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ZEITZEUGEN IN HOLZ


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daheim - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 18.10.2021

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Artikelbild für den Artikel "ZEITZEUGEN IN HOLZ" aus der Ausgabe 6/2021 von daheim. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: daheim, Ausgabe 6/2021

Wie schon im Mittelalter rauscht die Fulda an den Fachwerkbauten von Hannoversch Münden vorbei

Der Marktmeister hat die Hände in den Hosentaschen und blickt missmutig aus seiner Ecke. Er ist aus demselben Holz geschnitzt wie viele Figuren hier: Eiche rustikal, geschlagen in den heimischen Wäldern, ein Baustoff mit enormer Lebensdauer. Das nordhessische Melsungen ist eine Fachwerkstadt wie aus dem Bilderbuch. Rund 300 bestens erhaltene Häuser gibt es hier, mit feinen Formen und Flechtbändern, eleganten Streben und farbenfrohen Schmuckelementen. Die Karikatur des Marktmeisters ziert den Eckbalken eines Patrizierhauses aus dem 16. Jahrhundert.

Wer mit Helmut Nipshagen eine Fachwerkführung macht, sieht die Stadt mit anderen Augen. Er ist einer der speziell ausgebildeten Gästeführer auf der Deutschen Fachwerkstraße, ein Schreinermeister im Ruhestand. „Fachwerk ist etwas ganz Ursprüngliches“, sagt er, „und etwas sehr Schönes.“ Umso erstaunlicher, dass es beinahe von der Bildfläche ...

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... verschwunden wäre. Der Ursprung der Deutschen Fachwerkstraße geht auf eine Notfallmaßnahme zurück: 1975 sollten ganze Innenstädte abgerissen werden, Fachwerk galt damals auch in Melsungen als überholt.

Zum Glück blieb der Abriss aus, so wie in den meisten anderen Kleinstädten der Umgebung. Der Denkmalschutz und engagierte Konservatoren wie Professor Manfred Gerner, Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Fach­ werkstädte, konnten Schlimmeres verhindern: „Heute sind alle froh, dass sie ihr Fachwerk behalten haben.“

Prachtvolle Eichen waren das Kapital der Gegend

1990 gehörte Gerner zu den Initiatoren der Deutschen Fachwerkstraße. Eine touristische Route, die 3500 Kilometer und sieben Regionalstrecken umfasst. Melsungen war von Anfang an dabei, das 580 Kilometer lange Teilstück durch Niedersachsen und Hessen ist eins der Schmuckstücke der Ferienstraße, die in Hannoversch Münden beginnt, wo Werra und Fulda zur Weser zusammenfließen – eine kleinstädtische Welt mit schmalen Gassen und hohen Giebeln.

Melsungen liegt rund 30 Kilometer von Kassel entfernt in einer ländlichen Gegend mit Dörfern, kleinen Nebenstraßen, prachtvollen Alleen und ausgedehnten Hügeln und Wäldern. Das Kapital der Stadt waren einst ihre Eichen.

Tag für Tag gingen die Handwerker in den Wald und schlugen die besten Stämme. Am Morgen schliffen sie ihre Werkzeuge, was Melsungen den Namen „Bartenwetzer­Stadt“ einbrachte: Die Barte war die Axt, und die musste scharf sein. „Das alte Fachwerk wurde noch mit dem Beil bearbeitet“, sagt Helmut Nipshagen. „Später wurde alles gesägt.“ Nipshagen kennt hier jeden Winkel. Zeigt, wie die Zwischenräume der Balken mit Lehm, Kuhdung und Tierhaaren zugestopft wurden. Sie schließen die Lücken eines Hauses, das im Rohbau nur aus einem Holzskelett besteht. Fachwerkhäuser galten als kostengünstige Lösung, weil sie mit Holz und Stein gleichermaßen sparsam umgingen.

Unter dem Putz kommen Fachwerk-Schönheiten hervor

Melsungen ist reich an Fachwerk­ Prachtbauten. Ihre Fassaden wurden im Laufe der Jahre immer schicker, Baumeister konkurrierten um die schönsten Formen. Das Schmuckstück der Stadt aber ist ihr Rathaus. Ein Renaissance­Bau in der Marktplatzmitte, die Fachwerkbalken kunstvoll verstrebt, das Portal von einer Fächerrosette veredelt. Immer häufiger bestimmten damals Schmuckelemente die Außenwände – bis dann im Barock viele die Holzkonstruktionen satt hatten. Zahlreiche Fachwerkfassaden verschwanden unter Putz, auch das Rathaus von Melsungen. Erst 1928 legte man seine Balken wieder frei, heute gehört es zu den bedeutendsten Fachwerkbauten in der Mitte Deutschlands.

Jede Fachwerkstadt hat ihren eigenen Reiz. Ein paar Kilometer weiter wirkt der Marktplatz von Fritzlar wie ein Freilichtmuseum, mit den schmalgiebeligen Bauten, die typisch sind für die Region. Ganz schön frech waren manche der Baumeister: Von einer Fassade strecken zwei hölzerne Gesichter den Passanten die Zunge heraus. Neidköpfe werden sie auch genannt, Fratzen, mit denen man sich die Missgunst vom Hals halten wollte, die des bösen Nachbarn oder der Hexe aus dem nächsten Dorf.

Die Arbeit der alten Meister überdauerte Jahrhunderte

Märchenhaft ist die ganz Route. Rotkäppchenland etwa wird die Gegend um Schwalmstadt auch genannt. Auf diesem Abschnitt der Deutschen Fachwerkstraße ist Steinau die letzte Station. Dort wuchsen die Brüder Grimm auf, natürlich in einem Fachwerkhaus.. Zimmerleute wie Dirk Hartmann aus Lauterbach haben hier eine gute Auftragslage. Fachwerkrenovierungen sind sein Spezialgebiet, immer wieder ist er erstaunt, „wie gut die alten Baumeister damals gearbeitet haben“. Die schlimmsten Schäden stammen aus dem 20. Jahrhundert, von schlechter Sanierung. Auch Fachwerkpapst Manfred Gerner hat ursprünglich Zimmermann gelernt, eine Familientradition. Er und sein Vater haben sogar noch neue Fachwerkbauten errichtet. Ein besonderes Erlebnis, wenn dann wie seit Jahrhunderten Richtfest gefeiert wird.

Die Weiterentwicklung der Fachwerktechnik hat auch mit dem Erfahrungsaustausch der Zimmerleute zu tun. Nach ihrer Lehrzeit gehen heute nämlich noch viele auf die Walz und lernen dabei Neues über moderne und historische Bauweisen. Über kurz oder lang begegnen sie dann auch dem Marktmeister von Melsungen. Ein kantiger Typ, dessen Aussichten für die Zukunft gut sind. Die Gefahr ist heute jedenfalls gering, dass ihn jemand wegsaniert oder unter Putz legt.

Auch die Brüder Grimm wuch sen in einem Fachwerkhaus auf