Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 18 Min.

YEAH! PIXNER! YEAH!


combo - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 14.06.2019

Herbert Pixner hat den Erfolg gepachtet. Egal was der charismatische Harmonika-Virtuose auch macht – das Publikum kann von seiner Musik einfach nicht genug bekommen. Mit combo spricht der Südtiroler über seine holprigen Anfänge mit der Volksmusik, sein Dasein als Kontrollfreak und seine Lieblingsmusik.


Artikelbild für den Artikel "YEAH! PIXNER! YEAH!" aus der Ausgabe 2/2019 von combo. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: combo, Ausgabe 2/2019

„Ciao, servus! Hereinspaziert in unser Wohnzimmer!“ Eine Einladung wie diese hat wohl jeder von uns schon einmal bekommen – wiewohl auch nicht in der charmanten Sprachmischung aus Italienisch, (Süd)tirolerisch und Deutsch, wie man sie nur von Herbert Pixner und Manuel Randi erwarten könnte. Die beiden ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von combo. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2019 von LIEBE LESERINNEN UND LESER!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LIEBE LESERINNEN UND LESER!
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Elektropop in Singalfarben. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Elektropop in Singalfarben
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Eine Frau mit vielen Huten.. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Eine Frau mit vielen Huten.
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Jeder sollte Feminist sein.. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jeder sollte Feminist sein.
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von WAS REIMT SICH SCHON AUF „EVERY BODY“?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WAS REIMT SICH SCHON AUF „EVERY BODY“?
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von DER MUTMACHER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER MUTMACHER
Vorheriger Artikel
LIEBE LESERINNEN UND LESER!
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Elektropop in Singalfarben
aus dieser Ausgabe

„Ciao, servus! Hereinspaziert in unser Wohnzimmer!“ Eine Einladung wie diese hat wohl jeder von uns schon einmal bekommen – wiewohl auch nicht in der charmanten Sprachmischung aus Italienisch, (Süd)tirolerisch und Deutsch, wie man sie nur von Herbert Pixner und Manuel Randi erwarten könnte. Die beiden Ausnahmemusiker haben combo zum Gespräch nachhause eingeladen. Allerdings ist das erwähnte Wohnzimmer kein richtiges Zimmer – vielmehr handelt es sich um den Tourbus des Herbert Pixner Projekts. In den nächsten Tagen steht bei der Band eine kleine Tour durch Deutschland an. Wir dürfen in Pixners Wahlheimat Tirol zusteigen und bis zur ersten Station – am Abend steht in München ein Konzert auf dem Programm – mitfahren. Der erste, unbefangene Eindruck? Man staunt nicht schlecht! Einerseits darüber, dass so ein Nightliner tatsächlich viel mehr ist als nur ein Reisebus: Neben dem Wohnzimmer mit Ledercouch fi ndet man hier eine voll ausgestattete Küche und ein Schlafzimmer, bei dem jeder IKEA-Verkäufer vor Neid erblassen würde.
Noch viel spannender als die fahrende Wohngemeinschaft ist allerdings jener Mann, der mit seiner Musik nun schon seit Jahren die Massen begeistert und der während seiner Reise von Konzert zu Konzert ein Teil dieser WG ist. Wie hat sich der heute 43-jährige Meister der Ziachorgel (wie Pixner sein Lieblingsinstrument liebevoll nennt), der auf dem Höhepunkt seines musikalischen Schaffens steht und regelmäßig große Konzertsäle füllt, das Musikerleben am Beginn seiner Karriere vorgestellt? Mit einem Tourbus von einem ausverkauften Konzert zum nächsten zu reisen – war das schon immer der Plan?
Noch viel spannender als die fahrende Wohngemeinschaft ist allerdings jener Mann, der mit seiner Musik nun schon seit Jahren die Massen begeistert und der während seiner Reise von Konzert zu Konzert ein Teil dieser WG ist. Wie hat sich der heute 43-jährige Meister der Ziachorgel (wie Pixner sein Lieblingsinstrument liebevoll nennt), der auf dem Höhepunkt seines musikalischen Schaffens steht und regelmäßig große Konzertsäle füllt, das Musikerleben am Beginn seiner Karriere vorgestellt? Mit einem Tourbus von einem ausverkauften Konzert zum nächsten zu reisen – war das schon immer der Plan?
Was war der Ausgangspunkt? Pixners Kompositionen etwa wurden schon Ende der 90er Jahre von vielen Musikgruppen interpretiert. Und das, obwohl das Herbert Pixner Projekt damals noch gar nicht existierte. Erst als der Wunsch aufkam, die eigene Musik auf einem Tonträger zu „dokumentieren“ (wie Pixner es nennt), wurde die Band – damals noch als Trio – aus der Taufe gehoben. 2005 folgte mit „Blus’n auf!“ schließlich das Debütalbum.
Damals wie heute mit an Bord beim Herbert Pixner Projekt: Kontrabassist Werner Unterlercher aus Osttirol, der bei unserem ersten Zwischenstopp in Wörgl zusteigt, und Heidi Pixner, Herberts Schwester, an der Harfe.
So selbstverständlich das Publikum von Beginn an von seiner Musik begeistert war, so schwer tat sich Pixner selbst anfangs mit der traditionellen Volksmusik. Und das, obwohl er auf einem Bergbauernhof in Walten in Südtirol aufwuchs und schon früh mit der Volksmusik in Berührung kam. „Ich bin in einem ganz fanatischen Blasmusik-Dorf aufgewachsen“, erinnert er sich. „350 Einwohner und eine Musikkapelle mit 45 Leuten. Da wurde viel marschiert und trainiert. Man wollte immer zeigen, dass wir eine bessere Kapelle haben als das Dorf unten im Tal mit 3000 Einwohnern.“

Der Vater spielte Akkordeon, und so war der Weg in die Volksmusik eigentlich vorgezeichnet. Da es in der Nähe keine Diskotheken gab, traf man sich häufi g im örtlichen Probelokal zum Musizieren. Dort stand natürlich auch ein Schlagzeug, und dieses hatte es dem jungen Herbert angetan. Da bei der Musikkapelle jedoch ein akuter Klarinettenmangel herrschte, musste er gegen seinen Willen Klarinette lernen. Sein Einspruch blieb ohne Erfolg: „Auswählen gibt’s nicht. Du lernst das jetzt und aus.“
Volksmusik fand er im Alter von 15 Jahren sowieso „mega-uncool“. Wesentlich interessanter als die traditionelle Musik waren für den damaligen Tischler-Lehrling andere Musikrichtungen wie Metal, Rock und Pop – je ausgefallener, desto besser. Als schließlich im Heimatdorf ein Volksmusikseminar abgehalten wurde, kam es zu einem prägenden Erlebnis. Der jugendliche Herbert, damals noch stilecht mit langen Haaren und auf einem auffrisierten Moped unterwegs, meldete sich mit Papas Akkordeon beim Seminar an. Die Lehrer waren von seinen Fähigkeiten allerdings nicht sonderlich überzeugt: „Du musst alles umlernen“, rieten sie ihm. Bei genau diesem Volksmusikseminar hörte er schließlich zwei junge Burschen auf der Steirischen spielen. „Das hat gegroovt und da hab’ ich mir eingebildet, ich muss jetzt eine Steirische haben.“


„Das Musikmachen ist für mich etwas Heiliges.“


Gesagt, getan. Und schon nach einem Jahr – Pixner hatte sich das Spielen zunächst als Autodidakt beigebracht – hatte er sich in der traditionellen Volksmusikszene einen Namen gemacht. Doch Pixner wäre nicht Pixner, wenn er nicht schon damals gewisse Funktionsweisen hinterfragt hätte.
„Warum wird in der traditionellen Szene immer schön brav in Dreistimmigkeiten gespielt und warum ist das, was bei uns Volksmusik ist – da wird, wie im Blues, manchmal auch dreckig gespielt – das komplette Gegenteil?“ Fragen wie diese beschäftigten ihn damals brennend. Und mit den Antworten war er oftmals nicht zufrieden. Also sprach er mit alten Musikanten und begann, deren Musik zu studieren. Und er zog seine Schlüsse aus diesen Erfahrungen: „Die traditionelle Volksmusik war damals sehr konservativ. Da musste alles nach einem Schema sein. ‚Wehe, du hast nicht die richtige Lederhose oder den richtigen Strickjanker an. Wehe, du spielst nicht genau so oder so.‘ Irgendwie ist mir das alles nicht ganz authentisch und ehrlich vorgekommen. Und immer hat es geheißen: ‚Aber genau das ist die traditionelle Volksmusik.‘“

Was er daraus lernte? Er würde seine Musik niemals in ein enges Korsett pressen, nur um den Traditionalisten zu gefallen. So hatte er zwar stets Respekt vor den alten Volksmusikanten und ihrer Musik, aber sein Zugang war schon immer ein anderer. Während die einen Wert darauf legten, die tradi tionelle Musik zu pfl egen und zu konservieren, wollte Pixner von Anfang an experimentieren – mit Klängen, aber auch mit anderen Instrumenten. „Da war mir dann auch wurscht, was die Fundamentalisten sagen.“
Als Musiker und Lehrer war er ein Teil dieser Volksmusikszene, manche sahen ihn – so wie Hubert von Goisern oder Attwenger – aber sogar als Verräter der Volksmusik. „Jaja, der Pixner, der muss halt immer etwas anderes machen“, soll es manchmal geheißen haben
Es folgte eine Zeit des Experimentierens und Ausprobierens. Pixner spielte in zig verschiedenen Bands, von Blues über Jazz bis hin zu Klassik und Theatermusik stand so ziemlich alles auf der Tagesordnung. In Südtirol arbeitete er beim Radio. Bedeutend für ihn war die Begegnung mit seinem Klarinettenlehrer Helmuth Matzoll, der ihn an das freie Musizieren heranführte. Er spielte regelmäßig mit bekannten Musikanten wie Andreas Terzer, Franz Posch oder dem blinden Harmonikaspieler Andreas Salchegger. Pixner ließ damals nichts aus
Hat er in dieser Zeit Erfahrungen ge macht, von denen er heute noch profi tiert? „Auf jeden Fall! Damals hat es oft geheißen: ‚Gibt’s Noten? Nein, gibt’s nicht!‘ Das Improvisieren habe ich mir aus dieser Zeit mitgenommen, auch das Arbeiten in den verschiedensten Stilrichtungen.“ Schon früh musste Pixner ins kalte Wasser springen, und er fühlte sich von Anfang an wohl dabei. Das hat sich bis heute nicht geändert. Vor 2000 Leuten auf die Bühne zu gehen und ohne eine Probe vorher aufzutreten, das ist zwar frech, sagt Pixner und lacht. Er hat sich diese Spontanität aber schon früh angeeignet und greift heute noch gerne darauf zurück.
Erst 2008 wagte er dann den Schritt zum Berufsmusiker. „Das hat sich super entwickelt“, ist er sich bewusst. Aber er ist auch Realist. So erklärt er ganz gelassen, dass seine Band nur eine von vielen war, die damals ihr Glück versuchten. Dass ausgerechnet sie den Sprung in die oberste Liga geschafft haben, sei für ihn keineswegs selbstverständlich. Da gehörten viele Faktoren dazu, ist er überzeugt. Man muss gut spielen, braucht ein Team und eine Band, die immer mitziehen, und ein Publikum, das die Musik annimmt.
Und das Publikum war von Anfang an voll auf seiner Seite. Die Nachfrage nach neuen Tonträgern ist bist heute ungebrochen, neun Alben hat das Herbert Pixner Projekt mittlerweile veröffentlicht. Beim Blick auf das „vertonte Leben“ der Band kann Herbert Pixner eine Entwicklung erkennen. Schon das erste gemeinsame Album durfte als durchaus provokativ aufgefasst werden, was nicht nur der halbnackten Frau auf dem CD-Cover geschuldet war. „Da hat insgesamt nichts wirklich auf Volksmusik hingedeutet.“ Ob das beim Publikum wohl gut ankommen würde? „Wie reagieren wir jetzt, wenn die ‚Buh!‘ schreien?“ Bei den ersten Live-Auftritten beschäftigte sich Pixner mit Fragen wie diesen. Und tatsächlich, diese Buh-Rufe gab es! „Die ersten Konzerte, die wir gespielt haben, waren oft in bayerischen Wirtshaussälen. Die Leute haben uns noch von unserer Volksmusikzeit gekannt. Da haben wir dann ganz provokativ kein einziges Volksmusikstück gespielt.“ Einige der Traditionalisten wollten daraufhin sogar ihr Geld zurück.
Doch mit seiner Art des Musizierens hatte Pixner – wie sich später herausstellte – die Zeichen der Zeit erkannt: „Das war eine Zeit des Aufbruchs in der Volksmusikszene.“ Er nennt es die „dritte Welle der neuen Volksmusik, mit vielen jungen Gruppen wie LaBrassBanda, Federspiel, Alma oder Kofelgschroa. Daraus sind auch ganz viele Festivals wie das Woodstock entstanden.“
Es sind Zusammenhänge wie diese, die Pixner faszinieren. Und auch bei diesem Thema macht er sich seine eigenen Gedanken: „Momentan fl aut es in der Szene ein wenig ab. Es kristallisieren sich ein paar Gruppen heraus, die durchgehalten haben. Viele Bands haben bei einem Major-Label unterschrieben und sich zwei Jahre später aufgelöst. Jetzt gerade hängt alles ein bisschen. Keiner weiß so recht, wo er hin soll. Es ist auch politisch gesehen eine komische Zeit. Sobald du dich positionierst, landest du sofort in einer Schublade. Links oder rechts, schwarz oder weiß, Lederhose oder nicht, mag ich den oder mag ich den nicht?“

Mit dem Bedürfnis, andere Menschen in eine Schublade zu stecken, kann sich Pixner sowieso nicht identifi-zieren. Das liegt auch daran, dass er als Musiker ungern einer Kategorie zugeordnet wird. Schon der Name – Herbert PixnerProjekt – sollte ganz bewusst vieles offenlassen. Er sollte einerseits ein Ausdruck für die Ex perimentierfreudigkeit der Gruppe sein. „Die steirische Harmonika war zu meinen Anfangszeiten eher ein volkstümliches Instrument. Ich habe es spannend gefunden, mit der Steirischen etwas anderes zu machen.“ Andererseits sollte der Name auch die Möglichkeit geben, bei der Besetzung und Instrumentierung der Band neue Wege einzuschlagen.
Apropos neue Wege: Bei Live-Auftritten der Band war Pixner von Anfang an für die Solos zuständig. Bei diesen Gelegenheiten packte er schon immer gerne Klarinette, Flügelhorn oder Trompete aus und spielte drauflos. 2012, im Zuge einer CD-Aufnahme („Na Und?!“), war erstmals der Gitarrist Manuel Randi mit an Bord. Daraus ergaben sich völlig neue Möglichkeiten zur Improvisation
Zunächst gab es allerdings eine Testphase. „Manuel und ich hatten beide den Ruf, nicht unbedingt die Zuverlässigsten zu sein, oft monatelang nicht erreichbar zu sein und unterzutauchen. Also mussten wir das erst einmal ausprobieren“, erzählt Pixner mit einem Schmunzeln im Gesicht. Mit „untertauchen“ meint er die Sommermonate von 1995 bis 2010, die der frühere Bergbauernbub als Senner zurückgezogen auf Almen in der Schweiz und in Südtirol verbrachte. Diese Zurückgezogenheit, meint Pixner, funktioniert nur neben, aber nicht auf der Bühne: „Das Musikmachen ist für mich etwas Heiliges. Auf der Bühne muss es einfach passen. Es gibt Musiker, die ich unglaublich schätze, mit denen ich aber nicht spielen könnte, weil sie unzuverlässig, nicht erreichbar oder unpünktlich sind.“


„Auswählen gibt’s nicht. Du lernst das jetzt und aus.“ Herbert Pixner wollte eigentlich Schlagzeuger werden. Unfreiwillig lernte er Klarinette und kam schließlich – freiwillig – zur steirischen Harmonika.


Und siehe da: Mit Manuel Randi hatte der Frontmann nicht nur einen verlässlichen Musiker, sondern auch einen kongenialen Partner gefunden. Musikalisch ging es von da an noch weiter in die Breite, erklärt Pixner

Vor allem bei den Live-Auftritten. „Yeah!“, schallt es bei den Konzerten nun regelmäßig von der Bühne. „Das stimmt!“, sagt Pixner und kann sich das Lachen nicht verkneifen. Diese Zwischenrufe und ein gelegentliches Mitstampfen würden ganz unbewusst passieren. „Oft denke ich mir selber: ‚Hör‘ doch einmal auf da reinzuschrei en, das gibt’s ja nicht!‘“ Doch solche Anfeuerungsrufe sind laut Pixner Teil der Interaktion zwischen den Musikern, ein Ausdruck des Adrenalins und des gegenseitigen Pushens.

Mit der vergrößerten Besetzung erschien 2014 mit „Quattro“ das erste Album beim eigenen Label „Three Saints Records“. Ein besonderer Moment für das Herbert Pixner Projekt, schließlich war der Veröffentlichung ein Streit mit der ehemaligen Plattenfi rma vorausgegangen. Um zu seinem Recht zu kommen, musste Pixner sogar vor Gericht ziehen. Dem Erfolg tat dies allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil: Fünf Goldene Schallplatten hat sich das Quartett bis heute erspielt.
Doch Pixner möchte Erfolg nicht an Verkaufszahlen messen, schon gar nicht, wenn es um seinen eigenen Erfolg geht. Woher aber kommt diese enorme Beliebtheit? Eine genaue Erklärung hat er nicht: „Ich weiß es auch nicht, das ist schwierig. Vielleicht liegt es gerade daran, dass wir uns nie darüber Gedanken machen, was das Publikum über unsere Musik denkt.“ Wirklich nie?
Doch Pixner möchte Erfolg nicht an Verkaufszahlen messen, schon gar nicht, wenn es um seinen eigenen Erfolg geht. Woher aber kommt diese enorme Beliebtheit? Eine genaue Erklärung hat er nicht: „Ich weiß es auch nicht, das ist schwierig. Vielleicht liegt es gerade daran, dass wir uns nie darüber Gedanken machen, was das Publikum über unsere Musik denkt.“ Wirklich nie?
Ein Beispiel: Beim aktuellen Tonträger „Lost Elysion“ handelt es sich laut Pixner um eine Art Konzeptalbum: neue Klänge, alle Stücke mit E-Gitarre und verschiedenen Effekten – mittlerweile gänzlich von der Volksmusik losgelöst. „Das hat sehr polarisiert“, erzählt der Musiker. „Viele haben gesagt: ‚Nur noch mit E-Gitarre, das kann man sich nicht mehr anhören.‘ Andere haben gemeint: ‚Cool, endlich neue Klänge, die man sonst selten hört.‘“ Pixner nimmt es gelassen. Frei nach dem Motto: Wir machen das, was uns gefällt. Und wenn es beim Publikum auch gut ankommt? „Umso besser!“
Meistens ist es Pixner selbst, der sich neue Stücke und Riffs überlegt und diese dann mitbringt. Erarbeitet und einstudiert werden diese dann gemeinsam. Mit der Betonung auf Arbeit. Denn was auf der Bühne im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch leicht aussieht und klingt, muss vorher genau durchdacht werden: „Wir checken oft miteinander Improvisationsteile aus. Wie könnten wir die Harmonieabfolge machen?“ Wenn vier Musiker auf einer Bühne bis zu acht verschiedene Instrumente bedienen, muss jeder Handgriff sitzen und jeder Protagonist seinen Einsatz kennen. Pixner bekräftigt: „Da muss man sich einen Haufen Sachen durchdenken, damit die Stücke auf dem Album und auf der Bühne funktionieren.“
Häufi ger – oder gar regelmäßig – zu proben, kommt allerdings nicht in Frage. Der Hintergrund: Bei Live-Auftritten möchte das Quartett so spontan wie möglich agieren – und das Publikum honoriert das. „Das macht uns unverwechselbar – und auch unberechenbar. Bei bis zu 180 Auftritten in einer Konzertsaison ist es genau das, was uns am Leben erhält – nämlich dass es nicht zur Routine wird. Sobald sich Routine einstellt, wird es schwierig. Dann muss man sich etwas überlegen.“ 99 Prozent der Musikstücke bringt Pixner mit, schätzt er. „Die wachsen dann teilweise auf der Bühne noch weiter. Es kommt bei uns auch oft vor, dass wir ein Stück haben, das sich auf der Bühne dann in eine komplett andere Richtung entwickelt.“ Manchmal kommt es sogar vor, dass ein neuer Titel bei der Studioaufnahme aufgrund von Zeitmangel noch gar nicht richtig fertig ist. Aufgenommen wird das Stück dann trotzdem, und nach der Aufnahme entwickelt es sich eben weiter. So ist der Lauf der Dinge im musikalischen Universum des Herbert Pixner. Stillstand gibt es nicht. Darf es nicht geben. Doch wie kann das funktionieren, fragt sich der geneigte Hobbymusiker. Die Antwort ist gleichermaßen erstaunlich wie simpel: Auf der Bühne hat jedes Augenzwinkern und jedes Zeichen eine bestimmte Bedeutung. Und da sich die Musiker mittlerweile in-und auswendig kennen, funktioniert diese nonverbale Kommunikation perfekt
Ist da noch mehr, hat Herbert Pixner so etwas wie ein Geheimrezept, das er keinem verrät? „Wenn ich eines hätte, dann würde ich es nicht verraten“, sagt Pixner lachend. Letztlich sei es aber ein wenig wie im Sport: „Wir spielen einfach. Und wir versuchen, sobald wir die Bühne betreten, dass jeder mit 100 Prozent spielt. Und dass niemand den Hintergedanken hat: ‚Wir haben ja noch fünf Konzerte, wenn wir am Mittwoch schon alles geben, dann sind wir am Sonntag müde.‘ So etwas gibt es bei uns einfach nicht. Heute ist heute, und heute will man am besten spielen.“ Apropos Müdigkeit: Bei so zahlreichen Auftritten und der vielen Zeit im Tourbus, stellt sich da nicht früher oder später die Erschöpfung ein? Und können sich die Musiker immer wieder aufs Neue motivieren, oder gibt es auch Phasen, in denen sie einem anstrengenden Konzertabend lieber einen gemütlichen Abend zuhause vorziehen würden? „Man hat natürlich solche Phasen, gerade wenn es zum Ende einer Tour hingeht und du so um die 100 Konzerte in den Knochen hast. Aber das eigentlich Anstrengende ist dann nicht das Musikspielen.“

Wieder einmal ein paar Stunden zu fahren und vor und nach dem Konzert alles auf-und abbauen zu müssen, sei viel anstrengender, meint Pixner. Die Gruppendynamik, die sich daraus entwickelt, gibt ihm und seiner Band viel Kraft. „Bei uns gibt es keinen, der eine Diva ist und glaubt, er wäre etwas Besseres als ein anderer.“ Und spätestens beim Auftritt ist die Müdigkeit dann verfl ogen: „Oft liegst du halb scheintot in der Garderobe, bist fertig und müde. Aber sobald du auf die Bühne gehst und draußen das Publikum hörst, schießt dir das Adrenalin ein – das ist wie eine Droge. Sobald das Licht angeht, das ist wie wenn du den Stecker einsteckst – du bist gleich unter Strom. Da gibt’s einfach kein ‚I mag heut net!‘“ Es gibt sie aber doch, die Dinge, die einen Herbert Pixner aus dem Konzept bringen können. Etwa wenn die Technik einmal nicht so mitspielt, wie sie sollte. Oder wenn es Veranstalter etwas zu genau mit der Bürokratie nehmen. Konzertfotografen, die fast alles für ein gutes Bild tun würden, haben sich bei Pixner genauso unbeliebt gemacht wie Konzertbesucher, die das Handy zücken und plötzlich fi lmend auf der Bühne stehen.


„Billigst produziert, Scheißtexte – damit kann ich einfach nichts anfangen, das tut richtig weh.“


Der bloße Gedanke daran lässt Pixners Puls steigen, doch er atmet einmal kräftig durch und beruhigt sich wieder: „Wenn du gut drauf bist, dann ist das alles scheißegal. Dann machst du einfach irgendeinen blöden Schmäh. Aber da kann ich schon grantig werden. Dann kann ich mich nicht mehr zurückhalten und schimpfe von der Bühne herunter.“ Pixner lacht herzhaft – und man merkt: Er kann über sich selbst lachen und tut das manchmal auch gerne.
Trotz mancher Unwägbarkeit – oder gerade deshalb – ist Pixner gerne sein eigener Herr und übernimmt den Großteil der Organisation nach wie vor selbst. „Meine Tochter ist 2012 auf die Welt gekommen, und bis 2014 habe ich noch alles selbst gemacht, auch das gesamte Booking. Irgendwann war ich mit der Beantwortung meiner E-Mails vier Monate in Verzug.“ Herberts Frau Sybille war damals in Karenz und nahm sich schließlich um diese Aufgaben an. Was als Übergangslösung geplant war, blieb bis heute so

Mit der Gründung des eigenen Labels kamen weitere Aufgaben hinzu. Pixners Team wuchs, blieb aber immer überschaubar. Außerdem sind alle Mitarbeiter – und darauf legt der „Chef“ großen Wert – sozusagen handverlesen. Es läuft alles über die eigene Firma, eine externe Agentur brauchen sie nicht. Und irgendwie ist das nur allzu verständlich. Durch den Streit damals mit der Plattenfi rma ist Pixner ein gebranntes Kind, wie er selbst sagt. Auch von Leuten, die ihm das Blaue vom Himmel versprechen und diese Versprechungen dann nicht einhalten, hat er genug.
Überlegungen, zu einem Major-Label zu gehen, einen Großteil der Arbeit abzugeben und sich voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren, gebe es manchmal sehr wohl, gesteht Pixner. „Aber irgendwie kann ich das nicht. Ich bin irgendwie ein Kontrollfreak. Ich weiß im Voraus schon genau, wie mein CD-Cover auszuschauen hat und wie ich etwas haben will.“ Er lächelt und ergänzt: „Da kann ich ganz ekelhaft sein.“
Wenn etwa der Entwurf für ein Plakat auch nach mehreren Anläufen noch immer nicht seinen Wünschen entspricht, kann es schon vorkommen, dass er das Heft selbst in die Hand nimmt. „Dann setze ich mich zwei Stunden vor den Computer und mache mir das Plakat selber. Wenn es scheiße ausschaut, dann habe ich es wenigstens selbst scheiße gemacht und bin selbst schuld.“
Wenn etwa der Entwurf für ein Plakat auch nach mehreren Anläufen noch immer nicht seinen Wünschen entspricht, kann es schon vorkommen, dass er das Heft selbst in die Hand nimmt. „Dann setze ich mich zwei Stunden vor den Computer und mache mir das Plakat selber. Wenn es scheiße ausschaut, dann habe ich es wenigstens selbst scheiße gemacht und bin selbst schuld.“
Auch wenn Pixner heute nicht mehr als Musiklehrer arbeitet, jungen Musikern, die nach Höherem streben, rät er ebenfalls zur Unabhängigkeit. „Das Allerwichtigste ist, das zu machen, was man spürt. Dann ist man authentisch. Nicht irgendeinem Trend nachlaufen und: spielen, spielen, spielen. Und wenn dich keiner fragt, dann miete dir einen Jugendclub oder geh’ einfach auf die Straße und spiel einmal. Und wenn ihr als Band für einen Gig EUR 20,-bekommt – spielt! Nur nicht zuhause warten bis jemand anruft und sagt: ‚Ich mache euch jetzt berühmt!‘“
Gegen Covers gibt es aus seiner Sicht überhaupt nichts einzuwenden: „Wenn ich eine Coverband sein und von Dorffesten leben will, dann passt das ja.“ Nachsatz: „Aber dann darfst du nicht jammern, dass dich nie jemand fragt, ein Festival oder ein Konzert zu spielen.“ Sein eigenes Ding zu machen und die richtigen Mitstreiter dafür zu fi nden, das ist nicht immer leicht. Das weiß Pixner aus eigener Erfahrung. Da gehe es auch darum, sich aus der eigenen Komfortzone zu bewegen. Wer bereit ist, etwas dafür zu tun, der könne auch vieles erreichen. Und er muss es wissen, schließlich hat er auch das am eigenen Leib erfahren

Auch andere Erfahrungen, etwa jene, die er als Senner auf der Alm gemacht hat, haben ihn geprägt. Daraus wiederum sind etliche Stücke entstanden. „Wenn ich einen ganz normalen Bürojob bei Würth habe und dort Kugelschreiber sortiere, darüber kann ich keine Stücke schreiben.“
Erfahrungen und selbst Erlebtes stellen bei Herbert Pixner oftmals die Grundlage seiner Musik dar. Nach dem Motto: Wer spannende Musik machen möchte, muss spannende Geschichten erzählen können.
Mit Authentizität zum Erfolg – ein Rezept, das nicht immer funktioniert. Bei Herbert Pixner hat es das aber. Und man merkt, dass ihm die Ehrlichkeit seiner Musik wesentlich wichtiger ist als der Erfolg und jedes ausverkaufte Konzert. Auch mit diversen Awards, die in der Musikszene vergeben werden, kann er wenig anfangen. Solche Auszeichnungen sind für ihn kein Ausdruck musikalischer Qualität.
„Ausgezeichnete“ Musiker mit Harmonika – da kommt das Gespräch ganz automatisch auf Andreas Gabalier. Doch über Gabalier spricht Pixner nicht allzu gerne: „Ich weiß nicht, warum ich immer mit Gabalier verglichen werde. Außer dass er sich auch eine Ziachorgel umhängt, gibt es eigentlich gar keine Parallelen.“
Gabaliers Erfolge würden aber nicht von ungefähr kommen: „Hut ab! Das musst du erst einmal schaffen. Aber musikalisch kann ich einfach nichts damit anfangen. Das ist für mich eine Musikrichtung, die berührt mich nicht.“
Wesentlich ansprechender ist da für ihn etwa die Musik von Bilderbuch: „Ich fi nde, dass die sehr innovative Sachen machen, sei es von den Texten her, sei es von den Sounds her. Und das sind auch so Typen, die sich alles selber machen.“ Spontan fallen ihm noch weitere Bands und Künstler ein, bei denen er ins Schwärmen gerät: Wanda, Die Strottern oder BartolomeyBittmann. Und er outet sich als Mnozil Brass Fan der ersten Stunde: „Ich habe sie 1997 zum ersten Mal bei einem Einkaufsnachmittag in Kitzbühel gehört – auf der Straße. Dann habe ich ihr erstes Südtirol-Konzert organisiert. Mich hat das damals so fasziniert, dass die sich einfach zusammenstellen, einer spielt etwas an und es entsteht daraus ein Arrangement zu siebt, ohne dass du es jemals ausprobiert hast.“
Und so lässt sich, nach rund zweistündiger Fahrt im Tourbus, doch noch so etwas wie ein Erfolgsrezept defi nieren, zumindest eines, das für Herbert Pixner ganz persönlich seine Gültigkeit hat: „Für mich muss eine gewisse Portion Genialität in der Musik drinnen sein, also dass es handwerklich gut gemacht ist. Ich mag es gerne, wenn ein Schuss Sarkasmus oder Ironie dabei ist – Zweideutigkeiten und eine Botschaft, die man beim ersten Mal nicht heraushört. Dazu noch knapp am Wahnsinn vorbeischrammende Musiker, die sich einfach nix scheißen und trotzdem auf einem unglaublich hohen handwerklichen Niveau musizieren. Da ist es dann ganz wurscht, in welche Musikrichtung das geht. Alles, wo ich gleich merke, dass das nur gemacht ist, um möglichst viel zu verkaufen und möglichst seicht zu sein – billigst produziert, Scheißtexte – damit kann ich einfach nichts anfangen, das tut richtig weh.“
In München angekommen, bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Schließlich ist der Zeitplan für das Konzert in der Philharmonie ziemlich streng durchgeplant. Und bevor es mit dem Soundcheck losgehen kann, muss erst einmal alles aufgebaut werden. Auch hier überlassen Herbert Pixner, seine Musiker und das kleine mitgereiste Team, bestehend lediglich aus einem Tourmanager und einem Tontechniker, nichts dem Zufall. Da wird – wie immer – in die Hände gespuckt und selbst mit angepackt.
Es bleibt nur noch Zeit für einen kurzen Blick in die Zukunft. Wo sieht sich Herbert Pixner selbst in 15 Jahren? Die Antwort fällt wie gewohnt ehrlich aus: „Keine Ahnung!“ Ein konkretes Ziel hat er nicht. „Man lebt eh schon ziemlich weit voraus, man plant jetzt schon die nächste Konzertsaison. Dann fragt man sich schon, was man übernächstes Jahr macht.“
Bei all den Eventualitäten, die das Musikerleben bereithält, wäre eine zu engstirnige Planung ohnehin nur hinderlich, meint Pixner. „Zurzeit genießen wir das, dass es so läuft wie es läuft. Man arbeitet immer daran, gewisse Dinge zu verfeinern.“ Die Ideen für neue Projekte und musikalische Weiterentwicklungen werden ihm so schnell nicht ausgehen, ist er überzeugt. Da gibt es noch „viel Luft nach oben“, sagt Pixner. Zum 15-jährigen Jubiläum wird Werner Unterlerchers Frau Katrin, die für einige Jahre Heidi Pixner als Harfenistin beim Herbert Pixner Projekt vertrat, die Besetzung erweitern. Viel vor hat Pixner auch mit der Italo Connection, einem Projekt, das vor einem Jahr gegründet wurde – „als Notlösung“, weil für ein Jazzfestival Bands gesucht wurden. Manchmal würde einfach irgendwo eine Tür aufgehen. Die Frage ist, so Pixner, ob man durchgeht.
„Was dann in 15 Jahren ist – wer weiß? Vielleicht liege ich dann daheim am Pool und tue nichts. Oder ich bin wieder auf der Alm. Oder ich habe ein riesiges Studio und produziere einen Haufen wildes Zeug. Oder ich bin so in Insolvenz gegangen, dass ich ein Sozialfall bin.“ Wieder kommt diese Ironie durch, mit der sich der Südtiroler gerne selbst begegnet.
„Es gibt Leute, die haben einen Lebensplan. Die sagen: ‚Wenn ich 50 bin, möchte ich mein Haus abbezahlt haben‘, und so weiter. Ich lasse das eher so laufen, denn es kommt eh so, wie es kommt. Wenn ich mir heute den Zeigefi nger der rechten Hand einklemme, dann ist es eh schon vorbei.“
Sogar in einem solchen Fall müsste man sich um den gleichermaßen sympathischen wie erfolgreichen Menschen aber keine Sorgen machen. Denn Herbert Pixner hätte einen Plan B und würde, wie er überzeugt ist, nicht in eine Depression verfallen. „Dann müsste ich halt Horn lernen und mit links spielen“, sagt er und lacht. „Oder vielleicht könnte ich dann endlich eine Karriere als Rock-Schlagzeuger machen.“