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.Zuhören muss man lernen – und pflegen: Wie Lehrpersonen ihren Schülern zuhören können


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 01.07.2019

Wenn es in der Schule ums Zuhören geht, steht meist im Fokus, wie man Schülerinnen und Schüler dazu bringen kann, besser zuzuhören. Noch wichtiger wäre aber, über das Zuhören von Lehrpersonen zu sprechen – denn Lernen in der Schule gelingt nur, wenn Lehrkräfte sich aufs Zuhören verstehen und damit umgehen können. Was macht gekonntes Zuhören in der Klasse aus? Wie kann man es üben und gute Rahmenbedingungen dafür schaffen?


Über das Sprechen in der Schule wird viel nachgedacht und geschrieben — über das Zuhören dagegen vergleichsweise wenig. Und wenn überhaupt über Zuhören gesprochen wird, dann meist nur ...

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... darüber, wie man Schülerinnen dazu bringt, Lehrkräften oder Mitschülern besser zuzuhören. Übersehen wird häufig, dass das Zuhören gerade für Lehrkräfte eine zentrale Fähigkeit und eine Voraussetzung für ihren Berufsalltag ist. Aufmerksames und gekonntes Zuhören ist ein wichtiges Werkzeug für Lehrkräfte, es sorgt für Verstehen und Verständnis, für gelingende Kommunikation und Kooperation in der Unterrichtsund Schularbeit.


Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen geradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. (Kurt Tucholsky 1931)


Die erste Fertigkeit, die ein Mensch erwirbt, ist das Zuhören. Es ist die Fertigkeit, die neben Sprechen, Lesen und Schreiben im privaten wie im beruflichen Alltag am meisten verwendet wird. Aber anders als die letztgenannten Fertigkeiten wird dem Zuhören nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet: Es wird meist angesehen als schwer zu beeinflussendes Persönlichkeitsmerkmal (»man kann es – oder man kann es nicht«) oder als mit einer bestimmten Rolle oder Aufgabe verbunden (»er muss in seiner Position eben immer reden … nur zuhören «).

Dabei ist Zuhören ein komplexer und anspruchsvoller Vorgang: Es besteht aus der Auswahl, der Organisation und der Integration akustisch vermittelter Information (verbal oder nonverbal) und erfordert eine komplexe und aktive Leistung des psychischen Systems (Imhof 2003). Die Fertigkeit des Zuhörens entwickelt sich also nicht natürlich und auch nicht nebenbei, sondern sie muss – immer wieder und ein Leben lang – gelernt und gesichert werden. Besonders schwierig ist das für Menschen in lehrenden, (an-)leitenden und informierenden Berufen, in denen das Sprechen im Vordergrund steht und in denen etwas erklärt, berichtet oder erläutert wird. Zuhören kann hier schnell zum Generator für das eigene Sprechen reduziert werden, wenn nur gehört wird, was gesagt (oder geantwortet) werden soll. Realisieren Schülerinnen und Schüler, dass ihnen nur eingeschränkt und instrumentalisierend zugehört wird, hat dies wiederum Folgen für ihr Zuhören: Warum sollen sie jemandem zuhören, der ihnen nicht richtig zuhört? Warum sollen sie sich in Kommunikationsprozessen auf Mitschüler einlassen, wenn auch die Lehrperson dies nur oberflächlich oder mechanisch tut?


Die Fertigkeit des Zuhörens entwickelt sich nicht nebenbei, sie muss – immer wieder und ein Leben lang – gelernt und gesichert werden.


In der Schule wird die Bringschuld fürs Zuhören häufig bei Schülerinnen und Schülern gesehen: Wenn sie nur zuhören würden, könnte man sich als Lehrperson (endlich) auch einmal aufs Zuhören konzentrieren. Dass diese Position nicht haltbar ist, machen zwei Fragen deutlich: Was ist schlimmer: Schüler, die nicht zuhören – oder Lehrpersonen, die nicht zuhören können? Und wer ist verantwortlich dafür, dass im Unterricht zugehört wird? – Die Bringschuld fürs Zuhören in der Schule liegt bei den Lehrpersonen: Sie sind nicht nur Vorbilder oder Anleiter für gutes Zuhören, sondern sie steuern und gestalten den Unterricht vor allem auch durch ihr Zuhören. Gekonntes Zuhören kann Aufmerksamkeit, Aktivierung und Wertschätzung erreichen und häufig die Schüler besser ansprechen als verbale Interventionen.

Literatur

Bernius, Volker/Imhof, Margarete (Hrsg.) (2010): Zuhörkompetenz in Unterricht und Schule. Göttingen.
Huber, Ludowika/Kahlert, Joachim/Klatte, Maria (Hrsg.) (2002): Die akustisch gestaltete Schule. Göttingen.
Imhof, Margarete (2003): Zuhören. Psychologische Aspekte auditiver Informationsverarbeitung. Göttingen.
Tucholsky, Kurt (Kaspar Hauser) (1931): Der Mensch. In: Weltbühne (27), H. 24, S. 889–890.

Um Lehrpersonen bei der Aufgabe des Zuhörens zu unterstützen, sollen in diesem Themenschwerpunkt Ansätze, Arrangements und praktische Erfahrungen vorgestellt werden, wie man gezielt Zuhören einsetzen und die eigene Zuhörkompetenz verbessern kann. Zuerst stellt der Beitrag vonMichael Krelle ein Rahmenmodell vor, das Lehrpersonen für unterschiedliche Zuhör-Situationen und -Szenarien sensibilisiert und Hinweise zur Reflexion gibt. Der Impuls für eine Verbesserung des eigenen Zuhörens geht dabei nicht von der Zielsetzung aus, weniger zu reden, sondern genauer und differenzierter zuzuhören. Denn es gibt im Unterricht höchst unterschiedliche Aspekte und Formen des Zuhörens, die man zielgerichtet einsetzen kann – und muss. Dazu gehört auch, einen Rahmen fürs Zuhören zu schaffen und einen »Hörraum « zu gestalten, in dem Zuhörersignale aufmerksam wahrgenommen werden können.

Marie-Joan Föh geht dann im folgenden Beitrag auf das Lehrer-Zuhören in Lernprozessen ein. Für sie spielt das Zuhören eine besondere Rolle für Erfolg und vor allem Verbindlichkeit von Gesprächen im Unterricht. Durch klare Rituale setzt sie auf eine Struktur für ein schülerbezogenes Zuhören auf der Seite von Lehrpersonen, das geprägt ist von einer annehmenden Haltung und von einem Interesse für die Lern- und Arbeitsprozesse der Schülerinnen und Schüler. Ausgangspunkt ist eine Haltung, die auch die Bedeutung des Zuhörens in der Klasse unterstreicht und entsprechende Regeln und Rahmenbedingungen setzt.Föh zeigt in ihrem Beitrag auch, wie Lehrkräfte Strukturen im Unterricht und im Unterrichtsraum schaffen können, die das Zuhören beider Seiten erleichtern können.

Ein besonders geeignetes Instrument, Schülerinnen und Schülern zu signalisieren, dass man als Lehrperson aufmerksam und mit Blick auf Konsequenzen zuhört, ist das Schüler- Feedback.Corinne Wyss stellt es in ihrem Beitrag als ein Werkzeug für Lehrkräfte vor, um Lern- und Unterrichtsprozesse besser zu verstehen und dabei eine klar erkennbare Rolle als zuhörender Feedback-Nehmer einzunehmen. Daran anschließend gehtWolfgang Wildfeuer auf Gesprächssituationen von Lehrenden ein, in denen Zuhören besonders gefragt ist und auch sichtbar und nach bestimmten Regeln erfolgen muss: Zuhören im Klassenrat, bei Streitschlichtungen oder Moderationen ist eng verbunden mit einer klaren Wahrnehmung der eigenen Rolle als Lehrperson und der Position zum Gesprächsgegenstand. Hier müssen Lehrkräfte die Gesprächs- und Zuhörtechniken passend wählen.


Die Bringschuld fürs Zuhören in der Schule liegt bei den Lehrpersonen.


Einem speziellen Aspekt des Zuhörens wendet sichAndreas Dertinger zu: Er untersucht, wie neue digitale Medien das Zuhören verändern – weil sie ein über Algorithmen und Feedback gesteuertes automatisiertes Zuhören simulieren können. Der Autor sieht gerade angesichts dieser Möglichkeiten eines Pseudo-Zuhörens die Notwendigkeit, dass Lehrpersonen den Schülerinnen und Schülern als kompetente und authentische Zuhörende zur Verfügung stehen, die auf sie verstehend eingehen können.

Adolf Bartz widmet sich dann in seinem Beitrag einem weiteren und für Lehrpersonen besonders kritischen Bereich des Zuhörens: Er zeigt, wie Lehrpersonen in Konferenzen und Gesprächen aktiv und konstruktiv einander zuhören können, und schlägt einige praktische Schritte und Verfahren vor, dem Zuhören auch im Lehrerzimmer und auf Konferenzen einen angemessenen und geschätzten Platz zu geben. Wie Menschen in helfenden oder lehrenden Berufen besseres Zuhören lernen können, schildertAstrid Seeberger in einem Gespräch über ihre Erfahrungen in der Ärzte-Ausbildung und über die Notwendigkeit einer »schamlosen Neugier beim Zuhören«.


Warum sollen Kinder und Jugendliche jemandem zuhören, der ihnen nicht richtig zuhört?


Im abschließenden Beitrag vertieftGerhard Eikenbusch noch einmal die Perspektive, dass Zuhören eine wichtige Kompetenz bei der Arbeit von Lehrpersonen ist: Diese Kompetenz kann man systematisch aufbauen und erweitern, man muss sie aber auch pflegen durch Übung, Schaffung von Strukturen und vor allem auch durch Wertschätzung

Dr. Gerhard Eikenbusch ist Schulleiter (i. R.), Lehrerfortbildner und Mitglied der Redaktion von PÄDAGOGIK.
gerhard.eikenbusch@t-online.de