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WÜTERICH UND GLÜCKLICHMACHER


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Erfolg Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 28.10.2021

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Bildquelle: Erfolg Magazin, Ausgabe 6/2021

Der Comedian Ingo Appelt sieht sich als Aggressionstherapeut, der soziale Umstände auf der Bühne satirisch offenbart und für ein gemeinschaftliches Miteinander plädiert – und das nicht nur zwischen Frauen und Männern, sondern zwischen sämtlichen Mitgliedern der Gesellschaft. Wie genau das aussieht und wie ihn die soziale Ungerechtigkeit auch persönlich betrifft, erzählt Ingo Appelt im Interview.

Auf dem roten Stuhl hast du einmal gesagt, der Ingo Appelt auf der Bühne sei keine Figur, sondern eine Zuspitzung deines wahren Charakters.

Ja, das ist tatsächlich so.

Bist du damit eher eine Ausnahme in der Comedy-Landschaft?

Eine Ausnahme nicht. Aber im Kabarett ist es noch so. Dieter Hildebrandt war Dieter Hildebrandt. Mike Krüger ist auch eher Mike Krüger. Das ist unterschiedlich. Mittermeier ist Mittermeier. Wobei er natürlich auch überzogen ist, klar. Ich habe ein bisschen Kunstfigur an mir, weil ich ...

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... Leute parodiere. So habe ich ja angefangen, indem ich 28 Politiker und Showbiz-Leute parodiert habe. Boris Becker, Helmut Kohl, Norbert Blüm, Rudi Carrell …

Jerry Seinfeld hat einmal gesagt, er traue sich keinen guten Gag auf der Straße liegen zu lassen. Und das machst du auch nicht, oder?

Nein, überhaupt nicht. Das darf es auch gar nicht geben. Das mache ich aber mit Ansage. »Betreutes Hassen mit Ingo Appelt« heißt: Keine Rücksicht auf Verluste. Aber das mal jemand den Raum verlässt, ist die absolute Ausnahme. In aller Regel gehen die Leute nach Hause und sagen: »Danke, Ingo! Endlich konnte man mal wieder lachen und ein bisschen den Ärger rauslassen.«

Die Leute vor Ort schon, aber ich habe das Gefühl, dass oftmals in der Nachbesprechung noch mal ein negativer Tenor, vor allem bei den Themen Ausländer oder Homosexualität dazukommt.

Nicht alle Journalisten begreifen, was ich da tue. Letztes Jahr hat einer eine Kritik geschrieben: »Was der macht, das ist nicht richtig. Aber, scheiß drauf ! Die Stimmung ist gut und die Leute gehen gut gelaunt nach Hause.« Der hat das Spiel begriffen. Es ist so ein bisschen wie im Sadomaso-Club: Du kriegst die Peitsche auf den Arsch, du hast ’ne Ledermaske in der Fresse, du musst ’nen Ball schlucken. Das ist nicht korrekt, aber es hat etwas mit Absprache zu tun. Das ist bei jedem Publikum anders.

Aber bei dir gibt es kein Safeword?

Nein. Ich lasse mich am Anfang auch ausschimpfen. Das heißt, ich gehe auf die Bühne und sage: »Macht mich fertig! Macht den Wutbürger!« Dann brüllen die mich an und dann geht es den Leuten besser. Menschen sind grundsätzlich sehr widersprüchlich, sehr aggressiv und sehr unzufrieden.

»Kommunikation ist für Menschen schwierig. Das haben wir nicht gelernt.«

Du machst es mit Ansage. Jetzt gibt es aber viele, die gerne sagen würden, was sie denken. Die dürfen das aber nicht.

INGO APPELT KURZ & KNAPP:

Ingo Appelt hat als Gewerkschaftsmitglied politische Jugendarbeit geleistet und war der Support-Act auf der Stadiontournee von Marius Müller-Westernhagen. Bekannt wurde er unter anderem aus den TV-Shows »Quatsch Comedy Club«, »RTL Samstag Nacht« oder durch sein eigenes Format »Die Ingo Appelt Show«. 2014 übernahm er als Moderator die traditionsreiche Satiresendung »Kabarett aus Franken« im BR Fernsehen. Ebenfalls seit 2014 ist Ingo regelmäßiger Gast bei »Nuhr im Ersten« (ARD). Aktuell tourt er mit seinem zehnten Programm »Der Staats-Trainer« durch Deutschland.

Willst du eine Lanze für die brechen?

Deswegen mache ich das. Ich bin quasi Stellvertreter. Ich nehme die Wut auf mich, bevor es die Krankenschwestern, die Polizistinnen und die Leute bei der Bahn machen müssen. Kommunikation ist für Menschen schwierig. Das haben wir nicht gelernt. Ich hätte gerne die Ausbildung, die eine Stewardess hat. Wie die mit den größten Arschlöchern relativ entspannt umgehen kann – davor habe ich einen Heidenrespekt! Ich habe Gott sei dank meine Bühne und kann dort meinen Ärger rauslassen. Aber die meisten Menschen sind genervt. Die verstehen auch viele Maßnahmen nicht. Und dann wird gehasst. Das ist ein Volkssport geworden.

Du wolltest nie Superstar, nie Millionär werden. Aber kann man mit einem Talent, wie du es hast, überhaupt verhindern, dass die Leute in die Show kommen?

Ich habe jedes Mal einen großen Respekt, dass 500 Leute sich eine Karte kaufen und zu Ingo Appelt gehen. Das ist großartig! Ich war als Jugendlicher sehr viel in der Comedy und im Kabarett unterwegs und habe mir jedes Wochenende zwei bis drei Vorstellungen von verschiedenen Künstlern angesehen. Was mich dort aber gestört hat, war dieses Auswendiglernen. Das waren alles Schauspieler, die ihr Programm gespielt und auswendig gelernt haben. Da war keine Interaktion. Das mag ich nicht. Ich schreibe meine Texte selbst. Ich brauche auch keinen Regisseur. Ich sage immer: »Comedy kommt von Kommunikation, und nicht vom Schreiben. Sonst hieße es ›Schreibedy‹.«

»Comedy kommt von Kommunikation, und nicht vom Schreiben. Sonst hieße es ›Schreibedy‹.«

Jürgen von der Lippe hat mir einmal gesagt, eigentlich seien alle Comedians ein bisschen süchtig nach der Liebe des Publikums. Ist das bei dir auch so?

Ich bin der Süchtigste im Raum. Das merkst du jetzt bei der Pandemie, weil ich nicht auf die Bühne durfte. Ich gehe den Leuten auf den Sack. Ich habe angefangen, an der Fleischtheke Leute zu bespaßen. Und wenn man mal mit der Familie zusammensaß, habe ich nur alle beleidigt und Witze gemacht. Das ist nervtötend. Comedy ist etwas, was nicht süchtig macht im Bereich Zuschauer. Die Zuschauer sitzen nicht auf ihren Plätzen und sagen: »Komm, mach noch einen Witz!« Ich bin derjenige, der sagt: »Komm, gib mir Applaus!«

»Ich habe jedes Mal einen großen Respekt, dass 500 Leute sich eine Karte kaufen und zu Ingo Appelt gehen.«

Ist das Thema »Männer« ein Zukunftsthema? Darf man darüber noch reden?

Mehr denn je. Es gibt ja auch einen geballten Männerhass, der aus der feministischen Ecke kommt: »Männer sind doof. Ich halte mir einen Mann wie einen Hund.« Das übertreibe ich: »Männer muss man schlagen. Frauen sind Göttinnen.« Einfach, um vorzuführen: »Es stimmt alles nicht!« Ich bin tatsächlich für ein Matriarchat. Die uns am nächsten verwandten Lebewesen sind Bonobo-Schimpansen. Da setzt die Frau ihre Sexualität als Beruhigungsmittel ganz gezielt ein. Deswegen poppen die den ganzen Tag und führen keine Kriege. Das sagt viel aus: Back to Bonobo.

2009 bist du als Britney Spears bei »We Can Dance« aufgetreten. War das eine Wunschrolle von dir oder hat man die dir zugeteilt?

Das hat man mir zugeteilt. Ich habe zuerst Jennifer Beal mit »What a feeling« getanzt und bin rausgeflogen. Aber die Zuschauer haben geschrieben: »Wo ist die dicke Frau? Wir wollen die wiederhaben!« Dann bin ich als Britney Spears aufgetreten. Ich habe mir verschiedene Videos angeguckt und da war diese Tanznummer. Und vor allem natürlich dieses rote Lackoutfit. Ich bin in einen Fetisch-Laden gegangen und habe mir Gummibrüste gekauft. Ich habe mir dieses rote Ding angezogen, mir eine Perücke aufgesetzt und mir die Augenbrauen abrasiert. Ich habe mich da voll reingesteigert.

Das war 2009?

Ja. Und klar kriegst du einen Shitstorm. Da habe ich gemerkt, wie homophob unsere Gesellschaft ist. Ich habe gestaunt, wie homophob Frauen sind. Meine Frau ist totaler Schwulengroupie. Die liebt die und die lieben sie. Ich war mit ihr bei Kylie Minogue. 5000 Männer. Alle schwul. Da stehen Männer mit Cowboystiefeln auf der Bühne und sind Cowboys. Machos eigentlich, aber mit Strass. Das heißt, der Macho kann sich nur noch in die Homosexualität retten. Da muss es hin. Und das sagt so viel aus. Aber Männer haben Angst davor. Das kommt auch aus diesem Militärischen. Schwul ist bei den Kirchen und bei Soldaten total verpönt. Männer sollen sich gegenseitig umbringen und nicht in den Armen liegen. Sonst geht die Tötungshemmung hoch und das soll nicht sein. Also wir sind Männern gegenüber total grausam.

Britney Spears ist aktuell gerade im Gespräch. Weil sie zeitweise etwas von der Rolle war, wurde ihr ein Vormund bestellt. Wie gehst du mit Ungerechtigkeit um?

Das ist ganz schlimm. Diese Ungerechtigkeit erleben wir auch bei Corona. Ich kriege keinen Cent Förderung. Das ist ganz furchtbar, und es fällt mir schwer, damit umzugehen. Das war das Erste, was ich gesagt habe. Wenn der Staat wie bei Corona anfängt, Geld zu verteilen, dann werden die Leute durchdrehen. Wir ertragen die Verteilungsmentalitäten, die Ungerechtigkeit von Menschen, nicht.

»Ich bin derjenige, der sagt: ›Komm, gib mir Applaus!‹«

»Ich bin von meinem Wesen her zwar ein Wüterich, aber unterm Strich bin ich ein Glücklichmacher.«

Hast du ein Ventil?

Die Bühne. Ich habe sehr viel Ungerechtigkeit in mir. Aber das ist einfach so. (lacht) Auf der einen Seite beklagt man sich über die Ungerechtigkeit. Auf der anderen machen wir uns diese Ungerechtigkeiten selbst. Das ist bei mir genauso. Ich stehe abends auf der Bühne. Es ist doch ungerecht. Warum sitzen da 500 Leute und bewundern mich? Aber die Leute bewundern mich dafür, dass ich mich traue, vor 500 Leuten zu stehen. Mehr ist es nicht. Die sagen: »Wie können Sie sich so viel Text merken? Ich könnte das gar nicht.«

Hast du ein sehr gemischtes oder ein sehr homogenes Publikum, auch von der sozialen Schicht her?

Mir ist aufgefallen, dass es doch schon sehr homogen ist. Es sind in erster Linie Pärchen zwischen 30 und 70. Das ist noch gemischt. Da sind auch Akademiker dabei, aber auch die normalen Leute mit dem Camp-David-T-Shirt. Es ist vor allen Dingen deutsch. Ich sehe selten mal jemanden mit ausländischen Wurzeln bei mir im Publikum. Das ärgert mich total. Wo ich frage: »Warum kommt ihr nicht mal zu mir? Warum machen wir nicht etwas miteinander?« Das ist aber nicht nur bei mir so, sondern auch bei Kollegen wie z. B. Dieter Nuhr. Das heißt, wenn ein weißer Mann auf der Bühne steht, sind überwiegend weiße Männer mit ihren Frauen im Publikum. Denn in erster Linie entscheiden die Frauen darüber, wo es abends hingeht. Die Frauen sind Hauptzielgruppe. Das muss man wissen.

Du machst das jetzt schon seit 35/36 Jahren. Drehst du jetzt noch mal auf oder schwimmst du mit, bis es vorbei ist?

Ich drehe jetzt noch mal auf. Ich spiele mich frei. Und ich prangere diese ganzen Ungerechtigkeiten an. Ich bin von mei- nem Wesen her zwar ein Wüterich, aber unterm Strich bin ich ein Glücklichmacher. Das ist mein Job. Das höre ich jeden Abend: »Herr Appelt, ich habe noch nie so viel gelacht wie bei ihnen.« Die Leute gehen nach Hause und sagen: »Ich war bei Ingo Appelt. Der hat wieder etwas übers Ficken erzählt. Es war sehr lustig.« Das, was ich mache, ist eigentlich kaum erklärbar. Das, was ich da mache, ist wirklich eine Aggressionstherapie.

Wir wären nicht das ERFOLG Magazin, wenn wir nicht fragten, was Erfolg für dich bedeutet. Hat sich die Definition von Erfolg im Laufe deines Lebens geändert? Du bist ja ganz offensichtlich erfolgreich.

Ja, aber ungern, mit einer großen Ambivalenz. Erfolg heißt für mich, abends auf der Bühne zu stehen und spielen zu können. Erfolg heißt für mich, dass ich den Lebensstandard, den ich habe, halten kann. Ich habe es gehasst, im Jahre 2000 ein Millionär zu sein. Ich war sehr erfolgreich, mit 5000 Leuten in der Grugahalle.

»Das ist für mich Erfolg: Die Hütte ist voll und ich stehe auf der Bühne. In dem Moment bin ich glücklich.«

Ich habe als Vorgruppe bei Marius Müller-Westernhagen gespielt. Ich habe eine eigene Fernsehshow gehabt. Ich war sehr, sehr erfolgreich. Aber ich war sehr unglücklich. Alle waren nur scharf auf meine Kohle. Ich hatte überhaupt kein positives Privatleben. Es war alles zum Kotzen. Und ich habe mich nicht sicher gefühlt. Das ist für mich Erfolg: Die Hütte ist voll und ich stehe auf der Bühne. In dem Moment bin ich glücklich. Ich komme von der Bühne runter, die Leute klatschen: Standing Ovations. Die Leute sind glücklich. Hinterher gebe ich ein paar Autogramme und wir machen ein paar Selfies. Die Menschen gehen lachend nach Hause. Ich bin glücklich. Dann gehe ich nach Hause oder ich fahre ins Hotel und bin ich schon wieder schlecht gelaunt, weil das Festnetz nicht funktioniert oder weil ich das WLAN- Passwort vergessen habe. Ich bin tatsächlich nur in dem Moment glücklich, wenn ich etwas tue, was mir Spaß macht. Und es ist meistens etwas, was anderen Spaß macht.