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Wunde am Selbst


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 05.01.2019

SCHAM Manch eigenes Missgeschick lässt uns kalt. Bei anderen würden wir am liebsten im Erdboden versinken. Wann schämen wir uns – und warum neigen bestimmte Menschen eher dazu als andere?


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 2/2019

UNSPLASH / CALEB WOODS ()

UNSERE EXPERTIN
Annette Kämmerer ist Diplompsychologin und außerplanmäßige Professorin im Ruhestand am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Sie arbeitet als Psychotherapeutin in eigener Praxis und ist in der Ausbildung junger Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten aktiv.


Auf einen Blick: Peinlich, peinlich

1 Schamgefühle empfinden wir, wenn wir soziale Regeln missachten, ...

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... die wir selbst eigentlich für verbindlich halten. In solchen Momenten fühlen wir uns bloßgestellt und klein, können anderen Menschen nicht mehr in die Augen sehen und würden am liebsten im Erdboden versinken.

2 Scham führt dazu, dass wir unseren Fokus nach innen richten und unser gesamtes Selbst negativ betrachten. Schuldgefühle hingegen richten sich immer auf eine konkrete Handlung, für die wir die Verantwortung übernehmen. Im Gegensatz zur Scham schärfen sie unsere Aufmerksamkeit für die Gefühle anderer.

3 Frauen ist schneller etwas peinlich als Männern, Jugendlichen eher als Erwachsenen. Sie leiden deshalb häufiger unter den negativen Auswirkungen einer erhöhten Schamneigung wie einem geringeren Selbstwert und einer stärkeren Anfälligkeit für Depressionen.

Schamgefühle erlebt wohl jeder von uns irgendwann einmal. Manchmal werden sie durch ungeschicktes Verhalten ausgelöst, wie etwa das Tragen eines vermeintlich unpassenden Kleidungsstücks, in anderen Fällen sorgen körperliche Merkmale wie eine auffällige Zahnlücke oder das Übertreten von moralischen Standards dafür, dass wir uns vor anderen bloßgestellt fühlen. Scham ist ein heißes Gefühl, das uns innerlich aufwühlt, weil es uns nach außen hin sichtbar und durchlässig macht. Der Soziologe Sighard Neckel von der Universität Hamburg beschrieb sie 1993 sogar als eine »Wunde am eigenen Selbst«.

Schamgefühle entstehen in erster Linie dann, wenn wir soziale Regeln missachten. Doch nicht jede Normverletzung ist uns gleich peinlich: Manchmal empfinden wir lediglich Bedauern oder Reue, in anderen Fällen lässt uns das Geschehene sogar vollkommen kalt. Was unterscheidet solche Situationen also von Momenten, in denen wir am liebsten direkt im Erdboden versinken würden? Laut der Philosophin Hilge Landweer von der Freien Universität Berlin müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein, damit eine Person sich schämt: Zunächst einmal muss der Betreffende erkennen, dass es eine Norm für die Situation gibt, in der er sich gerade befindet. Außerdem muss er diese Norm akzeptieren und als erwünschte und bindende Verhaltensvorschrift ansehen, nur dann kann ihm etwas so richtig unangenehm sein.

Wenn wir uns schämen, verstoßen wir also sozusagen gegen unser eigenes Idealbild – und fühlen uns in diesem Punkt entsprechend den prüfenden Blicken anderer ausgesetzt. Die Blicke müssen dabei nicht einmal tatsächlich auf uns gerichtet sein: Es reicht schon, wenn wir uns die Person, vor der wir uns schämen, nur gedanklich vorstellen. Ein klassisches Beispiel dafür sind die strafende Miene und jedes »Schäm dich!« von Mutter oder Vater. Beides verinnerlichen wir im Lauf unseres Lebens oft so sehr, dass die Normen und Gebote, die unsere Eltern uns vermittelt haben, auch dann noch ihre Wirkung entfalten, wenn wir längst unser eigenes Leben führen.

Während wir die kritischen Blicke anderer auf uns spüren, richtet sich unser eigener meist gen Boden: Der gesenkte Blick ist eine typische körperliche Reaktion, die mit Schamgefühlen einhergeht. Gleichzeitig fühlen wir uns klein und würden am liebsten im Boden versinken – um so der Aufmerksamkeit der anderen zu entfliehen. Schon Charles Darwin stellte 1872 fest, dass Personen, die sich schämen, die Augen senken, den Blick abwenden und den Kopf zur Seite neigen. Dieses Verhalten will er nicht nur bei Menschen ausgemacht haben, sondern auch bei Tieren, beispielsweise bei Hunden. Besonders stark betonte Darwin zudem den Aspekt der Schamesröte. Neuere Untersuchungen haben inzwischen allerdings gezeigt, dass sie kein zuverlässiger Hinweis darauf ist, dass jemandem etwas besonders unangenehm ist. Ob und wie intensiv jemand errötet, hängt stattdessen von verschiedenen vegetativen Parametern ab.

Für die klinische Psychologin June Tangney von der George Mason University in Fairfax, Virginia, die sich in zahlreichen empirischen Untersuchungen mit dem Thema befasst hat, sind Schamgefühle die emotionale Begleiterscheinung der Selbstanklage. Sie verengen unseren Blick und sorgen dafür, dass wir uns vorwiegend mit unserem eigenen Innenleben beschäftigen. Was in der Welt um uns herum passiert, nehmen wir entsprechend schlechter wahr. Geraten wir immer wieder in Situationen, die uns peinlich sind, tendieren wir mit der Zeit eher dazu, auf negative Bewertungen unserer Person mit Scham zu reagieren. Im amerikanischen Sprachraum sprechen Forscher in diesem Fall auch von »shame-proneness « – und die kann Folgen für unser Selbstwertgefühl haben: Gemeinsam mit Ronda Dearing von der University of Houston fand Tangney in mehreren Studien Hinweise darauf, dass eine erhöhte Schamneigung mit einem niedrigeren Selbstwert einhergeht. Das bedeutet umgekehrt, dass uns ein gewisses Maß an Selbstachtung aber womöglich auch vor allzu vielen Schamgefühlen schützt.

Fremdschämen

In manchen Situationen schämen wir uns nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere. Wissenschaftler unterscheiden dabei zwei Formen des Fremdschämens: Im Rahmen der Mitscham wollen wir am liebsten gemeinsam mit jemandem im Boden versinken, der ebenfalls peinlich berührt ist. Stellvertretende Scham bezieht sich hingegen auf eine Person, die das eigene soziale Fehlverhalten völlig kaltlässt. Untersuchungen haben gezeigt, dass uns die Missgeschicke anderer allerdings nur dann selbst unangenehm sind, wenn wir uns mit der betreffenden Person verbunden fühlen. Das gilt etwa für Freunde oder Familienangehörige, aber auch für Mitglieder einer gemeinsamen Gruppe. So kann man sich zum Beispiel auch als Deutscher für das Verhalten anderer Deutscher schämen.

In Momenten der Scham fällt es uns schwer, anderen in die Augen zu blicken.


SERTS / GETTY IMAGES / ISTOCK

Wenn Scham krank macht

Ein besonders intensives Schamerleben könnte zudem auch die Entstehung verschiedener psychischer Erkrankungen begünstigen. Darauf deutet etwa eine kanadische Studie hin, für die Sera De Rubeis von der University of Toronto und Tom Hollenstein von der Queen’s University in Kingston knapp 150 Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren untersuchten. Teenager, die eine höhere Schamneigung aufwiesen, zeigten dabei auch eher Anzeichen einer Depression. Basierend auf der Art und Weise, wie die Teilnehmer mit beschämenden Situationen umgingen, ließ sich außerdem vorhersagen, ob sich ihre psychische Gesundheit im Folgejahr eher verbesserte oder verschlechterte. Eine groß angelegte Metaanalyse, für die Wissenschaftler 108 Studien mit mehr als 22 000 Probanden auswerteten, stieß ebenfalls auf einen deutlichen Zusammenhang zwischen Depression und Schamneigung. Und auch zwischen Angststörungen und Schamneigung scheint es eine Verbindung zu geben, wie Forscher um Thomas A. Fergus von der Northern Illinois University entdeckten.

Doch warum schämen wir uns überhaupt? Aus Sicht von Evolutionsbiologen und Emotionspsychologen liegt der Wert der Scham vor allem in ihrer adaptiven Funktion: Sie sensibilisiert uns für die Normen und Meinungen anderer und fungiert damit als eine Art sozialer Kitt. Möglicherweise ist das auch einer der Gründe, warum Frauen sich im Schnitt häufiger und intensiver schämen als Männer, wie Studien einhellig belegen. Ihnen wird schon früh vermittelt, besonders aufmerksam für das zu sein, »was sich gehört«. Auch jene Schamgefühle, die sich auf den eigenen Körper beziehen, spielen bei ihnen eine größere Rolle, da sie dem gesellschaftlichen Anspruch des richtigen Umgangs mit ihrem Körper weitaus stärker ausgesetzt sind als Männer (siehe auch »Von der Erbsünde verfolgt«, S. 24). So sehen viele Frauen ihr Äußeres kritisch und fühlen sich bloßgestellt, wenn es nicht dem verbreiteten Schönheitsideal entspricht.

Ein Team um den Psychologen Ulrich Orth von der Universität Bern untersuchte 2010 das Schamgefühl von mehr als 2600 Versuchspersonen zwischen 13 und 89 Jahren, die zum überwiegenden Teil in den USA lebten. Dabei entdeckten die Wissenschaftler, dass sich nicht nur die Geschlechter unterschiedlich verhalten, sondern auch unser Alter einen Einfluss darauf zu haben scheint, wie intensiv wir uns schämen. Am anfälligsten für derartige Gefühle sind demnach Jugendliche. Im mittleren Erwachsenenalter nimmt das Schamempfinden dann kontinuierlich ab und beschert uns um das 50. Lebensjahr herum unsere schamloseste Zeit, bevor wir im Alter schließlich wieder sensibler für Peinlichkeiten werden. Die Autoren machen dafür die Persönlichkeitsentwicklung verantwortlich: Im Teenager- und frühen Erwachsenenalter ist unsere Identität noch nicht vollends ausgebildet; gleichzeitig sind wir vielen normativen Vorgaben ausgesetzt, die unseren Platz in der Gesellschaft definieren. Die Unsicherheit im richtigen Umgang mit ihnen kann dann dafür sorgen, dass wir uns schneller schämen. Im mittleren Lebensalter ist unser Charakter hingegen gefestigt, und Normen haben einen geringeren Einfluss auf unser Handeln. Werden wir älter, nimmt die Besorgnis, gegen gesellschaftliche Regeln zu verstoßen, aber auch die Angst vor körperlichem Verfall und vor sozialer Auffälligkeit wieder zu.

Von der Erbsünde verfolgt

Der Begriff »Scham« bezeichnet in der deutschen Sprache nicht nur das Gefühl, das uns ereilt, wenn wir plötzlich unsichtbar werden wollen, sondern auch die äußeren Geschlechtsorgane des Menschen. Dies verdeutlicht, dass es neben der »sozialen Scham« auch noch eine Form des Schamgefühls gibt, die mit dem instinktiven Schutz von Körperlichkeit und Intimität in Verbindung steht. Stark geprägt hat das Verständnis von Scham in unserem Kulturkreis dabei die Scham vor der Nacktheit, die in der christlichen Mythologie am Anfang der Schöpfungsgeschichte steht. So heißt es im ersten Buch Mose über Adam und Eva zunächst: »Und sie waren beide nackt, der Mensch und sein Weib, und schämten sich nicht.« Das änderte sich, als beide gegen das göttliche Verbot verstießen und vom Baum der Erkenntnis aßen: Ab diesem Zeitpunkt schämten sie sich voreinander, denn sie wurden sich ihrer Nacktheit bewusst und verhüllten sich deshalb mit Feigenblättern.

Dieses Deutungsmuster von der Nacktheit als einem beschämenden Zustand hat in der abendländischen Tradition den Umgang mit Körperlichkeit nachhaltig geprägt und wirkt bis heute nach. Um Peinlichkeiten zu vermeiden, gehen wir deshalb auf eine Art und Weise mit dem Körper, mit Nacktheit, Geschlechtlichkeit und mit Sexualität um, die durch gesellschaftliche Normen und Konventionen festgelegt ist. Die Auffassung, ob, wie, wo und wem gegenüber man sich bedecken sollte, hat sich zwar im Lauf der Jahrhunderte verändert – geblieben sind jedoch die Schamgefühle, die in uns hochkommen, wenn wir gegen die entsprechenden Regeln verstoßen.

Eng verwandt mit Scham sind Schuldgefühle. Auch sie stellen sich ein, wenn wir moralische, ethische oder religiöse Normen übertreten und uns innerlich dafür kritisieren. Während wir in Momenten der Scham jedoch unser gesamtes Selbst negativ betrachten (»Ich habe etwas Schlimmes getan!«), liegt bei Schuldgefühlen der Fokus stets auf einer konkreten Handlung (»Ich habe etwas Schlimmesgetan !«). Meist sind damit negative Konsequenzen für andere Personen verbunden, für die wir die Verantwortung übernehmen, wenn wir uns schuldig fühlen.

Die Voraussetzung dafür ist ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen. Nur, wenn wir uns in andere hineinversetzen und begreifen können, dass unser Fehlverhalten für sie schmerzhaft oder verletzend war, stellen sich Schuldgefühle ein. Personen, die keine Empathiefähigkeit besitzen, haben entsprechend auch kein Schuldbewusstsein. Das trifft etwa auf Kleinkinder zu. Seine Funktion liegt dabei klar auf der Hand: Es hindert uns daran, anderen Schaden zuzufügen, und motiviert uns stattdessen dazu, uns so zu verhalten, dass wir Beziehungen und Bindungen zu anderen Menschen nicht gefährden.

Wenn wir uns schuldig fühlen, suchen wir deshalb meist nach Strategien, um den angerichteten Schaden wiedergutzumachen. Während Menschen, die sich schämen, ihre Aufmerksamkeit nach innen lenken, behalten schuldbewusste Personen entsprechend auch ihre Umwelt weiterhin im Blick. Das zeigt etwa eine australische Studie, für die Forscher um Matt Treeby von der La Trobe University in Melbourne zunächst bei 336 Versuchspersonen ermittelten, wie sehr sie jeweils dazu neigten, sich zu schämen oder aber sich schuldig zu fühlen. Anschließend mussten die Probanden anhand von Gesichtsausdrücken beurteilen, ob eine andere Person wütend, traurig, glücklich, ängstlich, angeekelt oder beschämt war. Teilnehmer, die eher zu Schuldgefühlen neigten, erwiesen sich dabei als schärfere Beobachter ihrer Mitmenschen: Sie waren besser dazu in der Lage, die Emotionen ihres Gegenübers zu erkennen als jene Probanden, die über intensive Schamgefühle klagten. Die Autoren sehen das als Beleg für die These, dass Empathie und Schuldgefühle üblicherweise zusammenwirken.

Doch auch Schuld und Scham gehen oft Hand in Hand: Sich schuldig gemacht zu haben, erzeugt bei vielen Menschen gleichzeitig ein Gefühl der Scham, denn die Diskrepanz zwischen dem, was man eigentlich von sich zeigen möchte, und dem, was man tatsächlich durch die schuldhafte Handlung gezeigt hat, kann groß sein. Die Verbindung von Schuld und Scham ist umso größer, je absichtlicher unser Fehlverhalten war, je mehr Menschen es mitbekommen haben und je wichtiger diese für uns sind. Vor allem dann, wenn die Personen, die durch unser Verhalten zu Schaden gekommen sind, ablehnend oder verständnislos reagieren oder uns Vorwürfe machen, wünschen wir uns schnell, im Boden zu versinken. Ein Beispiel dafür wäre ein Büroangestellter, der verheiratet ist, aber mit seiner Kollegin ein Verhältnis hat. Der Chef ertappt die beiden eines Tages dabei, wie sie sich in einer Ecke küssen und stellt den Ehemann zur Rede: Ein solches Verhalten gehöre sich nicht am Arbeitsplatz – und schon gar nicht für einen verheirateten Mann! Die Wahrscheinlichkeit, dass der Betroffene sich für seine Affäre schämen wird, ist groß. Reagiert das Gegenüber wütend oder ärgerlich, macht sich häufiger Angst als Scham in uns breit.

Schuldgefühle loszuwerden, fällt uns oft leichter, als unsere Scham zu bewältigen. Das hängt auch damit zusammen, dass es in unserer Gesellschaft viele gängige Methoden gibt, um eine Schuld zu sühnen – sei es durch eine ausgesprochene Entschuldigung, durch Buße, beispielsweise durch das Bezahlen eines Strafzettels, oder im schlimmsten Fall auch durch einen Gefängnisaufenthalt. Auch religiöse Konventionen helfen uns manchmal dabei, uns von Schuldgefühlen zu befreien, etwa indem wir auf Pilgerfahrt oder zur Beichte gehen. Scham verfolgt uns hingegen oft noch lange. Denn viel schwerer als sich zu entschuldigen ist es, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist.

QUELLEN

Kämmerer, A.: Zur Intensität des Erlebens von Schamgefühlen bei psychischen Störungen.In: Psychotherapie, Psychosomatik und medizinische Psychologie 60, S. 262–270, 2010

Orth, U. et al.: Tracking the Trajectory of Shame, Guilt, and Pride Across the Life Span.In: Journal of Personality & Social Psychology 99, S. 1061–1077, 2010

Treeby, M.S. et al.: Shame, Guilt and Facial Emotional Processing: Initital Evidence for a Positive Relationship Between Guilt-Proneness and Facial Emotional Recognition Ability.In: Cognition and Emotion 30, S. 1504–1511, 2016

Weitere Quellen im Internet:www.spektrum.de/artikel/1612174