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Zahn um Zahn: TEST Zahncremes


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2016 vom 28.07.2016

Wir haben sie täglich im Mund und vertrauen ihnen unsere Gesundheit an: Zahnpasten. Aus der großen Auswahl können wir 19 „sehr gute“ Produkte empfehlen. Von ebensovielen raten wir ab.Von Jörg Döbereiner


Artikelbild für den Artikel "Zahn um Zahn: TEST Zahncremes" aus der Ausgabe 8/2016 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Martin P/shutterstock

Ist Karies eine ansteckende Krankheit oder nicht? Im vergangenen Jahr trafen sich 200 führende Zahnmediziner und Wissenschaftler in Brüssel und stimmten darüber ab. Für Außenstehende mag das seltsam klingen: Übertragbar oder nicht, seit wann entscheiden darüber Experten? Liegt das nicht im Wesen einer Krankheit? Grippe ist übertragbar, Diabetes nicht – einfach, oder? ...

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Im Fall von Karies ist es komplizierter. Die Zahnkrankheit entsteht, wenn bestimmte übertragbare Bakterien Zucker aus unserer Nahrung verstoffwechseln und so Säure produzieren, die den Zahnschmelz angreift. Löcher in den Zähnen sind die Folge. „Früher hieß es immer, man müsse alles tun, damit Patienten diesen Keim nicht bekommen“, erinnert sich Professorin Annette Wiegand, Direktorin an der Poliklinik für Präventive Zahnmedizin, Parodontologie und Kariologie der Universitätsmedizin Göttingen. „Heute weiß man, dass man die Keime ohnehin bekommt, das ist nicht zu verhindern.“ Manche Menschen erkranken in der Folge an Karies, andere nicht.

Die Erklärung: Bakterien, allen voran Streptococcus mutans, spielen zwar eine wichtige Rolle für die Entstehung von Karies, aber keineswegs die einzige. Ob ein Mensch Karies bekommt, hängt auch von seiner Mundhygiene, Ernährung und Allgemeingesundheit ab. „Es handelt sich um eine multifaktorielle Erkrankung, das heißt, man kann an verschiedenen Rädern drehen, um Karies zu verhindern“, sagt Annette Wiegand. Das sahen offenbar auch die versammelten Zahnexperten so: 76 Prozent votierten dafür, Karies als nicht übertragbare Krankheit einzustufen und rücken damit Mundhygiene und Ernährung noch stärker in den Fokus als bisher.

Um der Zahnkrankheit durch Hygiene vorzubeugen, existiert derzeit kein besserer Wirkstoff als Fluorid. Es hilft den Zähnen, verlorene Mineralstoffe zurückzugewinnen, das ist wissenschaftlich belegt. In hohen Dosen kann Fluorid allerdings zu gesundheitlichen Schäden führen. So kann es bei Kindern zu Fluorose kommen, einer Verfärbung der Zähne.


Karies hängt nicht nur von Bakterien ab, sondern auch von anderen Faktoren


Erwachsene, die sich zweimal täglich die Zähne putzen, brauchen sich um zu viel Fluorid nicht zu sorgen. Auch dann nicht, wenn sie zusätzlich fluoridiertes Speisesalz zu sich nehmen. Um aber ganz sicher nicht zu weit von der empfohlenen täglichen Aufnahmemenge abzuweichen – laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sind das für Erwachsene wie Kinder 0,05 Milligramm Fluorid pro Kilogramm Körpergewicht – dürfen Universalzahncremes höchstens 1.500 Milligramm pro Kilogramm Fluorid enthalten. Und sie müssen darauf hinweisen, dass Kinder sie nicht oder nur in geringen Mengen benutzen sollten.

ÖKO-TEST hat 38 Zahncremes eingekauft, darunter auch sieben Naturkosmetikprodukte. Die Pasten und ihre Deklarationen haben wir in Schadstofflaboren analysieren lassen.

Das Testergebnis

_ Das Testfeld ist gespalten. Die Hälfte der Zahncremes können wir mit „sehr gut“ empfehlen, darunter auch zwei zertifizierte Naturkosmetikprodukte sowie ein Großteil der sehr günstigen Produkte im Test. 13 Zahnpasten erhalten allerdings ein „ungenügend“ oder „mangelhaft“.
_ Fluorid muss mit. Zwei konventionelle und fünf zertifizierte Naturkosmetikprodukte verzichten darauf, das werten wir ab. Die Alternativen überzeugen wenig: Fast alle Naturkosmetik-Zahncremes im Test enthalten Xylitol. Dem Süßungsmittel wird eine kariesprophylaktische Wirkung zugeschrieben. Allerdings existieren derzeit keine brauchbaren Studien, die zeigen, dass eine xylitolhaltige Zahncreme ohne Fluorid tatsächlich Karies ähnlich effektiv vorbeugt wie fluoridhaltige Pasten. Die teure Dr. Wolff’s Biorepair Zahncreme setzt auf künstlichen Zahnschmelz aus Zink-Carbonat- Hydroxylapatit, der mikroskopisch kleine Zahndefekte verschließen soll. Auch für dieses Wirkprinzip ist nicht hinreichend durch Studien belegt, dass es Karies ähnlich gut vorbeugt wie Fluorid. Außerdem enthält das Produkt den Konservierer Propylparaben. Er steht im Verdacht, wie ein Hormon zu wirken.

_ Schäumen ja, reizen nein. Laut Zahnmedizinern sollte Zahncreme schäumen, so werden Essensreste und Zahnbelag besser abtransportiert. Leider verwenden zwölf Pasten dafür Natriumlaurylsulfat, ein aggressives Tensid, das die empfindlichen Schleimhäute reizen kann. ÖKO-TEST wertet es seit Langem ab.
_ Nichts für Kinder: Zink ist wichtig für die Gesundheit, Kinder und Jugendliche schöpfen aber die empfohlene Menge schon über Lebensmittel aus. Deshalb empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), auf zinkhaltigen Zahnpflegeprodukten darauf hinzuweisen, dass sie für Kinder nicht geeignet sind. Ist das bei Produkten, die Zink zusetzen, nicht der Fall, werten wir ab.
_ Aluminium ist kein Problem: Wir haben die Aluminiumgehalte aller Zahnpasten im Labor analysieren lassen, sie sind unbedenklich. Nur auf vier Produkten sind Aluminiumverbindungen deklariert, geringe Mengen enthalten aber die meisten Zahncremes. Sie können etwa über Putzkörper hineingelangen. Hier liegt das Aluminium chemisch fest gebunden vor, wird also vom Körper nicht verstoffwechselt, sondern ausgeschieden.

So reagierten die Hersteller

_ AnbieterLaverana teilte uns mit, man biete Zahnpflegeprodukte mit und ohne Fluoride an. Auch wenn eine regelrechte Vergiftung durch Zahnpasta mit Fluoriden für so gut wie unmöglich gehalten werde, gebe es „hinreichende Studien, gerade im Bereich der alternativen Behandlungsmethoden, die auf das Zusammenspiel von Fluoriden und enzymatischen Beeinflussungen eingehen, die zu Autoimmunreaktionen führen können bzw. Fluoride als giftig einstufen“. ÖKO-TEST wertet Zahncremes ohne Fluorid ab, da es nach aktuellem Stand der wissenschaftlichen Forschung der wichtigste Wirkstoff zur Vorbeugung von Karies ist. In den zum Zähneputzen verwendeten Dosen schadet Fluorid nicht.
_ Procter & Gamble schrieb uns, die Zahncreme Blend-AMed Classic sei im Hinblick auf Zink auch für Kinder und Jugendliche sicher. Man teile zwar die Auffassung, dass eine Zinkaufnahme in höheren Mengen vermieden werden sollte, betrachte aber die Einschätzung des BfR hierzu als „zu konservativ“. ÖKOTEST schließt sich dagegen dem BfR an: Aus vorbeugendem Verbraucherschutz sollte Zahncremes für Kinder und Jugendliche kein Zink zugesetzt werden.

Experte

Art des Fluorids ist nicht maßgeblich

Foto: KZBV/Baumann

„Ob Natriumfluorid, Aminfluorid oder Natriummonofluorphosphat – für Verbraucher ist es nicht entscheidend, welche Art von Fluorid in der Zahnpasta steckt. Wichtiger ist es, eine Fluoridzahncreme zu verwenden, die Ihnen schmeckt, denn nur damit putzen Sie lange genug.“

Dr. Jürgen Fedderwitz ist praktizierender Zahnarzt und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV).

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben in Supermärkten und Drogerien 38 Universalzahncremes eingekauft, darunter sieben zertifizierte Naturkosmetikprodukte. Die Preisunterschiede sind groß: 100 Milliliter des teuersten Produkts kosten 6,95 Euro, bei den günstigsten sind es 36 Cent.

Die Inhaltsstoffe
Fluorid sollte in jeder Zahnpasta enthalten sein. Schäumendes Natriumlaurylsulfat, das die Schleimhäute reizen kann, oder bedenkliche Parabene als Konservierer dagegen in keiner. Wir achteten auch auf PEG/PEG-Derivate, die die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen können und ließen im Labor prüfen, wieviel Aluminium und Zink in den Pasten steckt.

Die Bewertung
Enthält eine Zahncreme kein Fluorid, verzichtet sie auf wichtigen Kariesschutz – das werten wir stärker ab als einzelne bedenkliche oder umstrittene Inhaltsstoffe. Zahncremes mit Zinkzusatz sollten nur Erwachsene verwenden, deshalb haben wir solche Produkte unter „Weitere Mängel“ abgewertet, wenn der entsprechende Hinweis fehlt.

Darauf haben wir verzichtet
Weshalb berücksichtigt ÖKO-TEST den RDAWert nicht? Über diesen Wert, der die abtragende Wirkung der Putzkörper in der Zahnpasta angibt, sagt Professor Stefan Zimmer, Leiter des Departments für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an der Uni Witten/Herdecke: „Der RDA-Wert wird überschätzt. Die Messmethodik ist sehr schwierig und unzuverlässig, außerdem ist es nur ein Faktor beim Zähneputzen. Auch die Art der Zahnbürste, die Putztechnik und die Höhe des Drucks spielen eine Rolle.“ Wir schließen uns dem an. Aus ähnlichem Grund haben wir uns gegen eine Messung des PCR-Werts entschieden, der die Reinigungswirkung angibt. Menschliche Gebisse sind verschieden, deshalb können Labortests nur Anhaltspunkte für die Reinigungsleistung geben. Für eine aussagekräftige Bewertung war uns das zu wenig.

Grün, aber wenig wirksam. Fehlt Fluorid, hilft auch Bio nicht viel.


Foto: ÖKO-TEST

Fett gedruckt sind Mängel.
Glossar: Erläuterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 140.
Anmerkungen:1) Weiterer Mangel: Umkarton, der kein Glas schützt.2) Weiterer Mangel: Dem Produkt ist Zink zugesetzt, und es ist auch für Kinder und/oder Jugendliche ausgelobt. Das BfR empfiehlt, dass Kinder und Jugendliche nicht zusätzlich Zink über Zahnpasta aufnehmen sollten.3) Bei dem Produkt handelt es sich um ein Zahncremekonzentrat. Laut Anbieter ist eine 25-Milliliter- Tube für circa 150 Anwendungen ausgelegt.4) Laut Anbieter wurde die Deklaration inzwischen angepasst und ist nun mit dem Satz „Nur für Erwachsene“ versehen.5) Laut Anbieter wurde das Produkt zwischenzeitlich aus dem Sortiment genommen, es befinden sich nur noch Restmengen in den Märkten.
Legende: Produkte mit gleichem Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um vier Noten: kein Kariesschutz durch Fluorid. Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) PEG/PEG-Derivate; b) Natriumlaurylsulfat; c) halogenorganische Verbindungen (hier: Chlorhexidindigluconat, CI 74260, CI 73360). Zur Abwertung um eine Note führt: Propylparaben. Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führen zur Abwertung um jeweils eine Note: a) Umkarton, der kein Glas schützt; b) der fehlende Hinweis „Nur für Erwachsene“ bei Zahnpasten, denen Zink zugesetzt ist. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Aus rechtlichen Gründen weisen wir darauf hin, dass wir die (vom Hersteller versprochenen) Wirkungen der Produkte nicht überprüft haben. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Testergebnis Inhaltsstoffe um eine Note.
Testmethoden undAnbieterverzeichnis finden Sie unter www.oekotest.de _ Suchen _ „M1608“ eingeben.
Einkauf der Testprodukte: Mai 2016.
Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt.Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungen in elektronische Medien angefertigt und/ oder verbreitet werden.

Mehr zum Thema

Weitere Informationen zu Fluorid fi nden Sie in unserem Test Zahncremes für empfi ndliche Zähne (ÖTM 6/2013). Was Zahncremes für weiße Zähne taugen, haben wir ebenfalls bereits für Sie untersucht (Ratgeber Kosmetik und Wellness 2016). Welche Kinderzahnpasten wir empfehlen können, erfahren Sie im kommenden Heft (ÖTM 9/2016).
https://shop.oekotest.de

ÖKO-TEST rät

Die Auswahl ist groß: Suchen Sie sich aus den 19 „sehr guten“ Zahncremes eine aus, deren Geschmack Ihnen zusagt.
Eine normale, fluoridhaltige Zahncreme reicht für den Hausgebrauch vollkommen. Bei Problemen wie besonders empfindlichen Zähnen sollte der Zahnarzt zurate gezogen werden, bei Zahnfleischbluten ohnehin. Zusätzliche Fluoridpräparate wie Tabletten sollten nur nach zahnärztlichem Rat eingenommen werden.