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ZIRKUS LEKTIONEN QUO VADIS?


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 30/2018 vom 10.08.2018

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Foto: Friederike Scheytt

In den letzten 15 Jahren haben wir uns in puncto Pferdeausbildung und Trainingsmethoden stark weiterentwickelt. Mit dem wachsenden Interesse an Alternativen zum Reiten, entstand auch eine große Vielfalt an Möglichkeiten, sein Pferd anderweitig zu beschäftigen, statt „nur“ zu reiten. Heute beherrschen viele Pferde unterschiedlichste Lektionen, die zu früheren Zeiten mangels Kenntnis nur wenigen Menschen vorbehalten waren. Dabei ist es nicht einfach, die Begriffe Dressur und Zirkuslektionen voneinander abzugrenzen und eine klare Differenzierung zu schaffen. Denn letzten Endes sind auch Zirkuslektionen und Co nur „Verhalten“, das mittels Konditionierung auf Reize abrufbar gemacht wird, wie die klassischen Dressurlektionen auch, während der Mensch oftmals eine andere Vorstellung davon im Kopf hat. So wird nicht selten abwertend von „Pudeldressur“ gesprochen, welche lediglich den Zweck hat, den Trainer gut dastehen lassen und das Publikum zu unterhalten.
Als klassische Zirkuslektionen „zu Boden“ bezeichnet man hierbei in der Regel die Verbeugung und das Kompliment, bei dem sich das Pferd mit gestrecktem oder einem angewinkelten Vorderbein zu Boden lässt, das Knien, bei dem das Pferd sich auf beiden angewinkelten Vorderbeinen niederlässt, das aufrechte und flache Liegen, das Sitzen und die Bergziege, bei der das Pferd beide Beinpaare aneinanderstellt, als ob es auf einem Berg stünde. Die klassischen Zirkuslektionen nach „oben“ sind der Spanische Gruß, also das Stehen mit einem an die Waagerechte gehobenen Vorderbein, der Spanische Schritt, der Spanische Trab und das Steigen in unterschiedlichen Varianten. Hierzu gesellen sich Tricks in allerlei Varianten, wie z. B. das Apportieren, das Gähnen und Flehmen auf Abruf, Beine kreuzen und oder auch anspruchsvollere Verhalten wie das Unterscheiden von Farben oder Formen.
Würde ich eine Differenzierung schaffen wollen, würde ich unter Zirkuslektionen Verhalten zusammenfassen, die für sich allein gelehrt werden und früher und teils auch noch heute für die Zurschaustellung des Pferdes gedacht waren. Der Großteil, insbesondere die klassischen Zirkuslektionen, ist dabei keine reine Kunstform, sondern aus dem natürlichen Verhalten des Pferdes abgeleitet und so keineswegs unnatürlich, wie so häufig behauptet wird.

Zirkuslektionen nicht zum Selbstzweck

Natürlich sollte auch das Erlernen von Zirkuslektionen in einen sinnvollen Trainingskontext gesetzt werden und auf einem kleinschrittigen Prozess aufbauen. Dennoch sind sie oft nicht das Ergebnis langjähriger Ausbildung, wie es zum Beispiel bei der klassischen Piaffe oder der Levade der Fall ist, sondern werden gezielt für sich allein trainiert. Hier wird auch klar, dass sich der Begriff der Zirkuslektionen nicht nur auf die oben genannten Verhalten beschränkt, sondern letztlich auf viele weitere Verhalten angewendet werden kann. So würde ich auch einige Lektionen aus der Freiheitsdressur durchaus als Zirkuslektion bezeichnen, wenn diese zum Selbstzweck trainiert werden. Hierunter fallen für mich beispielsweise Lektionen wie schnelle Sprünge von einem Vorderbein auf das andere, enges Kreiseln um den Menschen oder auch verschiedene Formen von ursprünglichen Lektionen der Hohen Schule – wie „Terre à Terre“, die „Schulparade / der Schulhalt“ oder sogar die Piaffe –, die ebenfalls losgelöst als „Trick“ trainiert werden können.
Und genau hier trennt sich die sprichwörtliche Spreu vom Weizen und fangen die Probleme an. In Zeiten von Social Media, in denen jeder die Möglichkeit nutzt, seine Freude an schönen Bildern mit anderen zu teilen und Trainer die Nachfrage bedienen, verschieben sich allmählich die ursprünglichen Werte, auf denen die Ausbildung begründet ist. „Höher, schneller, weiter“ hält auch hier Einzug. Immer spektakulärer sollen die Lektionen sein, viel Action und möglichst alles frei, am besten auch frei außerhalb von Zäunen, damit es authentisch und noch vertrauensvoller wirkt. Da werden Ponys in Cabrios gesetzt, Pferde auf den Rücken gedreht oder von einem Bein aufs andere gehetzt, um Anerkennung zu erhalten und ein Stück der Freiheit für sich zu beanspruchen. Es stellt sich die Frage, ob es bei dieser Form des Trainings tatsächlich noch um das Pferd geht oder eher um die persönlichen Ziele und den Erfolg eines Menschen und manchmal natürlich auch ums Geld. Hier unterscheidet sich diese Form des Pferdetrainings leider kaum noch von manchen Auswüchsen des „Reitsports“ in anderen Bereichen, was ich persönlich sehr schade finde, wenn wir bedenken, dass gerade die Boden- und Freiarbeit ihren Einzug in die Freizeitreiterei gefunden hat, weil der Mensch sich davon eine bessere Beziehung zum Pferd erhoffte. Sicherlich setzt es einiges an Training voraus, ein Pferd zu solchen Leistungen zu bringen, doch wird dabei oft vergessen, dass „das Pferd fragen“ nicht unbedingt auch heißt, dass der Mensch an einer ehrlichen Rückmeldung interessiert ist oder das Pferd die Möglichkeit zur Meinungsäußerung hat.

Belohnung allein reicht nicht – auch das Konzept muss stimmen.


Foto: Friederike Scheytt

„Frei“ ist nicht immer auch „freiwillig“

Um zu verstehen, warum „frei“ nicht zwingend auch „freiwillig“ bedeutet, muss man den lerntheoretischen Hintergrund genauer betrachten. Die meisten Trainingsmethoden beruhen auf einer Form von Druckaufbau und Nachgeben. Das Pferd wird mittels Körpersprache, Berührungen oder Bewegungen von Gerte oder Stick zumindest milde unter Druck gesetzt, sodass es motiviert genug ist, nach einer Lösung zu suchen, um diesen Druck wieder loszuwerden. Reagiert es richtig, wird der Druck zeitgleich ausgesetzt, es entsteht Erleichterung, was für das Pferd ein durchaus lohnenswertes Gefühl ist. Dabei geht es gar nicht unbedingt um besonders drastische Druckstufen, auch die Anwendung von wenig Druck reicht hier schon aus, um ein gewisses Unwohlsein auszulösen. Daran ändert auch das Hinzufügen einer zusätzlichen Belohnung nichts, über die das Pferd sich sicherlich freut, aber derenthalben es das Verhalten ursprünglich nicht gezeigt hat. Ein guter Trainer schafft es so durchaus zu einem harmonischen und motivierten Miteinander, doch die Grenzen zwischen erklärendem Druck und Zwang sind fließend und oft schwer trennbar, orientieren wir uns doch letzten Endes vor allen Dingen an unserem eigenen Gefühl. Was sich für uns richtig anfühlt, muss jedoch nicht auch für unser Gegenüber, das Pferd, gelten. Dass das Pferd sich scheinbar motiviert gibt, bedeutet zunächst nur, dass unser Training funktioniert, nicht, dass es daran auch Spaß hat. Auch wenn im fortgeschrittenen Ausbildungsstadium der Druck nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar ist, so werden die Konsequenzen dennoch durch den Einsatz von Gertensignalen oder konditionierten körpersprachlichen Signalen aufrechterhalten, die in diesem Fall eine gewisse Form der Drohung darstellen. Hier erscheint mir die Beschreibung als „erhobener Zeigefinger“ leider oft deutlich passender als die vielerorts verwendete Phrase vom „verlängerten Arm“. Ein motiviertes Pferd braucht man nicht mehrfach auffordern oder gar ermahnen, schon gar nicht, indem man seine „Reichweite“ erhöht, denn es sucht nach Möglichkeiten, seine Freude am gemeinsamen Tun auszudrücken, weil es gelernt hat, dass sich das Zusammensein mit dem Menschen lohnt. Unter diesen Voraussetzungen bedeutet „frei“ eben nicht grundsätzlich auch „freiwillig“, da das Pferd sich trotz Freiheit eher für die Nähe des Menschen entscheidet, wenn es dadurch unangenehme Konsequenzen vermeiden kann. So besteht außerdem das Risiko, dass der Mensch es am Ende gar nicht wahrnimmt, dass das Pferd sich nicht wohlfühlt, solange es „tut“ und die Hemmschwelle des Pferdes, überhaupt „Nein“ zu sagen, immer weiter ansteigt. Schließlich hat es gelernt, dass Widersetzlichkeit in der Regel keinen Sinn macht. Am Ende erhalten wir so zwar eine gehorsame, sehr feine, fast unsichtbare Kommunikation mit dem Pferd, die allerdings das Pferd nicht in Entscheidungen mit einbezieht und sich vor allen Dingen an den Wünschen des Menschen orientiert.

Positive Verstärkung lässt Pferd und Mensch über sich hinauswachsen.


Foto: Nadine Golomb

Konflikte durch mangelndes Wissen

Besonders „kritisch“ wird es, wenn wir unser Training auf rangordnungsbasierten Prinzipien aufbauen und so ein „Nein“ des Pferdes schlimmstenfalls als eine Art persönlicher Affront gegen die „Chefposition“ des Menschen gesehen wird. Leider hält sich noch heute hartnäckig der Glaube an eine Rangordnung zwischen Pferd und Mensch, obwohl es inzwischen ausreichend Belege dafür gibt, dass das Verhalten des Pferdes gegenüber dem Menschen vorrangig auf Konditionierung beruht und nicht auf der Erlangung eines sozialen Status innerhalb einer fiktiven Zweierherde aus Pferd und Mensch. Selbst innerhalb der Herde verhalten sich Pferde selten aggressiv gegenüber ihren Artgenossen, wenn es die Möglichkeit gibt, Konflikten aus dem Weg zu gehen. In der Ausbildung von Pferden ist die Anwendung von Zwang und Strafe nicht mehr zeitgemäß und sollte überdacht werden. Eine solche Herangehensweise lässt wenig Spielraum für tatsächliche Fehleranalyse und eine zwanglose Lösung des eigentlichen Problems, sondern zielt vor allen Dingen auf Effektivität ab.

Nicht nur druckbasiertes Training bringt in dieser Beziehung ein potenzielles Risiko mit sich, auch der Einsatz von Futterbelohnung im Training kann das Pferd unter Druck setzen. Sind die Trainingsschritte zu groß und ist die Belohnung sehr hochwertig, weil z. B. Futter ansonsten eher eine Ausnahme im Training ist, kann das Training für das Pferd stressig sein, was dann zu unerwünschtem Verhalten führen kann.
Dies ist selbstverständlich nicht dem Füttern selbst geschuldet, sondern den ungünstigen Voraussetzungen oder mangelhaft aufbereitetem Training. Gerade unerfahrene Pferde müssen erst lernen, sich in Anwesenheit von Futter zu entspannen und dass sich höfliches Verhalten lohnt. Auch wird oft nicht berücksichtigt, dass das Pferd in Aussicht auf die Belohnung, ebenso wie im druckbasierten Training, unter Umständen auch Bewegungen ausführt, die weit über seine körperlichen und emotionalen Grenzen hinausgehen, insbesondere wenn mit Futter gelockt wird. Daher sollte das Locken mit Futter immer unter fachkundiger Anleitung erlernt werden, die auch die biomechanischen Grundlagen der Bewegung berücksichtigt und lehrt.

Positive Trainingsmethoden verbessern die Beziehung.


Foto: Nadine Golomb

Werden Druckaufbau und hochwertige Belohnung innerhalb einer Lektion miteinander kombiniert, ergeben sich oft weitere Probleme, da das Training für das Pferd so nur schwer durchschaubar ist und die gutgemeinte Belohnung nach einer ausgeführten Lektion das Pferd in eine emotionale Zwickmühle bringt. Auf der einen Seite setzt der Mensch das Pferd mit unangenehmen Konsequenzen unter Druck, auf der anderen Seite wartet die Aussicht auf eine Belohnung. Wie in einer Quizsendung sitzt das Pferd sinngemäß auf dem „heißen Stuhl“ und weiß nie, ob es nun eine „Niete“ zieht oder der „Hauptgewinn“ wartet. Während manche Pferde hier auf Nummer sicher gehen und lieber kein Verhalten zeigen, zeigen andere Pferde den Stress in Form von „zu viel Verhalten“ an und spulen hektisch alles ab, was ihnen einfällt. Hierbei kommt es häufig zu Fehlinterpretationen, weil Stress mit „Unwillen“ oder „Übermotivation“ verwechselt wird, was weitere Schwierigkeiten mit sich bringt und das Pferd oft zusätzlich verunsichert.

Körperliche Ansprüche

werden häufig unterschätzt

Auch, wenn Zirkuslektionen häufig „aus Spaß“ trainiert werden, stellen sie durchaus eine körperliche Belastung für das Pferd dar. Besonders bei jungen Pferden und Pferden mit Gebäudeproblemen oder Bewegungseinschränkungen durch Krankheit oder Alter, sollte man prüfen, ob die jeweilige Lektion geeignet ist. Nicht jedes Pferd sollte jede Lektion lernen oder ist in der Lage, diese auszuführen. Inwieweit eine Lektion dem Pferd nützt oder schlimmstenfalls schadet, hängt neben den individuellen Voraussetzungen, der Methodik und der Frequenz der Ausführung, wie in der Reiterei, vor allen Dingen von der Umsetzung ab. Lernt das Pferd das Kompliment beispielsweise über Zug am Zügel in Verbindung mit einer Beinlonge, entsteht häufig ein falscher „Spannungsbogen“ der Rückenlinie. Das Pferd bewegt sich mit der Brustwirbelsäule voran Richtung Boden, drückt den Rücken weg und landet schließlich schwer auf dem Vorderfußwurzelgelenk. Dabei fördert ein richtig aufgebautes Kompliment, welches „über den Rücken gearbeitet“ wird, die Rückentätigkeit, dehnt und kräftigt die Muskulatur, hebt den Brustkorb und fördert das Gleichgewicht.
Auch der Spanische Schritt ist eine Lektion, die zwar spektakulär aussieht, aber schnell mehr schadet als nutzt. Im Bestreben, durch möglichst exaltierte Bewegungen die Schulterfreiheit des Pferdes zu verbessern, werden selten Gedanken über die notwendigen körperlichen Voraussetzungen dieser Lektion angestellt. Um den Spanischen Schritt nicht nur gesunderhaltend, sondern auch noch fördernd auszuführen, benötigt das Pferd ein hohes Maß an Versammlungsfähigkeit. Nur wenn das Pferd sich im hinteren Bereich setzt und Last mit der Hinterhand aufnimmt, erhöht sich der Bewegungsradius der Schulter durch das Anheben der Brustwirbelsäule. Um das Bein bis fast an die Waagerechte heben und dabei strecken zu können, benötigt das Pferd Zeit, welche erst durch den erweiterten Bewegungsradius bei gesteigerter Versammlung zur Verfügung steht. Wird ein Heben und Strecken dennoch provoziert, kompensiert das Pferd die Bewegung im Rücken, die Brustwirbelsäule hängt, das Pferd verliert den Takt und kommt letztlich mit der Hinterhand nicht mehr nach. Was dabei herauskommt, ist häufig eher ein „Spanischer Platsch“ als ein Spanischer Schritt, bei dem das Pferd mit der Vorhand laut aufkommt und so nicht selten auch die vorderen Beinstrukturen überlastet. Was für den Spanischen Schritt gilt, gilt auch für die meisten anderen „vorhandlastigen“ Zirkuslektionen. Nimmt das Pferd keine Last mit der Hinterhand auf, wird der Bewegungsapparat des Pferdes an anderer Stelle überlastet.

Mit steigender Häufigkeit, Dauer und Geschwindigkeit von Lektionen wirken jedoch zunehmend andere Kräfte auf den Pferdekörper ein, sodass auch aus scheinbar harmlosen Lektionen, wie das Umkreisen des Menschen, ein Nachteil für das Pferd entstehen kann.
Sind hierbei zum Beispiel Stellung und Biegung nicht korrekt, nimmt das Pferd keine Last mit dem inneren Hinterbein auf, sondern ist nur darauf fokussiert, der Gerte mit der Schulter zu weichen, kann man allenfalls noch von Mobilisierung sprechen, nicht aber von Gymnastizierung. So nutzt die Lektion nur dem Menschen, der sich über ein frei zirkelndes Pferd freut. Selbst in der freien Natur würde sich kein Pferd dauerhaft auf diese Art und Weise bewegen.
Natürlich nimmt ein Pferd nicht sofort dauerhaften Schaden, selbst wenn die Lektionen nicht korrekt ausgeführt werden. So kann es bei der Erarbeitung immer mal zu unsauberen Ausführungen kommen, die nicht ganz so elegant anmuten und auch nicht besonders förderlich sind, doch diese sollten immer nur temporär gezeigt und umgehend behoben werden. Ist dies nicht möglich, sollte bedacht werden, ob man in der Ausbildung einen Schritt zurückgehen oder bessere Voraussetzungen schaffen kann. Auch Ausbildungsfehler oder körperliche Gründe sollten in Betracht gezogen werden.
Bei allen Lektionen, die wir trainieren, sollten wir uns stets fragen: Ist das Pferd körperlich in der Lage, die Lektionen so zu zeigen, dass es letztlich von der Ausführung profitiert, und helfen ihm die Lektionen in seiner körperlichen Gesunderhaltung oder Weiterentwicklung?
Ob das Pferd sich gesund bewegt, ist nicht nur von der Physiologie der Bewegung abhängig. Auch die Psyche des Pferdes ist an der Bewegungsqualität beteiligt. Ein Pferd, das aus Sorge vor unangenehmen Konsequenzen den Dialog mit dem Menschen vermeidet, statt ihn zu suchen, bewegt sich anders und hat wenig Freude an der Bewegung selbst. Es orientiert sich bei der Ausführung vor allen Dingen daran, etwas zu vermeiden und nutzt seine Muskulatur völlig anders als ein fröhliches, selbstbewusstes Pferd ohne Vorbehalte. Es wird nicht losgelassen sein und die Muskulatur gesund anund abspannen, sondern diese festhalten, da es innerlich auf der Flucht ist. Auch die Persönlichkeit wird durch richtig ausgeführtes Training gestärkt. Ein Pferd, das sich gut bewegen kann und mit seinem Körper in Balance ist, strahlt etwas ganz Besonderes aus. Es ist selbstbewusst und bewegt sich mit Freude und Eleganz. Ist es nicht auch das, was wir an Pferden so sehr mögen und dem wir hinterhereifern? Ein gut abgestimmtes Training aus körperlich und geistig fördernden Lektionen, wie zum Beispiel das Trainieren von Tricks, gibt auch kognitiv genügend Anreize für die psychische Gesunderhaltung des Pferdes in seiner häufig eher reizarmen Umgebung.

Nur wenn sich Verhalten lohnt, wird das Pferd dieses auch gerne zeigen.


Foto: Friederike Scheytt

Positives Training fördert die Beziehung

Ob und wie Zirkuslektionen die Beziehung zwischen Pferd und Mensch beeinflussen, ist nicht abhängig davon, welche und wie viele Lektionen abrufbar sind oder ob das Pferd auch ohne Begrenzung von Zaun und Equipment beim Menschen bleibt, sondern von der Art und Weise, wie wir dem Pferd begegnen und mit ihm kommunizieren und trainieren. Ist das Pferd motiviert bei der Sache, weil sich das Training lohnt, wird auch die Bindung an den Menschen gestärkt, schließlich ist er Urheber des guten Gefühls. Auch wenn früher nicht immer alles besser war, so sollten wir uns hier ein altes Sprichwort ins Gedächtnis rufen, das immer noch uneingeschränkt Gültigkeit hat: Der Weg ist das Ziel. Das Training sollte zu jeder Zeit am Pferd ausgerichtet sein, was sich vor allen Dingen auch in der Trainingsmethode und im Umgang mit „Fehlern“ widerspiegelt. Ein Pferd macht keine Fehler, es zeigt stets Verhalten, das es für sich als richtig erachtet. Ein Fehler ist also immer eine Information, die wir im Training für uns nutzen können, um das richtige Verhalten wahrscheinlicher zu machen. Für das Pferd macht es einen großen Unterschied, ob der Mensch die Entscheidungen des Pferdes hinterfragt oder das Verhalten mit einem „Mach es trotzdem“ einfach einfordert.
Nicht selten sind Zirkuslektionen auch der Einstieg in neue und positivere Trainingsmethoden, wenn man feststellt, mit wie viel Freude das Pferd das Training erlebt. Dies liegt nicht nur daran, dass bei den Zirkuslektionen häufig deutlich mehr und hochwertiger belohnt wird als im konventionellen Training. Auch die sogenannte intrinsische Motivation, bei der das Pferd auch aus Freude am Tun agiert, ist verantwortlich für den großen Spaß, den viele Pferde bei der Entwicklung und Ausführung von Zirkuslektionen haben. Neben einem entsprechenden Anreiz ist für die intrinsische Motivation ein gewisses Maß an Autonomie notwendig. Das Pferd muss also zumindest gefühlt die Kontrolle über sein eigenes Handeln und seine Entscheidungen haben, was sich in der Praxis nicht immer ganz leicht gestaltet. Belohnung ist hier ein wichtiger Schlüsselfaktor, auch wenn dies zunächst widersprüchlich klingt, da man hierbei von einem extrinsischen Motivator spricht, der im Grunde genommen das genaue Gegenteil ist. Um dem Pferd zu erklären, was wir von ihm möchten und so überhaupt erst einmal Kommunikation zu ermöglichen, braucht es vom Menschen eine Form der Rückmeldung. Diese erfolgt in Form von Konsequenzen. Bauen wir das Training jedoch überwiegend über Druckaufbau und Nachgeben auf, entziehen wir dem Pferd auch einen Teil der Kontrolle. Da eine Nichtausführung des Verhaltens nicht mit einer Erleichterung durch „Nachgeben“ einhergeht, macht es schlicht keinen Sinn für das Pferd, sich gegen das Verhalten zu entscheiden, insbesondere, wenn es bereits gelernt hat, wie es weiteren Druck vermeiden kann. Und auch weniger Druck ist nicht mehr freiwillig. Daher bleibt hier nur der Weg über angenehme Konsequenzen, um dem Pferd zumindest teilweise die Kontrolle zu übergeben. Die Suche nach Futter und positiven Erlebnissen ist zudem genetisch vorprogrammiert und stößt innere Prozesse an, die die natürliche Neugierde fördern. Das kann man sich im Prinzip vorstellen wie ein Mensch, der Spaß daran hat, Kreuzworträtsel zu lösen. All dies führt dann zur Ausschüttung von Botenstoffen und Hormonen, die das gute Gefühl im Training fördern und die Lektionen – und auch das Zusammensein mit dem Menschen – besonders lohnenswert machen.

Positive Emotionen für gesunde Bewegung

Im Hinblick auf die Gefühle des Pferdes ist es außerdem notwendig, sich mit dem Wesen des Pferdes, seinem Lernverhalten und vor allen Dingen seiner Körpersprache zu beschäftigen. Leider setzt sich das Wissen um das Ausdrucksverhalten des Pferdes und insbesondere seiner Gestik und Mimik nur sehr langsam durch und wird selbst in Trainerkreisen oft falsch interpretiert. Natürlich ist jedes Pferd ein Individuum, sein Ausdrucksverhalten ist jedoch universell und festgelegt, sodass es auf jedes Pferd angewandt werden kann. Fehlt über einen längeren Zeitraum das Ohrenspiel, weil die Ohren zum Beispiel eng angelegt sind, peitscht das Pferd mit dem Schweif, ist der Unterkiefer angespannt, die Nüstern gebläht oder die Augen zusammengekniffen, so kann man hier zweifelsohne von unangenehmer Anspannung sprechen. Auch Beschwichtigungsverhalten wie häufiges Kauen, Blinzeln, sich mit dem Kopf am Bein kratzen oder häufiges Abwenden sollten ernst genommen werden. Sicher kann eine Übung auch einmal körperlich fordernd sein. Statt die ersten Anzeichen von Überforderung jedoch zu überspielen, sollte man annehmen können, dass das Pferd uns etwas mitteilen möchte und auf Ursachenforschung gehen. Wann immer wir entscheiden, einem Pferd Stress zuzumuten, sollte sorgfältig abgewogen werden, ob dies eine kluge Entscheidung im Sinne des Pferdes ist und ob es eine Alternative mit weniger Stress gibt. Der Respekt gegenüber einem Lebewesen zeigt sich in dem Respekt vor seinem „Nein“. Und auch, wenn ich sonst mit der Begründung „Bauchgefühl“ sehr zurückhaltend bin, in dieser Hinsicht darf man ruhig einmal mehr in sich hineinhören und dem Pferd in die Augen schauen und im Zweifel lieber eigene Ansprüche und Wünsche zurückstellen. Keine Zirkuslektion dieser Welt ist es wert, die physische und psychische Gesundheit des Pferdes zu gefährden.
Achtsamkeit, Wissen und Sensibilität sind wie in jeder Form des Pferdetrainings auch hier die Grundvoraussetzung. Es ist nicht verboten, im Training mit dem Pferd auch eigene Wünsche und Ziele zu verfolgen.
Diese sollten jedoch immer im Einvernehmen mit dem Pferd umgesetzt werden, indem es in seiner Persönlichkeit geachtet und ernst genommen wird. Ein so durchdachtes Training wird nicht nur dem Wunsch des Menschen nach bestimmten Lektionen, sondern auch hohen ethischen Ansprüchen gerecht. Ist das Pferd motiviert bei der Sache, weil sich das Zusammensein mit dem Menschen lohnt und gut anfühlt, wird auch die Bindung an den Menschen gestärkt, schließlich ist er Urheber des guten Gefühls. „Happy Athletes“ bekommt man nicht, indem man sie zum Erfolg zwingt, man holt sie zu sich ins Boot und siegt gemeinsam.

SYLVIA CZARNECKI

… „Meine Passion ist es, Pferden und ihren Menschen zu einem ehrlich motivierten Miteinander zu verhelfen. Mein Training beruht dabei auf modernen, wissenschaftlich fundierten Lernmethoden mit positiver Verstärkung – für Mensch und Tier. Im Vordergrund steht dabei ein stressfreies Miteinander, welches die Emotionen der Trainingspartner in den Vordergrund stellt, getreu meinem Motto,Effektivität ist nicht genug‘.“

Weitere Infos: www.motionclick.de

BUCHTIPP:

Sylvia Czarnecki
Ehrlich motiviert

Positives Training mit Pferden

Cadmos Verlag
ISBN 978-3-8404-1065-9, 19,95 €

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