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Written in a Gay Bar


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Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 24.09.2021

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Bildquelle: Siegessäule, Ausgabe 10/2021

Mike Laufenberg ist Soziologe, Geschlechterforscher und u. a. Mitglied der Gruppe kitchen politics

Bereits als ich Ende der 1990er-Jahre zum ersten Mal „Gender Trouble“ las, gingen die Ansichten über das Buch weit auseinander. Während es von einigen als theoretischer Rahmen für eine neue queerfeministische Solidarität gefeiert wurde, sahen andere es als postmodernen Sargnagel der Frauenbewegung an. Diese widersprüchlichen, noch heute aktuellen Lesarten basieren nicht einfach auf Missverständnissen, die durch eine genauere Lektüre ausgeräumt werden könnten. Tatsächlich stehen sich hier konträre Versionen (und Visionen) von Feminismus und von lesbischer/schwuler Politik gegenüber. Als Intervention in innerfeministische Debatten verfolgte „Gender Trouble“ ...

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... (dt. „Das Unbehagen der Geschlechter“) seinerzeit zwei zentrale Ziele: eine Kritik des Heterosexismus in der feministischen Theorie sowie den Entwurf einer queeren Theorie von Gender. Queer war dieser Entwurf, weil er die Frage, was männlich und was weiblich ist, aus dem Korsett der Heterosexualität befreite. Butler argumentierte, dass Mann und Frau erst durch die heterosexuelle Norm als sich wechselseitig ergänzende Geschlechter erscheinen. Ohne die Vorstellung von einer natürlichen Heterosexualität sei die Annahme, dass es nur zwei Geschlechter gebe, hingegen nicht länger plausibel. Diese These berief sich auf neue Ausdrucksformen von Geschlecht in queeren Subkulturen, ohne die das Buch in dieser Form nicht vorstellbar gewesen wäre.

So erwähnte Butler einmal, dass „Gender Trouble“ in einer Gay Bar geschrieben wurde. Das mag teilweise wortwörtlich der Fall gewesen sein, es handelte sich aber vor allem um eine sinnbildliche Aussage. Die Lesben- und Schwulenbar ist ein Raum, der ganz andere Möglichkeiten des Geschlechtererlebens eröffnet als die heterosexuelle Lebensform, die bis heute den Hauptbezugspunkt feministischer Theorien bildet. Sie ist ein Archiv der glücklichen wie tragischen Geschichten, ein Archiv von Körperästhetiken, Beziehungen und Sexpraktiken, die nicht um Heterosexualität zentriert sind; sie ist ein Archiv der kleinen und der großen Kämpfe, solche, die gewonnen, und solche, die verloren wurden. Queere Räume sind Gegenöffentlichkeiten, in denen Geschlechternormen als veränderlich erlebt werden können – und in denen Veränderlichkeit als etwas Befreiendes und Lustvolles erfahrbar werden kann.

„Gender Trouble“ handelt einerseits von diesem Eigenwillen, sich sexuellen und geschlechtlichen Normen nicht einfach zu fügen, selbst wenn das bedeutet, dafür bestraft, pathologisiert und beschämt zu werden. Das Buch legt aber zugleich Zeugnis darüber ab, dass der Widerstand gegen Geschlechternormen Grenzen hat, da sie tief in den gesellschaftlichen Institutionen (Staat, Recht, Medizin, Familie etc.) verankert sind und im Alltag ständig reproduziert werden. Männlichkeit und Weiblichkeit haftet daher immer etwas Fremdbestimmtes an, etwas, das uns von außen übergeholfen wird, dem wir uns aber zugleich nicht völlig entziehen können. Die grammatikalische Konvention, von „meinem“ Geschlecht zu sprechen, führt deshalb für Butler in die Irre. Sie täuscht uns darüber hinweg, dass wir uns Konstrukte wie „Frau“ und „Mann“ nie gänzlich zu eigen machen und in unser „Ich“ integrieren können. Butler kritisiert vor diesem Hintergrund, wenn soziale Bewegungen der Illusion einer solchen Verfügbarmachung von Identität erliegen und sich zur Polizei aufschwingen, die die Grenzen „ihrer“ Identität bewacht. Der Ausschluss von trans Frauen und nicht binären Personen aus feministischen Zusammenhängen ist hierfür ein Beispiel. Das identitäre Beharren darauf, was es heißt, schwul zu sein (z. B. ein Coming-out zu haben und nicht zu feminin zu sein), ist ein anderes. Die Gesellschaft steht nicht still und Identitäten bleiben davon nicht unberührt. Butler setzt der Politik der Identitätspolizei hier eine Vision von Feminismus und queerer Politik entgegen, die den Wandel und die Ausdifferenzierung von Geschlecht weder abfeiert noch leugnet. Sie sind einfach Realität, und die Aufgabe emanzipatorischer Bewegungen besteht darin, für eine solidarische Gesellschaft zu kämpfen, in der diese Realität so gestaltet wird, dass darin alle gut leben können und die Chance auf eine Zukunft haben. So viel steht fest: Die Gay Bars von morgen werden andere sein. Wir werden sie brauchen