und Zwecken kann diese Liebe reifen, und in der Schönheit des Spiels kann sich die Grazie und Anmut des Menschlichen entfalten.

Dr. Klaus-Heinrich Peters ist theoretischer Physiker und übt seit 25 Jahren Taijiquan, die meiste Zeit in der von Peter Ralston entwickelten Variante namens »Cheng Hsin«. In diesem System hält er den dritten Grad und ist einer von weltweit fünf aktiven von Peter Ralston zertifizierten Lehrern. Er unterrichtet Cheng Hsin europaweit und arbeitet zurzeit an einer Synthese seiner verschiedenen intellektuellen und kampfkünstlerischen Einflüsse unter dem Arbeitstitel »Gravitaichi «. www.chenghsin.dewww.effortless-power.de