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Zitterpartie – Bronze im Nacra 17


segeln - epaper ⋅ Ausgabe 90/2021 vom 16.08.2021

OLYMPIA 2021 - NACRA 17

Artikelbild für den Artikel "Zitterpartie – Bronze im Nacra 17" aus der Ausgabe 90/2021 von segeln. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Endstand

1. Ruggero Tita Caterina Banti

2. John Gimson Anna Burnet

3. Paul Kohlhoff Alica Stuhlemmer

4. Lin Cenholt Christian Lubeck

5. J ason Waterhouse Lisa Darmanin

Am 3. August 2021 spielte der Segelgott im japanischen Enoshima auf deutscher Seite. Schon bei den dramatischen Entwicklungen für die herausragenden Erfolge der beiden 49er Teams half sein Wohlwollen. Aber beim Finale der deutschen Nacra17-Crew musste er sich noch einmal mächtig ins Zeug legen.

Dabei konnten Paul Kohlhoff und Alicia Stuhlemmer mit sieben Punkten Vorsprung relativ komfortabel in die Medaillenentscheidung gehen. Allerdings lauerte hinter ihnen die Silbersieger von Rio und Weltranglistenersten Jason Waterhouse und Lisa Darmanin. Der 29-jährige Australier segelte schon beim 35. America’s Cup für Japan und ist aktuell eine feste Größe als ...

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... Flight-Controller beim SailGP-Team der Australier um Tom Slingsby.

Diese Erfahrung macht ihn zur großen Gefahr für die deutschen Medaillenträume im Nacra17-Katamaran, mit dem Kohlhoff/Stuhlemmer eine starke Woche ohne große Rückschläge absolviert haben. Nur einmal segelten sie mit Platz elf außerhalb der Top Ten.

Die Australier lauern in Luv

Aber ein Medalrace funktioniert anders. Zweikämpfe sind vorprogrammiert und prompt wird das deutsche Duo von den Australiern auf dem falschen Fuß erwischt. Eine Minute vor dem Start lauern die Australier schon in Luv und achteraus der Deutschen. Sie haben es offenbar auf ein direktes Duell abgesehen, um die Gegner zu einem schlechten Rennen zu zwingen. Es ist ihre beste Chance, den Punktrückstand in der Gesamtwertung wettzumachen.

50 Sekunden vor dem Start gibt Waterhouse Gas. Er will eine Überlappung in Lee herstellen, aber Kohlhoff verteidigt, indem er selbst abfällt und Speed aufnimmt. Die Abwehr des Angriffs könnte funktionieren – wenn nicht die Briten im Weg wären. GER muss diesem Leeboot ausweichen und AUS schlängelt sich mit Speed in Lee an dem britischen Hindernis vorbei, um kurz danach wieder ganz nahe die bei den Deutschen zu sein.

Viel zu nahe. Ohne Speed treibt der GER-Katamaran seitlich auf die Australier und kollidiert. Kohlhoff befreit sich mit einer Halse, die er vielleicht schon als Strafkreis gewertet haben will, muss aber noch einmal zur Startlinie wenden und bekommt dann erst von der Jury den Penalty aufgebrummt. GER er liegt nahezu aussichtslos hinten. Schlimmer noch – die Australier erwischen trotz Zweikampf einen guten Start, behaupten Platz vier und rangieren mit fünf Punkten Vorsprung auf dem Bronzerang. Selbst die in diesem Moment zweiplatzierten Spanier werden in der Gesamtwertung noch vor den Deutschen geführt.

Schlimmer kann der Start zu einer Abschlusswettfahrt der Olympischen Spiele für Kohlhoff/Stuhlemmer nicht ablaufen. Die Australier haben das junge deutsche Team früh aus den Medaillenträumen gerissen.

Keine Panik

Viele Segler würden an einer solchen Situation zerbrechen. Aber Paul Kohlhoff hat schon ganz andere Sachen erlebt. Wer sich in das Leben zurückkämpft, mag über einen solch schmerzhaften sportlichen Moment nur noch lächeln. Vielleicht hat ihn die Erfahrung mit seiner Krankheit für genau diese Situation gestählt.

Über den Bordfunk der beiden Deutschen vermittelt sich jedenfalls keine Panik. Sie nehmen die Herausforderung an und starten die Aufholjagd. Auf dem Vorwindkurs beträgt der Abstand zur Spitze zwar gut 400 Meter, aber Brasilen auf dem vorletzten Platz segelt noch einigermaßen in Schlagdistanz knapp 100 Meter voraus.

Australien hat die Spanier überholt und scheint sich Rang fünf zu sichern. GER müsste noch zwei Boote einholen, um Bronze zu erreichen. Kohlhoff/Stuhlemmer setzen einen Angriff über die rechte Kreuzseite. An der letzten Luvtonne sind die Brasilianer eingesammelt. Platz neun könnte schon ausreichen.

Die Australier spüren jedenfalls den Druck. Sie verlieren an Boden. Eine hektischer Jibeset nach der Verholertonne funktioniert kaum. Sie werden danach von den Spaniern überlaufen, fallen weiter zurück. Die kleine Chance GER vor der letzten Halse noch einmal anzugreifen, nutzen sie nicht. Nach einem halbherzigen Manöver fallen sie in diesem Rennen sogar noch hinter die Deutschen zurück und verlieren in der Gesamtwertung schließlich noch Rang vier an Dänemark.

„Wir stehen erst am Anfang“

Paul Kohlhoff kann es nicht fassen. Nach dem Ziel schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen. Was für ein Finish. Was für eine Dramatik. Deutschland holt Bronze im Nacra17. Den Wert der ersten gewonnenen Bronzemedaillen ordnet der Steuermann ein als „das Zigfache von allem, was wir bislang geschafft haben.“ Alica Stuhlemmer sagt: „Den Wert kann man gar nicht messen!“

Dabei betont der Steuermann: „Wir stehen erst am Anfang.“ Die Crew vom Kieler Yacht-Club plant mit ihrem Coach Marcus Lynch langfristig. Über diese Olympischen Spiele hinaus haben sie schon zwei weitere im Visier.

Zu den drei deutschen Segelmedaillen an nur einem Tag sagte Kohlhoff: „Es macht uns wahnsinnig stolz, Teil dieses Teams hier gewesen sein zu dürfen. Es war offensichtlich, dass nur so ein hochkarätig besetztes Team, zu dem wir uns noch nicht mal richtig zählen, so abräumen kann. Es ist cool, auf dieser Basis weitermachen zu können. Mit hoffentlich vielen aus dieser Mannschaft. Und es ist ein Zeichen an alle anderen Nationen und an Segel-Deutschland, dass der DSV und unsere Förderer verdammt gute Arbeit gemacht haben. Was hier an Vorbereitung geleistet wurde, war hochprofessionell. Unser voller Respekt an das DSV-Supporter-Team.“