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Wunder des Alltags


Gehirn & Geist Dossier - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 30.08.2019

EHRFURCHT Staunen und Demut. Erleben, wie das eigene Ich plötzlich unwichtig scheint. Spüren, wie alles mit allem verbunden ist. Wo wir dieses mächtige Gefühl finden können.


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Bildquelle: Gehirn & Geist Dossier, Ausgabe 3/2019

SMILEUS / GETTY IMAGES / ISTOCK

Ein Spaziergang im sonnendurchfluteten Herbstwald lehrt so manchen das Staunen.

Auf einen Blick: Das »Ah!« und »Oh!« der Welt

1 Ehrfurcht ist ein ambivalentes Gefühl. Wir empfinden sie oft als positiv und bereichernd. Da sie uns selbst klein erscheinen lässt, kann sie aber auch auf die Stimmung drücken.

2 Im Kern beschreibt Ehrfurcht einen Zustand, in dem man das eigene Ich weniger wichtig nimmt und es ...

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2 Im Kern beschreibt Ehrfurcht einen Zustand, in dem man das eigene Ich weniger wichtig nimmt und es in einen größeren, meist sozialen Rahmen stellt. Das stärkt häufig den Gemeinsinn.

3 Um positive Ehrfurchtserfahrungen zu fördern, sollten wir vermehrt auf die »kleinen Wunder« des Alltags achten. Davon profitierten Gesundheit und Wohlbefinden.

Es gibt sie, diese ganz besonderen Momente. Jeder von uns hat sie schon einmal erlebt. Damals etwa, als das Herzchen des eigenen Babys im Bauch auf dem Bildschirm des Ultraschallgeräts pulsierte. Oder als einem die todkranke Großmutter noch einmal fest die Hand drückte und lächelte. Oder auch an jenem Herbsttag, als die Sonnenstrahlen majestätisch durch das Laubdach des Waldes brachen. In solchen Augenblicken schrumpft das Ich, und wir fühlen uns mit etwas Größerem, Bedeutenderem verbunden – kurz: Wir empfinden Ehrfurcht.

In diesem Wort steckt einerseits Furcht, andererseits hat es auch eine besinnliche, fast feierliche Komponente. Ehrfurcht empfinden wir bei ganz verschiedenen Gelegenheiten. Das kann eine einschneidende Erfahrung ebenso wie ein Naturerlebnis sein, eine spirituelle Offenbarung oder einfach die Begegnung mit einem charismatischen Menschen. Das schier unmögliche Tor in der Nachspielzeit gibt manchem Fußballfan zu diesem Gefühl Anlass, und selbst banale Beobachtungen können Ehrfurcht wecken: zum Beispiel, wenn wir einem Kind dabei zusehen, wie es ganz in sein Spiel vertieft ist.

Für forschende Psychologen ist diese komplexe Emotion erst seit relativ kurzer Zeit ein Thema. Im Jahr 2003 stellten Dacher Keltner von der kalifornischen University of Berkeley und sein Kollege Jonathan Haidt eine Theorie der Ehrfurcht vor, die zwei Aspekte umfasst: Größe (englisch: »vastness«) und Akkommodation. Größe bedeutet, dass wir etwas erleben, was uns bedeutender oder mächtiger erscheint als wir selbst und unsere Existenz. Mit dem Begriff der Akkommodation beschrieb einst der Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1896–1980) jenen Prozess, mit dem schon kleine Kinder ihre kognitiven Schemata auf die Realität abstimmen: Begegnen sie beispielsweise einem Tier – sagen wir einer Katze –, welches nicht so recht in ein bereits gelerntes Konzept wie »Wauwau« (Hund) hineinpasst, so bilden sie meist rasch eine neue Kategorie – etwa »Miau«.

Analog hierzu beschreibt die Akkommodation nach Keltner und Haidt einen Drang zur mentalen Anpassung. Wir wollen dem, was uns groß oder bedeutsam erscheint, einen Sinn geben, es in unsere persönliche Denk- und Erfahrungswelt integrieren. Gelingt das, fühlen wir uns gewissermaßen erleuchtet; andernfalls kann die Ehrfurcht zu Angst und Unwohlsein führen.

Sie ist also durchaus ambivalent.

Laut einer Untersuchung von 2016 messen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen der Ehrfurcht einen hohen Stellenwert bei. Forscher um den Psychologen Pooya Razavi von der University of Oregon verglichen das Auftreten und die Bewertung ehrfürchtiger Reaktionen bei insgesamt knapp 1200 Amerikanern, Iranern, Malaysiern und Polen. Am stärksten neigten demnach die US-Bürger dazu, die schwächste Ausprägung zeigten die Iraner. Den Wert der Ehrfurcht schätzten indes alle Befragten ähnlich hoch ein.

Vom Ich zum Wir
Wirksam wird dies offenbar vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. »Ehrfurcht verbindet«, sagt Paul Piff, Psychologieprofessor an der University of California in Irvine. Er sieht darin eine Art Kollektivgefühl. »Ehrfurcht kommt häufig bei gemeinschaftlichen Erfahrungen auf, bei Musik oder Tanz, beim Gebet oder bei sportlichen Wettkämpfen. Sie hat hier meist zur Folge, dass sich das Individuum in einen übergeordneten sozialen Zusammenhang stellt und die Aufmerksamkeit weg vom Ich auf ein größeres Ganzes lenkt.«

Laut Piff fördert Ehrfurcht zudem selbstloses Verhalten, weil wir durch sie mehr auf das Gemeinwohl achten. Dieser Hypothese ging der Forscher 2015 mit Kollegen aus Berkeley, New York und Toronto nach. In insgesamt fünf Studien untersuchte das Team den Zusammenhang zwischen Ehrfurcht und prosozialem Handeln. Zunächst erhob man die Neigung von Probanden, verschiedene Emotionen zu empfinden – neben Ehrfurcht auch Enthusiasmus, Mitgefühl, Liebe oder Stolz. Sodann spielten die Probanden ein Gemeinschaftsspiel: Sie erhielten zehn Lose (mal lag der mögliche Gewinn bei 10 Dollar, mal bei 500 Dollar) und konnten entscheiden, ob und wie viel davon sie einem anderen Teilnehmer abgeben wollten. Daran maßen die Forscher die soziale Ader. Wie sich zeigte, waren jene, die besonders oft Ehrfurcht empfanden, auch großzügiger beim Verteilen der 500-Dollar-Lose, unabhängig von Variablen wie Alter und Geschlecht. Dieser Effekt blieb selbst dann bestehen, als Piff und seine Kollegen andere Emotionen wie Liebe oder Mitgefühl statistisch kontrollierten.

UNSERE AUTORIN

Patricia Thivissen arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in Berlin. Ehrfurcht empfand sie zuletzt am rauen Nordseestrand in Dänemark.

Auch dies ist ein Ehrfurcht gebietendes Bild: Ungebändigte Naturgewalt lässt den Menschen klein und machtlos erscheinen.


KEVRON2001 / GETTY IMAGES / ISTOCK / BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST

Solche korrelativen Zusammenhänge allein sagen allerdings wenig aus. Daher versuchte Piffs Team im nächsten Schritt, das Gefühl der Ehrfurcht bei den Teilnehmern aktiv zu beeinflussen. Diese sollten etwa ein Erlebnis beschreiben, bei dem sie Ehrfurcht oder Stolz empfunden hatten. Ob das tatsächlich das entsprechende Gefühl von damals weckte, prüften die Forscher mit Hilfe eines Fragebogens. Anschließend lasen die Probanden verschiedene Szenarios, in denen es um moralische Normen ging – beispielsweise was man tun würde, wenn man an der Kasse einer Kaffeebar zu viel Wechselgeld erhielte. In einem weiteren Test sahen die Teilnehmer entweder einen beeindruckenden Naturfilm oder ein neutrales Video, ehe sie Fragen nach ihrem Selbstbild beantworten oder im besagten Spiel Großzügigkeit beweisen sollten. Erneut zeigte sich: Ehrfürchtige Probanden waren spendabler – und offenbarten ein »kleineres Selbst«, das Gefühl also, mit etwas Größerem verbunden zu sein. Dies wiederum war ausschlaggebend für die Bereitschaft, mit anderen zu teilen.

Auch in einer vierten Studie ließ sich das prosoziale Verhalten von Testpersonen mittels Ehrfurcht steigern. Dazu genügten bereits Videos von Vulkanausbrüchen, Tornados oder von bunten Wassertropfen, die in Zeitlupe wundersame Schlieren in einem Gefäß voll Milch hinterließen. Offenbar helfen wir anderen eher, so Piff, »wenn wir das Gefühl haben, unser eigenes Dasein und individuelle Ziele seien eher weniger bedeutend«.

Doch lassen sich experimentell erzeugte Empfindungen mit denen im wirklichen Leben vergleichen? »Natürlich kann man vor allem transformative Ehrfurchtserfahrungen, wie die Geburt eines Kindes, im Labor kaum imitieren«, räumt der Forscher ein. Wichtig sei es, solche Tests mit Feldstudien zu kombinieren. »Bringen wir Menschen zum Beispiel an Ehrfurcht weckende Orte, sehen wir ähnliche Effekte wie im Labor.«

Hilfsbereitschaft unter hohen Wipfeln
Hierfür machten es sich die Psychologen zu Nutze, dass nahe dem Campus in Berkeley ein Eukalyptuswald mit stattlichen, bis zu 60 Metern hohen Bäumen steht. Die Forscher teilten 90 Versuchspersonen in zwei Gruppen auf: Die einen sollten eine Minute lang zu den Baumwipfeln aufschauen, die anderen standen ein paar Meter entfernt, betrachteten aber ein wenig spektakuläres Universitätsgebäude. Als die Minute um war, näherte sich der Versuchsleiter, bepackt mit Fragebogen und einer Box voll Stiften, die er – vermeintlich aus Versehen – vor dem jeweiligen Probanden fallen ließ. (Das Ganze war vorab ausgiebig geprobt worden, damit es möglichst natürlich wirkte.) Das Resultat: Ehrfürchtige Bäume-Gucker sammelten im Schnitt mehr Stifte auf. Zudem stellten sie in einem Fragebogentest, bei dem jeder sein »Ich« und »die anderen« durch verschieden große Kreise symbolisieren sollte, sich selbst kleiner dar. Auch stimmten sie Aussagen wie »Ich glaube, mir steht mehr zu als anderen« weniger zu, erhoben also nicht so hohe Ansprüche wie die Gebäudebetrachter.

»Ehrfurcht verändert unser Selbstkonzept und damit unser Handeln«, resümieren Piff und seine Kollegen. Im Angesicht schierer Größe nehmen wir uns selbst weniger wichtig. Doch das muss sich nicht unbedingt gut anfühlen. Denn Ehrfurcht kann auch unangenehme Zustände auslösen, wie eine 2017 erschienene Studie von Amie Gordon von der University of California in San Francisco und ihrer Torontoer Kollegin Jennifer Stellar bestätigt. Die Psychologinnen untersuchten die Frage, wie sich die »dunkle Seite« der Ehrfurcht auf das Befinden oder das Stresserleben der Betreffenden auswirkt. Zunächst baten sie gut 200 Probanden, Situationen in ihrem Leben zu beschreiben, in denen sie ehrfürchtig gewesen waren. Etwa jeder fünfte skizzierte dabei auch Bedrohliches wie die Terroranschläge des 11. September 2001 oder das Unglück der »Challenger«- Raumfähre 1986. Solche Erlebnisse kennzeichnete vor allem ein Gefühl des Kontrollverlustes – die Teilnehmer hatten den Eindruck, selbst nichts ausrichten zu können, und empfanden entsprechend große Unsicherheit. Physiologisch machte sich das in typischen Stresssignalen wie beschleunigtem Puls und erhöhter Hautleitfähigkeit – kurz gesagt: Schwitzen – bemerkbar.

In einem weiteren Versuch teilten Stellar und Gordon rund 600 Probanden in vier Gruppen auf. Die einen sahen Videos, die entweder positiv oder negativ gefärbte Ehrfurcht hervorrufen sollten (beeindruckende Naturszenen versus Tornados), die anderen sollten Angst bekommen (diese sahen eine Szene aus dem GruEine selklassiker »The Shining«) oder gar keine besonderen Emotionen empfinden. Eine Voruntersuchung hatte ergeben, dass die Filmausschnitte die gewünschten Reaktionen tatsächlich erzeugten. Im Anschluss füllten die Teilnehmer Fragebogen zu ihrer aktuellen Gefühlslage und zu ihrem Selbstwertgefühl aus.

DAMIRCUDIC / GETTY IMAGES / ISTOCK

Ehrfurchtserfahrungen wie die Geburt eines Kindes lassen sich im Labor kaum imitieren

Auf dem Weg zu einer »Gänsehaut-Therapie«?
Wie zu erwarten, fühlten sich die Teilnehmer aus der Angst-Gruppe am unwohlsten in ihrer Haut. Aber auch negativ dominierte Ehrfurcht schlug aufs Wohlbefinden, während etwa das Staunen über die Schönheit der Natur dieses eher erhöhte. Den entscheidenden Unterschied machte wiederum vor allem das Wahrnehmen der eigenen Machtlosigkeit: In beiden Ehrfurchtsbedingungen fühlten sich die Teilnehmer zwar klein, doch nur bei negativer Ehrfurcht kam das Empfinden von Ohnmacht hinzu. »Nach unseren Ergebnissen sind bis zu ein Viertel aller Ehrfurchtserfahrungen negativ getönt «, schreiben Stellar und Gordon. Diese seien dem Wohlbefinden oft abträglich. Die Schattenseiten der Ehrfurcht müssten jedoch erst in weiteren Studien genauer bemessen werden.

Andererseits heißt das auch: Die Mehrzahl der Erfahrungen von Ehrfurcht sind schön, bisweilen sogar berauschend. Und das birgt womöglich medizinisches Potenzial. Bereits 2015 zeigte Stellar zusammen mit anderen Forschern, dass positive Ehrfurcht mit verminderten Werten bestimmter Entzündungsmarker im Körper, so genannter Zytokine, einhergeht. Das Gefühl der Verbundenheit mit anderen könnte also durchaus der Gesundheit förderlich sein.

Paul Piff geht noch einen Schritt weiter: Für ihn stiftet Ehrfurcht Zusammenhalt in der Gesellschaft. Umgekehrt dürfte der wachsende Individualismus unserer Zeit mit dem Rückgang solcher Erfahrungen im Alltag zusammenhängen. »Die Menschen tendieren heute dazu, Ehrfurcht weniger wichtig zu nehmen. Sie wollen vielleicht einen tollen Trip durch den Grand Canyon machen, doch sie erblicken darin keinen größeren Rahmen für ihr Leben.«

Der Forscher plädiert dafür, Ehrfurcht aktiv zu kultivieren – etwa in Form kleiner Gänsehaut- Momente, die schon der nächtliche Sternenhimmel oder Musik auslösen können. Womöglich lassen sich die guten Seiten der Ehrfurcht sogar therapeutisch nutzen, spekuliert er. Fundierte Ansätze für eine solche »Gänsehaut-Therapie « gibt es bislang zwar noch nicht. »Aber wir wissen«, so Piff, »dass bereits kurze Interventionen das prosoziale Verhalten steigern. Dieser Effekt hält nicht unbedingt an. Doch wenn man zum Beispiel einmal am Tag einen Ehrfurchtsspaziergang unternimmt, kann das dem eigenen Wohlbefinden und den Beziehungen zu anderen durchaus helfen.«

Die gute Nachricht lautet: Um Ehrfurcht zu empfinden, braucht es oft gar nicht viel. Manchmal genügt es dafür schon, Dingen, die wir sonst für selbstverständlich halten, etwas mehr Augenmerk zu schenken.

Eine kurze Geschichte der Ehrfucht

Staunen, Respekt, Demut, Erleuchtung – das sind nur einige der Dinge, die wir heute mit dem schillernden Begriff der Ehrfurcht verbinden. Als »höchsten Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an dasjenige, was man höher schätzt als sich selbst« definierte sie schon Brockhaus’ Konversationslexikon von 1896. Das damit beschriebene Empfinden spielte in der Kulturgeschichte des Menschen von jeher eine besondere Rolle.

Für viele Gelehrte und Forscher stellt das Staunen über die eigene Existenz, über das Universum und das Leben den Ausgangspunkt schlechthin für Philosophie, Wissenschaft und Kunst dar. So bekannte beispielsweise der deutsche Idealist Immanuel Kant (1724–1804) in seiner »Kritik der praktischen Vernunft«, zwei Dinge erfüllten ihn mit »immer neuer und zunehmender« Ehrfurcht: »der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.«

Vor allem im religiösen Kontext nimmt die Ehrfurcht traditionell breiten Raum ein. In fast allen großen Glaubenslehren findet sich ein mehr oder weniger expliziter Appell zur Gottesfurcht, also der Anerkennung und Verehrung einer höheren Macht. Ihr verdanke der Mensch nicht nur sein Dasein, sondern sie richte auch über sein Schicksal. Das Moment der Ohnmacht, ja der Angst angesichts einer überirdischen Autorität ist hier dominierend – was spätere, religionskritische Denker teils scharf ablehnten.

Erst im Lauf des 18. Jahrhunderts wurde die Ehrfurcht immer mehr als eine säkulare, nicht (nur) religiös gefärbte Erfahrung gedeutet. Die Bewunderung für die Natur oder die Leistungen großer Künstler charakterisierte für den irisch-britischen Aufklärer Edmund Burke (1729–1797) unser ästhetisches Empfinden. In seinen »Philosophischen Untersuchungen über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen« erklärte er, dass wir angesichts der Unermesslichkeit und Unerreichbarkeit grandioser Schöpfungen stets auch einen wohltuenden Schrecken empfänden.

Der aus dem Elsass stammende Theologe, Arzt und Philosoph Albert Schweitzer (1875–1965) stellte ein ähnliches Konzept ins Zentrum seiner Ethik. In der »Ehrfurcht vor dem Leben« sah Schweitzer den entscheidenden Impuls nicht nur für Bescheidenheit und Güte, sondern auch für die Verantwortung gegenüber anderen. Schweitzer erhielt unter anderem für sein Engagement als »Urwalddoktor« im westafrikanischen Gabun 1953 den Friedensnobelpreis. Er gilt zudem als ein Pionier des Vegetarismus, da er im späteren Lebensalter aus Respekt vor der Kreatur auf tierische Kost verzichtete.

Ob als Akt religiöser Demut, als ästhetische Erfahrung oder als moralischer Wegweiser – Ehrfurcht bildet, wie es Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) formulierte, wohl tatsächlich einen »Angelpunkt der Welt«. Ohne sie wären wir jedenfalls um ein höchst facettenreiches Gefühl ärmer.

QUELLEN

Gordon, A. M. et al.: The dark side of the sublime: distinguishing a threat-based variant of awe.

Journal of Personality and Social Psychology 113, 2017

Keltner, D., Haidt, J.: Approaching awe, a moral, spiritual, and aesthetic emotion.Cognition and Emotion 17, 2003

Piff, P. et al.: Awe, the small self, and prosocial behavior.Journal of Personality and Social Psychology 108, 2015

Razavi, P. et al.: Cross-Cultural similarities and differences in the experience of awe.Emotion 16, 2016

Stellar, J. E. et al.: Positive affect and markers of inflammation: discrete positive emotions predict lower levels of inflammatory cytokines.Emotion 15, 2015

Dieser Artikel im Internet:www.spektrum.de/artikel/1508511