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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 13.04.2022
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Der Hype ist real: Dieser Tage können RAMMSTEIN keinen Mucks von sich geben, ohne dass gefühlt die gesamte Medienlandschaft darauf anspringt und sich in immer neuen Meldungen über vermeintliche Skandale ereifert. Das (inter-)nationale Interesse an der deutschen Band ist riesengroß, ihre Gefolgschaft wächst stetig, und die Livetourneen arten in immer neue Dimensionen aus. Das Sextett hat einen Weg gefunden, mit all dem umzugehen: Schweigen. Rammstein wollen sich und ihr Schaffen (zumindest uns) nicht erklären, ihre Kunst steht für sich. Deshalb erzählen statt den Musikern nun andere ihre Geschichte – und helfen uns bei einer Annäherung an ein echtes Phänomen.

Was bisher geschah: Nach sechs erfolgreichen Studioalben und einer kreativen Pause von fast zehn Jahren veröffentlichten Rammstein am 17. Mai 2019 ihr unbetiteltes Siebtwerk. Die Verweigerung einer Namensgebung – lange genug wurde in den ...

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... Medien fälschlicherweise der Titel RAMMSTEIN kolportiert – blieb nicht der letzte Stinkefinger der großen Kampagne: Als erste Single schickte die Truppe das grandiose ‘Deutschland’ mit opulentem Video ins Rennen – nicht jedoch, ohne zuvor mit einem geschickt inszenierten Trailer das Gros der Medienlandschaft zu foppen sowie Clickbait-Journalisten und andere für vorschnelle Urteile bekannte Instanzen in die Irre zu führen. Ein gekonnter Coup, der Fans (und wohl auch Medienwissenschaftler) noch heute mit der Zunge schnalzen lässt. Die folgende Veröffentlichung geriet nicht nur deshalb zum Triumph: Neben der über allem thronenden Single überzeugten poppige, aber tiefsinnige Stimmungsgaranten wie ‘Radio’ oder ‘Ausländer’, besonders aber die gänsehautträchtigen Psychohämmer ‘Zeig dich’, ‘Puppe’ und ‘Hallomann’ die Fans. Hierzulande erreichte das Werk Platz eins der Charts, markierte den erfolgreichsten Start einer Band in diesem Jahrtausend und heimste fünffachen Goldstatus ein. Auf der folgenden Tournee spielten Rammstein teils mehrfach in ausverkauften Stadien und erreichten allein 2019 über eine Million Fans. Sie wollten mehr, doch Corona machte auch ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der zweite Teil der Tournee soll (Stand: Ende März) am 15. Mai 2022 beginnen und führt die Band – Sänger Till Lindemann, die Gitarristen Richard Z. Kruspe und Paul Landers, Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz, Bassist Oliver Riedel sowie Schlagzeuger Christoph Schneider – einmal quer durch Europa sowie nach Nordamerika.

KUNST MIT KÜNSTLERN

Zuvor jedoch erscheint ZEIT, das nunmehr achte Studiowerk der in Berlin ansässigen Band. Auf einen Titel konnte sich das basisdemokratisch agierende und bei Entscheidungen oft schwerfällige Sextett mit seinem Team diesmal offenbar einigen. Erarbeitet wurden die elf Lieder wie bereits die Stücke des Vorgängers zusammen mit dem deutschen Produzenten Olsen Involtini in den La Fabrique-Studios in Saint-Rémy-de-Provence, einer südfranzösischen Kleinstadt zwischen Montpellier und Marseille, in welcher der Maler Vincent van Gogh nach einem Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik des örtlichen Klosters sein wohl bekanntestes Gemälde ‘Sternennacht’ erschuf – eine Randnotiz, deren Erwähnung jedoch nicht grundlos erfolgt: Schließlich lehnte Kruspe den Titel des bis dato letzten Albums seines Nebenprojekts Emigrate (THE PERSISTENCE OF MEMORY, 2021) an ein Gemälde von Salvador Dalí an. Eine gewisse Verbindung zur Kunst hatten Rammstein sowieso schon immer. Dies lässt sich auch anhand von ZEIT beobachten, für dessen Cover-und Band-Fotos kein Geringerer als der kanadische Fotograf und Musiker Bryan Adams rekrutiert wurde. Dieser schnappte sich die Band und lichtete sie im Aerodynamischen Park der Berliner Humboldt-Universität in einem Windkanal sowie auf der Treppe des Trudelturms ab. Böse Zungen mögen nun behaupten, was früher bei Rammstein hoch, spitz und stolz in den Himmel ragte, nehme nun deutlich kleinere Ausmaße an; Skandallüsterne verweisen womöglich auf den Bau der Einrichtung zur Luftfahrtforschung in der Nazizeit (Turmbau: 1934-36), und wieder andere deuten den Gang der Musiker über die Außentreppe nach unten als Hinweis auf ein drohendes Karriereende. Dabei war es eigenen Angaben zufolge der weltberühmte Künstler selbst, der Rammstein das Motiv vorschlug: „Zunächst einmal war es großartig, wieder mit der Band zu arbeiten“, freut sich Bryan Adams im Interview. Vor einigen Jahren hatte er (ursprünglich für das Zoo Magazine) bereits ikonische Schwarz-Weiß-Bilder von der Band vor der Berliner Volksbühne und in schicken Smokings angefertigt; außerdem entstand ein (auch in diesem Magazin abgedrucktes) Farbfoto von Rammstein auf gelben Stühlen, das der Fotograf erklärtermaßen liebt. „Mit einer Band zu arbeiten, macht normalerweise viel Spaß, und es ist in Ordnung, Dinge vorzuschlagen, die vielleicht über das Normale hinausgehen – wie die Stufen eines seltsamen Kuppelgebäudes zu erklimmen“, schildert er. „Diesmal wollte ich einen ungewöhnlicheren Ort für das Shooting finden – ein ungewohntes, aber real existentes architektonisches Setting. Während der Suche nach Berliner Gebäuden stießen wir auf viele coole Möglichkeiten. Eine davon war dieser alte Windkanal aus den Dreißigern, der im Booklet zu sehen ist und diese grandios aussehende Struktur hat. Wir kamen überein, die Location für das Shooting zu nutzen. Während der Mittagspause bemerkte ich dieses seltsame kuppelförmige Gebilde neben dem Windkanal. Also machten wir auch dort ein paar Fotos. Ich gebe zu, dass ich mir währenddessen dachte, das könnte ein cooles Cover-Foto ergeben.“

»DIESE BAND ROCKT, UND ICH WILL MIT ROCKERN ARBEITEN.«

BRYAN ADAMS

Neben seinem Bestreben, die Band vor interessanten Strukturen und Gebäuden im Stil des Brutalismus abzubilden, setzte der 62-Jährige, dessen neues Album SO HAPPY IT HURTS im März erschien, weitere Motivideen um. Auf anderen Fotos, die in einer nahen Lagerhalle entstanden, sieht man etwa die laufende Band von vorne wie hinten. Besondere Herausforderungen bei der Arbeit mit dem deutschen Sextett gibt es keine, sagt Adams. Was ihn an der Kooperation reizt, weiß er genau: „Diese Band rockt, und ich will mit Rockern arbeiten.“ Rammsteins Musik bezeichnet er als großartig. „In Kanada war ‘Du hast’ seit seinem Erscheinen ein Hit bei Eishockey-Spielen“, überrascht er, und geht auf weitere Details der Zusammenarbeit ein: „Zur Vorbereitung auf diese Foto-Session fragte ich, ob ich das Album hören und die Texte vorab erhalten könnte. Nach dem Hören besprach ich mich mit Birgit (Fordyce, Management – Anm.d.A.) und erfragte die mögliche Richtung sowie den Albumtitel – das hilft immer, wenn man mit anderen Musikschaffenden arbeitet.“ Über die Möglichkeit einer weiteren Zusammenarbeit in der Zukunft entscheidet Adams zufolge nicht er, sondern die Band. Die Atmosphäre zwischen beiden Parteien scheint jedoch zu stimmen: „Beide Kooperationen liefen wirklich entspannt ab. Die Verbindung zwischen uns ist künstlerischer Natur – ich helfe ihnen einfach dabei, ein paar tolle Fotos zu kreieren.“

MYSTERIÖS UND MUTIG

Bestechende Bilder enthält auch das Video zur erste Single von ZEIT. Der Titel-Track, eine melancholische Ballade rund um die Themenkomplexe Leben und Tod sowie Sterblichund Vergänglichkeit, wurde im März als erster Vorbote des Albums veröffentlicht – und von nicht wenigen Fans ebenfalls als möglicher Schwanengesang gedeutet, was nicht zuletzt in einer Textzeile begründet liegt („Wenn unsere Zeit gekommen ist, dann ist es Zeit zu gehen / Aufhören, wenn es am schönsten ist / Die Uhren bleiben stehen“). Das Video dazu drehte der 38-jährige Schauspieler, Musiker und Buchautor Robert Gwisdek, der auch unter dem Künstlernamen Käptn Peng bekannt ist. „Flake und ich sind Kumpels. Aus wundersamen Gründen mag er meine Band Käptn Peng und die Tentakel von Delphi. Er hat mich mal eingeladen, in seiner Garage ein Konzert zu geben. Seitdem treffen wir uns immer mal wieder, essen kalte Erbsen und quatschen“, schildert der Regisseur, wie der Kontakt zustande kam. Seinen Angaben zufolge legten Rammstein ihm und anderen Kollegen die erste Single vor und fragten nach Ideen für eine filmische Umsetzung. „Ich schrieb eine Seite voller unmöglicher Visionen, die sich um das Thema Zeit drehen. Die Band mochte das und lud mich ein, das genauer zu erklären. Das habe ich getan, und dann die Zusage bekommen, das mit meiner Produktionsfirma Kreisfilm umsetzen zu dürfen. Da wir zuvor auf diesem Level noch nichts produziert hatten, musste ich sie mit Worten überzeugen. Zum Glück sind Rammstein mutig genug, ihrem Instinkt zu folgen. Rein rechnerisch war ich eigentlich ein zu hohes Risiko. Doch sie mochten die Ideen und sind mitgegangen – keine Selbstverständlichkeit...“

Konkrete Vorgaben, eine Rahmenhandlung oder einen umzusetzenden Plot gab es dem studierten Schauspieler zufolge nicht – einzig das Lied, das für sich selbst sprach. „Das Thema ‚Zeit‘ ist eine unendliche Spielwiese. Wichtig war mir, sie spürbar werden zu lassen. Emotional, aus dem Bauch“, sagt er. Die ikonischen, zum Teil rückwärts ablaufenden Szenen – darunter etwa die Rückverwandlung von Soldaten zu Krieg spielenden Kindern, aber auch ein von den sechs Musikern gesäumter Geburtsvorgang – seien intuitiv und ohne intendierte kulturelle Referenzen entstanden. Insbesondere die praktischen Herausforderungen des Drehs bleiben dem Filmemacher lebhaft in Erinnerung: „Gerne denke ich daran zurück, wie das Team bei Minusgraden in einer unbeheizten Halle 40 Tonnen Sand verteilte, um festzustellen, dass er zu nass ist, um ihn optisch anmutig rieseln zu lassen. Wir haben pneumatische Megatrichter geschweißt, um diesen Sandstrahl herzustellen, der in der Mitte hohl ist, damit die Tochter am Ende rein-und rausgehen kann – ein voller Strahl hätte sie erschlagen“, schildert er die Mammutaufgaben hinter seinem Film. „Sand rieselt nicht mehr, sobald er auch nur ein wenig Feuchte hat. Dafür mussten fünf Leute mitten im Winter fast durchgängig Sand harken, damit er rechtzeitig trocken wird. Da das Team zu 60 Prozent aus meinen Freunden besteht, durften die das machen“, feixt der gebürtige Ostberliner. Seinen Lieblingsmoment des gesamten Drehs kann er ganz genau wiedergeben: „Als die Band zum ersten Mal das Set betrat, um sich im ersten Schuss von mir mit einer Tonne Sand übergießen zu lassen! Die Aufnahmen im B-Part des Refrains, wo ihre Köpfe aus fließendem Sand herausstehen, sind tatsächliche Aufnahmen – kein CGI, kein Greenscreen. Dafür braucht es Vertrauen. Als ich das erste Replay gesehen habe, wusste ich, dass es etwas Besonderes ist. Außerdem bin ich dem Universum sehr dankbar dafür, dass beim letzten Schuss mit der Tochter von Olli die Sonne geschienen hat. Das klingt klein, aber sowas kann man weder planen noch bezahlen. Wochenlang ist alles bewölkt, und genau in dem Moment kommt die Sonne. Da geht man vor Dankbarkeit in die Knie.“

Obgleich das Video zu ‘Zeit’ die erste Zusammenarbeit des aufstrebenden (und künftig sicher häufiger gebuchten) Regisseurs mit Rammstein darstellt, konnte sich Robert Gwisdek bereits eine eigene Meinung über die Menschen hinter der Band sowie das Phänomen bilden. „Sie begegnen einem auf Augenhöhe, kein Rock-Star-Gehabe. Sie haben ein hohes Arbeitsethos und sind trotzdem sehr humorvoll im Umgang. Und das mit allen, vom Beleuchter bis zum Runner. Sehr angenehm“, befindet er. Die Einzigartigkeit und den Erfolg der sechs erklärt sich der Künstler hauptsächlich mit ihrem Image und Verhalten: „Sie bleiben ein Mysterium, so sehr man sie auch in eine Schublade stecken möchte. Und sie haben Mut an einer Stelle, wo andere keinen haben.“ Die Tatsache, dass ‘Zeit’ trotz seiner Bildgewalt viel zurückhaltender, wenngleich nicht weniger tiefsinnig daherkommt als der Vorbote des Vorgängerwerks, passt perfekt in eine Zeit, in der die Welt keine weiteren Skandale vertragen kann. Vergleiche mit ‘Deutschland’ bieten sich aufgrund der völlig unterschiedlichen Machart und Aussage kaum an – von Druck oder Ähnlichem kann beim Regisseur daher keine Rede sein. „‘Deutschland’ ist eine Sache für sich, Specter ist eine ganz schöne Ansage“, urteilt Gwisdek. „Aber ich mag auch die Videos von Jörn Heitmann, der einen sehr besonderen cinematischen Stil geprägt hat. Ohne ihn würde Rammstein in der Außenwirkung etwas fehlen, finde ich, er hat all die Klassiker gedreht und wunderbar verrückte Ideen verwirklicht. Ich wusste aber, dass ‘Zeit’ eine ganz andere Richtung einschlagen muss. Es ist schließlich ein ungewöhnliches Lied für die Band.“

»SIE BLEIBEN EIN MYSTERIUM, SO SEHR MAN SIE AUCH IN EINE SCHUBLADE STECKEN MÖCHTE. UND SIE HABEN MUT AN EINER STELLE, WO ANDERE KEINEN HABEN.«

ROBERT GWISDEK

UMDEUTUNG UND HORRORTRIPS

Der erwähnte Jörn Heitmann (Katapult Filmproduktion) hat ebenfalls viel zum Thema Rammstein beizutragen – und tut dies bereitwillig. Der 53-Jährige arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren mit der Gruppe und zeichnet für diverse ikonische Videos verantwortlich. Die Kooperation begann 2001 mit ‘Sonne’. „Die Idee kam von Olli, der eine VHS-Kassette von einem alten ‘Schneewittchen’-DEFA-Film gefunden hatte, quasi die DDR-Version von ‘Schneewittchen’. Sie hatten auch schon mit Zoran (Bihać, Regisseur diverser Rammstein-Videos seit 2001 – Anm.d.A.) gesprochen, der damit aber nichts anfangen konnte. Ich war damals relativ frisch in der Musikvideofirma, hatte aber schon Sachen wie ‘Mambo No. 5’ gemacht. Wir hatten tolle Regisseure und ich stand eher in der zweiten Reihe. Doch der damalige Manager fand meine Sachen sehr filmisch und ich mochte die Idee total, auch wenn ich eine andere Interpretation und eher ein Disney-‘Schneewittchen’ vor Augen hatte“, erinnert sich der Regisseur und Hobby-Biker beim Gespräch in der gemeinschaftlichen Motorradwerkstatt Craftwerk in Berlin Lichtenberg. Das Aufeinandertreffen von ihm als westlich geprägtem Künstler und den Ostberlinern beschreibt er als „coole Mischung“. Dies blieb jedoch nicht der einzige denkwürdige Kontrast: „Mich hat es gereizt, diese Band, die damals schon eine echte Größe war, im Bergwerk als kleine Männer zu porträtieren, die für die übergroße Schönheit, den Pop-Star, anschaffen gehen. Die Welt zu verkehren, fand ich klasse.“ Der üppig budgetierte Dreh bereitete Heitmann großen Spaß: Er setzte alles analog auf Film um, verzichtete auf Greenscreens und zu viel Postproduktion, schwärmt aber noch heute von dem über zwei Meter großen Basketball-Spieler, der als Schauspieler für eine Szene mit Gitarrist Landers gebucht wurde: „Er hat Paul den nackten Arsch versohlt. Wir haben seinen Kopf gegen den eines russischen Models ausgetauscht und mussten noch ein wenig mit den Größen spielen...“

Auf die ersten gemeinsamen Erfahrungen folgte eine fruchtbare Zusammenarbeit über Jahrzehnte hinweg, die bis heute andauert. Nach zwei weiteren MUTTER-Videos (‘Ich will’, ‘Mutter’) drehte Heitmann die Filme zu ‘Amerika’ und ‘Ohne dich’ (2004), ‘Keine Lust’ (2005), ‘Haifisch’ (2009) sowie ‘Radio’ und ‘Ausländer’ (2019) – ein kreatives Potpourri mit ganz unterschiedlichen Themen, Orten und Stimmungen, stets in einem ganz eigenen Stil gehalten. „Es gibt unglaublich viele schöne Momente, aber auch ganz viele harte und derbe Erinnerungen“, lässt der Interviewte die gemeinsamen Erlebnisse mit der Band Revue passieren. „‘Mutter’ war der härteste Dreh, den man sich vorstellen kann: Es hatte geschneit, alles war gefroren, Till sollte ins Wasser, es ließ sich kein Loch graben, ein Beleuchter ist bei Minusgraden ins Wasser gefallen... Dieser Dreh war ein Horrortrip! Ich habe den Horror nie aus dem Kopf gekriegt, deshalb ist das Video für mich ganz speziell. Die Band hat es geliebt! Wir hatten nur einen Tag zur Verfügung, aber ich habe fast alles hingekriegt, was ich umsetzen wollte. Viele lieben das Video, was natürlich auch daran liegt, wie gut das Lied ist – MUTTER ist überhaupt eine Megaplatte“, schwärmt der Filmemacher, der sich immer auch über Fan-Reaktionen freut („Es macht mir Freude zu merken, dass ihnen meine Arbeit etwas bedeutet.“). Bei seinen Drehs will der auch als Werbefilmer für große Marken wie Porsche sowie als Serienregisseur (etwa ‘Spiders’) tätige Heitmann stets möglichst viel herausholen. Dabei stößt er auf die Herausforderung, dass Musikvideos als Anfänger-Genre gelten und daher oft viele unerfahrene Leute mitwirken. „Meistens will ich an einem Tag einen ganzen Film schaffen“, nennt er seine Ambitionen. „Wir stellen häufig Sachen her, die man in einer Kinoproduktion so nicht verwenden könnte. Manchmal machen wir mit Klebeband und Spucke richtig geile Bilder. Hinterher sieht das kinomäßig aus, ist in Wirklichkeit aber oft viel Improvisation. Man darf auch nicht vergessen, dass Musiker keine Schauspieler sind – doch wir sind sehr ambitioniert, speziell auch, was Masken und Kostüme angeht.“

GOTTSTOFF UND VISIONEN

Durch seine künstlerisch visionäre Arbeit und den professionellen Umgang mit der Band erarbeitete sich Heitmann im Lauf der Jahre ein freundschaftliches Verhältnis zu den Musikern, lernte sie besser kennen – und konnte ihr Vertrauen gewinnen. Seine Frau Nina ist heute Flakes Yogalehrerin. Bei der gemeinsamen Arbeit hilft das gute Verhältnis immens: „Till taucht oft einfach beim Dreh auf, ich sage ihm, was er machen soll, und er tut es. Das ist für mich sehr beeindruckend. In der Band gibt es viele unterschiedliche Charaktere – bei einigen ist volles Vertrauen da, aber nicht bei allen“, erklärt er, und beschreibt den Weg von der ersten Idee hin zum fertigen Video: „Ich kann nur filmen, was ich mir vorstelle. Was man im Video sieht, ist eins zu eins das, was ich haben will – das Bild ist vorher schon so in meinem Kopf. Selten ergibt sich spontan etwas, das ich dann auch sehe, oder jemand im Team präsentiert mir ein Bild, das ich als gut empfinde und das auch reinpasst. Sehr wertvoll sind jedoch speziell bei dieser Band die Anregungen – der Grundgedanke kommt ganz oft von ihnen.“ Dabei geht es weniger um die Visualisierung der Liedtexte sondern vielmehr um kreative Impulse aus den Reihen der Musiker – wie etwa bei den Überlegungen zum Video von ‘Keine Lust’, als Schlagzeuger Christoph Schneider plötzlich verkündete: „Wir wollen dick sein!“, während Paul Landers anregte, statt in schwarzen in komplett weißen Klamotten aufzutreten. „Schneider trägt ganz, ganz viel zu den Videos bei, weil er seine Gedanken unverblümt ausspricht“, feixt Heitmann, und erinnert sich an eine Vision des Schlagzeugers, der Lindemann über einen See rudern sah – die Idee wurde später in ‘Mutter’ umgesetzt. Auch die Idee zum Banküberfall in ‘Ich will’ kam von der Band selbst – Heitmann entwickelte sie weiter, drehte den ursprünglichen Plot um und ließ die Musiker statt um Geld um Aufmerksamkeit kämpfen. „Ich nehme sehr aufmerksam auf, was die Jungs sagen. Manchmal sind die Ideen nichts, aber immer wieder sind Einfälle dabei, die es genau treffen. Für mich reicht dann dieser eine Satz, um etwas daraus zu kreieren.“

»TILLS TEXTE SIND GOTTSTOFF!«

JÖRN HEITMANN

Dass bei so viel sprühender Kreativität auch mal verschiedene Visionen aufeinanderprallen und Reibungspunkte entstehen, liegt nahe. Heitmann erinnert sich beispielsweise an das Video zu ‘Amerika’: Seine Idee, Rammstein auf dem Mond spielen zu lassen, stieß bei der Band zunächst auf taube Ohren; für den Regisseur war es jedoch ein Herzensthema: „Die Menschheit ist eins – das war vorher niemandem bewusst, das hat erst die Mondlandung gezeigt. Für mich war das eine wichtige Sache, doch die Band hat es nicht verstanden. Dann kam Till auf seinem Klapprad vorbei, fand es super, und wir haben es gemacht.“ Auf Wunsch der Band tanzten schließlich Kulturen weltweit zu ihrem Auftritt auf dem Mond – Kommunikation über Länder-und sogar Planetengrenzen hinweg. Heitmann selbst hätte im Video gerne mehr der im Text steckenden Überfluss-, Größenwahn-und Kapitalismuskritik untergebracht, musste sich aber den Vorbehalten eines (damals mit einer Amerikanerin verheirateten Band-Mitglieds) geschlagen geben. „Man muss sich auch trauen“, sagt er. „Grundsätzlich sind Rammstein eine Band, die sich traut!“

Als langjähriger Wegbegleiter hat Heitmann nicht nur den sagenhaften Aufstieg der Truppe miterlebt, sondern auch tiefe Einblicke in das Phänomen Rammstein gewonnen. Er hält die Mischung der völlig unterschiedlichen Charaktere für immens wichtig für das Gesamtgebilde: „Was zwischen Richard und Paul abgeht, diese Dauerspannung, ist sehr interessant. Dann ist da die introvertierte Verspieltheit von Olli, der ist total wichtig und nicht zu unterschätzen. Und während Paul alles zusammenhält, hat Flake einen kontroversen und unberechenbaren Meinungsstil und baut das auch musikalisch ein. Ohne Flake gibt es kein Rammstein – die Sounds, die er sich einfallen lässt, sind einzigartig. Schneiders Discobeat auch; was er am Schlagzeug macht, ist so nicht-metal, Doublebass hin oder her, das ist Disco!

Die Krönung zu all dem ist Till – Tills Texte sind Gottstoff!“ Der Band-Kenner denkt, insbesondere damit hebe sich das Original von den vielen Epigonen ab, die oft durch die Tonalität in eine politisch schwierige Ecke gingen. „Rammstein lassen sich politisch nicht wirklich auf etwas ein. Sie sind absolut Punks und haben eine Gesellschaftskritik in sich, aber in Wirklichkeit geht es um Instinkte, da wird das Menschsein verhandelt und nicht irgendwelche Ideologien. Das geht tief – allein, was Till zu schreiben imstande ist über Leid, Sehnsüchte, Süchte, Verlangen, Lust, über Schmerz, Schmerz, Schmerz, dunkel, dunkel, dunkel... Romantisch!“, ereifert er sich, und konstatiert, ohne diese besonderen Qualitäten könne die Band nicht existieren. Bei dem vom Sänger betriebenen Nebenprojekt Lindemann sei all das erstaunlicherweise nicht abgebildet, meint er. „Das gibt es nur bei Rammstein – weil dieser Tiefgang von der Band gestützt und gefordert wird. Till hat einen unanständig großen kreativen Output, er hat so ein Portfolio von Lyrik in der Schublade! Bei der Band Lindemann kann er einfach machen, haut ohne Weiteres etwas raus – das tut ihm gut, da kann er aus Spaß das Ventil aufmachen. Bei Rammstein läuft dagegen alles sehr demokratisch mit allen Leuten durch verschiedene Filter, weil die Qualitätsansprüche sehr, sehr hoch sind.“

SKANDALE UND LEKTIONEN

Für das kommende Album drehte Heitmann zwei Videos mit Rammstein. Nicht darunter ist der bereits veröffentlichte Titel-Track, den der Filmemacher in höchsten Tönen lobt und nur zu gerne selbst umgesetzt hätte („Ich liebe das Lied und halte es für das stärkste der ganzen Platte!“). Noch immer wartet er außerdem darauf, einmal ein richtig böses, düsteres und derbes Lied der Berliner zu bebildern. „Ich will mich aber nicht beschweren“, lacht er. „Mit Rammstein zu drehen, ist immer etwas Besonderes für mich, da herrscht große gegenseitige Zuneigung.“ Heitmanns neue Videos schlagen ihm zufolge erneut eine andere Richtung ein und dürften dem Publikum Spaß bereiten. Er beschreibt beide als eher lustig und grotesk – „nicht so schwer, wie die Zeit gerade ist“, seufzt er, und fügt hinzu: „Ich finde es wichtig, mal wieder zu zeigen, wie beknackt die Menschheit unterwegs ist. Das liebe ich an Rammstein: Ich mag das Böse, aber auch den Finger in der Wunde. Sie zeigen, wie bescheuert die Welt ist, drehen dabei aber den Spiegel um, zeigen den Leuten ihr wahres Gesicht. Viele reagieren darauf: ‚Oh Gott, Rammstein – was denken die sich eigentlich dabei?‘ Dann bleibt es ihnen im Hals stecken und sie merken: ‚Das sind ja wir.‘ Rammstein zeigen sehr direkt auf, wie die Welt aussieht.“

Weshalb es über die Rolle von Rammsteins Kunst noch immer derart viele Missverständnisse und (zum Teil wohl schlicht gewollte) Fehlinterpretationen gibt, bleibt fraglich – schließlich werden auch Horror-Regisseure selten als kranke Sadisten missverstanden oder Schriftsteller aufgrund gewalttätiger Inhalte an den Pranger gestellt. Der Inszenator weist erneut darauf hin, dass die Band die von der Öffentlichkeit nur zu gerne aufgegriffenen Schockmomente und vermeintlichen Grenzüberschreitungen nicht um ihrer selbst willen neu konstruiert, sondern mit ihrer Kunst vielmehr auf bereits in der Welt existente Missstände hinweist: „Rammstein provozieren nicht Skandale, sondern machen die in der Welt bestehenden Skandale auf unterhaltsame Art sichtbar“, bringt es Heitmann auf den Punkt, und führt als Beispiel ein Bild aus seinem ‘Ausländer’-Video an, bei dem Lindemann als Missionar ein eingeborenes Mädchen auf dem Schoss hat und sich darüber kaputtlacht. „Es ist nicht widerlich, dass er das macht, sondern es ist widerlich, dass die katholische Kirche das so macht. Wir zeigen es, damit sich die Leute das ansehen und ihnen bewusst wird, wie beknackt diese Welt ist. Ich verstehe alle, die das für skandalös halten, aber man muss sich mal überlegen, warum dieses Gefühl ausgelöst wird. Ich beobachte das auch bei mir selbst – bestimmte Text-Passagen, Tills Sprache und sein Sprachduktus bewirken das. Das macht etwas mit uns, weckt Ängste und Ressentiments. Insofern mache ich gerne Skandalvideos, um es den Leuten um die Ohren zu hauen: Das bist du und das bin ich, wir sind das! Man kann nur wecken, was einen triggert: Beobachte es, schau es dir an – wer bist du? Wenn diese Lektion nicht da ist, ist jeder Film hinfällig.“

TRIBUT UND VERNEIGUNG

Einen etwas anderen Blick auf die Band und ihre Skandaltriggernde Art hat Helfried „Heli“ Reißenweber, Sänger der

Formation Stahlzeit, die eigenen Angaben zufolge „die spektakulärste Rammstein-Tribute-Show“ auf die Beine stellt. Zwar konnte der in der Rolle Lindemanns auftretende Künstler seine Helden bislang noch nicht persönlich kennenlernen, dank seiner Rolle als passionierter Fan und genauer Beobachter der Berliner hat der 57-Jährige jedoch einen ganz eigenen Blick entwickelt. Dabei begeisterte ihn der Erstkontakt mit der Band ganz und gar nicht: „Ich wusste nicht recht, was ich mit dieser Stimme und Art von Musik anfangen soll, und fand es auch irgendwie seltsam“, erzählt er. Da bei seiner eigenen Band Maerzfeld jedoch immer wieder Parallelen zu Lindemanns Gesang erkannt wurden, setzte sich der Musiker nach einigen Cover-Versuchen tiefer mit dem Sextett und dessen Stücken auseinander, besuchte 2004 sein erstes Rammstein-Konzert und ließ sich vom Charisma des Frontmanns faszinieren. „Als Till Lindemann nach dem bombastischen Intro im ‚Stechschritt‘ die Bühne betrat und für kurze Zeit dort verharrte, lief mir Gänsehaut über meinen ganzen Körper“, erinnert er sich. „Je tiefer ich in die mir zuerst fremde Rammstein-Welt eintauchte, desto faszinierender wirkte diese Band auf mich. Wir haben uns Gedanken gemacht, ob es möglich wäre, diese unglaubliche Show mit unseren bescheidenen Mitteln auf kleine Bühnen zu bringen. Wir haben gebastelt, geschraubt, uns verbrannt, ab und zu waren wir auch verzweifelt. Was ganz klein und sehr unprofessionell anfing, hat sich im Laufe von circa 17 Jahren zu einem kleinen Monster entwickelt. Ich hätte nie im Leben gedacht, geschweige denn geplant, dass es solche Ausmaße annimmt.“

Mit Stahlzeit will er das Live-Erlebnis von Rammstein so professionell wie möglich auf die Bühne bringen. Seine Truppe imitiert bekannte Show-Elemente wie die Sprengstoffweste bei ‘Zerstören’, Kochtopf und Flammenwerfer bei ‘Mein Teil’ oder die Hebebühne bei ‘Ich tu dir weh’ und eifert der Feuer-und Pyro-Show des Originals nach. Das Ziel? „Die Menschen für ein paar Stunden die Welt vergessen lassen. Es gibt nichts Schöneres, als in Tausende begeisterte und glückliche Gesichter zu blicken“, schwärmt Reißenweber. Als besonders faszinierend und für eigene Auftritte inspirierend sieht er das kontroverse Zusammenspiel der sechs Mitglieder auf der Bühne an: „Die maskuline, ‚testosteronschwangere‘ Darbietung von Till Lindemann hinterlässt Eindruck und steht beispielsweise deutlich in Kontrast zu Flakes Auftreten, der oft den Hofnarren mimt.“ Auch davon abgesehen gibt es für den Frontmann einige Gründe, warum das Phänomen Rammstein so einzigartig, beliebt und erfolgreich ist: „Trotz oder vielleicht auch wegen ihrer ständigen Provokationen – oft an der Grenze des guten Geschmacks – hat es die Band geschafft, mit deutscher Sprache, brachialem Sound und durch eine unglaublich durchdachte und gigantische Pyro-Show zu einer der bekanntesten Rock-Bands der Welt zu werden. Dieser spezielle Sound und eine sensationelle Licht-Show gepaart mit martialischem Auftreten und dem Spiel mit dem Feuer ergeben eine noch nie zuvor dagewesene Einheit.“

Die Reaktionen auf den Tribute-Ansatz seiner Band fallen in wie außerhalb der Szene ambivalent aus. Reißenweber zufolge hat sich das Bild in den letzten Jahren jedoch gewandelt: So gastieren Stahlzeit heute in „ehrwürdigen Hallen“ und werden dank ihrer opulenten Show auf immer mehr namhafte Festivals gebucht. Es sei nicht leicht, sich als Huldiger zu beweisen – „bisher konnten wir allerdings fast jeden Skeptiker überzeugen. Unsere Fan-Gemeinde wächst stetig“, sagt er, weiß aber auch: „Das Original ist und bleibt das Original, und es sollte auch an erster Stelle stehen. Die Band Stahlzeit verneigt sich mit ihren Konzerten vor einer der am meisten polarisierenden Bands im Rock-Universum.“

»JE TIEFER ICH IN DIE MIR ZUERST FREMDE RAMMSTEIN-WELT EINTAUCHTE, DESTO FASZINIERENDER WIRKTE DIESE BAND AUF MICH.«

HELFRIED „HELI“ REISSENWEBER (STAHLZEIT, M.)

KLASSIKER UND KLASSIK

Noch näher dran am Live-Geschehen der Giganten sind Naïri Badal und Adélaïde Panaget, besser bekannt als Duo Jatekok. Die Französinnen traten bei Rammsteins Tournee 2019 im Vorprogramm auf und interpretierten diverse Stücke der Headliner am Klavier. Auch bei den kommenden Konzerten – so sie denn stattfinden – soll das Duo mit von der Partie sein. Die ursprüngliche Idee dafür, das Publikum vor der eigentlichen Show mit klassischen Interpretationen einzustimmen, hatte den Damen zufolge Rammsteins französischer Produzent Olivier Darbois 2017: „Er schlug diesen großen Kontrast vor“, erinnern sich die Pianistinnen. „Sein Freund Laurent Auday, der in Nîmes einen Musikladen betreibt, kam auf die Idee, uns anzurufen und mit dieser riesigen Herausforderung zu konfrontieren. Natürlich nahmen wir sie an! Also übersetzten wir Rammsteins Musik für vier Hände am Klavier und spielten in der bekanntesten Arena der Stadt vor 30.000 Metal-Fans! Nach diesen zwei Konzerten fragte uns die Band, ob wir sie auf ihrer Stadiontournee 2019 begleiten wollen.“

In ausverkauften Stadien vor Zehntausenden Menschen aufzutreten, beschreiben Badal und Panaget als ziemlich beängstigend, aber auch als tolle, spaßbringende Erfahrung. Vor jenem Erlebnis kannten die beiden Rammstein nicht einmal, sondern tauchten völlig unbefangen in diese für sie fremde Welt ein. Den klassisch ausgebildeten Musikerinnen fiel der Zugang nicht gerade leicht: „Unsere Welt ist ganz anders als die des Rock und Metal – musikalisch, aber auch hinsichtlich der Auftritte. Rammsteins Bühnen-Shows zu entdecken, war krass, mit all dem Feuerwerk, feuernden Gitarren, den Kostümen und ihrer Bühnen-Performance...“, schwärmen sie, und zeigen sich dankbar für das in sie gesetzte Vertrauen. „Wir sind professionelle Musikerinnen, daher war es uns sehr wichtig, den Fokus aufrechtzuhalten, um ausreichend Energie für den kompletten Auftritt aufzubringen. Für uns ist es dasselbe, vor 100 oder 50.000 Menschen zu spielen: Wir müssen sehr konzentriert sein, um gut zu spielen und dem Publikum unser Bestmögliches zu geben.“ Obgleich die Enddreißigerinnen die Reaktion der Rammstein-Fans erst fürchteten, fühlten sie sich bald willkommen – und schwärmen noch heute von vielen ermutigenden, unterstützenden Rückmeldungen. Auch mit den Berlinern selbst kommen Banal und Panaget gut zurecht. An das erste persönliche Treffen erinnern sie sich gut: „Nach der ersten Show trafen wir Paul, Schneider und Till und unterhielten uns etwa fünf Minuten lang mit ihnen. Sie waren sehr freundlich zu uns, wir fühlten uns in ihrer Gegenwart wohl“, konstatiert das Duo. „Jeder der Musiker ist einzigartig und hat eine ganz eigene Persönlichkeit. Wir sprachen später vor allem mit Till, Richard, Christopher und Paul über das Leben, Kinder, Yoga, Partys und natürlich Musik!“

Die vielen gemeinsamen Erlebnisse inspirierten die Französinnen zu einer weiteren, noch tiefergehenden Auseinandersetzung mit der deutschen Truppe: Anfang Mai erscheint ihr Cover-Album DUO JATEKOK PLAYS RAMMSTEIN mit elf zum Teil neuen Interpretationen. Dabei verfolgten Badal und Panaget das Ziel, die Atmosphäre jedes einzelnen Stücks mithilfe ihres Klavierspiels hervorzuheben und dabei so respektvoll wie möglich mit der künstlerischen Vision der Originale umzugehen. „Trotz unserer andersartigen Instrumentierung versuchten wir, die Melodien und Harmonien zu behalten, dabei aber unsere Virtuosität wie klassische ‚Riffs‘ oder ‚Spuren‘ hinzuzufügen. Wir hören oft, Metal und klassische Musik würden sich in gewisser Hinsicht ähneln, da beide instrumental viele virtuose Momente beinhalten“, beschreibt das Duo seinen Ansatz. „In Rammsteins Musik ist die Melodie sehr wichtig. Viele Lieder, vor allem die Balladen, klingen am Klavier wirklich gut, während eher rhythmusgetriebene Songs schwerer zu übersetzen sind. Bei diesen probierten wir eine härtere Spielweise, um den Rhythmus beizubehalten.“ Aufgrund dieser Problematik konzentrierten sich die zwei bei der Auswahl ihrer Cover-Versionen hauptsächlich auf Balladen und melodischere Lieder, in die sie klassische Zitate von Komponisten wie Bach, Rachmaninow, Prokofjew, Debussy und Chopin einflochten. Die größte Herausforderung ihres Unterfangens stellte jedoch die Übersetzung von Lindemanns Stimme dar: „Er verwendet manchmal gesprochene oder geschriene Stimm-Passagen. In ‘Puppe’ schreit er zum Beispiel, als würde er durchdrehen – wir versuchten, uns dem durch intensives, verrückt wirkendes Klavierspiel anzunähern. Rammsteins Stücke sind reich instrumentiert, doch auf zwei Klavieren kann das repetitiv klingen, wenn man es nicht vernünftig übersetzt. Wir mussten Lösungen dafür finden, Variationen einzubringen, ohne Harmonien und Melodien zu verändern.“ Fragt man das Duo Jatekok abschließend, was das Phänomen Rammstein in ihren Augen ausmacht, antworten die beiden Künstlerinnen kurz und knackig: „Feuer, Energie, deutscher Gesang und sehr gute Riffs!“

»FEUER, ENERGIE, DEUTSCHER GESANG UND SEHR GUTE RIFFS!«

DUO JATEKOK ÜBER DAS PHÄNOMEN RAMMSTEIN

RAUM UND ZEIT

Festzuhalten bleibt: Auch wenn sich die Band aktuell davor drückt, Auskunft über ihr eigenes Schaffen zu geben (was legitim ist), wird weiterhin und wohl verstärkt darüber gesprochen werden – von Wegbegleitern und Mitwirkenden, aber auch von Fans und Presse (manchmal in Personalunion auftretend). Um seine künstlerische Vision so eindrucksvoll wie möglich zu formulieren, setzt das Sextett auf ausgewiesene, etablierte Fachleute wie Bryan Adams oder Jörn Heitmann, zeigt aber auch ungewöhnlichen Wagemut – sei es mit der Verpflichtung eines Newcomers wie Robert Gwisdek, der Idee, Cover der eigenen Stücke im Vorprogramm zu bringen und die Aufmerksamkeit damit wieder auf sich selbst zu lenken, oder der Erstpräsentation neuer Songs im Weltall (ob die Verbindung zwischen diesem Fakt und dem für die Luftfahrtforschung erbauten Trudelturm für das Album wichtig wird, ist vor dessen Veröffentlichung ungewiss). Sie wollen definitiv hoch hinaus – so hoch es eben geht. Doch was macht das Phänomen Rammstein und dessen Faszination nun neben dem allzu Offensichtlichen aus? Vielleicht ist es der gekonnte Versuch sechs (fast) normaler Menschen, sich nach außen unnahbar zu geben und damit einen eigenen Mythos zu erbauen – eine Taktik, die Rock-Stars traditionell gut zu Gesicht steht. Das Publikum hat dabei das Gefühl, etwas Geheimnisvolles, Großes mitzuerleben, es aber nie gänzlich zu verstehen und entschlüsseln zu können. Dieses Vorgehen mag sinnvoll erscheinen, um eigene Inhalte zu schützen, größtmögliche Kontrolle über das bombastische Imperium zu behalten und als etwas Besonderes in Erinnerung zu bleiben. Am Ende bewirkt die Band damit aber auch zwei andere Dinge: Zum einen spielt sie denen in die Karten, die nur auf Klicks und Skandale aus sind, während jene Medien das Nachsehen haben, die sie von Anfang an unterstützten, jahrzehntelang als verlässliche Partner agierten und traditionell im Gespräch mit Musikern in die Tiefe gehen, ihr Werk also ernst nehmen. Zum anderen geben Rammstein die Deutungshoheit über ihr eigenes Schaffen ab und überlassen anderen das erklärte Privileg, über sie zu sprechen. Ob dies die beste Strategie ist, die Band ins Trudeln gerät oder gar „Adieu“ sagt? Die Zeit wird es zeigen.

KATRIN RIEDL