Lesezeit ca. 7 Min.
arrow_back

Zu sauer bei Typ-1-Diabetes


Logo von Diabetes-Journal
Diabetes-Journal - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 25.11.2022

DIABETESKURS

HEFT 11/2022:

Sexualität – wenn im Bett nichts mehr geht

HEFT 12/2022:

Zu sauer bei Typ-1-Diabetes

HEFT 1/2023:

Die Niere bei Diabetes

Artikelbild für den Artikel "Zu sauer bei Typ-1-Diabetes" aus der Ausgabe 12/2022 von Diabetes-Journal. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Diabetes-Journal, Ausgabe 12/2022

Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl (Bad Kissingen) schreibt über die Diabetes-Therapie und alles, was sonst noch mit dem Diabetes zusammenhängt.

Symptome einer Ketoazidose werden oft nicht richtig eingeordnet.

Die Zuckerkonzentration im menschlichen Blut wird durch zahlreiche Mechanismen, vor allem Hormone, während unseres gesamten Lebens relativ eng gehalten: in einem Bereich von etwa 60 bis 160 mg/dl bzw. 3,3 bis 8,9 mmol/l. Eine bedeutende Rolle spielen dabei die Langerhans-Inseln in der Bauchspeicheldrüse. Hier werden die Hormone Insulin und sein Gegenspieler Glukagon produziert und entsprechend den aktuellen Blutzuckerwerten abgegeben. Da der Zucker lebenswichtig für viele Organe ist vor allem in strengen Grenzen für unser Gehirn –, ist das Aufrechterhalten seiner Konzentration lebenswichtig. Schwere Unterzuckerungen können akut lebensbedrohlich sein.

Aber auch die ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Diabetes-Journal. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Gemeinsam in ein besseres Jahr 2023. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gemeinsam in ein besseres Jahr 2023
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Blaue Ballons zeigen Balance-Akt mit Diabetes. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Blaue Ballons zeigen Balance-Akt mit Diabetes
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Lebensmittel-Check: Ohne Kiloplus an den Festtagen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lebensmittel-Check: Ohne Kiloplus an den Festtagen
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Spenden-Gala für unterschiedlichste Projekte und Initiativen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Spenden-Gala für unterschiedlichste Projekte und Initiativen
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Therapieziele gemeinsam erreichen
Vorheriger Artikel
Therapieziele gemeinsam erreichen
Abfall-Gedanken bei Diabetes-Technologien
Nächster Artikel
Abfall-Gedanken bei Diabetes-Technologien
Mehr Lesetipps

Aber auch die Entgleisung in die entgegengesetzte Richtung, nämlich nach oben, kann akut lebensbedrohlich sein – wenn sich dabei eine Ketoazidose entwickelt. Das Verhindern von Ketoazidosen stellt nach wie vor eine tägliche Herausforderung für Menschen mit Typ-1-Diabetes dar. Laut aktuellen Daten erreichen nur 20 Prozent der Kinder und 25 Prozent der Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes den angestrebten HbA1c-Wert – trotz aller moderner technischer Hilfsmittel. Menschliche Gründe und auch die Tatsache, dass die Insulingabe nicht wie bei Gesunden ins Blut, sondern ins Unterhautfettgewebe erfolgt, scheinen ursächlich zu sein. So ist auch nicht verwunderlich, dass auch das Entgleisen des Blutzuckers nach oben mit begleitender Ketoazidose auch heute noch vorkommt. Sie ist insbesondere beim Auftreten eines Typ-1-Diabetes bei Kindern nicht ungefährlich – potenziell sogar lebensgefährlich.

Typische Anzeichen

Obwohl das Thema Ketoazidose so wichtig ist und natürlich zu Beginn eines Typ-1-Diabetes besprochen wird, werden die Symptome oft nicht richtig eingeordnet. Bauchschmerzen und Übelkeit werden z.B. auf Unverträglichkeiten von Nahrungsmitteln oder Getränken geschoben. Im Prinzip ist die Diagnose einer Ketoazidose aber leicht stellbar: Sehr hohe Blutzuckerwerte (meist über 250 mg/dl bzw. 13,9 mmol/l), entsprechende Symptome sowie zwei- bis dreifach positiver Keton-Nachweis im Urin oder im Blut Keton-Werte von 0,6 bis 1,5 mmol/l (beginnende Ketoazidose), über 1,5 mmol/l (drohende schwere Ketoazidose) bzw. über 3,0 mmol/l (schwere Ketoazidose) sind wegweisend. Besonders typisch ist die vertiefte Atmung, mit der der Körper versucht, die sauren Substanzen im Körper durch „Abatmen“ loszuwerden. Diese vertiefte Atmung wird nach seinem Erstbeschreiber Prof. Dr. Adolf Kußmaul auch als Kußmaul-Atmung bezeichnet. Erste Warnzeichen wie Azetongeruch in der Atemluft, Übelkeit und Bauchschmerzen werden aber eben häufig falsch interpretiert, z.B. als Magenverstimmung.

Studien zeigen, dass bei Kindern in schlechteren sozialen Verhältnissen eine Ketoazidose nicht so schnell erkannt und dementsprechend behandelt wird. Wenn Kinder oder Erwachsene mit Typ-1-Diabetes mit einer Ketoazidose ins Krankenhaus eingeliefert werden, dann wurden meist die typischen Anzeichen nicht erkannt oder nicht gekannt. Beim ersten Auftreten eines Typ-1-Diabetes ist dies nachvollziehbar, weil Eltern und Erwachsene ohne Vorerfahrung die Anzeichen oft nicht kennen. Ist der Diabetes aber erst einmal bekannt, sind Schulung und regelmäßiges Training durch nichts zu ersetzen. Denn die ausgeprägte Ketoazidose ist ein internistischer Notfall – eine Behandlung auf einer Intensivstation im Krankenhaus ist deshalb normalerweise nötig.

Warum und wann entstehen Ketone im Körper?

Ketonkörper (Azetoazetat, Azeton und Beta-Hydroxybutyrat) entstehen im Körper beim Abbau von Fett. Sie können bei Menschen auch ohne Diabetes in Hungerphasen auftreten, aber ohne dass es zu einer Ketoazidose kommt. Bei Stefanie H., 43 Jahre alt, seit 20 Jahren Typ-1-Diabetes, hatte einen HbA1c-Wert von 6,2 % und war auch ansonsten bezüglich ihres Diabetes sehr konsequent. Sie hatte von einem guten Freund, der ebenfalls einen Typ-1-Diabetes hat, gehört, dass dessen Vater mit Typ-2-Diabetes etwas übergewichtig sei und nicht so konsequent wie sein Sohn bezüglich seines Diabetes nun eine neue Tablette wegen seines Diabetes bekommen habe, mit der er außerdem schnell abgenommen habe: einen SGLT-2-Hemmer. Dieses Medikament sei mittlerweile auch bei Typ-1-Diabetes zugelassen. Stefanie H. wollte dies unbedingt auch probieren. Tatsächlich hatte sie mit dieser neuen Tablette vor allem weniger Schwankungen ihrer Blutzuckerwerte.

Einige Wochen später klagte sie plötzlich über Bauchschmerzen, Übelkeit und Brechreiz ohne erkennbare Ursache. Der Blutzucker war bei etwa 240 mg/dl (13,3 mmol/l). Wegen der Übelkeit aß sie kaum etwas und reduzierte entsprechend ihr Insulin dafür. Stunden später ging es ihr so schlecht, dass sie ihren Bekannten anrief. Da sie kaum mehr ansprechbar war, wurde sie sofort ins Krankenhaus eingewiesen. Diagnose: Ketoazidose unter der Einnahme des SGLT-2-Hemmers. Mittlerweile ist dieses für die Behandlung des Typ-2-Diabetes gut geeignete Medikament wegen der Gefahr der Ketoazidose für Menschen mit Typ-1-Diabetes nicht mehr zugelassen.

Menschen mit Diabetes ist die Ursache normalerweise ein absoluter Mangel an Insulin, sodass der Körper auf Fett als Lieferant von Energie zurückgreift, weil der Zucker wegen des Insulinmangels nicht mehr in die Zellen gelangt. Die dabei entstehenden Fettsäuren werden im Rahmen der Beta-Oxidation im Körper zu Ketonkörpern abgebaut, wodurch sich eine Übersäuerung des Bluts und des gesamten Körpers entwickelt, denn Ketonkörper sind Säuren. Eine Ketoazidose kommt zwar nur bei maximal 8 bis 9 Prozent aller Patienten vor, ist dann aber häufig der Grund für ein Einweisen ins Krankenhaus. Sie entsteht manchmal innerhalb weniger Stunden.

Mögliche Auslöser einer Ketoazidose

Die Auslöser für eine Ketoazidose sind vielfältig. Selbst einfache Fehler bei der Insulininjektion wie das regelmäßige Spritzen in „Lieblingsstellen“, an denen bereits Fettgewebs-Wucherungen oder -Verluste (Lipohypertrophien oder Lipatrophien) entstanden sind, oder fehlerhafte Insulinpumpen, Katheter bzw. Kanülen können eine Ketoazidose auslösen. Gelegentlich lassen Menschen mit Typ-1-Diabetes bei Infektionen mit Fieber und vermindertem Appetit auch einfach die Insulingaben weg, obwohl sie weiterhin erforderlich sind. Da bei Fieber Stress-Hormone ausgeschüttet werden, die den Blutzucker erhöhen (z. B. Adrenalin, Wachstumshormon, Kortisol etc.), führt das zu einem zusätzlichen Anstieg der Blutzuckerwerte und einem höheren Bedarf an Insulin. Der Mangel an Insulin führt schließlich dazu, dass es zu einer Ketoazidose kommt.

Ketone im Blut oder im Urin messen?

Ketonkörper treten zuerst im Blut und erst mit etwa zweistündiger Verspätung im Urin auf.

häufige Auslöser einer Ketoazidose:

• Insulinmangel z. B. bei Neuauftreten eines bisher unbekannten Diabetes (meist Typ 1)

• vergessene oder ausgelassene Insulininjektion

• unbeabsichtigter Stopp der Insulinzufuhr bei Insulinpumpen (was wegen des fehlenden subkutanen Depots an Insulin schneller zu einem Insulinmangel führt als bei Insulinpen/-spritzen-Therapie), ohne dass ein Alarm ausgelöst wurde

• falsche oder ungenügende Insulindosis z. B. bei Infektionen, Operationen, Überfunktion der Schilddrüse etc.

• technische Fehler bei der Insulininjektion (z. B. Injektionen in Lipohypertrophien/Lipatrophien

Außerdem hat das im Urin gemessene Azetoazetat nur indirekt mit dem die Ketoazidose verursachenden Beta-Hydroxybutyrat, das im Blut gemessen wird, zu tun. Eine Ketoazidose wird also mit der Urinmessung später, manchmal zu spät, erkannt. Außerdem ist Azetoazetat oft noch im Urin nachweisbar, wenn die Ketoazidose im Blut bereits erfolgreich behandelt und das Beta-Hydroxybutyrat nicht mehr nachweisbar ist. Deshalb empfiehlt man heute insbesondere Menschen, die eine Therapie mit einer Insulinpumpe durchführen, das Messen der Ketonkörper im Blut bei Verdacht auf eine beginnende Ketoazidose. Denn durch ein Pumpen- oder Katheter-Problem (Leck, Verstopfung) kann es bei dieser Therapie rascher zu einer Ketoazidose kommen als bei einer Therapie mit Insulinpen oder -spritze.

Grundsätzlich gilt: Für jeden Menschen mit Typ-1-Diabetes ist es wichtig, in entsprechenden Situationen die Ketonkörper im Urin oder Blut zu messen – trotz des Verwendens neuerer Hightech-Produkte zur Insulingabe mit der Kombination aus Insulinpumpe und Glukosesensoren. So ließen sich auch viele Krankenhaus-Aufenthalte vermeiden – allein das Darandenken ermöglicht, mit der raschen Gabe von Insulin eine weitere Entgleisung des Kalium aus dem Blut in die Zellen, wodurch der Kalium-Spiegel im Blut sinkt und so lebensbedrohliche Herzrhythmus-Störungen auftreten können. Deshalb muss eine ausgeprägte Ketoazidose im Krankenhaus behandelt werden, weil die gleichzeitige Gabe von Kalium eine der wichtigsten zusätzlichen Maßnahmen neben der Insulinzufuhr darstellt. Bei beginnender Ketoazidose, die man – wenn man gut geschult ist – zu Hause in den Griff bekommt, kann die ergänzende Einnahme von Kalium (z. B. in Form von Brausetabletten) sinnvoll sein.

Für Menschen mit Typ-1-Diabetes ist es wichtig, in entsprechenden Situationen Ketonkörper zu messen.

Eine ausgeprägte Ketoazidose muss im Krankenhaus behandelt werden.

Therapie bei beginnender Ketoazidose und klarem Bewusstsein:

bei Blutketon-Werten von 0,6 – 1,5 mmol/l, Blutzucker über 250 mg/dl bzw. 13,9 mmol/l, typischen Symptome (siehe Tabelle), jedoch klarem Bewusstsein:

• mindestens 1 Liter Wasser pro Stunde trinken

• sofort kurz wirksames Insulin mit normalem Korrekturfaktor (etwa 10 Prozent der Insulindosis eines Tages) spritzen, bei Insulinpumpen-Therapie mit Insulinpen

bei Blutketon-Werten über 1,5 mmol/l:

• sofort kurz wirksames Insulin mit doppeltem Korrekturfaktor (etwa 20 Prozent der Insulindosis eines Tages) spritzen

• sofort einen Arzt informieren bzw. sich ins Krankenhaus fahren lassen

Zu schnelles Senken des Blutzuckers kann gefährlich sein

Ist ein Patient schon verwirrt oder benommen, darf Insulin grundsätzlich nur noch über eine Vene (intravenös) zugeführt werden. Im Koma ist die Durchblutung der meisten Gewebe schlechter und aufgrund dieser schlechten Kreislauf-Situation ist eine zuverlässige Aufnahme von Insulin aus dem Unterhautfettgewebe nicht gewährleistet. In der Klinik wird der Blutzucker mittels einer Insulin-Infusionspumpe (Perfusor) langsam gesenkt. Auf dem gleichen Weg werden Blutsalze (Kalium) und Flüssigkeit zugeführt und so wird die Übersäuerung des Bluts langsam reduziert. Das langsame Senken der Werte ist wichtig, weil es bei einem zu schnellen Absenken des Blutzuckerspiegels zu einem lebensbedrohlichen Hirnödem (Wasseransammlung im Gehirn) kommen könnte, was unbedingt verhindert werden muss.

Kontakt: Dr. Gerhard-W. Schmeisl // Internist/Angiologie/Diabetologie/Sozialmedizin // PrivAS Privatambulanz (Schulung) // E-Mail: dr.gerhardw@schmeisl.de

Zusammenfassung

Die Kenntnisse über das Entstehen und die Behandlung einer Ketoazidose sind oft nach vielen Jahren des Lebens mit Typ-1-Diabetes nicht mehr so präsent. Deshalb ist ein Auffrischen des Wissens über das korrekte sofortige Handeln extrem wichtig – auch trotz der zunehmend fortschrittlichen Wege der Insulintherapie. Allein durch das Denken an eine mögliche Ketoazidose könnten oft schwere Verläufe verhindert werden. Laut Helmholtz Zentrum München führen Ketoazidosen in etwa einem Prozent aller Fälle zum Tod. Schäden am zentralen Nervensystem mit Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen können bei einer Ketoazidose ebenfalls auftreten. Schulung und regelmäßiges Training sind deshalb durch nichts zu ersetzen!