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ZIRKUS: „Auf Wiederträumen!“


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 13/2018 vom 28.11.2018

250 Jahre alt ist der Zirkus in diesem Jahr geworden. Aber immer öfter ist zu hören: Die große Volkskunst hat keine Zukunft. Ist der Zirkus noch zu retten? Von Dominik Baur


MITTEL

Artikelbild für den Artikel "ZIRKUS: „Auf Wiederträumen!“" aus der Ausgabe 13/2018 von Deutsch perfekt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Arnold Morascher/laif

Es ist 1980, vielleicht auch 1981, auf jeden Fall in München, an dem Platz, der später Roncalliplatz genannt werden wird. Dort steht etwas Neues auf der Wiese: ein blau-gelbes Zirkuszelt. Um das Zelt herum stehen Wohnwagen. Alte, originale Zirkuswagen. Aus Holz. Keine Campingwagen, wie man sie sonst kennt. Über dem Zelt steht in großen gelben Buchstaben: Roncalli. Es riecht nach Sägespänen und ...

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... Bratwurst. Vielleicht hört man gerade einen Löwen. Roncalli – dieser Name! Fast wie Rastelli und Houdini, der größte Entfesselungskünstler und der größte Jongleur in der Geschichte des Zirkus.

Der Zirkus ist da, mitten im Münchener Stadtteil Maxvorstadt, zwischen Straßenbahn und Schallplattenläden. Und der kleine Markus, er geht noch nicht mal zur Schule, steht mit seinem Vater draußen am Zaun. Mit großen Augen. Da kommt einer dieser Zirkusmenschen vorbei. Er sieht ihn und fragt, ob er sich das alles mal ansehen will. Natürlich will er. Der Mann nimmt Markus an der Hand, führt ihn durch die Zeltstadt. Wenn er mal wieder kommt, soll er einfach nur nach ihm fragen, sagt der Mann zum Schluss. Nach dem Onkel Bernhard.

Es war etwa zu dieser Zeit, als der Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre erzählte: „Vor zwei Jahren ging ich wieder in den Zirkus. Das darf man doch. Ich wollte wissen, ob er schon tot ist oder nicht.“ Und: „Der Zirkus ist heute schon ein vollkommener Anachronismus.“ Kann sein. Und trotzdem: Auch heute, Jahrzehnte später, ist er nicht tot. Noch nicht. In diesem Jahr feiert er seinen 250. Geburtstag.

Auch der kleine Markus ist wiedergekommen. Heute ist Markus Strobl, inzwischen Anfang 40, Pressechef des Circus Roncalli und arbeitet für Onkel Bernhard. Denn der war kein anderer als Bernhard Paul. Der gründete 1975 zusammen mit dem Universalkünstler André Heller den Circus Roncalli. Bis heute ist er dessen Direktor.

Jetzt steht Strobl im noch leeren Roncalli-Zelt und erzählt von dem größten akrobatischen Kunststück, das der Circus Roncalli Tag für Tag zeigt: den Spagat zwischen Nostalgie und Moderne. Er erzählt von den Logen, die noch von dem berühmten österreichischen Zirkus Rebernigg stammen, von der Bedeutung von Popcorn und Sägespänen, aber auch von aktiver Werbung und davon, dass Roncalli bei 800 Suchbegriffen Nummer eins bei Google ist.

Und trotzdem: Dass es Zirkusunternehmen wie Roncalli gibt, die Erfolg haben, meistens vor großem Publikum spielen, dass in Deutschland seit 20 Jahren auch die Weihnachtszirkusse boomen, ist das eine. Auf der anderen Seite haben viele der klassischen Großzirkusse in den letzten Jahrzehnten aufgehört. Williams, Althoff, Hagenbeck, Barum, Busch-Roland und, und, und …

Auch viele der größten internationalen Zirkusse von Benneweis in Dänemark bis Mora Orfei in Italien gibt es inzwischen nicht mehr. „The Greatest Show on Earth“ nannte sich der Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus in den USA. 2017 gab er in der Nähe von New York seine letzte Vorstellung.

Besuch bei einem Unternehmen, das noch komplett traditionell arbeitet. Neben der Oberlandhalle am Ortsausgang der bayerischen Stadt Miesbach steht das Zelt des Berliner Circus Voyage. Es ist schon der dritte Zirkus, der in diesem Jahr das kleine Städtchen besucht, und eigentlich viel zu groß für den Ort. 980 Sitzplätze, rund 80 Tiere. Er macht Werbung mit „Europas größter Wasser-Show“, „Superstar Nico in der Powerkugel“ und der „größten tierischen Show“. Superlative waren schon immer typisch im Unternehmen Zirkus. Voyage hat sich zwei Tage Zeit nur für den Aufbau genommen. Vorstellungen gibt es dann von Donnerstag bis Sonntag – insgesamt sechs. Und auch bei der letzten Vorstellung sind viele Gäste im Zelt.


Williams, Althoff, Hagenbeck: Viele klassische Großzirkusse gibt es nicht mehr.


Draußen begrüßen Giraffen und Zebras vorsichtig die bayerischen Kühe, die gleich nebenan stehen. Auch ein Flusspferd, Kamele, Pferde, einen Esel, Schweine und Gänse hat Voyage dabei. Und natürlich die vier großen afrikanischen Elefanten. In der Pause können die Besucher für ein paar Euro extra die Tiere besuchen und so ganz in ihre Nähe kommen. Der Elefant lässt sich von den Gästen schon mal an seinem langen Rüssel streicheln. Auch das Flusspferd Jedi ist neugierig auf die Besucher. „Das ist ein alter Zirkushase“, erklärt Tourneeleiter Sascha Grodotzki. „Der ist total tiefenentspannt.“

Gegründet wurde der Circus Voyage vor 20 Jahren von Alois und Diana Spindler. Die Spindlers sind eine Zirkusfamilie mit viel Tradition. Alois Spindler ist schon Zirkusmann in der neunten Generation. Inzwischen gehört der Zirkus zu den größten der rund 300 Zirkusse in Deutschland. Von den Unternehmen, die noch mit Tieren reisen, sind nur der Circus Krone und der Circus Charles Knie deutlich größer.

Voyages Programm hat zwei Teile. Vor der Pause gibt es viel Akrobatik, kombiniert mit fantastischen Wasserspielen. Nach der Pause kommen die Tiere. Auch ein Zauberer ist dabei. Bei seiner Nummer bleiben die Münder offen stehen. Natürlich hat das jeder schon mal gesehen. Eine Frau verschwindet in einer Kiste, die geschlossen und dann von allen Seiten mit Schwertern durchbohrt wird. Von oben nach unten, von links nach rechts, von vorne nach hinten. Und natürlich wissen sogar die Kinder, dass ein Trick dahinter ist. Aber so sehr man auch nachdenkt: Wie es geht, kann keiner erklären.

Aber die wirkliche Magie des Zirkus ist vielleicht gar nicht mal die Illusion – sondern das Unmittelbare. Genau deshalb nannte der Philosoph Ernst Bloch den Zirkus „die einzige ehrliche, bis auf den Grund ehrliche Darbietung, die die Kunst kennt“.

Und die Kunsthistorikerin Eva Karcher schrieb 2008 in einem Essay in derSüddeutschen Zeitung : „Nomadisch und multikulturell, vernetzt der Zirkus Seelenverwandte zu einer globalen Großfamilie und bietet ihnen eine Wahlheimat für ihre Bedürfnisse und Visionen.“

Ein paar dieser Seelenverwandten treffen sich einmal im Monat in einem ruhigen Zimmer des Rumpler, einer Gaststätte in München. Die Wände sind grün, das Essen ist traditionell. Auf dem Tisch hängt an einem Ständer ein Wimpel mit dem Logo der Gesellschaft der Circusfreunde in Deutschland. Es ist die Münchener Abteilung des Vereins, die sich hier trifft. Heute sind sie zu fünft.

Mit dabei ist auch Stefan Langmeyer. Der Krankenpfleger, 45 Jahre alt, ist seit 2014 sogar einer der Chefs der Gesellschaft. Neulich war er in der Schweiz in einer Vorstellung des Circus Monti. Langmeyer hat ein Programmheft für die anderen mitgebracht. Auch sie berichten von ihren letzten Zirkusbesuchen. Simon Preißing etwa, noch keine 20 Jahre alt, war gerade beim Ungarischen Nationalcircus. „Großartig“, erzählt er. Man reist viel als wirklicher Zirkusfreund. Langmeyer geht durchschnittlich einmal pro Woche in den Zirkus. Da muss man manchmal weit fahren.

Das macht Langmeyer gerne. „Wir schließen Freundschaften“, sagt er. Und das nicht nur unter Vereinsmitgliedern. Wenn Langmeyer beim Circus Voyage auf den Platz kommt, rufen sie schon alle: „Hallo, Stefan!“ „Und meistens haben sie dann auch Arbeit für mich. Da gehöre ich zur Familie.“ Langmeyer freut sich, wenn er dann mitarbeiten kann.

Zum ersten Mal war Langmeyer vor neun Jahren im Circus Voyage. Die Vorstellung hat ihm gefallen. Als der Zirkus ein Jahr später nach München gekommen ist, ist er mit anderen Circusfreunden hingegangen. Am nächsten Tag war er schon wieder da. Man hat sich unterhalten, mit den ersten der Zirkusleute war er schnell per Du. „Und plötzlich bin ich hinter der Zuckerwatte-Maschine gestanden und habe beim Verkauf geholfen.“ Inzwischen feiert Langmeyer auch Silvester immer mit seiner Zirkusfamilie – in Berlin, wo der Circus Voyage jedes Jahr den Weihnachtscircus veranstaltet.

Und die ewigen Diskussionen über die Krise? Langmeyer findet sie nicht so passend. Klar, es wird immer schwieriger, erzählt er. Die Plätze werden immer weniger. Den Roncalliplatz in München gibt es zum Beispiel schon lange nicht mehr, dort steht heute die Pinakothek der Moderne. „Das Hauptproblem aber ist, die Leute zu mobilisieren, aus der Wohnung zu gehen.“

Manchen Zirkussen macht aber auch die Diskussion um Tierhaltung im Zirkus das Leben schwer, erzählt Langmeyer. Circus Voyage hat sehr viele Tiernummern. Deshalb wird er besonders oft von Tierrechtsaktivisten kritisiert. Jedi ist das einzige noch reisende Flusspferd Deutschlands. Auch über Giraffen-und Elefantenhaltung in Zirkussen wird intensiv diskutiert. Gerade in größeren Städten gibt es vor dem Eingang von Zirkussen wie Voyage regelmäßig Protestaktionen. Viele Städte vermieten gar keine Plätze mehr an Wildtierzirkusse.

Was man beim Circus Voyage von Tierrechtsgruppen wie Peta hält, wird dem Besucher schon an der Kasse klar. Hinter dem Fenster kleben zwei Zettel. Auf dem einen Blatt steht, wie viele Tausende Haustiere von der amerikanischen Organisation in den Jahren 2004 bis 2014 eingeschläfert worden sein sollen. Auf dem anderen finden sich unter der Überschrift „Das Böse hat viele Namen“ viele Logos von Tierschutzorganisationen. Von „Hass-Kreuzzug“ und „gehirngewaschenen Tierrechts-Freaks“ schreibt man dort. In dem Streit zwischen Zirkusunternehmen und Tierrechtlern wird mit harten Bandagen gekämpft. Von beiden Seiten.

Circusfreund Langmeyer ärgert sich, dass der Zirkus von den Aktivisten immer wieder als rechtsfreier Raum dargestellt wird. Er spricht von klaren Leitlinien eines Ministeriums für die Tierhaltung im Zirkus. Deren Einhaltung würde auch immer kontrolliert, an jedem Ort wieder von Neuem. Langmeyer erzählt auch von einer Untersuchung des Freiburger Verhaltensforschers Immanuel Birmelin: Der hat mit Hormontests gezeigt, dass Zirkustiere beim Transport keinen besonderen Stress haben.


„Ich denke mir jeden Tag: Wie kann man den Zirkus retten?“
Bernhard Paul, Roncalli-Zirkusdirektor


Und dann holt Langmeyer aus einem seiner Ordner noch schnell einen Artikel des FachblattsAmtsärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrolle aus dem Jahr 2013: „Können sich Löwen an die Haltungsbedingungen von Zoo und Zirkus anpassen?“ Ja, können sie, finden die Experten. Aber natürlich helfen solche Argumente zum Beispiel bei Peta-Aktivisten nicht. Wer komplett Nein zur Tierhaltung sagt und das Essen von Fleisch sogar mit dem Holocaust vergleicht, mit dem kann man über gute und schlechte Haltungsbedingungen nur schwer diskutieren.

Die Gesellschaft der Circusfreunde war schon immer für den traditionellen Zirkus mit Wildtieren. Sie ist aber weit mehr als eine Lobby-Organisation des traditionellen Zirkus. In der Gesellschaft treffen sich Zirkusfans unterschiedlichster Art. Da sind Menschen wie Langmeyer und Preißing, die zu den Zirkussen reisen und möglichst keine Vorstellung verpassen wollen. „Wir haben aber auch Freaks bei uns im Verein“, erzählt Thomas Kroker, der Chef der Münchener Abteilung. „Da gibt es welche, die pfeifen dir eine Melodie vor und sagen dir genau dazu, welcher Zirkus, welches Jahr, welche Nummer.“ Oder die Modellbauer. Oder die Sammler. Einer hat neulich sein ganzes Gästezimmer mit alten Zirkusplakaten tapeziert.

„Theater des Volkes“ nennt man den Zirkus gern. Er ist – das sagen seine Macher genauso wie seine Freunde im Rumpler – Kultur. Nur in deutschen Ämtern, da sieht man das anders. Denn offiziell ist er, anders als zum Beispiel in Frankreich, in Deutschland nicht Teil der Kultur. Aus der Perspektive von deutschen Beamten ist Zirkus Gewerbe. Zuständig sind Gewerbeordnung und Gaststättengesetz. Finanzielle Hilfe vom Staat, wie bei Theatern, Opern oder Museen? Die gibt es nicht für Zirkusse.

Hat er also noch eine Zukunft, der Zirkus? „Die Frage bereitet mir Kopfzerbrechen“, sagt Roncalli-Chef Bernhard Paul. „Ich denke mir jeden Tag: Wie kann man den Zirkus retten?“ Der Herr Direktor sitzt im „Café des Artistes“ an seinem Lieblingsplatz. An dem Tischchen hat er schon mit Andy Warhol und vielen anderen international bekannten Personen gesessen. In dem mobilen Café im Wohnwagen sieht es so ähnlich aus wie in einem klassischen Wiener Kaffeehaus.

Paul lebte in den 70er-Jahren in der österreichischen Hauptstadt, wo er ein bekannter Art Director und Experte für Werbung war. Dann entschied er sich, seinen Kindheitstraum zu verwirklichen: 1976 gab der Circus Roncalli seine erste Vorstellung. „Die größte Poesie des Universums“ hieß das erste Programm. Es war keine Vorführung der Spitzenartistik, sondern eine Entführung in eine nostalgisch-romantische Zirkuswelt, wie es sie in Wirklichkeit vielleicht nie gegeben hat – außer in Pauls verklärter Erinnerung.

Am Ende trat der Sprechstallmeister, so nennt man den Moderator einer Zirkusvorstellung, vor das Publikum und rief: „Geht nach Hause und träumet, geht nach Hause und seid bestürzt, geht nach Hause und lacht, geht nach Hause und seid wahrhaftig. Der Zirkus hat seine Vorstellung beendet, in diesem Zelt. In unserem Kopf, meine Herrschaften – in unseren Köpfen geht die Vorstellung weiter. Auf Wiederträumen – Auf Wiederdenken – Auf Wiedersehen.“

Und heute? „Konzeptzirkusse haben immer noch eine Chance zu überleben“, glaubt Paul. Vielleicht auch die kleinen Familienzirkusse, die von Dorf zu Dorf ziehen. „Aber die Zeit der großen Zirkusse ist eindeutig vorbei“, sagt Paul. „Es gibt keine Plätze mehr, der Transport ist ein Problem, das fehlende Personal, die Bürokratie, der Lärmschutz …“


Deutsche Ämter sehen einen Zirkus ähnlich wie eine Gaststätte – ist er nicht Kultur?


Aber wie macht es Roncalli dann, dass noch immer jeden Tag so viele Menschen vor dem Eingang warten? „Unser Heil liegt darin, dass wir sowas wie ein Feinkostladen der Artistik sind, der reist – mit überschaubarer Größe und hoher Qualität.“ Zeitgemäß muss man sein, glaubt der Zirkusdirektor – aber ohne dem Zeitgeist hinterherzulaufen.

Inzwischen nimmt Roncalli auch Foodtrucks mit auf die Tour und bietet veganes Essen an. Außerdem hat der Direktor – schweren Herzens – zum ersten Mal keine Pferde in seinem Programm. Pferde waren die letzte Tiernummer, die es bei Roncalli noch gab. Es gibt jetzt holografische Projektionen und lebensgroße Pferdefiguren. „Artgerechte Pferdehaltung“, sagt Paul. „Art“ wie „Kunst“, versteht sich. Seit diesem Jahr hat der Zirkus auch einen neuen Namen. Er nennt sich jetzt „Circus-Theater Roncalli“.

Drüben geht gerade die Vorstellung zu Ende. Plötzlich ist ein lautes Summen aus dem Zelt zu hören, es wird immer lauter. Dann hört man ein Lied. Das Publikum singt „Guten Abend, gut’ Nacht …“ von Johannes Brahms: Es ist Robert Wicke, der die Besucher der Vorstellung am Ende seiner Nummer zum Singen animiert hat. Wicke ist der Star des aktuellen Programms. Ein Beatboxer. Man muss mit der Zeit gehen.

Eine runde Sache SCHWER

Im Jahr 1768 eröffnete der frühere Kavallerist Philip Astley in London ein Pferdetheater – ein Ereignis, das als Geburtsstunde des modernen Zirkus gilt. Neben Kunstreitern und Pferdedressuren nahm Astley mit der Zeit auch immer mehr Clowns und Akrobaten ins Programm. Natürlich ist die Vorgeschichte des Zirkus noch weit älter – Commedia dell’Arte, Hofnarrentum, Gauklertrupps. Aber die spezielle Kombination aus Artistik, Tieren und Clowns war neu. Und: Es gab eine runde Manege mit einem Durchmesser von 13 Metern. Dieser für Pferdenummern ideale Durchmesser ist bis heute Standard. Die Zirkusprogramme wurden über die Zeit unterschiedlicher. So wie das andere damals auf Jahrmärkten anboten, hatte auch der Zirkus eine Weile Exoten-und Freakschauen im Programm: „Riesinnen und Zwerge“ oder „die hässlichste Frau der Welt“ führte man gegen Geld vor. Später waren es die Tierdressuren, die immer ungewöhnlicher wurden. Die Attraktionen waren zum Beispiel „Berosinis Indianisch sprechende Schimpansen“ oder Eishockey spielende Bären. Anfangs fanden die Vorstellungen noch draußen oder in Gebäuden statt. Um 1900 herum wurde dann der Zeltzirkus – aus Amerika kommend – auch in Europa populär. Die Unternehmen wuchsen, im späteren 19. Jahrhundert begann die Zeit der Großzirkusse. Heute kennt man noch immer einige der großen Namen – Sarrasani etwa. Unternehmen wie Krone in Deutschland oder Knie in der Schweiz, die es schon über viele Generationen gibt, sind jedoch die Ausnahme.


Foto: Dominik Baur

Fotos: picture alliance/Sven Simon; Dominik Baur

Foto: Arnold Morascher/laif

Foto: Arnold Morascher/laif; Alexander_P/Shutterstock.com