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ZEICHENTRICK- KINDHEIT


Blu-ray Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 17.09.2021

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Artikelbild für den Artikel "ZEICHENTRICK- KINDHEIT" aus der Ausgabe 5/2021 von Blu-ray Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Blu-ray Magazin, Ausgabe 5/2021

Für alle, die jetzt wichtigtuerisch den Kopf schütteln: Sie haben vollkommen recht, „Biene Maja“ stammt noch von Studio Zuiyo Enterprises, aus dem dann nach dessen Spaltung der Rechte-Vertrieb Zuiyō und das neue Studio Nippon Animation bzw. „Nippon Animēshon kabushiki-gaisha“ hervorgingen, wie es ungefähr japanisch ausgesprochen wird. Und was führte zu den finanziellen Schwierigkeiten, in die Zuiyo Enterprises Mitte der 1970er geriet? Die Heidi war‘s!

Heidi (1974)

Es gibt einen Grund, warum so viele Japaner die Schweiz sehen wollen. Befragt man einen Japaner, was er mit der Schweiz in Verbindung bringe, antwortet er meist als erstes „Heidi“. Und wenn er Heidi sagt, dann meint er die Schönheit der Natur, kindliche Unschuld, Ziegenkäse. Denn das ist es, was „Heidi“ zu einer willkommenen Fantasie nach den Schrecken und Traumata des Zweiten Weltkrieges machte. Mehr noch als der ebenfalls sehr ...

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... beliebte Jugendroman „Anne auf Green Gables“ bot „Heidi“ sowohl Sicherheit als auch ein paradiesisches Bild vom Landleben. Als Bestandteil einer ganzen Reihe von internationalen Kinderbüchern gewann der Roman der Schweizerin Johanna Spyri in den 1950ern enorm an Popularität in Japan. In diesem Jahrzehnt erschien die erste illustrierte und direkt aus dem Deutschen übersetzte Ausgabe des Buches, welches dort seit 1920 in diversen Übersetzungsvarianten aus dem Englischen erschienen ist. Bis heute gab es in Japan über 100 verschiedene Auflagen der „Heidi“-Bücher, viele hunderttausende Exemplare gingen über die Ladentheken. Und auch heute hat sich der Hype um das „Mädchen von der Alm“ nur geringfügig geschmälert. Da lässt sich leicht nachvollziehen, weshalb sich der Zuiyo-Produzent Takahashi Shigeto Anfang der 1970er für die Anime-Verfilmung des beliebten Familienstoffs entschied. Unter der Regie von Isao Takahata Entstanden insgesamt 52 Episoden, in denen das Waisenmädchen Heidi nach dem Ableben ihrer Eltern beim zurückgezogenen Almöhi untergebracht wird, den keiner aus dem Dorf so richtig leiden kann, was auf Gegenseitigkeit beruht. Aus dem wortkargen Nebeneinander wird bald eine herzerwärmende Großvater-Enkelin-Beziehung samt Ziegenpeter und blinder Großmutter. Ein Idyll, das erst gestört wird, als sich die Verwandtschaft aus Frankfurt meldet und Heidi zu ihrer an den Rollstuhl gefesselten Cousine Clara in die Großstadt geholt wird. Die Hektik, Abgase, Heimweh und Fräulein Rottenmeiers diktatorische Erziehungsmaßnahmen sorgen dafür, dass das Ziegenmilch-und-Frischluft-verwöhnte Mädchen erkrankt. Erst als sie wieder in die Natur der Schweizer Alpen zurück kehrt setzt ein Gesundungsprozess ein, der sich auch später sogar in Klaras wunderhafter Heilung zeigt. Und so sticht die Botschaft der krank machenden Stadt und der natürlichen Frische klar heraus – eine Botschaft, die auch in den späteren Studio-Ghibli- Filmen häufig Platz findet. Neben Takahata arbeitete übrigens auch Hayao Miyazaki als Szenarist und Compositing-Spezialist an dem Projekt mit.

Und da die Darstellung der Schweizer Natur genauso wenn nicht sogar wichtiger war, als die Hauptfigur selbst, wurden in der Konzeptionsphase viele Recherche-Reisen unter anderem ins Schweizer Maienfeld sowie nach Frankfurt unternommen. Da das Originalwerk so beliebt und so wichtig war, wurden auch sorgfältigere Animationen angefertigt, die fast das Dreifache an Cels benötigten wie damals übliche Anime- TV-Serien. Um noch stärker die Naturliebe zu fokussieren wurden neue tierische Charaktere eingeführt wie Joseph, der treue Bernhardiner, Piep, der Vogel, und Schnucki, das Zicklein. Das Erzähltempo blieb niedrig, um den Erholungsaspekt zu fördern. Der enorme Erfolg in Japan und kurz darauf auch weltweit gab den Serienschöpfern recht. Hiermit hatten sie eindeutig TV-Geschichte geschrieben. Jedoch reichte das alles nicht, um die teure Produktion zu refinanzieren, sodass Zuiyo Enterprises 1975, im Folgejahr nach der Erstausstrahlung, die finanzielle Notbremse ziehen bzw. sich aufspalten musste.

Nach Deutschland kam die Serie dann erst 1977 und lief im Zweiten Deutschen Fernsehen. Anders als die bei Eltern verrufenen Science-Fiction- und Science-Fantasy-Animes (siehe z. B. „Zeichentrick-Kindheit Teil 1“ in der letzten Ausgabe), genoss „Heidi“ ein recht hohes Ansehen bei den Zuschauerinnen. Es wurde sogar überhaupt nicht als Anime wahrgenommen, ein Begriff, der hierzulande mit Action, Gewalt und anderen Kinder-untauglichen Konzepten in Verbindung gebracht und daher gewissermaßen negativ konnotiert war.

Das lag vor allem daran, dass gleich mehrere Kinderserien vom ZDF, ORF und der Kirch-Gruppe bei Nippon Animation/Zuiyo in Auftrag gegeben und diese zwischen 1972 und 1979 im deutschsprachigen Raum erstaufgeführt wurden. Da war „Heidi“ also nur eine Serie unter vielen, die zu der Zeit in deutsch-österreichischer Koproduktion entstanden. Auch die anderen Serien basierten auf internationalen Kinderbuchklassikern wie „Wickie und die starken Männer“ des schwedischen Autoren Runer Jonsson und „Pinocchio“ des Italieners Carlo Collodi.

Wickie (1974)

Ja, so ein Wikingerleben wäre schon etwas feines, besonders für Kinder! Da gibt es viel zu erleben und zu entdecken. Abenteuer im Wald sowie auf hoher See sind ebenso zugegen wie die „sozialen Probleme“ zwischen den einzelnen Wikinger-Stämmen, die einer diplomatischen Hand bedürfen. Oder eines diplomatischen Fingers, der zuerst den linken Nasenflügel, dann den rechten Nasenflügel streift, bevor er unter der Nase gerieben und zu einem „Ich hab‘s“ gen Himmel gehoben wird. Der kleine Häuptlingssohn ist ein ziemlich pfiffiger Bursche, der in eine eigentlich martialische, von Gewalt geprägte Kultur geboren wurde und diese mit seinen Ideen und seinem Verstand so richtig aufmischt. Wenn mal wieder Väterchen Halvar und der schreckliche Sven mit Keulen aufeinander zu gehen, weiß der kleine, schmächtige Junge meist weisen Rat und vermittelt, bevor es zum Blut Vergießen kommt. Wenn alle Stricke reißen, bastelt er auch mal was, um den Leuten aus seinem Heimatdorf Flake – Snorre, Faxe, Tjure, Urobe und wie sie alle heißen – aus der Patsche zu helfen. Das ist lustig anzusehen und gibt auch den kleinsten Zuschauern das Gefühl, in der Welt der Erwachsenen mitreden zu können. Ganze 78 Episoden wurden unter der Regie von Chikao Katsui, Kōzō Kusuba und Hiroshi Saitō bis 1976 ausgestrahlt. Aus dem ursprünglichen Puppenspiel-Projekt des Initiators, dem ZDF-Kinderprogramm-Leiter Josef Göhlen, wurde der äußerst erfolgreiche Auftakt einer ganzen Zeichentrick-Reihe, die einige der wichtigsten Kinderserien aller Zeiten mit sich brachte. Verbunden wurden diese durch unvergessliche Musik-Scores für die hauptsächlich ein Mann Verantwortlich zeichnete.

Karel Svoboda

Der tschechische Komponist spielte zuvor Piano bei der Rockband Mefisto und schrieb in den 1960ern und 1970ern Popsongs und Schlager für Stars wie Karel Gott und Marta Kubišová. So richtig bekannt wurde er allerdings durch seine Arbeit an dem DEFA-Märchenklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973), dessen Filmmusik bis heute als Svobodas größtes Meis- terwerk angesehen wird. Ab 1974 komponierte er die Melodien der fürs ZDF produzierten Zuiyo Enterprises/Nippon Animation-Trickserien, von denen quasi jede ein Evergreen war. An „Wickie“ arbeitete noch Christian Bruhn mit, der später mit seinen Musik-Kompositionen für „Captain Future“ ebenfalls Musikgeschichte schrieb. Damit der Titelsong „Hey, Hey Wickie!“ etwas rauere, nordische Töne anschlägt, wurde die Kölner Gruppe Stowaways (Bläck Fööss) für den Gesang engagiert. Auch beim späteren Projekt „Pinocchio“ (1976) kümmerte sich Bruhn um die Vorspannmelodie, während Svoboda den malerischen, weichen Score der Handlung erschuf. Svobodas bekanntestes Stück dürfte aber jenes sein, was im Artikel-Intro annähernd zitiert wurde: „Die Biene Maja“. Eine Musik, die alles in sich trägt, was seine Kompositionen so beliebt machte: Weiche Streicher, grundierender Bass, flotte Percussion und Karel Gott im Vorspann, träumerisch weiche Bläser, grundierendes Klavier und flotte Percussion im Abspann. Hier vermischte er Melancholie mit Energie und Lebensfreude, Ruhe mit Tempo. Auch die während der Handlung gespielte Musik ist in vielerlei Hinsicht ein Meisterwerk, strahlt sie doch mit ihren Streichern enorm viel Wärme mit ihrem Piano eine freche Keckheit aus. Noch träumerischer wurde es in der späteren Studio-Pierrot-Produktion „Nils Holgersson“ (1980) für die Svoboda neben dm Score auch den Vor-und Abspann im Walzertakt komponierte. Hier dürften den meisten durchstartende Wildgänse in den Sinn kommen, Violinen- und Flötenklänge sowie die von Kinderstimme gesungene Refrain-Zeile „Nils Hol-gersson“ mit anschließendem Pfeifen oder „… fliegt mit den Gänsen davon“. Bis zu Svobodas tragischen Freitod im Jahr 2007 folgten noch viele weitere Märchen- und Trick-Kompositionen sowie einige Musicals.

Die Biene Maja (1976)

Wurde „Wickie“ von Joseph Göhlen „lediglich“ angestoßen und vom ZDF mitproduziert, legte er bei seinem zweiten Anime-Projekt fürs Kinderfernsehen sogar selber Hand an. So war er Teil des kreativen Prozesses bei der Gestaltung der Figuren und entwickelte im Vorfeld die ersten Drehbücher. Damit ist „Die Biene Maja“ die erste richtige deutsch-japanische Koproduktion mit dem 1975 nun umbenannten Studio Nippon Animation. Neben dem ZDF produzierten auch Peter Films und TV Asahi mit. Es ist schon erstaunlich, welche Charaktereigenschaften die Protagonisten haben, die Göhlen erschaffen ließ. Dazu muss man wissen, dass der studierte Germanist, Philosoph und Historiker im Vorfeld Marionetten-Filme wie „Der Räuber Hotzenplotz“ (1967) und „Urmel aus dem Eis“ (1969) mitproduzierte sowie die Real-Serie zu Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ (1968) initiierte – alles Geschichten mit sympathisch anarchistischen Hauptcharakteren, die bestehende Gesellschaftsformen erkunden und hinterfragen, teilweise sogar die meist dümmlich dargestellte ausführende Staatsgewalt an der Nase herum führen. Alle haben einen großen Intellekt oder zumindest eine gewisse Bauernschläue gemeinsam, manche von ihnen weisen sogar eine enorme körperliche Stärke auf – beides Vorteile, mit denen sie ihre eigene, natürliche Lebensart – zur Not auch als Außenseiter – durchsetzen können. Biene Maja ist da keine Ausnahme. Gleich als sie zur Welt kommt, stellt sie unbequeme Fragen an die Lehrerin Kassandra, die ihre liebe Mühe damit hat, Maja überhaupt aus ihrer Wabe zu bekommen, denn die Langschläferin ist die Letzte. Aber einem schönen Traum muss man eben seine Zeit lassen. „Eine Biene, die träumt? Na, mit der Träumerei ist jetzt erst einmal Schluss! Jetzt fängt der Ernst des Lebens an“ entgegnet ihr die erste erwachsene Person, der sie begegnet. Bewegt sich die Masse in eine Richtung, schaut sich Maja in der anderen um. „Warum versammeln sich Bienen zum Schwarm?“ „Weil wir Bienen, das tun, solange wir uns erinnern können“ „Und warum tun wir Bienen das, warum erklärst Du es mir denn nicht?“ Wenige Augenblicke fällt Maja die Lösung ein: „Ich weiß warum Sie‘s mir nicht sagen! Weil Sie‘s selber nicht wissen!“ Damit hat sie nur teilweise recht, denn zum Glück erscheint der Grashüpfer Flipp auf der Bildfläche, der dem Publikum des Rätsels Teillösung prä- sentiert: „Nach dem Schlüpfen schwärmen die Bienen, weil zu wenig Platz im Stock ist“. Dass Kassandra ihr das nicht so richtig erklären wollte, hat Maja aber gut erkannt. Und so mischt der blonde Wuschelkopp den Stock gehörig auf, stellt sich bei jeder Gelegenheit erst einmal gegen die Norm, um diese neu erkunden und für sich bewerten zu können. Dabei büchst sie am liebsten in verbotene Bereiche der Wiese aus und lernt viele andere Kleintiere, Insekten und Bewohner ebendieser kennen, samt deren Regeln und Probleme. Offensichtlich bedarf es eines frischen, unverfälschten Geistes, um das ganze von oben zu betrachten und eine gute Lösung herbeizuführen. Wenn Maja wüsste, dass ihr bester Freund Willi eine Drohne ist, die nur kurze Zeit bis zum sogenannten „Hochzeitsflug“ lebt und nach dem Befruchtungsakt geschlechtslos und tot zu Boden fällt, dann würde sie vermutlich erst einmal alles dafür tun, ihren lethargischen Kumpel gar nicht erst flügge werden zu lassen. Die beiden Romanvorlagen stammen von Waldemar Bonsels, der in den 1920er Jahren in Deutschland hoch und runter gelesen wurde. Während des Dritten Reichs äußerte sich Bonsels offen antisemitisch, wobei wohl auch die Auflagen der Nationalsozialisten gegen Romanautoren und Künstler aller Art ein Beweggrund gewesen sein könnten. Bis heute beschäftigen sich Literaturwissenschaftler und Historiker mit Bonsels Verhältnis zum Nationalsozialismus – ein Thema , was unter anderem den 100. Jahrestag der Buchveröffentlichung von „Biene Maja“ im Jahr 2011 mitbestimmte. Fast wäre der ehemalige Bestseller-Autor in Vergessenheit geraten, wenn die zugehörige TV-Serie nicht gewesen wäre. Angesichts des fragwürdigen Hintergrunds Bonsels ein gewagter Schritt im Bereich des Kinderfernsehens, zumal der Kampf zwischen den Hornissen und den Bienen eine militante Komponente mit ins Spiel bringt, die sogar im Trickfilm durch die Ameisen-Soldaten fokussiert wird. Doch Majas Abenteuer bleiben gänzlich unbelastet, sodass die junge Bienendame in aller Ruhe verschiedenste gesellschaftliche Prinzipien kennenlernen, ausprobieren und hinterfragen kann. Die ersten 52 Episoden von „Biene Maja“ wurden dermaßen erfolgreich, dass Ende der 1970er eine zweite Staffel mit weiteren neuen Charakteren in Auftrag gegeben wurde – diesmal von einem anderen Animationsstudio (Wako Production) realisiert.

World Masterpiece Theater (WMT)

Was hat ein auf Milch basierter Softdrink mit dem Kinder-Fernsehprogramm der 1970er und 1980er zu tun? Nun bei „Heidi“ wurde auch viel Milch getrunken und die Serie war ausgesprochen erfolgreich. Aufgrund dessen wurde Clapis 1975 zum Hauptsponsor des neuen, ambitionierten Zeichentrick-Projektes des gerade erst offiziell gegründeten Nippon Animation Studios: Dem „World Masterpiece Theater“, der sich in erster Linie an Jugendliche, aber auch an erwachsene Zuschauer richtete. Unter dieser Dachmarke sollte nun jährlich eine Zeichentrickserie hervorgebracht werden, die auf einem internationalen Jugend- bzw. Kinderbuch basiert.

Den Beginn machte „Niklaas, ein Junge aus Flandern“ (1975), gefolgt von „Marco“ (1976), „Rascal, der Waschbär“ (1977), „Anne mit den roten Haaren“ (1979), „Tom Sawyers Abenteuer“ (1980), „Familie Robinson“ (1981), „Die kleine Prinzessin Sara“ (1985), „Wunderbare Pollyanna“(1986), „Eine fröhliche Familie“ (1987), „Peter Pan“ (1989) sowie „Missis Jo und ihre fröhliche Familie“ (1993) – um nur die wichtigsten zu nennen. 1997 zwangen aber nachlassende Einschaltquoten und finanzielle Schwierigkeiten Nippon Animation dazu, ihr WMT-Projekt einzustellen. All diese Serien wurden in den 1990ern in Deutschland ausgestrahlt, während parallel dazu auch weitere Kinderserien mit weniger Drama, dafür aber umso mehr Abenteuer produziert wurden.

Sindbad (1975)

Zu den bekannteren Kinderserien dieser Zeit gehören ohne Frage „Sindbad“ (1975), „Pinocchio“ (1976) und „Alice im Wunderland“ (1983). Um die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ auch den jüngsten Zuschauern zugänglich zu machen, wurde aus dem erwachsenen Seefahrer Sindbad ein kleiner pfiffiger Junge gemacht, dessen Herz am rechten Fleck sitzt und der laut des von Christian Bruhn komponierten Titelliedes sowohl sehr viel Glück und Ideen hat, als sich auch so gut in der Wüste auskennt, dass er die Kamele wieder sicher nach hause führt. Die sieben Reisen, von denen der reiche Kaufmann Sindbad dem armen Lastenträger Sindbad im Original erzählt, sind natürlich durchzogen von Gräueltaten und schaurigen Monstern – wie es sich eben für echtes Seemannsgarn gehört. Hier werden Menschen von Riesen gefressen oder einem Werwolf geopfert, die Jungen des Riesenvogels Rock geschlachtet, Männer lebendig begraben und so weiter. Sindbad selbst erschlägt auch den dämonischen Greis, der sich so vehement um seinen Hals klammert, als Sindbad ihn übers Wasser tragen wollte. Und er heiratet gleich zwei Mal, da seine erste Frau stirbt. All dies musste für die Kinderserie abge-schwächt bzw. aufgrund des jungen Protagonisten verändert werden. Trotzdem schien das für das deutsche Kinderfernsehen immer noch nicht auszureichen, weshalb die ursprünglich 52 Trick- Episoden (ähnlich wie „Captain Future) auf 42 herunter gekürzt wurden. Dafür wurden ganze Folgen gestrichen und mehrere Episoden beschnitten und zu einer zusammengefasst.

Dass die sieben Reisen keineswegs ausreichend waren, um 52 Trick-Episoden zu füllen, sorgte dafür, dass auch noch andere Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ wie etwa „Aladin und die Wunderlampe“, „Die Geschichte vom Zauberpferde“, „Der Fischer und der Djinn“,„Alibaba und die 40 Räuber“. Die Erzählerin Sheherazade hat ebenfalls einen Gastauftritt in den Episoden 11 und 12 der Serie. Völlig neu hinzugedichtet wurde Sindbads treue Begleiterin, die sprechende Vogeldame Shiela, hinter der sich eine verzauberte Prinzessin verbirgt. Als roter Faden dient der Kampf gegen die böse Hexe Tabasa und ihre beiden Söhne, die sich dem kleinen Seefahrer immer wieder in den Weg stellen und auch mit Shielas Verwandlung zu tun haben. Natürlich gibt es auch andere Bösewichte wie beispielsweise den blauen Teufel, den deutsche Zuschauer aufgrund der damaligen Zensurpolitik des ZDFs nie zu Gesicht bekamen.

Pinocchio (1976)

Etwas weniger unheimlich aber nicht minder spannend geht es in der Verfilmung des berühmten Kinderbuchs von Carlo Collodi zu. Die Geschichte selbst gehört zur Weltliteratur und wird aufgrund ihres Themas, der Sozialisierung eines anarchistischen Jungen, als pädagogisch wertvoll angesehen. Als dritte Koproduktion von Nippon Animation, dem ORF und dem ZDF wurde hieran auch nichts verändert, da es ja direkt für den deutschen Markt erschaffen wurde. So hangeln sich die 52 Episoden an den Ereignissen der Originalgeschichte entlang, bieten aber auch genügend Platz für ganz neu erdachte Abenteuer wie beispielsweise „Die Reise auf der Taube“, „Hilfe für die Schildkröten“ und „Pinocchios Kampf mit den Nachtgeistern“. Als hinzugefügte Begleitung dient die junge Ente Gina, die ab ihrem Schlüpfen in der zweiten Episode Pinocchio nicht mehr von der Seite weicht. Und auch der Specht Rocco sowie die Katze Giulietta stehen an seiner Seite. Die wegelagernden Antagonisten Fuchs und Kater treten wesentlich häufiger auf, als im Roman, und hindern Pinocchio am Wiederfinden seines alten Vaters Geppetto. Auch die gute Fee testet den Holzjungen noch in deutlich mehr Belangen, damit er am Ende zu einem echten Jungen werden kann. Wie auch schon „Heidi“, „Wickie“ und „Biene Maja“ war auch „Pinocchio“ eine gern gesehene Serie, die zahlreiches Merchandise nach sich zog, weshalb der ein oder andere vielleicht noch eine Heimo- Figur im Regal zu stehen hat.

Alice im Wunderland (1983)

Hinter dem Künstlernamen Lady Lilly verbirgt sich die Sängerin Erika Bruhn – Ehefrau ihres Musik-Produzenten Christian Bruhn, zusammen mit ihrer Schwester Teil des volkstümlichen Ge- sangsduos „Gitti und Erika“, „Heidi“-Jodlerin, magische Stimme hinter dem legendären „Captain Future“-Soundtrack und … die Sängerin des „Alice im Wunderland“-Titelliedes. „Was ist da passiert? Wie kann das geschehn? … Frag doch Alice, Alice im Wunderland!“ Auf das ausklingende Wort „Fantasieeee“, was an eine gewisse Weltraum-Arie erinnert, folgte dann die jeweilige Episode frei nach den Lewis-Carroll-Romanen „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“. Während die Serie beispielsweise in den USA aufgrund des Disney-Films weniger große Erfolge verzeichnete, wurde sie hierzulande wie die anderen ZDF-Koproduktionen ziemlich gut aufgenommen. Bei dieser Entwicklung spielte auch der bekannte Zeichentrickfilm keine große Rolle, da das Serienformat mit ihrer neuen Interpretation/Erzählweise und der alternative Zeichenstil für genügend Abstand zum Disney-Produkt sorgten. Anders war zum Beispiel, dass ein Rahmen-Element übernommen wurde, welches in Winsor McCays Comic-Reihe „Little Nemo“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts eine große Rolle spielte: Am Ende einer jeden Episode kehrt Alice immer wieder in ihre Alltagswelt zurück, sodass sie ihre fantastischen Abenteuer theoretisch auch geträumt haben könnte.

Die 1980er und alles danach

Die Abenteuer-und Märchen-Reihe für Kinder wurde in den 1980ern und darüber hinaus fortgesetzt. Deren TV-Premiere fand allerdings bei deutschen Privatsendern wie etwa Sat.1 oder RTL 2 statt. Dazu gehörten beispielsweise „D’Artagnan und die 3 MuskeTiere“ (1981), „Familie Nikolaus“ (1984), „Grimms Märchen“ (1987) und „Das Dschungelbuch“ (1989). Zu den „Heidi“-ähnlicheren Serien für junge Zuschauerinnen zählten z. B. „Die Kinder vom Berghof“ (1983) und „Das Mädchen von der Farm“ (1984). Bis heute produziert Nippon Animation Zeichentrick-Serien für Kinder und Jugendliche, wobei es nicht mehr die Erfolge verzeichnet und den Ruf genießt, den es in den 1970ern und 1980ern besaß. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb neben aktuell laufenden Serien wie „Les Miserables“ (seit 2007) und „Penelope“ (seit 2006) auch immer wieder die alten Marken aufgenommen werden, z. B. in Form von drei „Sinbad“- Filmen oder auch als Serie wie „Before Green Gables“ (2009). Wie prägend diese ganzen Kinderserien waren zeigt sich darin, dass die erfolgreichsten in den 2000ern eine CGI-Neuauflage spendiert bekamen.

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