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ZEITGESCHICHTE: LEIPZIGS GELIEBTE „BLECHBÜCHSE“: Alles Gute, altes Haus!


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SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 07.03.2019

Vor einem halben Jahrhundert wurde in der Messestadt das„konsument“- Warenhaus eröffnet, der Einkaufstempel der DDR. Noch heute erstrahlt seine Fassade stolz in Silbergrau


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Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 11/2019

Die Blechbüchse heute: dahinter der Hauptbahnhof (l.) und das Messehochhaus


Es ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Wer zum ersten Mal nach Leipzig kommt und das Haus sieht, staunt meist und macht Fotos davon. Die geschwungene, fensterlose Fassade aus Blech ist einzigartig und verantwortlich für den Spitznamen: „Blechbüchse“ sagen die Leipziger zu dem Gebäude am Richard-Wagner-Platz einfach nur liebevoll. Das Blech, ...

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... genauer gesagt Aluminium, ist eine zweite Haut, die das alte Steinhaus im Abstand von einem Meter umhüllt.

Als es 1908 eröffnet wird, heißt das siebenstöckige Gebäude „Kaufhaus am Brühl“. Eingekauft wird hier immer und gut. Doch die eigentliche Geschichte beginnt am 22. August 1968, als das neue „konsument“-Warenhaus die Türen öffnet. „Die Blechbüchse gehört zum wenigen Guten, ja zum Besten, was zu DDR-Zeiten architektonisch geschaffen worden ist“, sagte der 2013 verstorbene Schriftsteller Erich Loest. Die Idee mit dem Blech stammt vom Leipziger Bildhauer Harry Müller, 88, die Teile aus Aluminium werden im Erzgebirge gefertigt.

Nach 1945 wird das ursprüngliche Warenhaus im vom Krieg gezeichneten Leipzig nicht mehr betrieben. 1965 übernimmt das Zentrale Handelsunternehmen „konsument“ das Jugendstilgebäude, baut es nach „Leitlinien für die sozialistische Stadtplanung“ wieder auf. 1 350 Verkäufer/ innen sind damals hier beschäftigt, es gibt schicke Mode, Blumen, Bücher und Fernseher. Der DDR geht es wirtschaftlich gut und Leipzig ist in Kauflaune. Das Einkommen der Werktätigen ist so bemessen, dass es für eine gute Grundversorgung reicht. Das Personal im Warenhaus wird verwöhnt, alle verdienen gut, das Essen schmeckt, die Firma zahlt Friseur, Massagen, Arzt. Weil es aber keine Fenster gibt, kippen die Verkäuferinnen im Sommer reihenweise um. In den 80er-Jahren kommt die Zäsur: Mangelwirtschaft, die DDR am Ende, die Waren verstauben. Am 9. Oktober 1989 werden die Schaufenster wegen der Montagsdemo mit Holz verbarrikadiert

Im Treppenhaus der heutigen „Höfe am Brühl“ erzählen Fotos und Bilder 101 Jahre Geschichte



„Wenn wir in der Innenstadt sind, gehört ein Abstecher in die Blechbüchse dazu.“
Rolf Krost, 88


Ein Blick vom Richard-Wagner- Platz auf das ursprüngliche Gebäude. Das Haus aus Stein von 1908 wurde 1968 mit Blech umhüllt


Diese Mode hätte heute wieder eine Chance. Frauen stürmten das angesagteste Kaufhaus der DDR von Anfang an


Nach der Wiedervereinigung ist das Warenhaus im Besitz der „Horten-konsument“- Gruppe, kurze Zeit heißt es „Kaufhof“. 2001 wird die Immobilie dann mit Grund und Boden von der Zentralkonsum eG und einer jüdischen Eigentümergemeinschaft an Hertie/ Karstadt verkauft. Nach 2006 wird sie noch für Ausstellungen genutzt, zum Beispiel die „Designers’ Open“.

Um Baufreiheit für ein neues Einkaufszentrum am Brühl zu schaffen, wird das Gebäude 2010 abgerissen. Die Aluminiumfassade wird demontiert, in Berlin eingelagert und am Neubau wieder angebracht. Heute ist die Blechbüchse ein Teil des riesigen Einkaufszentrums „Höfe am Brühl“.

SUPERillu hat vor Ort tatsächlich ein Ehepaar gefunden, das schon immer zum Einholen hierherkommt. Ursula und Rolf Krost, beide über 80 Jahre alt, lieben ihre Blechbüchse. „Das Warenangebot war schon vor 40 Jahren überragend, und die Fassade ist noch heute etwas Besonderes“, sagt Frau Krost. Ihr Rolf ergänzt: „Wenn wir in der Innenstadt sind, gehört ein Abstecher in die Blechbüchse dazu.“ Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, der Treppenaufgang ist eine Art Museum. Eindrucksvolle Fotos erzählen die Geschichte des Kaufhauses ab 1908. Schrifttafeln liefern den Text – es ist eine Reise durch die DDR und durch 100 Jahre deutsche Geschichte. Und einkaufen lässt es sich am Leipziger Brühl auch heute noch gut.


FOTOS: SUPERillu/Handelmann