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Würzen mit mehr als Salz und Pfeffer


LebensArt Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 32/2019 vom 06.12.2019

„Spicequeen“ Birgit Erath hat während ihres Studiums in London zu den Gewürzen gefunden. So richtig konzentriert auf die würzigen Geschmacksvarianten aber hat sich die leidenschaftliche Köchin und Gewürzmischerin in ihrem Heimatort Waldmössingen. Dort betreibt sie nicht nur einen Laden und Onlinehandel, sie gibt auch Kochkurse und hat gerade wieder ein erfolgreiches Kochbuch veröffentlicht.


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Fotos: Pixel-Shot, monticellllo – stock.adobe.com

Beim Öffnen der Ladentür in dem auffälligen gelben Haus in der Ortsmitte von Waldmössingen strömt einem gleich eine „Gewürzmischungswolke“ entgegen. Hier ist man ...

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... definitiv richtig. Das Geruchserlebnis intensiviert sich, je näher man dem Allerheiligsten aller Räume kommt – dem Gewürzlager von Birgit Erath. Die besten Gewürze und Kräuter der Welt bilden hier die Basis für rund 1200 Mischungen, die die gebürtige Schwarzwälderin zaubert. Vanille-Chili-Salz, Apfelkuchengewürz, Toskanakräuter, Südafrikanisches Curry oder schwarzes Lavasalz von Hawaii. Kaum jemand kennt sich so gut mit Gewürzen aus wie die „Spicequeen“ (Gewürzkönigin) aus England, die eigentlich aus Waldmössingen in der Nähe von Schramberg stammt.

Vor über 30 Jahren kam sie als Au-pair-Mädchen in die englische Hauptstadt und hütete für 12 Pfund in der Woche einen Hund. Und sie blieb. Der jungen Schwarzwälderin gefiel die umtriebige Stadt, in der immer etwas los war. Nur das Essen und die Gewürze – „das war furchtbar“, erinnert sie sich und erzählt weiter: „Es gab Salz, gemahlenen weißen Pfeffer, der nach Seife schmeckte, und Zucker. Mehr nicht.“ Auf dem Zwetschgenmarkt im Nachbardorf der Eltern kaufte sie jedes Jahr im Herbst, wenn Birgit Erath „Heimaturlaub“ machte, Gewürze – importierte sie nach London und probierte ihre eigenen Mixturen, die sie an Freunde verschenkte oder selbst beim Kochen verwendete. „Ich wollte mich schon immer selbstständig machen – entweder mit einer Bäckerei, einer Metzgerei oder mit Gewürzen“, erinnert sie sich.
Doch bis dahin war noch ein langer Weg, auf dem viel passierte. Sie arbeitete an einer Hotelrezeption, jobbte in Cafés, bildete Servicekräfte aus und absolvierte ein Studium an der Westminster University in dem Fach „International Business“. Um etwas Geld für ihr Studium zu verdienen, ging sie mit einem Tapeziertisch und zwei Tüten voller Gewürze auf den Markt an der Portobello Road. Ihr Stand war vom Fleck weg ein Erfolg. Innerhalb kurzer Zeit waren die liebevoll verpackten und von Hand beschrifteten Gewürzmischungen ausverkauft. Ihre Geschäftsidee florierte. Birgit Erath studierte zu Ende und legte eine praxisnahe Abschlussarbeit vor, die später sogar als Geschäftsplan für ihren eigenen Laden an der Portobello Road diente. Der war ein Glückstreffer. Das Besondere daran: Die Räumlichkeiten gehören der Stadt London, die Miete darf nie erhöht werden. „Wer einen solchen Raum hat, gibt den nicht mehr auf “, weiß die Gewürzfachfrau, die dann beschloss: „Ich konzentriere mich jetzt auf den Laden.“ Um die besten Gewürze für ihren Laden zu bekommen, reiste sie bald um die ganze Welt.

Foto: nadianb – stock.adobe.com

Denn sie wollte Gewürze ohne chemische Zusätze, künstliche Aromen, Farbstoffe und Salze – und die gibt es heute leider nicht mehr überall. „Ich muss das Land, den Farmer, das Feld kennen und wissen wie das Gewürz angebaut wird“, sagt sie und erzählt von einer ihrer vielen Reisen nach Afrika, Asien und Amerika. In Thailand entdeckte sie auf einem Markt ein interessant duftendes Gewürz. Nach der Verständigung mit Händen und Füßen fuhr sie kurzerhand mit der Marktfrau zwei Stunden auf dem Boot über die Kanäle, um schließlich in deren Haus das Gewürz direkt beim Kochen auszuprobieren. Sie blieb drei Wochen, um noch andere Gewürze und Gerichte auszuprobieren.
So knüpft Birgit Erath Kontakt in Thailand, in Indien und am Titicacasee in Südamerika – überall auf der Welt kennt sie mittlerweile Bauern und Händler und kauft so immer nur die besten Produkte. „Die Leute sind stolz auf ihre Arbeit und freuen sich, wenn sich jemand dafür interessiert“, weiß sie. Deshalb reist Birgit Erath damals wie heute durch die Welt, immer auf der Suche nach qualitativ hochwertigen Gewürzen. „Man riecht den Unterschied zum Beispiel beim Pfeffer. Wurde er mit Elefantendung oder Kuhmist gedüngt? Wuchs er an einem Nordhang? Wurde er reif oder noch grün geerntet?

Ich nehme am liebsten den Wynad Pfeffer von Südwestindien von der Johnsons Farm. Die pflücken ihn reif von Hand direkt von der Rebe runter. Das schmeckt man einfach“, weiß sie.
Zusammen mit ihrem Lebensgefährten und Vater ihres Sohnes Jake (13) baute Birgit Erath den Laden bald zu einem florierenden Anziehungspunkt für Gewürzliebhaber aus. Doch dann der Schock. Ihr Lebensgefährte wird Opfer eines brutalen Raubüberfalls und verliert dabei sein Leben. Birgit Erath nimmt sich mit ihren Kindern erst einmal eine Auszeit in Peru, Südafrika und schließlich in Deutschland. Sie fährt nach Waldmössingen, wohnt in ihrem Elternhaus bei ihrer Mutter und fühlt sich bald sehr wohl. „Ich habe mich in meinem Elternhaus so gut und sicher gefühlt, dass ich beschloss mit meinen Söhnen Jake und Philip in Deutschland zu bleiben“, erzählt sie und fügt hinzu. „Es ist einfach toll auf dem Land zu leben und vor allem für die Kinder viel sicherer als zum Beispiel in London.“

So kam es, dass heute am Kreisverkehr in Waldmössingen ein auffällig gelbes Haus steht. Sie ließ ihr Elternhaus komplett renovieren. Der ehemalige Stall, in dem früher Schweine und Kühe standen, hat sich in eine moderne Küche verwandelt, in der alten Scheune werden Gewürze gemischt und in der einstigen Schlachtküche richtete Birgit Erath einen gemütlichen Laden ein. Verdutzt blieben anfangs einige Passanten stehen: „Nanu, ein Gewürzladen auf dem Dorf? Ob das gut geht?“ Es geht gut. Sehr gut sogar, denn Birgit Erath hat überdies einen florierenden Online-Shop und ist außerdem Autorin einiger Koch- und Gewürzbücher wie zum Beispiel von „Grillen für Feinschmecker“ – ein Gemeinschaftswerk mit dem französischen Erfolgs-Koch Eric Treuillé.
Die vergangenen beiden Jahre waren für Birgit Erath allerdings die anstrengendsten bisher. Eine Krankheit riss sie aus ihrem geschäftigen Alltag heraus. Mittlerweile hat sie sich wieder zurück ins Leben und in ihren Laden gekämpft. „Ohne mein wahnsinnig tolles Team hätte ich das nicht geschafft“, sagt sie und gibt jetzt auch wieder Kochkurse. „Außerdem habe ich mittlerweile einen Mitarbeiter, den Franzosen Erwan Kerex, der auf der ganzen Welt für das beste Salz und den besten Pfeffer unterwegs ist“, erzählt Erath und rührt dabei das Chutney um, das sie in einem großen Topf auf den Herd gestellt hat.