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ZEIT FÜRS WESENTLICHE


TASPO GARTEN-DESIGN - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 25.05.2018
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Bildquelle: TASPO GARTEN-DESIGN, Ausgabe 4/2018

Nach 25 Jahren als Firmenchef beschloss Thomas Pahls 2014, sein Garten- und Landschaftsbau-Unternehmen in Münster an seinen Mitarbeiter Peter Rose zu verkaufen. Fast zeitgleich eröffnete sich die Chance, einen gemeinnützigen Betrieb zu übernehmen. Hier kann der 52-Jährige das Verbinden, was ihm wichtig ist: den Spaß am Führen und Entwickeln und viel Zeit für die Familie.

45 Mitarbeiter, durchschnittliche Lohnkosten im dreistelligen Tausenderbereich, die monatlich immer wieder erwirtschaftet werden müssen, eine neunjährige Tochter, für die er kaum Zeit hatte und eine Frau, mit der er im Betrieb mehr ...

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... Stunden verbrachte als zu Hause – mit dieser Bilanz sah sich Thomas Pahls kurz vor seinem 50. Geburtstag konfrontiert. „Ich war an einem Mittwoch joggen und habe mich gefragt, warum ich mich eigentlich zum Sklaven meiner Arbeit mache. Und ob das so weitergehen soll. Da ist in mir der Gedanke gereift, die Firma zu verkaufen.“

Schnell entschlossen

Thomas Pahls ist kein Mensch, der lange grübelt. Schon kurze Zeit später sprach er seinen langjährigen Mitarbeiter Peter Rose an, ob dieser sich vorstellen könnte, die Firma zu übernehmen. Er konnte. Bereits sechs Wochen später fand sich Thomas Pahls im heimischen Arbeitszimmer wieder. „Wir hatten vereinbart, dass ich bis zum tatsächlichen Verkauf in die zweite Reihe rutsche und von zu Hause aus arbeite.“ Eigentlich hatte er mit einem dauerklingelnden Telefon gerechnet, mit ständigen Fragen nach Abläufen und Unterstützung. Allein: das Telefon klingelte nicht. Das Unternehmen lief wunderbar weiter, auch ohne ihn an vorderster Front. „Es war wirklich spannend für mich zu lernen, dass ich ersetzbar bin, und zwar relativ schnell. Ich habe mich gefragt, warum keiner anruft und habe mich zu Beginn ertappt, dass ich morgens ins Büro gefahren bin um zu sehen, was zu tun ist. Kurz vorher habe ich dann angehalten und mich gezwungen, wieder umzudrehen.“

Ganz oder gar nicht

Frau und Tochter waren von dem Entschluss, die Firma aufzugeben, erst einmal mäßig begeistert. „Meine Tochter hat es mir anfänglich sogar richtig übel genommen, dass ich ihr mit dem Verkauf eine mögliche berufliche Laufbahn verbaut hatte,“ schmunzelt Thomas Pahls. „Und Anne-Katrin, meine Frau, wollte wissen, ob es denn gleich der Verkauf sein müsste. Mit Peter Rose als Mitgeschäftsführer hätte ich doch eine Möglichkeit, weniger zu arbeiten.“ Doch für Thomas Pahls war klar: Ganz oder gar nicht. „Weniger arbeiten hätte in dieser Unternehmensstruktur auf Dauer nicht funktioniert.“ Zu sehr war die Firma mit Umsatz machen, mit Wachstum verbunden. Mit der Zukunftsplanung hatte es Pahls erst einmal nicht eilig. „Meine Familie und ich sind finanziell gut abgesichert.“

Vor drei Jahren hat Thomas Pahls (Bild rechts, Mitte) mit der GUW Münster einen gemeinnützigen Betrieb übernommen – eine Entscheidung, die er sofort wieder treffen würde.


Fotos: Nixe Kommunikationsdesign

Neue Ideen

Während der Prozess des Unternehmensverkaufs noch in vollem Gange war, traf sich Thomas Pahls mit einem Freund, der Geschäftsführer der Caritas in Münster war. „Er berichtete mir, dass er ein Unternehmen mit sechs Mitarbeitern liquidieren müsse und fragte mich, ob ich die Leute nicht in meine Firma übernehmen könnte.“

„Meine Firma“ – das würde es zwar bald nicht mehr geben, doch stattdessen kam bei Thomas Pahls der Gedanke, wie es wohl wäre, dieses Baby – die Gemeinnützige Umweltwerkstatt GmbH (GUW) – wieder aufzupäppeln. Allerdings drängte die Zeit – sechs Monate blieben bis zum Liquidationstermin. „Ich habe mich mit Peter Rose zusammengesetzt und ihm erzählt, was ich vorhabe. Wir haben den endgültigen Verkauf der Firma erst einmal für sechs Monate auf Eis gelegt, damit ich mich um den Kauf der GUW kümmern konnte. Ich bin Peter Rose bis heute dankbar, dass er mir da vertraut hat.“

Investition in Maschinen

Die GUW Münster wurde 2007 als Dienstleister im Bereich Gartenpflege gegründet. Fünf Jahre lang hatte man dank För-dergeldern auskömmliche Einnahmen. Die Fördergelder liefen irgendwann aus und die GUW schrieb Verluste. Der Grund dafür war unter anderem eine nicht existente Maschinenausstattung. „Es wurde fast alles von Hand erledigt. Alle Arbeiten dauerten Stunden und waren in keiner Weise wirtschaftlich.“ Pahls investierte erst einmal 200.000 Euro in Maschinen, schaffte Lkw an, kaufte einen Bagger und einen Radlader. „Da war dann auch kurz mal der Punkt erreicht, an dem meine Frau mich fragte, ob ich wisse, was ich tue“, erinnert sich der Unternehmer.

GEMEINNÜTZIGE GMBH

Eine gGmbH ist eine „gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Wie bei der GmbH ist die Haftungssumme auf das Gesellschaftsvermögen begrenzt, allerdings gibt es bei dieser Unternehmensform einige Steuervorteile. So muss die gGmbH keine Körperschafts- und Gewerbesteuer und keinen Solidaritätszuschlag bezahlen. Zudem können Leistungen für wohltätige Zwecke unter Umständen mit reduziertem Umsatzsteuersatz oder umsatzsteuerfrei abgerechnet werden. Doch es gibt auch einiges zu beachten. So muss die Gemeinnützigkeit nachgewiesen werden. Mittel der gGmbH dürfen nur für in der Satzung festgelegte Zwecke verwendet werden. Und anders als bei einer GmbH dürfen die Gewinne nicht an die Gesellschafter ausgeschüttet werden.

Das wusste er sehr gut. Als ihm sein Steuerberater beim Kauf der GUW vorschlug, auf die Gemeinnützigkeit zu verzichten, weil er sich die Chance auf Gewinnausschüttungen nehmen würde, lehnte er ab. „Umsatz um jeden Preis – gerade das wollte ich ja nicht mehr. Mit der Gemeinnützigkeit bremse ich mich selbst. Ich bekomme ein Geschäftsführergehalt und einen Firmenwagen und das wars.“

Keine Berührungsängste

Die GUW ist verpflichtet, mindestens 40 Prozent Mitarbeiter mit Beeinträchtigungen zu beschäftigen. Das können geistige oder körperliche Behinderungen, aber auch Lernschwierigkeiten sein. Berührungsängste hatte Thomas Pahls nie: „Ich habe eine Schwester mit Down-Syndrom und kenne das Zusammenleben mit behinderten Menschen von klein auf.“

2015 wurde das Team der GUW GmbH komplett übernommen und der Verkauf der Firma Pahls abgewickelt. „Was Peter Rose und mich dabei besonders freut ist, dass wir in keiner der Firmen einen Mitarbeiter entlassen mussten.“ Dank mehrerer Pflegeverträge der Caritas, die auch nach der Firmenübernahme weiterliefen, war die Arbeit für die sechs GUW-Mitarbeiter erst einmal gesichert.

Klare Strukturen schaffen

Thomas Pahls ist ein großer Freund klarer Strukturen. Werkzeuge, die an ihrem Platz und einsatzbereit sind, Maschinen, die regelmäßig gewartet werden, Arbeitsabläufe, die nachvollziehbar und effizient sind – das erleichtert seiner Ansicht nach das Leben ungemein. „In meiner ersten Firma habe ich mich anfangs ständig geärgert, dass Schaufeln nicht geputzt, Ketten nicht geschärft und Kanister nicht nachgefüllt waren.“

Die Lösung kam im Urlaub, als er die Kellner im Hotel dabei beobachtete, wie sie dank klarer Aufgabenverteilung die Arbeiten schnell und effizient erledigten. „Auf dem Rückflug habe ich mir ein Blatt genommen, auf einer Hälfte alles aufgeschrieben, was mich immer wieder ärgert und auf der anderen Seite die damals 40 Mitarbeiter notiert. Dann habe ich Striche gezogen und jedem Mitarbeiter die Verantwortung für eine Aufgabe gegeben. Das hat funktioniert.“

Was in der ehemaligen Firma für Ordnung gesorgt hatte, ist in der GUW beinahe überlebenswichtig. „Die Mitarbeiter fühlen sich in klaren Strukturen wohl und brauchen Arbeiten, die sich wiederholen.“ Auch hier hat jeder Beschäftigte etwas, wofür er verantwortlich ist. „Das funktioniert mittlerweile so gut, dass wir uns bei einem neuen Mitarbeiter schwer tun, eine Aufgabe für ihn zu finden.“

Überschaubare Aufgaben zu vergeben und damit den Ehrgeiz der Mitarbeiter zu wecken – das funktioniert auch bei Messebesuchen. „Beim Besuch der GaLa-Bau in Nürnberg vor zwei Jahren habe ich mir überlegt, wie ich es schaffe, alle bei der Stange zu halten. Also habe ich einen Wettbewerb veranstaltet. Wer die beste Idee von der Messe zurückbrachte, die dem Unternehmen nützt, konnte eine Ballonfahrt gewinnen. Das hat jeden motiviert. Es war unglaublich, wie viele tolle Vorschläge da kamen.“

KONTAKT

Gemeinnützige Umweltwerkstatt GUW GmbH Kinderhauser Straße 102
48147 Münster
Tel. +49 25162033 – 41
Fax +49 25162033 – 40
info @guw-muenster.de
www.guw-muenster.de

Der Grund, dass die GUW vor der Liquidation stand, war ein kaum existenter Maschinenpark. Das änderte Thomas Pahls umgehend.


Abends werden die Fahrzeuge für den kommenden Tag beladen. Wenn alles an seinem Platz ist, geht das schnell.


Keine Gewinnorientierung

Dank modernem Maschinenpark und optimierter Arbeitsabläufe wuchs die GUW in den ersten zwei Jahren von sechs auf 25 Mitarbeiter, mittlerweile sind es 28. Die Behindertenquote liegt bei 48 Prozent. Die Firma erwirtschaftet Gewinn, der ins Unternehmen investiert wird. Beim Aufstocken des Personals half auch der Zufall. „Kurz nach der Übernahme ging beispielsweise eine Baumschule mit Pflegeabteilung in Konkurs. Der Inhaber fragte mich, ob ich seine Leute beschäftigen würde. Den Kundenstamm – etwa 600 Pflegekunden – haben wir dazubekommen.“

Bei Pahls gibt es sieben feste Teams aus Vorarbeiter und dem sogenannten „zweiten Mann“, die zusammenarbeiten. Je nach Aufgabe werden sie auf Dreioder Vier-Mann-Teams aufgestockt. Die Zweierteams sind das ganze Jahr zusammen unterwegs und verstehen sich gut. „Das Kriterium für mich war nicht, die Teams nach Leistung zusammenzustellen, sondern danach, wie gut sie menschlich harmonieren“, sagt Pahls.

Führung auf Augenhöhe

Nach 25 Jahren als Firmenchef hat er ein gutes Gespür für Menschen entwickelt. Seinen Führungsstil beschreibt er als Führung auf Augenhöhe. „Ich finde es schön zu sehen, wie ich Menschen groß machen kann. Da habe ich anfangs Mitarbeiter vor mir stehen, die kaum drei Sätze sprechen. Nach ein paar Monaten stehen sie dann da und sagen, dass sie mehr Verantwortung haben wollen.“ Mancher möchte auch weniger, fühlt sich mit dem, was er gerade tut, überfordert. Auch das ist bei der GUW möglich. „Dann suchen wir eben eine andere Aufgabe. Wichtig ist, dass alle Spaß an der Arbeit haben.“

Was sich Thomas Pahls nicht nehmen lässt ist, morgens jeden Mitarbeiter persönlich und mit Handschlag zu begrüßen. „Man merkt so viel, wenn man jemanden einfach mal in die Augen schaut.“ Wenn er das Gefühl habe, dass bei einem Mitarbeiter etwas nicht in Ordnung ist, setzt er sich mit ihm bei einem Kaffee zusammen, fragt so lange nach, bis er weiß, was los ist und findet mit dem Beschäftigen eine Lösung.

Was Thomas Pahls bei der GUW festgestellt hat: Erklären, reden, Vertrauen schaffen ist dort immens wichtig und nimmt viel Raum ein. Was es an Integrationszuschüssen für behinderte Mitarbeiter und Steuerzuschüssen für eine gemeinnützige GmbH (gGmbH) gibt, ermöglicht es, sich diese Betreuungszeiten auch zu nehmen. Schließlich muss die Arbeit vernünftig und fachgerecht erledigt werden.

Ruhe schaffen

Zu den Kunden der GUW gehören die Stadt Münster, Privatkunden, aber auch Institutionen und Industrieunternehmen. „Außenanlagen von Firmen ha-ben den Vorteil, dass es einfache Arbeiten im XXL-Format sind.“ Die können die meisten Mitarbeiter relativ selbstständig erledigen. Komplexere Tätigkeiten hingegen müssen dem einen oder anderen in kleinen, überschaubaren Einheiten übergeben werden. Wo immer es ging, hat Thomas Pahls Abläufe geschaffen, die Ruhe in die Firma bringen. Zu viel Gewusel, zu viel Durcheinander überfordert einige der Beschäftigten. Täglich um 15 Uhr rufen die Vorarbeiter im Büro an und sagen, welche Werkzeuge und Geräte sie am nächsten Tag brauchen. Wenn um 16.30 Uhr die Mitarbeiter in den Betrieb zurückkehren, sehen sie schon, was am nächsten Tag zu tun ist.

Die Mitarbeiter der GUW Münster sind vorwiegend in der Pflege tätig. Auftraggeber sind vor allem die Stadt Münster sowie Firmen und Institutionen.


Jeden Morgen kommen drei Mitarbeiter eine dreiviertel Stunde früher als die anderen und beladen die Fahrzeuge mit der jeweils notwendigen Ausrüstung. „Die anderen Mitarbeiter sind etwa zehn Minuten im Betrieb, bevor es in den Teams losgeht. Da gibt es kein Durcheinander und kein Gerenne, sondern alles geht ganz in Ruhe“, sagt Thomas Pahls.

Gute Entscheidung

Bereut hat er seine Entscheidung, den Betrieb zu verkaufen und in die GUW zu investieren nicht. „Meistens bin ich gegen 17 Uhr 30, spätestens 18 Uhr zu Hause. Freitagnachmittag habe ich frei, samstags arbeite ich nicht – das hat mir und uns als Familie gut getan und ich würde es sofort wieder tun.“ Seine Frau arbeitet im Betrieb mit, freut sich über die gewonnene Familienzeit und auch seine Tochter hat ihm verziehen, dass er die Firma Pahls verkauft hat. Die GUW GmbH ist mittlerweile ein Vorzeigebetrieb im Raum Münster. „Die Handwerkskammer und der Landwirtschaftsverband Westfalen-Lippe haben mir zu Beginn der Übernahme einen Vertrauensvorschuss gegeben – dafür bin ich dankbar. Bis heute statten mir beide Institutionen regelmäßig Besuche mit verschiedensten Leuten ab. Die meisten können es nicht glauben, wie gut organisiert und erfolgreich unser gemeinnütziger Betrieb ist.“ Die „GUW – Ihre Gartenund Landschaftsprofis“ aus Münster zeigen, dass es geht.

Ein Team besteht bei der GUW fest aus Vorarbeiter und „zweitem Mann“, bei Bedarf kommen weitere Kollegen dazu.