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Zaubergarten mit Rheinblick


Land & Berge - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 17.06.2020

Die Marksburg thront auf einem Schieferkegel hoch über dem Mittelrhein. Sie birgt einen zauberhaften mittelalterlichen Schaugarten voller mystischer Hexenpflanzen,kostbarer Heilkräuter und schmackhafter Küchengewächse


Artikelbild für den Artikel "Zaubergarten mit Rheinblick" aus der Ausgabe 4/2020 von Land & Berge. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Land & Berge, Ausgabe 4/2020

Ein magischer Ort mit großartiger Fernsicht: die 800 Jahre alte Marksburg südlich von Koblenz mit ihrem mittelalterlichen Kräutergarten


Die Samen des Stechapfels wurden im Mittelalter in Hexensalben verarbeitet


Katzenminze als Heilmittel bei Bronchitis durfte in keinem Klostergarten fehlen


Schwarze Malve,Goldlack,Calendula und Mohn bei einem zauberhaften Rosenbusch


Burgherr Gerhard Wagner ...

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... steckt die Nase in den Lavendelduft. Eine unproblematische Pflanze - ganz im Gegenteil zu Schlafmohn und Alraunen,die mehr Aufwand erfordern (siehe Text)


Duftende Kräuterseifen,kluge Büchlein,hübsche Übertöpfe: Im Museumsshop der Burg können sich Besucher mit Kräuterwissen und allerhand schönen und wohlriechenden Dingen eindecken


Diese historische Illustration aus dem Jahre 1725 zeigt eine Alraune. Im Foto oben rechts sind die Früchte gut zu sehen,das Bild darunter macht deutlich,warum die Pflanze auch „Wurzelknecht“ genannt wird


Der unbestrittene Star des Gartens wirkt von außen unscheinbar. Im Frühjahr treibt er ein paar grünlich weiße,zuweilen blassviolette Blüten aus,im Sommer kugelig gelbe Beeren,die nach Schwefel stinken. Die Blattrosette,faltig wie ein Greis,klebt dicht über dem Erdreich und verdorrt gleich wieder nach der Fruchtreife. „Dennoch ist die Alraune eine der wichtigsten Zauberpflanzen des Mittelalters“,sagt Gerhard Wagner,Hausherr der Marksburg hoch über dem kleinen Städtchen Braubach am Rhein. „Ihr eigentliches Potenzial steckt in der Tiefe.“ Fürwahr. Auch wenn die ganze Pflanze hochgift ig ist,so ist es doch vor allem ihre Wurzel,die Fantasie und Aberglauben der Menschen über Jahrtausende beflügelte.

Tausendsassa aus dem Kräutergarten

Fleischig und dick kann sie bis zu 60 Zentimeter lang werden und in ihrer Form einer menschlichen Gestalt ähneln. Kein Wunder also,dass das ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammende Nachtschattengewächs im Deutschen auch Wurzelknecht oder Galgenmännchen genannt wird - man glaubte,dass die Alraune besonders gern unter Galgen wuchs,an denen Mörder gehängt wurden,deren Lebensenergie sie angeblich in sich aufnahm. Ach,und was sagte man der Alraune nicht sonst noch alles nach: Sie auszugraben,sei lebensgefährlich! Ihre aphrodisierende Wirkung so groß,dass man aus ihr einen Trank brauen könne,mit dem sich das Geschlecht wechseln ließe. Selbst Geld,welches neben einen Alraun gelegt wird,sollte sich über Nacht vermehren. Wahr ist: In der Alraune stecken toxische,psychoaktive Substanzen,sogenannte Alkaloide. Genau aus diesem Grund war die Alraune im Mittelalter ein beliebter Bestandteil der sagenumwobenen „Hexensalbe“,zu der sich meist noch andere hochgift ige Pflanzen wie Tollkirsche,Eisenhut oder Stechapfel gesellten. „Die Salbe wurde auf die Haut aufgetragen,gelangte von dort in die Blutbahn und löste rauschhaft e Zustände aus,während derer die Menschen glaubten,mit Geistern zu verkehren,in Tiere verwandelt zu werden oder auf einem Besen zum Hexensabbat zu fliegen. Äußerste Vorsicht war allerdings bei der Dosierung geboten,sonst konnte die Reise leicht tödlich enden“,erläutert Wagner.

Mit einigem Stolz präsentiert der Geschäft sführer der Deutschen Burgenvereinigung,die seit 1931 auf der Marksburg sitzt,den mittelalterlichen Kräutergarten,den ein Mitarbeiter dort 1967 angelegt hat und der seitdem gehegt und gepflegt wird. Unterteilt ist er in vier Bereiche,von den Hexen- und Zauberpflanzen über ein kleines Lustgärtlein bis hin zu den Heil- und Würz- sowie den Nutz- und Küchenpflanzen. Rund 150 Gewächse - in der Region heimisch oder spätestens seit dem Mittelalter in Deutschland bekannt - gedeihen im Schatten der Zwingeranlage,die rund um die Burg führt. So üppig wird der Garten zu den Zeiten,als die Herren von Eppstein und später die Grafen von Katzenelnbogen über die Marksburg herrschten,aber noch nicht ausgesehen haben. „Eine Burg hat ja rundum wenig Platz,um etwas anzubauen“,erklärt Wagner. „Außer Zwiebeln und Kräutern wird da nicht viel gewesen sein.“

Ein Streifzug durch 800 Jahre Burggeschichte

Die Herren von Eppstein erbauten im 13. Jahrhundert eine Burg auf der höchsten Spitze des Felsens,die später von den Grafen von Katzenelnbogen ihre imposante Gestalt bekam. Die Burg fiel an Hessen,Nassau und Preußen - und wurde schließlich in verwahrlostem Zustand im Jahre 1900 von der Deutschen Burgenvereinigung gerettet. Der heutige Hausherr ist gleichzeitig Vorsitzender dieser Denkmalschutzinitiative.

Hildegard inspiriert Gartengestalter

Doch gerade Kräuter konnten - etwa im Belagerungsfall - lebenswichtig sein,da sie auch medizinisch nutzbar waren. Die berühmte Äbtissin und Gelehrte Hildegard von Bingen lieferte im Jahr 1160 mit ihrer Schrift „Physica“ nicht nur ein umfassendes Werk über die Heilkräft e der Natur,sondern auch eine wichtige Quelle für die Gartengestalter der Marksburg. Rund 230 Pflanzenarten beschrieb Hildegard,etliche davon sprießen heute zwischen der großen Batterie und dem Kapellenturm der Burg. Etwa der Wermut - bei Hildegard von Bingen eine der wichtigsten Heilpflanzen,weil er bei Verdauungsstörungen und Fieber hilft . Das Eisenkraut Verbene empfahl sie zum Ausheilen von Abszessen,Arnika gegen Entzündungen,Ringelblume bei Hauterkrankungen,Baldrian bei Schlaflosigkeit und Bohnenkraut als Gichtmittel. Nur dem hübschen Vergissmeinnicht konnte sie nicht viel abgewinnen. „Nec ad medicinam valet“,schrieb sie,es tauge nicht als Medizin. Ganz im Gegensatz zum gelb blühenden Frauenmantel,der bei Durchfall und Magenkatarrh wohltuend wirke - und natürlich bei allen Frauenleiden. Der Wormser Stadtarzt Tabernaemontanus beschrieb dies mit durchaus deft igen Worten: „Dieses Kraut in Regenwasser gesotten und mit demselbigen Wasser die heymlichen Orter der Weiber gewäschen,dringet es dieselbigen zusammen,als wann sie Jungfrauen werden.“ Medizin im 16. Jahrhundert.

Allein für den herrlichen Blick auf den Rhein lohnt sich der Besuch der Marksburg


500 Jahre später erzählt der Schaugarten der Marksburg aber nicht nur von der Heilkunst des Mittelalters. Er gibt auch Aufschluss darüber,wovon sich die Menschen in früheren Zeiten ernährt haben. Eines sei vorweg verraten: Der Fleischkonsum war überschaubar. Getreidebrei und Gemüse standen hauptsächlich auf dem Speiseplan. Deshalb findet man in der Abteilung Nutz- und Küchenpflanzen Gewächse,die die Großstadthipster des 21. Jahrhunderts wieder trendy finden: Dinkel und Amaranth etwa. Auch Kichererbsen,Schwarzkümmel oder Koriander - klassische Zutaten der orientalischen Küche - kannten die hiesigen Rittersleute schon. Das Ende des 8. Jahrhunderts unter Kaiser Karl dem Großen entstandene „Capitulare de villis“,eine Landgüterverordnung,schrieb vor,was in den Gärten der Kaiserpfalzen gezogen werden sollte. Ganze 72 Pflanzen sowie 16 Baumarten wurden dort aufgeführt.

Besucher lieben Hexenpflanzen

Dass die Hofgüter all dies produzieren konnten,war wohl eher frommes Wunschdenken,doch auf der Marksburg sind die Gewächse heute fast vollständig vorhanden. Am wärmsten Platz des Gartens sprießen Sauerampfer und Schwarzer Senf,Meerrettich,Pastinake,Fenchel,Katzenminze,Eibisch,Flaschenkürbis,Knoblauch oder Artischocke. Geerntet werden die Kostbarkeiten allerdings nicht. „Bei uns können Besucher erleben,was passiert,wenn man einen Kohlrabi einfach mal wachsen lässt“,sagt Burgherr Wagner. „Er bekommt wunderschöne gelbe Blüten.“ Apropos Besucher: Die interessieren sich häufig doch eher für die Hexen- und Zauberpflanzen als für Schnittlauch und Co. Hoch im Kurs steht der Schlafmohn,der gleich am Anfang des Gartens auf einem Quadratmeter gedeiht und der Gerhard Wagner jede Saison ein wenig Stress verursacht - weil er die Menge stets der Bundesopiumstelle in Bonn melden muss. Im Mittelalter wurde der Schlafmohn als Narkotikum und Schmerzmittel genutzt. Er wächst auf der Marksburg übrigens nur ein paar Schritte von der Alraune entfernt - die ebenfalls für Aufregung sorgt. Als Star unter den Gift pflanzen inspirierte sie Dichter aller Jahrhunderte. Sie findet Erwähnung bei den Brüdern Grimm,in Shakespeares Dramen,Goethes „Faust“ und zuletzt bei Joanne K. Rowling. Harry Potter und die anderen Zauberlehrlinge in Hogwarts mussten nämlich lernen,die Wurzel der kleinen Diva aus dem Boden zu ziehen,ohne dass die Pflanze ihren gefährlichen,weil tödlichen Schrei ausstößt. „Wenn belesene Kinder in der Burgführung sind“,seufzt Wagner,„müssen wir sie oft davon abhalten,unsere Alraunen aus dem Boden zu rupfen.“

Da der Anbau von Schlafmohn in Deutschland verboten ist,muss der Burgherr seine Menge jede Saison der Bundesopiumstelle melden


NFONeben der „normalen“ Burgführung gibt es in der Sommersaison morgens und abends spezielle Kräutergartenführungen. Aktuelle Öff nungszeiten und Buchung aufwww.marksburg.deoder unter Telefon: 0 26 27/2 06

Wunderarznei des Mittelalters


Fotos: Alexa Christ (3),mauritius images/Günter Gräfenhain,imago images/blickwinkel,imago images/MITO,imago images/Nature Picture Library,imago images/Waldemar Boegel,picture alliance/blickwinkel

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