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Zärtlicher Zauberer


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 13.01.2021

Lange galt Dino Saluzzi in seiner argentischen Heimat als seltsamer Vogel, dessen eigenwillige Klangkunst niemand so recht einordnen konnte. Seine Weltkarriere begann 1983 mit dem Soloalbum „Kultrum“. Jetzt präsentiert der 85-jährige Bandoneonista mit „Albores“ ein neues Meisterwerk im Alleingang.


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Bildquelle: FONO FORUM, Ausgabe 2/2021

Die Musik von Timoteo „Dino“ Saluzzi lässt sich ohne Kenntnis seiner Herkunft zwar emotional erleben, aber nur unvollkommen begreifen. Weil sowohl sein Wesen als auch sein Klangkosmos davon geprägt sind wie bei wenigen anderen Künstlern sonst. Hinzu kommt, dass der am 20. Mai 1935 in Campo Santo (deutsch: ...

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... „Friedhof “) im provinziellen Norden Argentiniens geborene Musiker eigentlich zwei Leben hat. Eines vor 1982 und eines danach.

„Ich bin in einer kleinen Stadt in einem ,ingenio azucarero‘, einer alten Zuckerfabrik, geboren. Dort gab es nichts als den Ort, sehr schlechte Bedingungen“, sagt Saluzzi. Schon wenn man heutige Bilder dieser Ingenio San Isidro sieht, erkennt man, welch hartes Leben sein Vater Cayetano hatte, um die Familie zu ernähren. Tags arbeitete er in den Zuckerrohrfeldern, abends als Amateurmusiker, der Gitarre, Mandoline und Bandoneon spielte. So wuchs Dino mit Musik auf und mit jenem Instrument, das der Krefelder Heinrich Band um 1840 entwickelt hatte. Dass er ständig damit in Kontakt war, sei aber nur die rationale Erklärung dafür, dass er Bandoneon spiele, meint Saluzzi: „Heute scheint es für alles eine Erklärung zu geben, aber ich glaube, einige Dinge können nicht erklärt werden. Dinge und Menschen haben ein Schicksal, und das Schönste ist, dieses Schicksal zu erfüllen. Das nenne ich ,el viaje‘, die Reise. Auch leblose Gegenstände, wie Musikinstrumente, haben ihre Reise.“ Und mit einem Seufzer, als ob er das Offensichtliche erkläre, fügt er hinzu: „Das Bandoneon kam zu mir und nahm mich mit.“


Wie bei nur wenigen Künstlern sonst sind Saluzzis Wesen und Klangkosmos von seiner Herkunft geprägt


Mit sieben Jahren bekommt er vom Vater erstmals Musikunterricht – auf eben dem Bandoneon, das er seither spielt. „Auf den Feldern zu arbeiten war richtig hart, und er wollte nicht, dass ich das mache“, erinnert er sich: „Er wollte etwas anderes für mich und trieb mich an mit den Worten: ,Ich gehe zur Arbeit auf die Felder, Deine Arbeit ist, zu lernen und zu üben.‘“ Das Bandoneon sei wie ein Spielzeug für ihn gewesen: „Ich hatte es immer dabei, war immer in seiner Nähe.“ Mit 14 spielt er bereits professionell, um wenig später in die Provinzhauptstadt Salta umzuziehen. Nicht sonderlich weit weg, doch „60 Kilometer waren damals eine Welt entfernt. In den Kleinstädten gab es kaum Möglichkeiten einer musikalischen Ausbildung. Wenn wir jetzt beginnen aufzuholen, kann man sich vorstellen, wie es vor 60, 70 Jahren war.“ Und dann trifft Saluzzi in seiner bedächtigen Art eine Feststellung, die für seine Musik essenziell ist: „Mein erstes Exil führte mich aus dem kleinen Dorf Campo Santo nach Salta. Es brach mir das Herz, denn wer will nicht dort leben, wo er geboren wurde? Von diesem Moment an prägte mich das Instrument. Ich bin immer weg – und doch nie ganz weg von diesem Ort. Und man kann nicht zurückgehen. Wenn man das tut, merkt man, dass das, was einmal war, nicht mehr da ist.“

Mit der Cellistin Anja Lechner und seinem Sohn Felix (Tenorsaxofon/Klarinette) spielte Dino Saluzzi 2010 das Album „Navidad de los Andes“ ein.


Foto: Andrea Boccalini / ECM Records

Dass Saluzzi immer wieder tief in den Fluss der Erinnerung eintaucht, liegt an den Erfahrungen seiner Jugend. Als ihm mit 17 Jahren auch Salta zu klein wird, geht er ins 1000 Kilometer entfernte Buenos Aires. Wo niemand auf einen Burschen aus der Pampa wartet. Doch er hat Glück: Arrangeur Julio Ahumada und Bandoneonista Ciriaco Ortiz, einer der bedeutendsten Musiker des Tango, nehmen ihn unter ihre Fittiche. Wofür Saluzzi, der Ortiz’ Bedeutung für den Tango mit der von Louis Armstrong für den Jazz gleichsetzt, bis heute dankbar ist: „Alles, was im Tango auf dem Bandoneon gespielt werden kann, hat Ciriaco bereits gespielt.“ Obwohl er bald in einigen Orchestern tätig ist, nimmt er weiter Unterricht, liest über „Dinge, von denen ich dachte, ich könne sie mal brauchen. Mein Lernen war sehr untypisch“, erklärt Saluzzi, der schließlich im Orquesta Estable de Tango Radio El Mundo landet. „Wir spielten jeden Tag, das war ein fantastisches Training. Wir haben uns in den rhythmischen Mustern des Tango so wohl gefühlt, dass wir nicht einmal geprobt haben. Wir haben uns die Notenlinien der Partitur angeschaut, deren Kontur gesehen und losgelegt. Und wir haben jeden Tag andere Musik gespielt. Da hat man wirklich was gelernt. Doch die älteren Musiker sagten mir: ,Junge, du musst studieren. Du musst mit diesem und jenem reden.‘“

Da war es Anfang der 1950er-Jahre allein eine Frage der Zeit, bis er dem damals nur in Musikerkreisen bekannten Astor Piazzolla begegnete. Der gab ihm einmal auf die Frage, wie er denn mit der Kritik an seinem unorthodoxen Tangospiel klarkäme, eine einfache Antwort: „You have to go, you simply have to go.“ 1956 ging Saluzzi – und zwar zurück nach Salta, wo er eine eigene Klangsprache und seine Art von Volksmusik entwickeln wollte. Er blieb keine zwei Jahre: „Ich fühlte mich mehr und mehr unwohl und musste dort weg. Ich war aus Angst vor der Großstadt zurückgekommen und wollte meine Kindheit, meine Pubertät zurückgewinnen, aber als ich zurückkam, war sie nicht mehr da.“


„Das Bandoneon weiß alles über mein Leben“


Ein derart frustrierendes Erlebnis, dass er danach acht Jahre lang sein Bandoneon nicht anrührt und stattdessen Haarspray in den Buslinien von Buenos Aires verhökert. „Das war so dämlich, dass ich darüber nicht weiter reden möchte. Einfach kindisch, unreif.“ Diese Zeit endet, als er einen Job in der Banda Policia findet, die sich gerade anschickt, mit Streichern zu einem Sinfonieorchester zu wachsen. „Ich kannte die Klassik, hatte Dirigieren gelernt und eine Menge über Kontrapunkt und Orchestrieren gelesen“, so Saluzzi: „Aber es war das erste Mal, dass ich in einem Orchester war. Weil ich nichts konnte als Noten lesen, ließen sie mich Perkussion spielen.“

Eine undankbare Aufgabe, zumal er vom Gehörten um ihn herum vor lauter Schönheit wie gelähmt gewesen sei: „Kein Missverständnis, es waren nicht die Berliner Philharmoniker. Tatsächlich war es lausig, aber für mich ein wichtiger Schritt zur Kunstmusik. Heute ist mir klar, und ich bekomme eine Gänsehaut deswegen, wie seltsam mich das Schicksal zu neuer Musik gebracht hat.“ In der Hierarchie des Orchesters steht Saluzzi an letzter Stelle, kann aber dennoch eigene Ideen umsetzen. Außerdem entdeckt er, dass er auf dem Bandoneon auch anderes als Tango spielen, „mit einigen Schwierigkeiten“ etwa Jazzpianisten imitieren kann. Die 1970er-Jahre werden bedeutsam für ihn. So spielt er sein erstes Album „Soy Buenos Aires“ ein, entdeckt zeitgenössische Komponisten wie Luigi Nono für sich, arbeitet 1973 mit Gato Barbieri für dessen LP „Chapter One: Latin America“, spielt aber auch traditionelle Musik der Anden und tourt mit dem Pianisten Mariano Mores durch Lateinamerika.

1982 endet sein erstes Leben, als in Buenos Aires ein Schweizer in sein Dasein tritt. George Gruntz, weltbekannter Jazzpianist und Big-Band-Chef, der als künstlerischer Leiter des JazzFests Berlin gerade in Südamerika auf der Suche nach interessanten Musikern ist. Der Besitzer eines Jazzclubs bringt ihn auf Saluzzi, so Gruntz: „,Da gibt’s einen, der sehr gut Bandoneon spielt, aber keiner weiß, wie man ihn einordnen soll. Er spielt nicht Normaltango, nicht Tango Nuevo – aber Jazz schon gar nicht.‘ Mit Ach und Krach kriegte ich seine Telefonnummer heraus. Als ich am nächsten Tag anrief, meldete sich ein Mann, der kaum Englisch konnte. Er teilte mit, dass er am Abend in irgendeiner Garage Probe habe, riet mir aber, lieber nicht zu kommen: ,It’s too depressing.‘“ Und Saluzzi erinnert sich: „Er kam trotzdem. Plötzlich befand ich mich vor seinem Orchester mit meinem Bandoneon, das damals kaum jemand kannte – schon gar nicht als Jazzinstrument. Als ich es auspackte, kamen alle Musiker, um zu sehen, was zum Teufel das war“, lacht er: „Es war unglaublich. Ich guckte sie an voller Angst, aber ich brauchte den Job, um meine Familie zu ernähren. Nun ja, es wurde ein gewaltiges Ding.“

Denn der Auft ritt seines Cuarteto beim JazzFest Berlin 1982 und die anschließende Tour mit der George Gruntz Concert Jazz Band eröffneten Saluzzi eine völlig neue Welt. In Molde stellt ihn der Schweizer dem Produzenten Manfred Eicher vor, der den damals 47-jährigen Argentinier umgehend für ECM verpflichtet. Ein Jahr später erscheint mit „Kultrum“ das erste Soloalbum, das seine sehnsuchtsvollen, in weiten Spannungsbögen fließenden, nur selten mit Tango-Reminiszenzen tändelnden Stücke zur Off enbarung für alle Jazzfans macht. Es folgen zahlreiche Scheiben, auf denen Saluzzi in ständig wechselnden Kontexten immer wieder neu Erinnerungen an die Heimat seiner Kindheit in ergreifende Geschichten kleidet, in denen sich traditionelle Motive der Anden, Anverwandlungen des Tango Nuevo, Spuren klassischer Musik und Einflüsse des Jazz zu einer einzigartigen Melange paaren.

Wobei ihm stets das Kunststück gelingt, ganz er selbst mit seinem Instrument und dabei unverwechselbar zu sein. Ob im Quintett mit Enrico Rava („Volver“, 1987), mit seinem Sohn José Maria und den Bassisten Marc Johnson („Cité de la Musique“, 1997) und Palle Danielsson („Responsorium“, 2003), dezidierten Jazzbands wie der von Tomasz Stanko („From The Green Hill“, 1999) oder in seiner trauten Familienband („El valle de la infancia“, 2014). Und seit bald 15 Jahren häufig im Duo mit der Cellistin Anja Lechner, die von ihm sagt: „Er ist ein Meister der Brüche. Deshalb verharrt er nie lange in einer Stimmung.“ Besonders schätzt sie Saluzzis Zeitgefühl: „Seine Unabhängigkeit von durchgehendem Puls und Rubato in der Melodie fasziniert mich.“ Während der Bandoneonista konstatiert: „Wir haben eine besondere Beziehung, eine gemeinsame Sprache, die auf der Technik basiert, aber weit darüber hinausgeht. Eine Sprache der Seele. Und eine Botschaft , die man entdecken und vermitteln will. Es ist ein Dialog auf Augenhöhe.“

Dass gut 30 Jahre nach seinem letzten Soloalbum „Andina“, das Blue-Note-Chef Don Was zu seinen fünf liebsten ECM-Scheiben zählt, nun mit „Albores“ wieder ein Alleingang von Saluzzi erscheint, erklärt dieser damit, dass er sich nicht limitieren und deshalb mit unterschiedlichen Gruppen neue Sounds erschließen wollte. Aber dann sei der Moment gekommen, wo er sich gesagt habe: „Jetzt ist es an der Zeit für mein Instrument. In meinem Alter brauche ich Intimitat. Und Zeit, mich zu erinnern. Dieses Instrument weiß alles über mein Leben.“ Dessen Reise währt mittlerweile 85 Jahre, und obwohl langsam Saluzzis Augenlicht nachlässt, ist sein zärtlicher, erinnungsseliger Zauber doch frischer denn je. Wie sagte Günter Grass so schön: „Die Weichsel ist ein breiter Fluss, der in der Erinnerung immer breiter wird.“ Möge der Campo Santo noch lange auf Dino Saluzzi warten.

DVD-Tipp

Dino Saluzzi & Anja Lechner: El encuentro – A Film for Bandoneon and Violoncello by Norbert Wiedmer and Enrique Ros (ECM, 2012)

Hörtipps

Dino Saluzzi solo:
Kultrum (ECM, 1983)
Andina (ECM, 1988)
Albores (ECM, 2020)
Rezension: s. Seite 70

The George Gruntz Concert Jazz Band: Theatre (ECM, 1984)
Dino Saluzzi Group: Mojotoro (ECM, 1992)
El valle de la infancia (ECM, 2014)
Dino Saluzzi & Rosamunde Quartett: Kultrum (ECM New Series, 1998)
Dino Saluzzi/Jon Christensen: Senderos (ECM, 2005)
Dino Saluzzi/Anja Lechner: Ojos negros (ECM, 2007)
Giya Kancheli (mit Dino Saluzzi, Gideon Krämer und Andrei Pushkarev): Themes From The Songbook (ECM, 2010)
Dino Saluzzi/Anja Lechner/Felix Saluzzi: Navidad de los Andes (ECM, 2011)
Horacio Lavandera: Dino Saluzzi – Imágenes: Music For Piano (ECM New Series, 2015)
Myriam Alter (mit Dino Saluzzi, Kenny Werner u. a.): If (Enja, 2002)


Foto: Juan Hitters / ECM Records