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ZUHAUSE AUF ZEIT


Wohn!Design - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 01.09.2021

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Nüchtern betrachtet ist an diesem historischen Anwesen im quirligen Menaggio wahrscheinlich nur die äußere Hülle schlicht gehalten. Und ja, das behaupten wir ganz frech, ohne die weiteren zehn Appartements gesehen zu haben, in die die etwa 3.000 Quadratmeter große Villa Castelli vor wenigen Jahren aufgeteilt wurde. Die meisten davon stehen Feriengästen aus aller Welt offen und werden mittlerweile vermietet. So auch dieses Zuhause auf Zeit von Linda Allen und Darin Brown, einem kosmopolitischen Paar mit derzeitiger Homebase in Seattle.

Doch eins nach dem anderen, die Geschichte des historischen Gebäudes beginnt immerhin schon ein paar Jahrhunderte zuvor. 1731 legte Familie Castelli den Grundstein für die gleichnamige Villa im Zentrum des Städtchens und unweit der Seepromenade. Seinerzeit war sie eine der wichtigsten und einflussreichsten Familien des Ortes. Im Laufe der Zeit bot die Villa nicht nur ...

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... den Castellis ein adäquates Dach über dem Kopf, sondern auch manch illustrem Gast und der ein oder anderen zwielichtigen Persönlichkeit. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs diente sie Benito Mussolini, dem italienischen Politiker und späterem Diktator an der Spitze des faschistischen Regimes, für kurze Zeit als Unterschlupf. Auf seinem Weg zur Schweizer Grenzlinie rastete er an der Villa, als er versuchte, der Verfolgung durch die alliierten Streitkräfte zu entkommen. Als Mussolini weiterzog und schließlich die Grenze erreichte, wurde er von den Schweizer Beamten abgewiesen und kehrte für die Nacht in die Villa zurück. Nach späteren Forschungen und Untersuchungen des Gebäudes scheint es äußerst wahrscheinlich, dass er in dem Teil des Anwesens nächtigte, der heute Linda Allen und Darin Brown gehört. Ob das wirklich wahr ist, wissen wir nicht. Mussolini wurde bei seiner Abreise am nächsten Tag gefangen genommen, als eine Gruppe von Widerstandskämpfern ihn und seine Gefolgschaft anhielten und erkannten. Zwei Tage später wurde er in der 15 Kilometer entfernten Stadt Dongo hingerichtet. Die letzten 96 Stunden aus Mussolinis Leben, einschließlich der Tage, die er in der Villa Castelli verbracht haben soll, wurden in einem Artikel des „Life-Magazine“ vom 12. Januar 1948 nacherzählt. Bis auf ein Porträt des jungen Mussolini (und einem Abdruck der Geschichte) in der Küche erinnert heute glücklicherweise nichts mehr an diese denkwürdige Episode.

Von 2015-2017 wurde die Villa aufwendigen Renovierungsarbeiten unterzogen und in mehrere Appartements gesplittet, die auf drei großzügigen Etagen verteilt sind. Die Wohnräume von Linda Allen und Darin Brown liegen überwiegend in der ersten Etage. Von dort führt eine Wendeltreppe ins Erdgeschoss, über die man zwei Gästezimmer und ein Bad erreicht, das auch einen Zugang zum Garten hat. Insgesamt gibt es vier Schlafzimmer sowie vier Bäder, zwei davon en suite. Die Räume strahlen allesamt eine beeindruckende viktorianische Opulenz und Gemütlichkeit aus. Für ein Haus am Comer See mag das eine sehr ungewöhnliche Wahl sein, doch seine (Teilzeit-)Bewohner machen einen großartigen Gebrauch davon. Das Appartement umfasst auch den originalen „Great Room“ aus der Zeit, in der die Familie Castelli das Haus noch bewohnte. Heute beinhaltet es einen Mix verschiedenster Einflüsse, Epochen und Stile, die auf einzigartige Weise mit industriellen, Pop-Art-, antiken und modernen Designelementen auf einem Hintergrund aus faszinierenden Farben und dunklen Tönen kombiniert wurden. Wie das Paar aus Kanada an den Comer See gekommen ist? „Als wir 2008 nach Europa zogen, beschlossen wir, dass wir unbedingt auch ein Ferienhaus dort haben wollten. Wir dachten zunächst an Frankreich, weil Darin französisch spricht und wir die französische Landschaft sehr lieben, aber als wir an meinem Geburtstag den Comer See besuchten, verliebten wir uns sofort in die Gegend. Wir haben das Haus über Sara Zanotta von Lakeside Immobiliare gefunden – sie ist die Beste“, verrät uns Linda Allen. Das Paar ist sehr weltbürgerlich unterwegs: Sie lebten bereits in den USA und in Paris, ehe sie sich in London niederließen, wo Brown im digitalen Marketing tätig war und Allen als Schuhdesignerin für Marken wie Adidas, Nike, Dr. Martens und Hunter arbeitete. Mittlerweile leben sie in Seattle, wo Allen sich ihren beiden Leidenschaften, der Malerei und der Innenarchitektur, widmet. „Ich habe 25 Jahre lang Schuhe entworfen, aber Architektur und Innenarchitektur habe ich schon immer geliebt. Vor meiner Karriere als Schuhdesignerin habe ich sogar Möbel entworfen.“ Da ist es nur naheliegend, dass hauptsächlich Allen sich um das Design und die Einrichtung dieser Wohnung kümmerte: „Es war vor allem das Haus und die Epoche, die mich intuitiv führten. Der alte Kamin, die Fresken und all die Details haben mich inspiriert. Aber auch die Erfahrungen, die wir während unserer Zeit in Frankreich und Großbritannien machten. Es war eine Art Kollision von allem.“ Teile der Wohnung besitzen noch die originalen Kassettendecken und weisen handgemalte Fresken auf, die in ihrem ursprünglichen Aussehen wiederhergestellt wurden. Das Originalfresko im Wohnbereich war mit der Zeit beinahe gänzlich verblasst, doch die Eigentümer konnten es als Vorlage verwenden und haben es dort sowie in der Küche von den beiden lokalen Künstlerinnen Sara Ortelli und Daniela Traverso reproduzieren lassen. Auch die Decke im Arbeitszimmer wurde in ihren einstigen Zustand zurückversetzt und bekam einen neuen Anstrich, während die Fresken an einer der Wände noch original aus dem 18. Jahrhundert sind und nie angerührt wurden. Sie zeigen als Motiv das alte Mailand.

Die Hausherrin ordnete jedem Raum eine Hauptfarbe zu und ergänzte eine, höchstens zwei, weitere als zusätzliche Farbtupfer. Im Wohnzimmer stehen die Fresken in einer eigentümlichen Chromatik den beiden Grundfarben Blau und Rot gegenüber. Die kräftigen Farben der Kassettendecke im Office werden durch Grautöne an den Wänden abgeschwächt, während das von Damien Hirsts Schmetterlingen inspirierte Schlafzimmer in Ocker gehalten und ein weiteres in Rosa- und Kupfertöne getaucht ist. In der Küche dominieren Gold und Grau. Linda Allens Farbsymphonie funktioniert deshalb so gut, weil die moody Atmosphäre ein Gefühl von Gemütlichkeit und Geborgenheit erzeugt. „Es ist eher ein behagliches Nest. Sind Räume sehr hell gehalten, wir- ken sie irgendwie steril und kalt. Sind sie eher dunkel, können sie tatsächlich sehr warm und persönlich sein“, so Darin Brown. „Ich mag das Überraschende daran“, fügt seine Frau hinzu. Indem sie die Wohnung mit zahlreichen Vintage-Funden ausgestattet haben, fügten sie den Räumen noch mehr Atmosphäre hinzu. „Ich bin mittlerweile süchtig nach Auktionen geworden. Dort kann man Sachen entdecken, die man an anderen Orten einfach nicht findet. In London lebten wir in der Nähe eines Auktionshauses, und einige Stücke, die man in dieser Wohnung sehen kann, zum Beispiel die meisten der Gemälde, stammen von dort“, verrät Allen. „Wir haben im Laufe der Zeit begonnen Dinge zu sammeln“, so Brown und ergänzt: „Die meisten der Möbel kommen aus England und Frankreich. In der Nähe von Paris gibt es einen Markt namens Les Puces de Saint-Quen, ein sehr berühmter Flohmarkt. Dort kann man eine ganze Woche verbringen, wenn man will! Ein Coffee Table, der jetzt im Wohnzimmer steht, und auch die große alte Werkbank in unserer Küche stammen von dort.“ Der Kleiderschrank in einem der Schlafzimmer ist ein weiterer Vintage-Fund der beiden. Er war früher einmal Teil einer Ladeneinrichtung, bis Allen und Brown ihn zweckentfremdeten. Heute hütet er die Kleidung von Feriengästen, die sich in der Villa einmieten. Der Esstisch im Wohnzimmer ist ein antiker Bibliothekstisch, den das Paar dem berühmten britischen Händler Drew Pritchard abkaufte. Die meisten der Statuen im „Roman Room“ erwarben Allen und Brown bei Stoned & Plastered im Columbia Road Flower Market in London. „Einige davon sind zwar leicht beschädigt, aber wir mögen sie so“, erzählt Brown. Ein weiteres besonderes Stück ist nun Teil der offenen Reform-Küche: Die Wandvitrine stammt aus einem britischen Museum und wurde einst für die Präsentation von Schmetterlingen genutzt. Indem sie die japanische Yakisugi-Technik anwendeten, bei der Holz verbrannt wird, um es zu konservieren, fügte das handwerklich geschickte Paar dem Schränkchen eine zusätzliche persönliche Note hinzu. Auch den alten Plattenschrank im Arbeitszimmer hat Linda Allen selbst upgecycelt. „Da wir noch immer Schallplatten darin aufbewahren, wollte ich ihm einen psychedelischen Look geben“, erklärt sie. Fragt man die jetzige Interior Designerin nach ihrem Ansatz, Möbel und Stile unterschiedlichster Epochen so gekonnt zu mixen, lautet ihre bodenständige Antwort: „Ich liebe Antiquitäten und ich liebe die Moderne. Je nach Gebäude können sie auf unterschiedliche Weise zusammenkommen. Das Bauwerk und seine Epoche geben immer vor, was zu tun ist.“ Nun, das scheint ja recht einfach zu sein. ☐

Der „Roman Room“ ist – klar – nach den Statuen darin benannt. Die Eigentümer haben sie bei Stoned & Plastered in London gekauft. Bis auf „Blind Faith Stone“: Die originelle Kopf-Statue mit den Händen auf den Augen ist von The House of Artusa, ebenfalls aus London. Der Kleiderschrank links oben ist eine umfunktionierte alte Ladeneinrichtung.