Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 7 Min.

WRACKTAUCHEN IN NORWEGEN: VERSTECKT & CESUNKEN


TAUCHEN ehemals unterwasser - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 12.05.2020

Aus Verstecken wurden Gräber: Norwegens Fjorde dienten im Zweiten Weltkrieg vor allem den Deutschen als Stützpunkte gegen die Alliierten. Viele davon wurden später zu Gräbern ihrer Besatzungen. Heute verbergen sie Wracks und noch so manches Geheimnis, wie unser Autor bei einem Kurzbesuch erfuhr.


Artikelbild für den Artikel "WRACKTAUCHEN IN NORWEGEN: VERSTECKT & CESUNKEN" aus der Ausgabe 6/2020 von TAUCHEN ehemals unterwasser. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TAUCHEN ehemals unterwasser, Ausgabe 6/2020

SS Konsul Carl Fisser


Es ist früher Nachmittag. Der Himmel hat einen seltsamen violetten Farbton. Kaum war die Sonne über den schneebedeckten Gipfeln der Berge aufgegangen, kehrt sie auch schon wieder zum Horizont zurück. Gefrorenes Gras und Blätter zerplatzen bei jedem Schritt unter den Füßen. Als ich auf der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,49€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von TAUCHEN ehemals unterwasser. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2020 von GALERIE: Die Meister…. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GALERIE: Die Meister…
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von SERVICE: SCHON GESEHEN?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SERVICE: SCHON GESEHEN?
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von NOCH LÄUFT DIE »PUMPE«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NOCH LÄUFT DIE »PUMPE«
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von SERVICE: SEEPFERDCHEN: IMMUNWUNDER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SERVICE: SEEPFERDCHEN: IMMUNWUNDER
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von SERVICE: AKKU-BRÄNDE: GEFAHRGUT AKKU. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SERVICE: AKKU-BRÄNDE: GEFAHRGUT AKKU
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von SEESTERNE: WIE VON EINEM ANDEREN STERN: Seesterne. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SEESTERNE: WIE VON EINEM ANDEREN STERN: Seesterne
Vorheriger Artikel
SEESTERNE: WIE VON EINEM ANDEREN STERN: Seesterne
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel SHARKPROJECT: STATT »SUPERJAH R« KAM: COVID-19
aus dieser Ausgabe

... Klippe der Halbinsel Tueneset stehe, habe ich einen herrlichen Blick über die Bucht von Ålesund. Man hört nichts außer dem leisen Rauschen des Meeres und dem Rufen der Möwen irgendwo in der Ferne. Wenn man sich die friedliche Landschaft anschaut, kann man sich kaum vorstellen, dass hier vor knapp 80 Jahren ein ganz besonderer Kriegsschauplatz war. Meine Perspektive hatte exakt an dieser Stelle auch eine deutsche Artilleriebatterie, die damals die Verteidigung von Tueneset übernahm.

Anfang März 1942: Zwei Jahre sind seit der deutschen Blitzinvasion in Norwegen vergangen. Der Zweite Weltkrieg hat seine stabile Phase erreicht, in der die Positionen auf beiden Seiten gehalten werden. Die Deutschen errichten Artilleriebatterien als Verteidigungswälle an der Mündung der Fjorde – den Toren zum norwegischen Territorium. Die Kriegsschiff-Festungen »Tirpitz « und »Bismarck« kreuzen hier, um die Invasion der Alliierten vom Atlantik aus zu verhindern und russische sowie britische Nachschubkonvois abzufangen. Beide Kreuzer waren überdimensionale schwimmende Festungen und mussten sich sicher verstecken, wenn sie nicht im Einsatz waren. Die tiefen und schmalen Fjorde, von hohen Bergen umgeben, schienen die perfekte Lösung zu sein. Die Deutschen gingen dennoch auf Nummer sicher: Sie fällten Bäume, brachten diese an Bord und tarnten so die Schiffe. Zusätzlich überschütteten sie sie mit Chlorschwefelsäure, die mit der Luftfeuchtigkeit reagierte und einen künstlichen Nebel erzeugte, der die riesigen Schlachtschiffe für die Luftaufklärung unsichtbar machte.

Neben der »Bismarck« und »Tirpitz« zogen weitere Kampf- und Versorgungsschiffe in die norwegischen Küstengewässer ein. Eines davon: die »Konsul Carl Fisser«, ein 1914 in Bremen gebauter Dampfer mit dem ursprünglichen Namen »Jacarta«. Mitte der 1930er Jahre wird der Dampfer von der Hendrik Fisser AG gekauft, um einige Jahre später in den Bestand der Kriegsmarine überzugehen. Er versorgt nun deutsche Stellungen entlang der norwegischen Küste. Zu dieser Zeit ist Ålesund ein geschäftiger deutscher Umschlag- und Liegeplatz. Um ihn zu schützen, errichten die Deutschen auf der Halbinsel Tuenesed eine starke Artillerieabwehr, die effektiv die gesamte Bucht abdeckt. Dennoch gelingt es einem Geschwader von 15 britischen Kampfflugzeugen des Typs »Lockheed Hudson«, am 3. Mai das Artillerienetz zu durchbrechen. Die »Konsul Carl Fisser« wird mehrfach schwer getroffen. Es kommt zu einem Feuer an Bord. Der Versuch der Rettungsboote, sie an Land zu ziehen, scheitert. Sie sinkt.

1957 versucht das polnische Schiff »Swiatowid«, das Wrack der »Konsul Carl Fisser« zu bergen. Doch der Versuch scheitert, so dass das Wrack endgültig auf dem Meeresgrund unweit des Ufers seine letzte Ruhestätte findet.

SS Radbod


Die»Wüstenblume«: Inmitten der stählernen Überreste der »Konsul Carl Fisser« wirkt die weiße Anemone in knapp 40 Metern Tiefe wie eine Oase des Lebens.


Nach dem Durchtauchen einer seichteren Schicht wird in 38 Metern Tiefe das Wrack der »Konsul Carl Fisser« sichtbar. Unzählige Fischernetze haben sich seit ihrem Untergang und der versuchten Bergung im Jahr 1957 hier verfangen.


Wenn der Nebel verschwindet

In Trockentauchanzüge gehüllt, springen wir auf das Gummiboot und machen eine kurze Fahrt zum Tauchplatz. Die kalte, feuchte Luft brennt in der Nase, und das Wasser, das uns ins Gesicht spritzt, fühlt sich an wie stechende Nadelspitzen. Das Wrack der »Konsul Carl Fisser« liegt nicht mehr als zwei Kilometer vom Hafen entfernt. Aber da keine Boje am Wrack befestigt ist, ist es nicht leicht zu finden. Glücklicherweiser haben wir ein hochwertiges 3D-Sonar dabei, das das Schiffsrelikt auf dem Monitor wunderschön darstellt, so dass wir das Gewicht mit dem Seil abwerfen können, um eine behelfsmäßige Referenz zu haben. Ich habe mich immer gefragt, wie sich die Fischer auf ihren Booten bei solch eisigen Wetterbedingungen im Nordatlantik fühlen. Jetzt weiß ich es. Ich kann meine Hände kaum noch spüren. Der Drang zum Tauchen ist mir vergangen. Zwar geht gerade die Sonne über den Hügeln auf, doch ihre Strahlen haben keine Kraft. Einzig das Anrödeln der schweren Tauchausrüstung sorgt für Wärme. Beim Abstieg entlang der Behelfsleine wird das smaragdgrüne Wasser des Nordatlantiks nach und nach grau, bis es schließlich ganz dunkel wird. Ich fühle mich wie ein Fallschirmjäger, der versucht, die Landung auf einem deutschen Schiff zu steuern, das in künstlichen Nebel gehüllt ist. Es gehört nicht unbedingt zu meinen Vorlieben, mich bei schlechter Sicht blind im offenen Wasser ins Unbekannte fallen zu lassen. Als sich die Sicht in 30 Metern Tiefe plötzlich bessert und etwas »Riesiges« unter mir erscheint, bin ich erleichtert. Die Sicht reicht jetzt etwa zehn Meter weit. Vor uns zeichen sich Teile eines Wracks ab, das wegen seiner Dimensionen die »Konsul Carl Fisser« sein muss. Unsere Behelfsleine landete auf dem vorderen Teil des Decks in 38 Metern Tiefe. Auch wenn sich unsere Augen inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt haben, sind meine Kameraeinstellungen ein klarer Beweis dafür, wie schlecht die Lichtverhältnisse dort unten sind. Selbst ein ISO 5000 von 1/20s reicht nicht für eine korrekte Belichtung. Der Meeresboden in 55 Metern Tiefe ist nicht zu sehen.

Kaltes, nährstoffreiches Wasser sorgt für viel Wachstum am submarinen Stahlkoloss. Vor allem »Vielborster«, zu denen auch diese Salben gehören, haben sich an den Wracks angesiedelt.


Rollen, Ketten und Seile sind an dem Wrack fest an ihrem Platz, als ob man nur den Staub abwischen müsste, um sofort klar Schiff zu machen. Als ich über das Deck zur Kapitänsbrücke tauche, sehe ich eine weiße Anemone. Sie liegt wie eine Blume auf einem Grab. Sie ist eine »Legende«, lebt seit vielen Jahren hier und ist Zeugin dafür, dass das von Menschenhand geschaffene Bauwerk gestorben ist. Und sie bezeugt, das dieses und andere Wracks nach und nach von der Natur vereinnahmt und zu einem lebendigen Teil des Meeres werden. Im mittleren Teil des Wracks ist mehr Licht vorhanden. Das Deck steigt zum Heck hin bis auf 24 Meter Tiefe an. Am Schluss des Tauchgangs beeindruckt uns noch das Heck. Obwohl der Schiffspropeller nicht mehr an seinem Platz ist, lohnt der Blick auf das sieben Meter hohe Ruder. Es ist vollständig mit weißen und orangefarbenen Anemonen bedeckt. Das Schiffsrelikt bietet noch unendlich viele Dinge, die es zu entdecken gilt. Und damit unendlich viele Tauchgänge, um sie zu entdecken. Unser Weg zurück an die Wasseroberfläche dauert jetzt noch 40 Minuten. Die Sonne wird verschwunden sein. Wir werden sicher frierend im Hafen ankommen. Gelohnt hat sich die Mühe dennoch.

Die Fjordlandschaft um Ålesund war im Zweiten Weltkrieg das perfekte Versteck für große und kleine Schiffe der deutschen Kriegsmarine.


Rund um Ålesund gibt es über 40 Wracks zu erkunden. Darunter sind Schiffsrelikte, deren Herkunft noch immer nicht vollständig geklärt ist.


Wracks in Hülle und Fülle

Über und rund um Ålesund gibt es viele interessante Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg zu erzählen. In den umliegenden Fjorden liegen mehr als 40 Wracks, von denen einige noch darauf warten, entdeckt zu werden. Kreuzer, Flugzeuge und angeblich auch ein deutsches U-Boot ruhen unter der Wasseroberfläche. Viele von ihnen liegen jedoch in Tiefen, die nur für technische Taucher erreichbar sind. Aber auch die Fjorde selbst sind phänomenal: Die Steilwände der umliegenden Berge fallen auch unter Wasser im steilen Winkel ab und machen die Fjorde zu »sehr tiefen, wassergefüllten Senken«, wo erst nach mehreren hundert Metern der Grund erreicht ist. Im Gegensatz dazu ist der Atlantik in dieser Ecke gerade mal 40 Meter tief.

Aufgrund der großen Tiefen sind die Erkundungstauchgänge zeitlich begrenzt. Mit entsprechender Zusatzausrüstung und genügend Erfahrung im anspruchsvollen technischen Tauchen lassen sich aber auch Wrack-Penetrationen durchführen.


Wenn man am Ufer des Ørstafjords steht, umgeben von hohen Hügeln, fühlt man sich wie am Ufer des Attersees. Beide Tauchreviere haben ähnliche Tiefen. Doch hier liegt 200 Meter vom Ufer entfernt ein weiterer deutscher Dampfer, der im Dezember 1944 von britischen »Beaufighter 5« versenkt wurde. Zusammen mit den Schiffen »Dockenhunden«, »Albert Janus« und »Cygnus« suchte die »Radbod« hier im Ørstafjord nach einem Unterschlupf, begleitet nur von einem Wachschiff, der »V- 6805«. Dieses konnte nicht alle vier Frachter verteidigen. Die »Radbod« wurde von Raketen getroffen, Passagiere sprangen auf ein anderes Schiff über, die »Radbod« sank.

Im Gegensatz zu den Gebieten im halboffenen Atlantik mit ständig wechselnden Strömungen ist das Wasser hier in den Fjorden »relativ stabil«. Die Bedingungen werden nur durch die Schneeschmelze, starken Regen und die sommerliche Planktonblüte beeinflusst. Heute ist die Sicht wegen der Schneeschmelze nicht die beste. Ich gewöhne mich langsam an den Abstieg ohne Sichtkontakt zu Boden und Buddy. Wenigstens führt uns ein dickes Seil durch die »Schlammschicht« nach unten. Ähnlich wie beim Tauchgang an der »Konsul Carl Fisser« klart die Sicht in 30 Metern auf. Allerdings ist kein Licht mehr zu sehen. Das Wrack liegt in völliger Dunkelheit auf dem steil abfallenden Meeresboden. Der Bug liegt in 26 Metern Tiefe, die Schiffsschraube in 80 Metern. Man taucht ständig in einem Winkel von etwa 30 Grad ab, schwebt in der Dunkelheit und erwartet, dass die Teile des Wracks auftauchen. Die Überraschung wartet dann in 60 Metern Tiefe: Massive Masten und Auspuffrohre sind so dicht mit Anemonen bewachsen, dass die Szenerie an blühende Wiesen erinnert. Die Anemonen mit ihren Tentakeln reagieren auf die kleinsten Veränderungen, ziehen sich bei Druckwellen zusammen. Da wir mit Kreislaufgerät unterwegs sind, bleiben die »Blumen« ungestört und daher offen. Noch ein paar Fotos, dann muss wieder aufgetaucht werden. Bis zum nächsten Besuch in der Kälte der Fjorde Norwegens, wo noch viele Geheimnisse auf Enthüllung und Ergründung warten.

WEITERE INFOS

Tauchen: Die besten Sichtweiten hat man in den Wintermonaten (November bis Februar). Im März verschlechtert das Schmelzwasser die Bedingungen. Im Sommer sind die Sichtweiten wegen der Algenblüte starkt beeinträchtigt und zum Fotografieren ungeeignet. Dafür ist der Sommer in dieser Region allein über Wasser schon eine Reise wert.

Vor Ort werden Luftfüllungen angeboten. Wer auf technische Gase zurückgreifen möchte, bekommt diese beim »Alesund Dykkerklub«. Die Tauchausfahrten finden per Sechs-Meter-Schlauchboot statt, auf dem vier Taucher Platz finden. Zudem sind auch von Land aus viele Spots im Angebot. Infos und Kontakt: www.norwayholiday.tours


Fotos: »SS Konsul Carl Fisser« – Quelle: www.wrecksite.eu (1); »SS Radbod« – Quelle: skovheim.org (1)