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ZU FUSS NACH TIBET


The Red Bulletin-Österreich Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 09.10.2019

Von München in den Himalaya marschieren? Ohne einen Cent in der Tasche? Der Elektriker und Versicherungsvertreter STEPHAN MEURISCH hat genau das getan, sich einfach auf den Weg gemacht. Diese Reise hat sein Leben verändert.


Artikelbild für den Artikel "ZU FUSS NACH TIBET" aus der Ausgabe 11/2019 von The Red Bulletin-Österreich Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Österreich Ausgabe, Ausgabe 11/2019

ERLEBNIS WELT

Die Lut-Wüste im persischen Hochland bei Yazd: „Die Stille ist unbeschreiblich. Hier gibt es nichts zu sehen. Die Wüste kann man nur erleben.“

RAST UND RUHE

Oben: Stephan Meurisch und sein 30-Kilo-Rucksack, das Gepäck für vier Jahre. Rechts: der lange Marsch durch Kappadokien in der Türkei

HEHRES ZIEL

Der Potala-Palast über Tibets Hauptstadt Lhasa: Das Erreichen des ...

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... Zielpunkts war nicht ganz so erhebend wie gedacht.

stephan Meurisch zu treffen ist gar nicht so einfach. Er ist nämlich schon wieder unterwegs, diesmal von Darmstadt in die Schweiz, natürlich zu Fuß und selbstverständlich ohne Geld, alte Gewohnheit. Also kann er nicht so genau sagen, wo er sich an einem bestimmten Tag zu einer vereinbarten Uhrzeit befindet. Geschätzt: irgendwo im Raum Karlsruhe.

Eine Art Schnitzeljagd also, mit spannenden Positionsmeldungen, die über das Handy eintrudeln. Unsere Wege kreuzen sich dann in einer Pizzeria in Ziegelhausen, einem verschlafenen Vorort von Heidelberg. Wir wollen uns mit Stephan unterhalten, weil er eine Geschichte zu erzählen hat, die einem schon beim ersten Hinhören den Atem raubt: Er ist 2012 von München aufgebrochen, um nach Tibet zu gehen. Mit einem 30-Kilo-Rucksack auf dem Buckel, aber null Geld im Hosensack. 13.000 Kilometer, durch 13 Länder, von denen er vorher nicht mehr als eine vage Vorstellung hatte.

Wie um alles in der Welt kommt ein Endzwanziger, gelernter Elektriker, später Versicherungskaufmann, auf so eine Idee? Der Gedanke, sagt Stephan Meurisch, ein freundlicher Riese mit wachen Augen, Glatze, Bart und randloser Brille, habe sich langsam entwickelt. 2009 ist er mit seiner damaligen Freundin den Jakobsweg gegangen. Er wollte dabei bloß herausfinden, „was so spannend daran sein kann, 800 Kilometer durch Spanien zu laufen“. Die ursprüngliche


ERFAHRUNG 1
„DIE WELT IST NICHT SO SCHLECHT, WIE SIE AUSSIEHT, WENN MAN ZEITUNG LIEST ODER DEN FERNSEHER AUFDREHT.“


Skepsis habe sich aber schnell verflüchtigt, erzählt Stephan. Als besonders aufregend empfand er es, „ins Blaue hineinzugehen und nicht zu wissen, wo man am Abend schlafen wird“.

Wenn man es schafft loszulassen, sagt Stephan, und sich zu sagen: das wird schon irgendwie, dann wirkt dieses Vertrauen in Gott und die Welt ungeheuer befreiend. Auf dieses Lebensgefühl wollte er nicht mehr verzichten. Und so nistete sich der Gedanke in seinem Kopf ein, einmal wirklich weit weg zu gehen, im Gegensatz zum Jakobsweg ohne jedes Netz. Zum Beispiel: nach Tibet. Exotisch, geheimnisumwittert, schwer zu erreichen: wunderbar! Weiters würde er ohne Geld durchkommen müssen, weil er damals schlicht keins hatte. Der Gedanke verfestigte sich nach und nach zu einer fixen Idee, dass es sich Stephan sein Leben lang nicht verziehen hätte, es nicht zumindest versucht zu haben.

Einen Tag nach seinem 31.Geburtstag, am 11. März 2012, machte sich Stephan Meurisch auf den Weg. Dass er dieses Datum lang vorher festgelegt hatte, war ganz wichtig, sagt er rückblickend. Sonst wären ihm noch tausend gute Gründe eingefallen, den Start noch einmal zu verschieben. Die Umstände waren jedenfalls alles andere als gemütlich: Nieselregen, knapp über null Grad. Aber auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

Der ursprüngliche Plan sah vor, Tibet innerhalb von zwei Jahren zu erreichen. „Ich habe eine Landkarte genommen und mit einem lustigen Stift eine rote Linie gemalt“, erzählt der Weltenbummler von seiner Routenplanung. „Dann habe ich mir ausgerechnet, dass ich jeden Tag rund 16 Kilometer gehen muss, um es in dieser Zeit zu schaffen.“

Doch es kam alles anders. „Womit ich nicht gerechnet hatte, war diese unfassbare Gastfreundschaft“, schildert Stephan. „Ich war ja von den Medien geprägt und ein bisschen auch von meiner Mutter. Wenn man den Fernseher einschaltet oder die Zeitung liest, dann entsteht ja ein bestimmtes Bild: da ein Attentat, dort ist eine Bombe hochgegangen, immer wieder Tote und Verletzte. Man könnte meinen, die Welt ist schlecht.“

Aber egal, wo Stephan hinkam: Überall wurde er mit offenen Armen empfangen. Zu Essen und Trinken und Übernachtung eingeladen, nein, genötigt. Überall musste er dann doch noch ein paar Tage länger bleiben. Und die Wege nach Tibet wurden verschlungener als gedacht. Entgegen allen Prophezeiungen wurden „die Menschen immer freundlicher, je weiter ich in den Osten gekommen bin“, was auch daran gelegen haben mochte, dass Stephan Meurisch die sanfte Ausstrahlung eines Wanderpredigers mitbrachte und eine Geschichte, die zu fesseln wusste. Ein deutscher Tourist auf dem Weg zu Fuß nach Tibet das kann was, da will jeder mehr davon. Auch die Präsenz in Social Media hilft gelegentlich.



ERFAHRUNG 2
„ACHTE AUF DIE KÖRPERSPRACHE – SIE ERZÄHLT, WEM DU VERTRAUEN KANNST.“


Jedenfalls brauchte Stephan das mitgeführte Zelt praktisch nicht. Und den Campingkocher schickte er noch vor Überquerung der Karpaten in Rumänien zurück nach München.

Interessante Beobachtung: In jedem Land warnten ihn die Gastgeber eindringlich vor dem jeweils nächsten Land auf seiner Reise. Dort seien das Böse und das Verbrechen daheim, da müsse man aufpassen. „Irgendwann“, sagt Stephan und lacht, „hab ich nicht mehr darauf gehört, weil ich stets andere Erfahrungen gemacht hatte.“

So wie sich überhaupt alles, wovor er sich anfangs gefürchtet hatte, als entweder nicht so schlimm oder gar als großes Geschenk herausstellte. Zum Beispiel erwies sich die Sorge, sich mangels Sprachkenntnissen nicht verständigen zu können, als unbegründet. Erstens lernt man eine Sprache durch die Langsamkeit der Fortbewegung relativ rasch – drei, vier Monate, und das Rumänische ist einem ebenso geläufig wie Türkisch. Und zweitens erkennt man – und hier kommt das Geschenk – die Bedeutung der Körpersprache. Wer darauf achtet, sagt Stephan Meurisch, dem fällt es viel leichter „zu entscheiden, ob man einer Person vertrauen kann oder nicht“.

Ende Oktober, am 235.Tag seiner Reise, traf Stephan in Istanbul ein. Hier schien erst einmal End station zu sein. Denn alle Brücken über den Bosporus sind für Fußgänger gesperrt – zu viele Menschen hatten sich von ihnen in Selbstmordabsicht in die Tiefe gestürzt. Nein, keine Ausnahme,no way. Drei Wochen zog Stephan alle Register: Er sprach beim deutschen Botschafter vor; er nahm mit Presse und Fernsehen Kontakt auf, bis er es zu so etwas wie einem C-Promi gebracht hatte; er malte ein Pappschild mit der Aufschrift „Umarmungen: 1 türkische Lira“ (umgerechnet etwa 40 Cent) und verdiente sich mit der originellen Idee nicht nur das Abendessen, sondern lernte auch eine Menge Leute kennen (deren Freunde und Familien ihm in der Folge Übernachtungen in der ganzen Türkei über Monate hinweg sicherten). Den Weg nach Asien ebnete schließlich ein Journalist, der sich erinnerte, dass da ein Eisenbahntunnel in Bau war, der unter der Meerenge hindurchführte. Durch diesen Tunnel – er wurde ein Jahr danach eröffnet – marschierte Stephan Meurisch weiter und fühlte sich dabei „wie der König der Welt. Ich dachte: Was soll mich jetzt noch aufhalten?“

Eineinhalb Jahre verbrachte der Weitwanderer in der Türkei, passierte im August 2013 in Kappadokien die 5000-Kilometer-Marke, schlug in Trabzon an der Schwarzmeerküste während der Überwinterung beinahe Wurzeln, bevor er im Frühjahr 2014 nach Georgien weiterzog. Eigentlich wollte er ja zu diesem Zeitpunkt schon am Ziel sein, aber inzwischen hatten sich die Prioritäten der Reise ziemlich verschoben. Nicht mehr das Erreichen des Ziels war jetzt das Wichtigste, sondern die Begegnungen mit Menschen, die Schönheit der Natur.

Und als ihm im Iran ein Visum in die Quere kam – als Tourist darf man sich, wie sich herausstellte, maximal 90 Tage im Land aufhalten –, änderte Stephan Meurisch schweren Herzens seine Pläne. Um den Iran in dieser Zeit zu durchqueren, hätte er jeden Tag 40 Kilometer zurücklegen müssen, „da war mir wichtiger, Land und Leute kennenzulernen“.

Also entschloss er sich, Teile der Strecke per Bus, Zug oder Autostopp zurückzulegen.

Und als sie ihm an der pakistanischen Grenze eröffneten, dass der Transit nur in Begleitung eines bewaffneten Begleiters möglich sei, „hab ich Pakistan ausgelassen. Da hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn jemand sein Leben aufs Spiel setzt, um mich zu beschützen.“

Um über Pakistan drüber zu kommen, half nur noch ein Umweg: zurück in die Türkei und von Istanbul aus mit dem Flieger nach Indien. Von welchem Geld? „Mit dem, das ich mir in der Türkei als Sprachlehrer verdient und gespart hatte.“

Indien war dann eine einzige Herausforderung. Vor allem mental. Das fängt damit an, „dass du an der Grenze deine Privatsphäre abgibst. Du hast ständig sechs, sieben, zehn Leute hinter dir her, die folgen dir bis aufs Klo.“

Was Stephan Meurisch aber am meisten zu schaffen machte, war die auffällige Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber. „Da liegt ein Toter auf der Straße“, schildert er, „und ein Mercedes fährt vorbei, da sitzt einer mit einer goldenen Uhr drin. Das hat mich fertiggemacht.“ Nachsatz: „Drei Wochen lang hab ich versucht, das Land zu verstehen, irgendein System zu erkennen. Dann hab ich’s aufgegeben.“

Über Nepal erreichte der Weltenbummler nach knapp vier Jahren endlich Tibet. Eine enttäuschende Erfahrung: Alles, was ihm im Laufe der Reise wichtig geworden war – der Kontakt mit Menschen, die Begegnung mit einem Land –, ging in der chinesischen Provinz aufgrund behördlicher Auflagen nicht. Stephan musste sich einer Reisegruppe anschließen. Er bekam einen Aufpasser zur Seite gestellt. Außerdem war der Aufenthalt auf sieben Tage beschränkt.

Abgesehen davon stellte sich langsam bodenlose Traurigkeit ein: „Es war wie bei einem spannenden Buch. Irgendwann willst du, dass die Geschichte immer weitergeht. Und niemals aufhört.“ Und am Ende die große Frage: Was jetzt?


ERFAHRUNG 3
„WENN SICH DIE PRIORITÄTEN VERSCHIEBEN, ÄNDERE DEINE PLÄNE.“


Nach der Rückkehr (weil ihr fragt: Natürlich nicht mit dem Flugzeug, das wäre zu schnell gegangen. Per Anhalter) stellte sich schnell heraus: Die Reise hatte Stephan Meurisch derart verändert, dass an eine Fortführung des alten Lebens nicht mehr zu denken war. Ein halbes Jahr lang hat er versucht, in den Alltagstrott zurückzufinden, jedoch vergeblich.

Also hat er sich als „Weitwanderer, Abenteurer und Coach“ selbständig gemacht. Hat ein Buch geschrieben, das dieser Tage veröffentlicht wird. Hält Vorträge darüber, wie man ohne Geld durch die Welt kommt und warum man mit dieser Methode mehr interessante Leute kennenlernt. Und nächstes Jahr geht er wieder auf Reisen, diesmal mit seiner Partnerin Lilian, einer Gestalttherapeutin und Performancekünstlerin. Die beiden wollen von Deutschland nach Gibraltar wandern und dann per Anhalter mit einem Segelboot die Küste von Südamerika erreichen. Von dort aus soll es zu Fuß weiter nach Peru gehen (die Idee dazu kam interessanterweise von Lilian). Und wie lange soll die Reise diesmal dauern? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. „So lange wir brauchen.“

Vermutlich heißt das: Es soll niemals aufhören.

Stephan Meurisch: „Ich geh dann mal nach Tibet“, 288 Seiten, € 18,50 Knesebeck Verlag


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