Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 12 Min.

WUNDERWERK PFERDEBEIN: Bewegungskünstler Pferd


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 30/2020 vom 07.02.2020

Der Bewegungsapparat des Pferdes erscheint als wahres Wunder. Für das Fluchttier sind kräftige Beine jedoch auch notwendig. Wie kann die Gesundheit der Beine gefördert werden? Was macht das Pferdebein stark und beweglich? Was ist zu tun, wenn eine Verletzung vorliegt?


Artikelbild für den Artikel "WUNDERWERK PFERDEBEIN: Bewegungskünstler Pferd" aus der Ausgabe 30/2020 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 30/2020

Das wünscht sich jeder Reiter: ein gesundes Pferd mit flüssigem Bewegungsablauf


Unsere Pferde sind echte Bewegungskünstler. Die Masse des Körpers getragen von vier fragilen Wunderwerken: den Pferdebeinen. Diesen kann man innerhalb eines Artikels nur ansatzweise gerecht werden, sind sie doch maßgeblich dafür, was das Fluchttier ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Mein Pferd. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 30/2020 von FOTO DES MONATS: Ganz schön maulig. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FOTO DES MONATS: Ganz schön maulig
Titelbild der Ausgabe 30/2020 von NEWS SZENE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEWS SZENE
Titelbild der Ausgabe 30/2020 von NEWS SPORT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEWS SPORT
Titelbild der Ausgabe 30/2020 von Was wurde aus … dem Grubenpferd Alex?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was wurde aus … dem Grubenpferd Alex?
Titelbild der Ausgabe 30/2020 von GLOBETROTTER: Das Glück der Erde liegt in Österreich. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GLOBETROTTER: Das Glück der Erde liegt in Österreich
Titelbild der Ausgabe 30/2020 von LESERBRIEFE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE
Vorheriger Artikel
Was wurde aus … dem Grubenpferd Alex?
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel GLOBETROTTER: Das Glück der Erde liegt in Österreich
aus dieser Ausgabe

... Pferd ausmacht. Jeder, dessen Pferd eine längere Stehzeit aufgrund einer Verletzung ertragen musste, weiß ein Lied zu singen von der Schwierigkeit, welche diese mit sich bringt. Wir werfen einen Blick darauf, wie Pferdebeine gesund bleiben, bzw. auf häufige Erkrankungen und das, was verletzten Pferden hilft. Und Dr. Frank Reimann, selbstständiger Veterinärmediziner und Auktionstierarzt des Hannoveraner Verbandes, bietet einen Einblick, was den Bewegungsapparat unserer Vierbeiner gesund erhält und mit welchen häufigen Fehlern er konfrontiert wird.

Pferdebeine richtig kühlen

Es passiert oft unverhofft: Man bemerkt beim Ausritt ein plötzliches Lahmen. Das Pferd vertritt sich auf dem Reitplatz, oder man entdeckt es lahmend auf der Weide. Nun ist schnelle Hilfe Pflicht. Zuallererst darf das Pferd selbstredend nicht weiter geritten werden. Ist man unterwegs, kann es ruhig nach Hause geführt werden, sofern dies problemlos möglich ist. Ansonsten muss es mit dem Hänger abgeholt werden.

Das Kühlen der verletzten Stelle steht danach an erster Stelle. Oft hat sich zu diesem Zeitpunkt schon eine Schwellung gebildet. Durch den Vorgang des Kühlens ziehen sich die Gefäße zusammen und das Anschwellen wird gebremst. Die Schmerzbotenstoffe, welche auf das Gehirn einprasseln, woraufhin sich der Schmerz über die Nerven verbreitet, werden ebenfalls reduziert. Allerdings muss die Kühlung richtig erfolgen, damit sie Erfolg bringt. Am besten funktioniert die Kühlung mit fließendem Wasser. Dabei beginnt man am Huf und geht dann langsam weiter nach oben vor. Die Temperatur des Wassers sollte dabei nicht mehr als 15° C unter der Umgebungstemperatur liegen. Eisig kaltes Wasser sollte möglichst vermieden werden. Zunächst sollte das Bein etwa 20 Minuten lang gekühlt werden. Danach sollte man damit ca. alle zwei Stunden eine Wiederholung einlegen. Tritt keine wirkliche Besserung ein, können obendrein Kühlgele aufgetragen werden. Allerdings sollte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Tierarzt hinzugezogen werden, der zudem ein schmerz- und entzündungsstillendes Medikament verschreibt.

Genutzt werden können zur Kühlung gegebenenfalls auch Coolpacks, allerdings dürfen auch diese nicht eisig kalt sein, da sonst die Haut durch Erfrierungen verletzt werden kann.

Durch eine richtig durchgeführte Kühlung können beispielsweise Überbeine am Röhrbein erfolgreich in Schach gehalten werden.

Kühlen und Keramik

Ebenso können auch Kühlgamaschen schmerzlindernd und abschwellend wirken und damit den Prozess der Heilung unterstützen. Auch die Neigung zu Entzündungen wird gehemmt. In Kombination mit Wärme wirken sie durchblutungsfördernd.

Heilen mit Wärme – das Prinzip ist jahrtausendealt und im Grunde recht einfach. Keramik ist mittlerweile immer öfter an Gamaschen und Decken in medizinischem Einsatz gegen Verspannungen, Durchblutungsstörungen und geschwollene Beine. Sie sollen mithilfe von Infrarotstrahlung schmerzstillend wirken.

Keramik reflektiert die Körperwärme, meist ist diese heute in echten Hightech-Produkten verarbeitet. Doch das Mischgewebe tut seine Wirkung und reflektiert die Wärme von ca. 36° C tatsächlich als gesundheitsfördernde Infrarotwellen. Der Vorteil gegenüber Magnetfeld und Co. ist, dass Keramik ausschließlich mit Körperenergie arbeitet und die Handhabung für jeden einfach durchführbar ist.

Tierchen am Werk

Auch die Therapie mit Blutegeln hat sich inzwischen bewährt. Sie wird bei den unterschiedlichsten Fällen von Lahmheit durchgeführt, wie bei Arthrose, Arthritis, Sehnenverletzungen oder Hufrehe. 15 Arten von Blutegeln werden heute im medizinischen Bereich eingesetzt. Sobald der Egel zu saugen beginnt, gehen Wirkstoffe aus dem Tier in die Bissstelle über. Mit ihrem Speichel verdünnen Blutegel das Blut des Pferdes und regen dessen Körper dazu an, mehr Blut in die erkrankte Region zu schicken. Deshalb wirkt die Therapie entgiftend, blutreinigend, entzündungshemmend und durchblutungsfördernd.

Kompression

Druck als Heilmittel? Es gibt sie mittlerweile tatsächlich: Kompressionsanzüge fürs Pferd. Meist wirken die in vielen bunten Farben erhältlichen Anzüge etwas befremdlich. Mit Kompressionsgamaschen kann man sich da noch eher anfreunden. Doch zunächst einmal zur Wissenschaft dahinter: Der Druck auf den Körper bewirkt eine verbesserte Blutzirkulation, die wiederum zu einer besseren Sauerstoffversorgung des Organismus führt. Die Kompression drückt das Blut Richtung Herz, was wiederum den venösen Rückfluss beschleunigt. Dadurch werden Stoffwechselprodukte schneller vom Muskel abtransportiert. Laktat wird rascher abtransportiert, was wiederum Muskelschäden schneller genesen lässt.

Weil der Ganzkörperanzug kostspielig ist, sind Gamaschen deutlich häufiger im Einsatz.

Spezielle Fütterung unterstützt

Die Fütterung spielt bei der Rekonvaleszenz lahmender Pferde eine große Rolle. Nicht selten wird übersehen, dass diese unbedingt den Gegebenheiten angepasst werden muss, um Folgeerkrankungen (schlimmstenfalls Koliken oder andere Erkrankungen des Verdauungsapparates und Stoffwechsels) zu vermeiden.

„Bei der Fütterung eines lahmenden Pferdes ist insbesondere zu beachten, dass der Energiegehalt der Ration an das – wenn überhaupt mögliche – Training bzw. an die erforderliche Boxenruhe angepasst wird“, beschreibt Dr. Julia Mack, die Fütterungsexpertin im bayerischen Haupt- und Landgestüt Schwaiganger war und nun freiberuflich unterwegs ist.

Kraftfutter muss reduziert oder gegebenenfalls komplett weggelassen werden. „Falls erforderlich, beispielsweise um zum Beispiel den Ernährungszustand zu halten, kann im Gegenzug die Raufuttermenge erhöht werden“, erklärt Dr. Mack. „Dies verlängert die Beschäftigungsdauer des Pferdes mit seinem Futter und kompensiert damit zumindest ein wenig die fehlende Beschäftigung durch entsprechende Bewegung.“

Wichtig ist aber, dass die Ration trotzdem ausgewogen bleibt. Dies bedeutet, dass Mineralfutter verabreicht werden sollte, welches zu einer reinen oder überwiegenden Raufutterration passt. „Insbesondere ist dies wichtig, falls vorher die Mineralisierung/ Vitaminisierung aus einem entsprechend angereicherten Kraftfutter wie Müslifutter oder Pellets stammte“, erklärt Julia Mack. „Im Verlauf der Genesung muss dann die Energie- und gegebenenfalls auch die Kraftfuttermenge wieder langsam und allmählich erhöht werden, um Verdauungsstörungen zu vermeiden. Wichtig ist auch, insbesondere bei längerfristigen oder dauerhaften orthopädischen Erkrankungen wie zum Beispiel Arthrose, Übergewicht, sofern vorhanden, schrittweise abzubauen. Höheres Gewicht bedeutet immer eine vermehrte Belastung des Bewegungsapparates.“

Unter Umständen kann es für einzelne orthopädische Erkrankungen hilfreich sein, ein entsprechendes Ergänzungsfuttermittel zu verabreichen. Es kann bei der Genesung unterstützen oder das Fortschreiten des Krankheitsprozesses verlangsamen. „Allerdings gibt es nur sehr wenige Studien mit gutem Studiendesign, die die Wirksamkeit derartiger Ergänzungsfuttermittel untersucht haben“, gibt Mack zu bedenken. „Daher gibt es kaum wissenschaftliche Belege oder Hinweise für eine Wirksamkeit derartiger Präparate, weshalb man allenfalls ausprobieren kann, ob sich bei dem individuellen Patienten eine Besserung der Symptomatik dadurch erreichen lässt. Im Zusammenhang mit Erkrankungen des Bewegungsapparats häufig in entsprechenden Präparaten vermarktete Substanzen sind zum Beispiel Glucosamin oder Chondroitinsulfat, bioaktive Kollagenpeptide, Hyaluronsäure, Omega-3-Fettsäuren, Teufelskralle, Yucca schidigera oder Weihrauch, denen je nach Einsatzgebiet gelenkknorpelschützende bzw. Gelenkschmiere bildende oder auch entzündungshemmende bzw. schmerzlindernde Wirkungen nachgesagt werden.“

Raus ins Gelände: Das kräftigt den Bewegungsapparat


Beinschutz durch Gamaschen kann sinnvoll sein, allerdings müssen diese richtig angelegt werden


Was ist was? Orthopädische Erkrankungen

Mack rät von derartigen Produkten zwar nicht ab, aber die Wirkung beschränkt sich wohl auf einzelne Pferde, die wirklich gut darauf ansprechen. Dennoch kann dies natürlich als Unterstützung in der Rekonvaleszenz im Einsatz sein (bei Sportpferden Medikationsregeln beachten!), solange die generellen Regeln für eine pferdegerechte Fütterung nicht außer Acht gelassen werden.

Naturheilkunde: gut gewickelt

Wir alle erinnern uns wohl noch gut, was unsere Omas für interessante Hausmittel gegen Wehwehchen hatten. Eines davon waren häufig Wickel aller Art.

Quarkwickel beispielsweise – und diese helfen nicht nur beim Menschen bei Entzündungen aller Art. Auch beim Pferd sorgen die Milchsäurebakterien im Quark dafür, dass Entzündungen ausheilen. Da die Wickel obendrein noch kühlen, haben sie in jeder Hinsicht eine positive Wirkung.

Nutzen kann man dafür einfach handelsüblichen Magerquark, welcher mit etwas Milch vermengt zu einer streichfähigen Masse wird.

Die Wickel helfen bei Gelenkbeschwerden, Prellungen, Stauchungen und anderen entzündlichen Verletzungen. Sie werden dabei für circa drei bis vier Stunden angelegt. Man streicht den Quark dünn an die Innenseite einer Bandagen-Unterlage aus Baumwolle oder eines Baumwolltuches und befestigt dieses mit einer Bandage.

Besonders sinnvoll sind Quarkwickel, wenn man eine akut warme Stelle am Pferdekörper fühlt. Bei ernsten Verletzungen sollte man jedoch sofort einen Tierarzt konsultieren.

Krautwickel können bei plötzlicher Lahmheit, beispielsweise durch ein Hufgeschwür, angewendet werden. Das Sauerkraut wird auf ein Tuch geschichtet, welches man um den kompletten Pferdehuf schlägt und mit Klebeband befestigt. Selbstverständlich sollte man den Tierarzt einen Blick auf das Geschwür werfen lassen, doch wenn keine Einwände vorliegen, kann der Verband über circa eine Woche angelegt werden (Wechsel alle 1–2 Tage) – am Ende sollte die Lahmheit deutlich geringer ausfallen. Meist verschwindet sie sogar völlig.

Kartoffelwickel helfen bei Muskelschmerzen, Schmerzen im Rücken, bei Beinverletzungen und bei Verspannungen, wie etwa in der Sattellage (bei denen aber die Ursachen zunächst abgeklärt werden müssen). Zunächst werden dafür Kartoffeln mit Schale gekocht und diese in einen Leinenbeutel gegeben. Darin werden sie zerdrückt, und der Beutel wird auf die entsprechende Muskelpartie aufgelegt und gegebenenfalls mit einer Bandage befestigt.

Wichtig ist, dass die Kartoffelmasse noch warm aufgelegt wird. Hier steckt die Schwierigkeit: Entweder man muss die Kartoffeln direkt am Stall kochen oder diese in einem gut wärmeisolierenden Gefäß transportieren. Am besten zerdrückt man die Masse dann erst vor Ort – so bleiben die Kartoffeln länger warm.

UNSER EXPERTE

DR. FRANK REIMANN (47) hat sich mit einer eigenen Praxis in Verden/Niedersachsen niedergelassen. Schwerpunktmäßig behandelt er dort orthopädische Erkrankungen, ist aber auch in allen anderen Bereichen der Veterinärmedizin unterwegs. Die Zucht ist ein weiteres Steckenpferd von Reimann. So ist er auch für den Hannoveraner Verband als Tierarzt tätig.

WAS IST ZU TUN BEI...

Wunden Zunächst überprüfen, wie tief die Wunde ist. Ist sie tiefer als eine oberflächliche Schürfwunde, sollte der Tierarzt informiert werden. Bei stark blutenden Wunden ist Eile geboten. Auch wenn die Wunde an einem Gelenk oder einer Sehne liegt, sollte rasch gehandelt werden, da es sonst zu schwerwiegenden Entzündungen kommen kann. Bei stark blutenden Wunden hilft ein Druckverband, bevor der Tierarzt kommt. Eine oberflächliche Wunde kann durch Säubern und gegebenenfalls eine sterile Wundauflage behandelt werden.

Bei Wunden genau hinsehen: Wie stark ist die Blutung?


Geschwollene Beine Ursache von dicken, angeschwollenen Beinen ist häufig zu wenig Bewegung. Der Kreislauf sackt leicht ab und das Blut fließt langsamer. So kann Gewebeflüssigkeit leichter durch die Wände der Blutgefäße dringen und sich im Unterhautgewebe ansammeln. Abrupte Futterveränderungen und zu eiweißreiche Ernährung können die Problematik fördern. Unterschieden werden muss zwischen einem Ödem und einer schmerzhaften Entzündung. Geht die Schwellung nach drei Tagen nicht zurück, sollte das Pferd unbedingt dem Tierarzt gezeigt werden. Vorab helfen regelmäßige leichte Bewegung, Kühlung und Abspritzen.

Ein Ballentritt ist kein Notfall, der Tierarzt kann diesen fachgerecht versorgen


Ballentritt Zunächst prüfen, wie stark die Wunde blutet. Es ist ratsam, den Tierarzt die Wunde versorgen zu lassen, allerdings ist ein Ballentritt kein Notfall. Zunächst sollte die Wunde gesäubert und ein Verband mit Druck am Ballen angebracht werden.

Ein Hufverband unterstützt die Heilung beim Nageltritt


Nageltritt Tritt plötzliches Lahmen auf, handelt es sich häufig um einen Nageltritt. Sofort besteht hier die Gefahr, dass tieferliegende Strukturen im Huf beschädigt werden. Das Pferd sollte auf keinen Fall weiterbewegt und der Tierarzt so schnell wie möglich gerufen werden. Der Nagel oder andere Fremdkörper sollte im Huf stecken gelassen werden, außer wenn der Nagel noch weit heraussteht. Die betroffene Stelle sollte daraufhin für den Tierarzt markiert werden. Ein Hufverband ist sowohl beim Entfernen als auch beim Steckenlassen des Fremdkörpers sinnvoll.

Kühlen hilft bei geschwollenen Beinen


„EIN PFERD IST KEIN SPORTGERÄT, DAS BELIEBIG HÄUFIG REPARIERT WERDEN KANN!“

Dr. Frank Reimann ist Auktionstierarzt des Hannoveraner Verbandes e.V. und Inhaber einer tierärztlichen Praxis für Pferde mit Schwerpunkt Orthopädie. Er betreut als FEI-Tierarzt internationale Turniere und ist selbst Reiter und im Springsport aktiv.

Dr. Frank Reimann ist ein Experte in Sachen Orthopädie


Mein Pferd: Herr Dr. Reimann, Sie untersuchen mit Ihren Mitarbeitern die Fohlen, Zuchtstuten, zweijährigen Körungshengste und Reitpferde für die zahlreichen Auktionen des Hannoveraner Verbandes in Verden. In Ihrer Praxis betreuen Sie Sportpferde vorrangig aus dem Dressur- und Springsport. Welche orthopädischen Erkrankungen diagnostizieren und behandeln Sie am häufigsten?

Dr. Frank Reimann: Pferde unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Nutzung zeigen auch unterschiedliche Lahmheitsursachen. Bei Auktionsfohlen kann durch zu energiereiche ( Zu-)Fütterung von Stute und Fohlen ein Missverhältnis im Wachstum des Skeletts und des Muskelapparates provoziert werden. Die Folge ist eine sehr steile Gliedmaßenstellung mit einer Tendenz zum Bockhuf. Ebenso können sehr energiereich versorgte Fohlen schmerzhafte Entzündungen und Auftreibungen der Wachstumsfugen erleiden.

Junge, noch nicht ausgewachsene Pferde – ob zweijähriger Körungsaspirant oder dreijähriges Reitpferd – bedürfen eines wohldosierten Trainingsprogramms, um einerseits das in ihnen steckende Potenzial zu zeigen, aber andererseits nicht zu früh verschlissen zu werden.

Welche Lahmheitsursachen diagnostizieren Sie besonders häufig bei den „ Youngstern“?

Entzündungen der Hufgelenke und schmerzhafte knöcherne Reaktionen an den Seitenbandansätzen dieser Gelenke. Begünstigt wird dies durch zu radikale Hufkorrektur nach einer langen weide- und schmiedefreien Zeit. Das Kürzen der häufig viel zu langen Hufe und direkte Beschlagen in Kombination mit Aufnahme des Trainings an Longe oder unter dem Reiter auf zu tiefem Boden führt nicht nur zu unschönen Röntgenbefunden, sondern auch zu Lahmheiten und teils zum Totalausfall. Glücklicherweise heilen betroffene Pferde bei zeitnaher Diagnose und dreimonatiger Trainingspause gut aus. Regelmäßiges Ausschneiden der Hufe auch des jungen Pferdes verhindert Radikalkorrekturen. Schwere Hufeisen für Körungsaspiranten fördern nur kurzfristig den Raumgriff, ruinieren aber langfristig den Fesseltrageapparat und die Hufgelenke.

Sehen Sie Zusammenhänge zwischen der modernen Sportpferdezucht und bestimmten orthopädischen Erkrankungen?

Unbedingt. Das moderne Reitpferd – ob Spring-, Vielseitigkeits- oder Dressurpferd – weist inzwischen eine Elastizität und Rittigkeit mit sehr guten Grundgangarten und Springvermögen auf, die uns Reiter zu einem sehr verantwortungsbewussten Umgang in der Ausbildung und reiterlichen Nutzung zwingen. Die dressurmäßige Arbeit und Gymnastizierung war noch vor einigen Jahrzehnten eine häufig schweißtreibende Angelegenheit. Das „Tritteverlängern“ bis zum „starken Trab“ musste langfristig erarbeitet werden. Das moderne Dressurpferd ist aufgrund gezielter Zuchtselektion mit großer Schulterfreiheit und „weicherer“ und längerer Fesselung zwar elastisch und beeindruckend im Bewegungsablauf, aber dadurch sehr prädestiniert für Erkrankungen des Fesseltrageapparates. Maximales Springvermögen muss heute nicht mehr durch gezielten Muskelaufbau und Konditionierung gefördert werden, sondern liegt vielen Youngstern in den Genen. Ein zu frühes Austesten und Abrufen des maximalen Springvermögens eines in seiner Knochenentwicklung noch nicht abgeschlossenen Pferdes fördert langfristig eine enge aber unnötige Tierarztbindung.

Der Bockhuf kann durch ein Missverhältnis im Wachstum des Skeletts und des Muskelapparates beim Fohlen entstehen


Viele Züchter und Reiter sagen häufig, „früher hatten alle Pferde Hufrolle – heute Fesselträger“. Was denken Sie dazu?

Die tierärztliche Körungsuntersuchung ist, ähnlich einer Kaufuntersuchung, in eine klinische und eine röntgenologische Untersuchung gegliedert. Durch den Einsatz der Röntgendiagnostik in den letzten Jahrzehnten in der Zuchtselektion konnten bestimmte vererbungsrelevante Befunde wie Strahlbeinerkrankungen („Hufrolle“), Spat und Formen der OCD (Osteochodrose, „Chips“) zurückgedrängt bis eliminiert werden. Dementsprechend finden Sie unter den Körungsaspiranten kaum noch Hengste mit relevanten Strahlbeinbefunden. Hingegen veränderte sich, wie bereits erwähnt, das Fundament zugunsten der Elastizität, was zwangsläufig den Fesseltrageapparat stärker belastet und Erkrankungen provoziert. Innerhalb unseres Patientengutes diagnostizieren wir Fesselträgererkrankungen vor allem bei Dressurpferden, weniger bei Springpferden.

Welche Ursachen sehen Sie dafür?

Die meisten Dressurausbilder und Dressurreiter verfügen heutzutage über perfekte Bodenverhältnisse in den Reithallen und auf den Trainingsplätzen. Zusätzlich werden sehr gut ausgebildete Hufschmiede, Physiotherapeuten, Osteopathen, Chiropraktiker und Tierärzte konsultiert, um eine optimale Betreuung der teils sehr teuren Athleten zu gewährleisten. Trotz dessen stehen die Erkrankungen des Fesseltrageapparates, besonders die des Fesselträgers an seinem Ursprung, an allererster Stelle für Trainingsausfälle.

Mögliche Ursachen sehe ich in dem bereits beschriebenen Fundament (weiche und lange Fesselung) und dem angeborenen Bewegungspotenzial (Raumgriff und Elastizität). Pferde mit diesen gewünschten Veranlagungen dürfen nicht zu früh intensiv eingesetzt werden. Die sogenannte knöcherne Reife ist erst ab dem vierten Lebensjahr erreicht. So wurden z.B. noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts Remonten der Hannoverschen Kavalleriereitschule erst vierjährig angeritten, und dies im ersten Ausbildungsjahr nur geradeaus, „lang“ und „tief“. Das Ziel der frühen Vermarktung, ob über Auktionen oder erfolgreiche Teilnahmen an diversen Championaten, führt zwangsläufig zu einer zu frühen Überlastung.

Eine weitere Ursache vermute ich in der unterschiedlichen Ausbildung im Vergleich zum Springpferd. Diese werden nach dem Anreiten über Stangen, Cavalettis und kleine Sprünge geritten. Sie lernen, sich auszubalancieren, und werden trittsicherer. Gymnastikreihen mit unterschiedlichen Distanzen und Höhen fördern enorm die Koordination und Kraftentwicklung des jungen Reitpferdes. Wird dem Pferd jeder Schritt und Tritt durch reiterliche Hilfen vorgegeben und möglicherweise der Hals als Balancierhilfe durch eine starr fixierende Reiterhand genommen, mit dem Ziel „Genick“ = höchster Punkt durch eine erzwungene Aufrichtung, dann tritt das Pferd irgendwann automatisch trotz bestem Hufbeschlag und optimalen Bodenverhältnissen in ein imaginäres Loch.

Desweiteren sind Überlastungen durch zu intensive und einseitige Trainingseinheiten für Überdehnungen des Fesselträgers mitverantwortlich. Als großes reiterliches Vorbild sehe ich Ingrid Klimke, welche die oben beschriebene Arbeit über Stangen, Cavaletti und Sprüngen auch mit ihren Dressurpferden praktiziert.

Welche Berufserkrankung erleben Sie häufig bei Springpferden?

Junge Springpferde, die ebenfalls mit dem Ziel der schnellen Vermarktung zu früh und intensiv gesprungen werden, erkranken ebenfalls sehr häufig am Fesseltrageapparat. Wenn ich die Hindernishöhen und -tiefen (M**) in den Finalprüfungen der fünf- und sechsjährigen Springpferde auf den jährlichen Bundeschampionaten sehe, kann ich als Tierarzt nur sagen, dass das wirklich zu viel ist und den frühzeitigen Verschleiß fördert. Die sogenannte Berufserkrankung der springenden Athleten in unserem Patientengut ist die Entzündung der Huf- und Fesselgelenke.

Dr. Frank Reimann reitet selbst Springturniere


Womit erklären Sie sich das?

Das Hufgelenk ist an der Gliedmaße das Gelenk der größten Mobilität. Es ist in der Lage zu rotieren sowie gebeugt und gestreckt zu werden. Somit gleicht es alle Unebenheiten des Untergrunds aus. Wird der Huf mittels Stollen der Hufeisen am Boden fixiert, werden automatisch die Hufgelenke, insbesondere die Hufgelenksseitenbänder, in Springprüfungen stark beansprucht. Wer erfolgreich im Zeitspringen oder nach Fehlerpunkt und Zeit reiten möchte, wird die engsten Wendungen wählen und die Wendung schon über dem Sprung einleiten. Auf Rasenplätzen geht es nicht ohne Stollen. Wird das Pferd optimal während des Abreitens vorbereitet und werden Kaltstarts verhindert, sind Sporterkrankungen dieser Art vermeidbar. Natürlich ist die Anzahl der gerittenen Springprüfungen und Turnierbesuche zu berücksichtigen. Ein Trainingsparcours ist in der Regel weniger strapazierend als ein Turnierritt auf Sieg. Das Fesselgelenk wird in der Landung nach dem Sprung sehr überstreckt. Je höher das Hindernis, desto stärker die Belastung durch Überstreckung in der Landung für Fesselgelenk und Bandapparat.

Im Sport sind Belastungen des Bewegungsapparates nicht zu vermeiden. Was wäre Ihre Empfehlung, um Überlastungen zu minimieren?

Im Grunde sind dies die sogenannten Basics. Ein täglich trainierter Athlet ist besser in der Lage, sportliche Anforderungen zu bewältigen als ein Spontansportler. Ein optimal aufgewärmter Athlet ist weniger anfällig für Zerrungen als ein Athlet im Kaltstart. Es gibt physiologische Untersuchungen, dass der Gelenksknorpel des Pferdes erst nach 20-minütiger Bewegung seine optimale und belastbare Elastizität erreicht. Vergleichbar ist es mit den Bändern und Sehnen. Daher ist eine „sanfte“ Lösungsphase von 20 Minuten im Schritt und lockeren Trab optimal. Erst danach sollten das Galoppieren und die Aufnahme intensiverer Arbeit beginnen. Nach intensiven Anforderungen verhindert das Kühlen mit kaltem Wasser oder Kühlgamaschen die Entstehung von Mikrotraumata. Einige Spitzensportler gönnen sich nach erbrachter Leistung ein Eiswasserbad.

Eine Überlastung des Fesselträgers führt häufig zu ernsten Erkrankungen. Rechts: ein gesunder Fesselträger ohne Schäden


Fotos: I.Grosse (2), Dr. Frank Reimann (3), Privat (1), slawik.com (4), Angelika Schmelzer (3)