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Wozu Reue gut ist


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Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 12.10.2022
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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 11/2022

Am 24. Oktober 1960 traf ein Komponist namens Charles Dumont mit Angst im Herzen und Songs in der Aktentasche in der schicken Pariser Wohnung von Édith Piaf ein. Damals war Édith Piaf wohl die berühmteste Entertainerin Frankreichs und eine der bekanntesten Sängerinnen der Welt. Sie war außerdem sehr zerbrechlich. Obwohl sie gerade erst 44 Jahre alt war, hatten Drogensucht, Unfälle und ein schweres Leben ihrem Körper stark zugesetzt. Piaf wog zu diesem Zeitpunkt weniger als 45 Kilo. Drei Monate zuvor hatte sie wegen eines Leberschadens im Koma gelegen.

Doch trotz ihres hinfälligen Zustands hatte sich an ihrer berüchtigten Launenhaftigkeit und ihrem hitzigen Temperament nichts geändert. Sie hielt Dumont und Songtexter Michel Vaucaire, mit dem Dumont zusammenarbeitete und der ihn bei diesem Besuch begleitete, für zweitklassige musikalische Talente. Früher am Tag hatte Piafs Sekretärin noch versucht, ...

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... das Treffen abzusagen. Piaf weigerte sich erst mal, den Besuch zu empfangen, die Männer mussten in ihrem Wohnzimmer warten. Kurz bevor sie schlafen ging, gab sie jedoch nach und tauchte, eingewickelt in einen blauen Morgenmantel, dann aber doch auf.

Sie werde sich genau einen Song anhören, erklärte sie ihnen. Mehr nicht.

Dumont setzte sich an Piafs Klavier. Nervös schwitzend begann er, seine Komposition zu spielen und leise Vaucaires begleitende Lyrics aufzusagen.

Non, rien de rien Non, je ne regrette rien (Nein, rein gar nichts. Nein, ich bereue nichts)

Wenige Wochen später sang Piaf den zwei Minuten und 19 Sekunden langen Song im französischen Fernsehen. Als sie ihn im Dezember als furiosen Abschluss eines Konzerts performte, das dazu beitrug, das Olympia vor dem finanziellen Ruin zu bewahren, wurde sie 22-mal vor den Vorhang gerufen. Bis zum Ende des folgenden Jahres hatten ihre Fans über eine Million Exemplare ihrer Je ne regrette rien-Schallplatte gekauft, was der Chanteuse zum Ikonenstatus verhalf. Zwei Jahre später war Édith Piaf tot. Einige Überzeugungen wirken im Stillen, wie existenzielle Hintergrundmusik. Andere werden zu Lobgesängen auf eine bestimmte Lebensweise. Und nur wenige Credos werden lauter verkündet als der Grundsatz, Reue sei schlecht – dass sie Zeitverschwendung sei und unser Wohlbefinden sabotiere. Aus jedem Winkel der Kultur dröhnt die Botschaft: Vergiss die Vergangenheit, erobere die Zukunft! Meide das Bittere, genieße das Süße! Reue stört beides. Sie ist rückwärtsgewandt und unangenehm – ein Giftstoff im Blutkreislauf des Glücks.

US-Amerikaner empfinden häufiger Reue,

Kein Wunder also, dass Piafs Song noch immer überall auf der Welt so beliebt und ein Maßstab für andere Musiker ist. Zu all den Künstlern, die derlei No regrets-Songs aufgenommen haben, zählen die Jazzlegende Ella Fitzgerald, der britische Popstar Robbie Williams, die in die Country Music Hall of Fame aufgenommene Emmylou Harris und der Rapper Eminem. Luxusautomarken, Schokoriegel und Versicherungsgesellschaften – sie alle bekennen sich zu dieser Philosophie, indem sie Piafs Je ne regrette rien in ihrer Fernsehwerbung nutzen.

„Ich glaube nicht an Reue“, sagt Angelina Jolie. „Ich glaube nicht an Reue“, sagt Bob Dylan – und ich würde wetten, ungefähr die Hälfte aller Selbsthilfebücher in Ihrem Buchladen vor Ort. Warum Regenwolken herbeirufen, wenn wir in den sonnigen Strahlen der Positivität baden können? Warum bereuen, was wir gestern getan haben, wenn wir von grenzenlosen zukünftigen Möglichkeiten träumen können?

Diese Weltsicht ergibt intuitiv Sinn. Sie fühlt sich schlüssig an. Doch sie hat einen nicht unerheblichen Fehler. Sie ist vollkommen falsch.

Zeitreisen und Geschichtenerzählen

Wir sollten die Aufrichtigkeit von Menschen, die sagen, dass sie nichts bereuen, nicht anzweifeln. Vielmehr sollten wir sie als Schauspieler betrachten, die eine Rolle spielen – und dies so oft und voller Inbrunst tun, dass sie schließlich glauben, die Rolle sei real. Diese Selbsttäuschung ist weit verbreitet. Manchmal kann sie sogar gesund sein. Doch meistens hindert die Schauspielerei die Menschen daran, die schwierige Arbeit zu leisten, die zu echter Zufriedenheit führt.

Denken Sie an Édith Piaf, die perfekte Performerin. Sie behauptete – verkündete sogar überall –, dass sie nichts bereue. Doch ein kurzer Rückblick auf ihre 47 Jahre auf Erden offenbart ein Leben voller Tragik und Probleme. Mit 17 bekam sie ein Kind, das sie der Fürsorge anderer überließ und das starb, bevor es drei geworden war. Empfand sie nicht das geringste Bedauern über seinen Tod? Sie war einen Teil ihres Erwachsenenlebens alkoholabhängig und einen anderen Teil morphiumsüchtig. Bereute sie nicht die Abhängigkeiten, die ihr Talent erstickten? Sie führte, gelinde gesagt, ein turbulentes Privatleben, das eine katastrophale Ehe, einen ums Leben gekommenen Geliebten und einen zweiten Ehemann mit einschloss, dem sie Schulden auf halste. Bereute sie nicht zumindest einige ihrer Entscheidungen in Liebesdingen? Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Piaf auf dem Totenbett ihre Entscheidungen feierte, vor allem da viele von ihnen sie Jahrzehnte vor ihrer Zeit an dieses Totenbett gefesselt hatten.

Reue ist nichts Gefährliches oder Anormales, kein Umweg auf dem andernfalls direkten Weg zum Glück. Sie ist gesund und allgegenwärtig, ein wesentlicher Teil des Menschseins. Sie wirkt klärend. Bringt einem was bei. Wenn wir richtig mit ihr umgehen, muss sie uns nicht herunterziehen; sie kann uns Auftrieb geben. Das ist die Schlussfolgerung aus einer Forschungslinie, die inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert weit zurückreicht.

Forschungsteams aus den Wirtschaftswissenschaften und der Spieltheorie begannen in den 1950er Jahren ihre Auseinandersetzung mit dem Thema. Einige von ihnen brachen mit der gängigen Sichtweise auf die Reue. Zu diesen Abtrünnigen zählten die inzwischen zu Legenden gewordenen Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky. Sie erkannten, dass ein schärferer Blick auf die Reue nicht nur ein besseres Verständnis risikoreicher Verhandlungen, sondern auch der menschlichen Psyche selbst ermöglichte. In den 1990er Jahren weitete sich das Fachgebiet noch weiter aus und wissenschaftliche Teams aus der Sozial-, Entwicklungs- und Kognitionspsychologie begannen, das Innenleben der Reue zu erforschen.

Was ist das eigentlich, was wir Reue nennen? Obwohl sich dieses Gefühl so leicht erkennen lässt, fällt es erstaunlich schwer, es zu definieren. Reue lässt sich besser verstehen, wenn man sie weniger als Sache, sondern vielmehr als Prozess betrachtet. Der Prozess beginnt mit zwei einzigartigen Fähigkeiten unseres Geistes: Zeitreisen und Geschichtenerzählen. Wir können in Gedanken die Vergangenheit und die Zukunft besuchen. Und wir können die Geschichte von etwas erzählen, das in Wirklichkeit nie passiert ist. Menschliche Wesen sind sowohl erfahrene Zeitreisende als auch geschickte Geschichtenerzähler. Diese beiden Fähigkeiten verbinden sich zu der kognitiven Doppelhelix, die die Reue hervorbringt.

als sie die Zähne mit Zahnseide reinigen

Nehmen Sie beispielsweise das folgende Reuegefühl, das im Rahmen des World Regret Survey geäußert wurde, eines Onlineprojekts, an dem bislang über 20 000 Menschen aus 105 Ländern teilnahmen:

„Ich wünschte, ich wäre meinem Wunsch gefolgt, den Hochschulabschluss in dem von mir gewählten Studienfach zu machen, statt den Wünschen meines Vaters nachzugeben und dieses Studium dann hinzuschmeißen. Mein Leben würde jetzt anders aussehen. Es wäre befriedigender, erfüllender, und ich hätte das Gefühl, mehr erreicht zu haben.“

In nur wenigen Worten vollbringt diese 52-Jährige aus Virginia ein verblüffendes Kunststück zerebraler Agilität. Unzufrieden mit der Gegenwart, kehrt sie im Geiste in die Vergangenheit zurück – in eine Jahrzehnte zurückliegende Zeit, in der sie als junge Frau über ihren Bildungs- und Berufsweg nachdachte. Dort angekommen, verkehrt sie, was wirklich geschehen ist – dass sie sich den Wünschen ihres Vaters gefügt hat. Und sie ersetzt das tatsächlich Geschehene durch eine Alternative: Sie schreibt sich in dem Graduiertenprogramm ein, das sie bevorzugt. Dann hüpft sie zurück in ihre Zeitmaschine und rast vorwärts. Doch da sie die Vergangenheit rekonfiguriert hat, unterscheidet sich die Gegenwart, die sie antrifft, als sie dort ankommt, stark von der, die sie vor wenigen Momenten verlassen hat. In dieser neu gestalteten Welt ist sie zufrieden, erfüllt und vollkommen.

Die Kombination von Zeitreisen und Fabulierkunst ist eine dem Menschen eigene Superkraft. Es ist schwer vorstellbar, dass irgendeine andere Spezies etwas so Kompliziertes vollbringt.

Diese Kraft ist so grundlegend für unsere Entwicklung und so entscheidend für unsere Funktionstüchtigkeit, dass ihr Fehlen bei Erwachsenen ein Zeichen für ein schwerwiegendes Problem sein kann. Eine Studie aus dem Jahr 2004 macht dies deutlich. Ein Forschungsteam um die französische Neurowissenschaftlerin Nathalie Camille entwarf ein einfaches Glücksspiel, bei dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eins von zwei computergesteuerten rouletteartigen Rädern auswählen und es dann drehen sollten. Abhängig davon, wo der Pfeil auf ihrem Rad landete, gewannen oder verloren sie Geld. Wenn die Teilnehmer ein Rad drehten und Geld verloren, fühlten sie sich nicht besonders gut. Was nicht verwunderlich ist. Doch wenn sie ein Rad drehten, Geld verloren und erfuhren, dass sie Geld gewonnen hätten, wenn sie sich für das andere Rad entschieden hätten, fühlten sie sich richtig schlecht. Sie empfanden Reue.

Es gab jedoch einige, die sich nicht schlechter fühlten, als sie herausfanden, dass eine andere Wahl zu einem besseren Ergebnis geführt hätte: diejenigen mit Gehirnschädigungen im orbitofrontalen Kortex. Sie „scheinen überhaupt keine Reue zu empfinden“, schrieben Camille und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift Science. „Diese Patienten verstehen diese Vorstellung nicht.“ Mit anderen Worten: Die Unfähigkeit, Reue zu empfinden – in gewisser Weise das Ideal dessen, wozu die No regrets-Philosophie ermutigt –, war kein Vorteil. Sie war ein Zeichen für einen Hirnschaden. Das Muster ist bei anderen Hirnerkrankungen ähnlich. Kurz gesagt: Menschen ohne Reue sind oft schwer krank. Was genau macht diese Fähigkeit aus, die ihnen fehlt?

Kehren wir zu der 52-jährigen Frau aus der Umfrage zurück, die sich wünscht, sie wäre ihren eigenen Bildungswünschen statt den Wünschen ihres Vaters gefolgt. Angenommen sie leidet einfach nur deswegen, weil ihre derzeitige Situation miserabel ist. Das allein macht noch keine Reue aus. Es ist Traurigkeit, Melancholie oder Verzweif lung. Reue entsteht daraus erst dann, wenn sie wie geschildert die Zeitmaschine besteigt, die Vergangenheit verkehrt und ihre unbefriedigende tatsächliche Gegenwart mit dem vergleicht, was hätte sein können. Vergleiche bilden den Kern der Reue.

Auf Reue programmiert

Hinzu kommt ein zweiter Faktor, nämlich eine Schuldzuweisung an die eigene Person: Reue richtet sich auf Fehler, die wir uns selbst und nicht anderen zuschreiben. Eine Studie ergab, dass rund 95 Prozent all dessen, was Menschen bereuen, mit Situationen verbunden sind, die sie kontrolliert haben, statt mit äußeren Umständen. Das unterscheidet die Reue von einem negativen Gefühl wie Enttäuschung – und macht sie weitaus quälender. Ich könnte zum Beispiel enttäuscht sein, dass das Basketballteam meiner Heimatstadt, die Washington Wizards, nicht die NBA-Meisterschaft gewonnen hat. Doch da ich das Team weder trainiere noch selbst mitspiele, bin ich nicht dafür verantwortlich und kann es deswegen nicht bereuen.

Oder nehmen Sie ein Beispiel von Janet Landman, einer ehemaligen Professorin der University of Michigan, die ausführlich über das Thema Reue geschrieben hat. Eines Tages verliert ein Kind seinen dritten Zahn. Bevor es schlafen geht, legt es den Zahn unter sein Kopf kissen. Als es am nächsten Morgen aufwacht, stellt es fest, dass die Zahnfee vergessen hat, den Zahn durch einen Preis zu ersetzen. Das Kind ist enttäuscht. Doch es sind „die Eltern des Kindes, [die] den Fehler bereuen“.

„Der kognitive Apparat der Menschen ist auf Reue vorprogrammiert“, bringen es die Wissenschaftler Rik Pieters und Marcel Zeelenberg auf den Punkt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Reue – trotz all der Aufrufe, sie auszumerzen – erstaunlich weit verbreitet ist.

Reue sorgt dafür, dass wir uns schlechter fühlen,

Zusammen mit einem kleinen Team von Fachleuten aus der Umfrageforschung entwarf und führte ich im Jahr 2020 das American Regret Project durch, die größte quantitative Analyse der Einstellung zur Reue in den USA. Wir befragten 4498 Menschen, die eine repräsentative Stichprobe der amerikanischen Bevölkerung darstellten, zu ihrem Verhalten. Dabei mieden wir absichtlich das Wort Reue: „Wie oft schauen Sie zurück auf Ihr Leben und wünschen sich, Sie hätten anders gehandelt?“

Nur ein Prozent der von uns Befragten sagten, dass sie dies nie tun – und weniger als 17 Prozent tun es selten. Unterdessen berichteten 43 Prozent, dass sie es häufig oder ständig tun. Insgesamt geben sage und schreibe 82 Prozent an, dass diese Aktivität zumindest gelegentlich zu ihrem Leben gehört. Das heißt, dass die US-Amerikaner viel eher etwas bereuen, als sie sich die Zähne mit Zahnseide reinigen. Dieses Ergebnis deckt sich mit dem, was Forscher seit 40 Jahren feststellen.

2008 untersuchten die Sozialpsychologen Colleen Saffrey, Amy Summerville und Neal Roese negative Gefühle im Leben der Menschen. Sie gaben ihren Probandinnen und Probanden eine Liste mit neun dieser Gefühle: Wut, Besorgnis, Langeweile, Enttäuschung, Angst, Schuld, Eifersucht, Reue und Traurigkeit. Dann stellten sie ihnen eine Reihe von Fragen über die Rolle, die diese Gefühle in ihrem Leben spielten. Das Gefühl, das die Befragten am häufigsten empfanden, war Reue. Das Gefühl, das sie am meisten schätzten, war ebenfalls Reue.

Die Macht des Kontrafaktischen

Forscherinnen und Forscher aller Fachrichtungen, die sich dem Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit einer Vielzahl von Methoden nähern, kommen zum gleichen Ergebnis. Thomas Gilovich und Victoria Husted Medvec fassen es so zusammen: „Leben, so scheint es, heißt, zumindest ein paar Dinge zu bereuen.“

Biografinnen und Journalisten fanden heraus, was Piaf am 10. Oktober 1963, weniger als drei Jahre nach der Aufnahme des Songs, der ihren Ruhm besiegelte, durch den Kopf ging. Während sie im Bett lag, kurz davor, ihren 47 Jahre alten, böse zugerichteten Körper zu verlassen, sollen ihre letzten Worte gewesen sein: „Für jede verdammte Sache, die du im Leben tust, musst du bezahlen.“ Klingt das nach einer Person, die nichts bereut?

Doch wenn Piaf der Reue früh genug ins Auge gesehen hätte, statt zu versuchen, sich an ihr vorbeizuwinden, hätte sie etwas noch Wichtigeres erkannt: Jede verdammte Sache, die du im Leben tust, kann sich bezahlt machen. Denn Reue macht uns nicht nur menschlich. Sie lässt uns auch besser werden. Die menschliche Superkraft – unsere Gabe, im Geiste durch die Zeit zu reisen und Ereignisse und Ergebnisse heraufzubeschwören, die es nie gegeben hat – befähigt zu „kontrafaktischem Denken“: Wir können Ereignisse ersinnen, die den Fakten zuwiderlaufen. „Kontrafakten sind […] ein typisches Beispiel für die Vorstellungskraft und Kreativität, die sich zwischen den Polen von Denken und Fühlen bewegen“, schreiben Neal Roese von der Northwestern University und Kai Epstude von der Universität Groningen, zwei führende Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Kontrafakten machen es uns möglich, uns vorzustellen, was hätte sein können.

Kontrafakten können in zwei Richtungen weisen – nach unten oder nach oben. Bei „abwärtsgerichteten Kontrafakten“ denken wir darüber nach, dass eine Alternative noch schlimmer hätte sein können. Sie veranlassen uns zu sagen: „Wenigstens …“ – wie in „Klar, ich hab nur eine Drei plus in dieser Klausur bekommen, aber wenigstens habe ich den Kurs bestanden und muss ihn nicht noch einmal wiederholen“. Lassen Sie uns diese Art von Kontrafakten Wenigstens-Aussagen nennen. Bei der anderen Variante handelt es sich um „aufwärtsgerichtete Kontrafakten“. Bei diesen stellen wir uns vor, dass etwas besser hätte laufen können. Sie veranlassen uns zu sagen: „Wenn doch nur …“ – wie in „Wenn ich doch nur öfter zu dem Kurs gegangen wäre und alles gelesen hätte, was ich lesen sollte, hätte ich eine viel bessere Note bekommen“. Lassen Sie uns diese Kontrafakten Wenn-dochnur-Aussagen nennen.

Wenigstens-Aussagen sorgen dafür, dass wir uns besser fühlen. „Ich bin nicht befördert worden, aber wenigstens wurde ich nicht gefeuert.“ Derlei Aussagen bieten Trost. Wenn-doch-nur-Aussagen hingegen bewirken, dass wir uns schlechter fühlen. „Wenn ich doch nur ein paar anspruchsvolle Aufgaben mehr übernommen hätte, wäre ich befördert worden.“ Derlei Aussagen sorgen für Unbehagen.

Man sollte also annehmen, dass wir Menschen die erste Kategorie bevorzugen – dass wir die Wärme von Wenigstens der Kälte von Wenn doch nur vorziehen. Schließlich sind wir so veranlagt, dass wir das Vergnügen suchen und den Schmerz meiden – dass wir ein Schokoladentörtchen einem Früchtesmoothie vorziehen und Sex mit unserem Partner einer Steuererklärung.

damit wir es morgen besser machen

Doch die Wahrheit sieht anders aus. Forscherinnen und Forscher baten Menschen, täglich Tagebuch zu führen, um deren Gedanken rückverfolgen zu können. Oder sie fragten sie danach, was ihnen gerade durch den Kopf gehe. Dabei entdeckten sie, dass die Wenn-doch-nur-Gedanken erheblich häufiger vorkommen als Wenigstens-Gedanken.

Zwei Jahrzehnte Forschung zum kontrafaktischen Denken offenbaren eine Merkwürdigkeit: Gedanken über die Vergangenheit, die dafür sorgen, dass wir uns besser fühlen, sind relativ selten, während Gedanken, die dazu führen, dass wir uns schlechter fühlen, sehr oft auf kommen. Sind wir alle Selbstsabotage betreibende Masochistinnen und Masochisten?

Nein – oder zumindest nicht alle. Wir sind vielmehr auf das Überleben programmierte Organismen. Wenigstens-Kontrafakten schonen unsere Gefühle im Moment, doch sie verbessern nur selten unsere künftigen Entscheidungen oder Leistungen. Wenn-doch-nur-Kontrafakten geben uns im Moment ein schlechteres Gefühl, können aber – und das ist entscheidend – später unser Leben verbessern.

Reue ist der Inbegriff des aufwärtsgerichteten Kontrafakts – das ultimative Wenn doch nur. Ihr Zweck ist, dafür zu sorgen, dass wir uns schlechter fühlen – denn damit hilft sie uns, es morgen besser zu machen. 

Dieser Text ist ein redaktionell bearbeiteter Auszug aus dem Buch des amerikanischen Bestsellerautors Daniel H. Pink, das in der Übersetzung von Ursula Pesch am 27. Oktober bei Allegria erscheinen wird: Die Kraft der Reue. Wie der Blick zurück uns hilft, nach vorn zu schauen. Wir danken dem Verlag für die Vorabdruckgenehmigung