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Würde – Unser Kompass im Leben


Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 28.06.2018

Gerald Hüther im Interview mit Abenteuer Philosophie


Wie schätzen Sie als Neurobiologe die momentane Lage unserer Welt/Gesellschaft ein?

Was wir gegenwartig weltweit erleben, sind in meinen Augen und mit viel Abstand aus neurobiologischer Perspektive betrachtet, immer deutlicher zutage tretende Anzeichen eines tiefgreifenden Transformationsprozesses, der inzwischen alle Bereiche unseres Zusammenlebens und damit auch das Denken, Fuhlen und Handeln der meisten Menschen erfasst hat.


Immer deutlicher tritt nun vieles an sozialen Unzulänglichkeiten und Widersprüchen zutage, was bisher in dieser Weise weder ...

Artikelbild für den Artikel "Würde – Unser Kompass im Leben" aus der Ausgabe 3/2018 von Abenteuer Philosophie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Abenteuer Philosophie, Ausgabe 3/2018

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... offen sichtbar noch hinreichend spürbar gewesen ist.

Gerald Hüther


© www.gerald-huether.de

Als zwangslaufige Folge dieser vielen kleinen und grosen Fortschritte entstand eine komplexer werdende Lebenswelt.

Inzwischen sind wir im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung angekommen und mussen nun erleben, dass sich unser Zusammenleben in dieser hochkomplex gewordenen Welt nicht mehr mithilfe der bisher bewahrten hierarchischen Ordnungsstrukturen steuern lasst.

Das alte Ordnungsprinzip, in dem sich Menschen als Einzelne oder als widerstreitende Interessengruppen gegenseitig zu Objekten ihrer jeweiligen Absichten und Ziele gemacht haben, funktioniert nicht mehr, und ein neues soziales Ordnungsprinzip ist nicht in Sicht. Aber ohne ein ihr Zusammenleben ordnendes Prinzip zerfallt jede Gemeinschaft.


Und als Einzelwesen können wir nicht überleben, geschweige denn, uns weiterentwickeln.

Was schlagen Sie als philosophisch-praktische Lösung vor?

Die bisher im Rahmen dieser hierarchischen Ordnungsstrukturen gemachten Erfahrungen sind tief in unseren Gehirnen verankert und bestimmen als innere Einstellungen und Haltungen das Denken, Fuhlen und Handeln der meisten Menschen. Verandern konnen sich diese alten eingepragten Muster nur durch gunstigere Erfahrungen eines gelingenden Miteinanders.

Moglich wird das immer dann, wenn die Mitglieder einer Gemeinschaft ein gemeinsames Anliegen verfolgen, das allen gleichermasen bedeutsam ist, ihnen also allen am Herzen liegt. Dann beginnen die Mitglieder dieser Gemeinschaften einander als Subjekte zu begegnen, anstatt sich gegenseitig zu Objekten ihrer Absichten, Erwartungen, Bewertungen etc. zu machen. Nur unter diesen Bedingungen entstehen die erforderlichen Spielraume fur co-kreative Entwicklungen.

Der Würdekompass hilft das (Zusammen)Leben so zu gestalten, dass eine gemeinsame Weiterentwicklung möglich ist


© Andrey Popov | Dreamstime.com

Ihr neuestes Buch haben Sie dem Thema Würde gewidmet. Wie definieren Sie diesen Begriff?


Wer sich seiner eigenen Würde bewusst geworden ist, stellt sich nicht länger anderen als Objekt zur Verfügung.


Und er benutzt auch keine andere Person wie ein Objekt, macht also niemanden zum Objekt seiner eigenen Interessen, Erwartungen, Bewertungen oder gar Masnahmen.

Genau um die Bewusstwerdung der eigenen Wurde geht es in diesem Buch. Auch darum, wie es gelingen kann, sich seiner eigenen Wurde bewusst zu werden.

Es kommt ja niemand schon mit einer Vorstellung seiner eigenen Wurde zur Welt. Heranwachsende konnen sich nur durch eigene gunstige Erfahrungen in der Beziehung zu anderen als Teil ihres Selbstbildes entwickeln. Die Vorstellung oder das Bewusstsein der eigenen Wurde ist also eine Art innerer Kompass, der Menschen hilft, ihr Leben und ihr Zusammenleben so zu gestalten, dass es fur alle gut ist – dass eine gemeinsame Weiterentwicklung ermoglicht wird.

Wenn es im Grundgesetz heist: „Die Wurde des Menschen ist unantastbar“, bringt das nur zum Ausdruck, dass die Wurde etwas ist, das jeder Mensch (gottgegeben) besitzt. Aber wie soll jemand, der wurdelos handelt oder wurdelos behandelt wird, seine Wurde wahren, wenn er sich ihrer gar nicht bewusst ist?

Wie können wir Würde in der Praxis umsetzen?

Ich denke, es kommt zunachst erst einmal darauf an, dieses Thema der Wahrung der eigenen Wurde zu einem Gegenstand offentlicher Diskussion zu machen. Deshalb haben wir in der Akademie fur Potenzialentfaltung die Initiative „Wurdekompass“ gestartet. Mit ihrer Hilfe sollen in Stadten und Gemeinden moglichst viele Wurdekompass-Gruppen entstehen, die nach Moglichkeiten und Wegen fur ein wurdevolleres Zusammenleben der Menschen vor Ort suchen. (siehe Kasten oben).

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Wenn das bisherige soziale Ordnungssystem der Hierarchie zerfallt, bleibt im Grunde keine andere Losung zur Aufrechterhaltung eines geordneten Zusammenlebens mehr ubrig als die Herausbildung und Starkung eines inneren Kompasses in jedem einzelnen Menschen. Dieser sollte ihm helfen, sein eigenes Leben und sein Zusammenleben mit anderen so zu gestalten, dass es fur alle fruchtbar wird und die Weiterentwicklung aller ermoglicht. Der brauchbarste Begriff, den ich fur diesen inneren Kompass gefunden habe, ist der unserer eigenen Wurde.

Wenn es eine Sache gibt, die Sie ändern könnten, welche wäre das?

Man kann ja nichts wirklich verandern, auser sich selbst. Aber wir alle konnen dazu beitragen, Erfahrungsraume und Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer es hochwahrscheinlich wird, dass sich auch andere Menschen dazu entschliesen, sich weiterzuentwickeln.

Mit dem Wurde-Buch, dem Wurde-Aufruf und der Wurdekompass-Initiative versuche ich genau das: ein Umfeld zu schaffen, das moglichst viele Menschen auf die Idee bringt, sich zu fragen, ob das, was sie tagtaglich tun, mit ihrer Wurde vereinbar ist. Ob das gelingt, weis ich nicht, aber zumindest versuchen wollte ich es schon.

Gerald Hüther

Gerald Huther zahlt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Praktisch befasst er sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Praventionsforschung. Er schreibt Sachbucher, halt Vortrage, organisiert Kongresse, arbeitet als Berater fur Politiker und Unternehmer und ist haufiger Gesprachsgast in Rundfunk und Fernsehen. So ist er Wissensvermittler und –umsetzer in einer Person.

Studiert und geforscht hat er in Leipzig und Jena, seit 1979 arbeitet er am Max-Planck-Institut fur experimentelle Medizin in Gottingen. Er war Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von 2004 bis 2016 als Professor fur Neurobiologie an der Universitat Gottingen beschaftigt. 1994 bis 2006 leitete er eine von ihm aufgebaute Forschungsabteilung an der psychiatrischen Klinik in Gottingen. 2006 bis 2016 befasste er sich mit der Verbreitung von Erkenntnissen auf dem Gebiet der neurobiologischen Praventionsforschung. 2015 grundete er die Akademie fur Potenzialentfaltung und ubernahm deren Leitung als Vorstand.

In seiner Offentlichkeitsarbeit geht es ihm um Verbreitung und Umsetzung von Erkenntnissen aus der modernen Hirnforschung. Er versteht sich als „Bruckenbauer“ zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher bzw. individueller Lebenspraxis. Ziel seiner Aktivitaten ist die Schaffung gunstigerer Voraussetzungen fur die Entfaltung menschlicher Potenziale.

www.gerald-huether.de Gerald Huther

Der Würdekompass

(www.wuerdekompass.de)

ist eine Initiative von Gerald Huther zur Starkung des Empfindens, der Vorstellung und des Bewusstseins menschlicher Wurde – nicht in der Theorie, sondern im taglichen Zusammenleben.

Er unterstutzt den Aufbau lokaler Wurdekompass-Gruppen in Stadten und Gemeinden.

Das Anliegen ist, das zutiefst Menschliche in uns wieder zu entdecken und einander zu helfen, es fureinander zu bewahren. Dies ist unsere wichtigste Aufgabe im 21. Jahrhundert. In Wurde sterben zu durfen, ist ein verstandlicher Wunsch. Wir wollen hingegen mit verschiedenen Begegnungen, Aktivitaten und Projekten dazu beitragen und schon zu Lebzeiten einander einladen, ermutigen und inspirieren, in Wurde zu leben.

Wurde wirkt wie ein innerer Kompass, den jeder Mensch im Laufe seines Lebens entwickelt. Er hilft ihm, sich in der Vielfalt der von ausen an ihn herangetragenen oder auf ihn einsturmenden Anforderungen und Angeboten orientieren zu konnen.

„Kein Mensch kann die in ihm angelegten Potentiale entfalten, wenn er in seiner Wurde von anderen verletzt wird oder er gar selbst seine eigene Wurde verletzt.“