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ZUKUNFT: NO FUTURE!


Hohe Luft - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 12.03.2020

Langfristige Pläne funktionieren nicht mehr. Wir wissen nicht, was kommt; alles kann jederzeit anders sein. Zugleich scheint sich die Gegenwart im Rückwärtsgang zu befinden. »Morgen« verheißt nicht Aufbruch, sondern eher Ratlosigkeit. Sind wir zu dumm für die Zukunft (oder ist sie zu schlau für uns)?


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Bildquelle: Hohe Luft, Ausgabe 3/2020

Sarah Sze, Triple Point (Pendulum), 2013. Salt, water, stone, string, projector, video, pendulum, and mixed media. Dimensions variable © Sarah Sze Courtesy the artist, Victoria Miro and The Museum of Modern Art, New York Gift of the International Council of The Museum of Modern Art, Agnes Gund, Ronald S. ...

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Ein neues Jahrzehnt hat begonnen. Wir schreiben das Jahr 2020! Doch niemand begrüßt die - rein optisch - eindrucksvoll futuristisch anmutende Zahlenreihe mit Applaus. Von Euphorie ist nicht viel zu spüren. Zwar gibt es in Berlin jetzt ein sogenanntes Futurium, das zu Zukunftsvisionen anregen soll - allerdings mit Veranstaltungen, die schon mal den Titel »Wie viel Stadt macht uns krank?« tragen. In 2020 fürchten die einen die Klimakatastrophe und das Ende Europas, die anderen Migrantenflut und Genderwahn. Angesichts all dessen referieren Feuilletonisten und Podcaster lieber erst mal auf die Vergangenheit. Sie rufen »die neuen Zwanziger« als Neuauflage der alten aus. »Selten wurde ein neues Jahrzehnt mit so viel wohligem nostalgischem Schauer begrüßt, selten wurde so sehnsuchtsvoll zurück- statt nach vorn geblickt«, schreibt Florian Illies in der »Zeit«. Aber ist das wirklich so?

Das Jahr »2020« ist kein historisches Label wie die »Goldenen Zwanziger« - und doch scheint es vielfach so, als sei es eher ein clever konstruiertes »Brand« als ein Abschnitt innerhalb der realen Zeit. Ein exemplarisches Phänomen ist der deutsche Exportschlager »Babylon Berlin«. Die Erfolgsserie dreht die unbehaglichen Entwicklungen der Jetztzeit - von den populistischen Bedrohungen der Demokratie zu den Debatten über Identität und Finanzkapitalismus - so lange durch den Reißwolf des Storytelling, bis sie nur noch als harmlose, da virtuelle Analogien zu den weit entfernten 1920er-Jahren anmuten. Heraus kommen atmosphärisch stimmige Bilder, die den Betrachter in eine Art neohistorische Zeitkapsel einschließen. Wo er sich geborgen fühlen darf wie ein Embryo in der Fruchtblase; zumindest für die Dauer einer Episode, einer Staffel.

Längst umfasst der popkulturelle Retrotrend bei Serien, in der Mode oder der bildenden Kunst nicht mehr nur eine bestimmte Dekade, alle Dekaden scheinen jetzt en vogue: die Zwanziger, die Achtziger, die Neunziger, die Sechziger. An die Stelle des Neuen und Utopischen ist die Neuauflage des Alten getreten. Hat die Zukunft womöglich keine Zukunft mehr? Oder sind wir einfach bloß zu dumm für sie geworden?

In einem stimmen die Zeitdiagnosen überein: Wir leben in einer hochkomplexen, radikal beschleunigten, mehrdeutigen und von Ungewissheit geprägten Welt (im Management-Sprech: VUCA für volatility, uncertainty, complexity, ambiguity) - in einer Welt, in der es immer schwieriger wird, die Zukunft zu planen. Wir wissen nicht, was kommt; alles kann auch anders sein. Früher waren Lebensläufe mehr oder minder vorherbestimmt. Heute müssen wir jederzeit mit allem rechnen. Wir stehen auf »rutschenden Abhängen«, wie der Soziologe Hartmut Rosa meint. Wir sind Getriebene, die ständig aufpassen müssen, nicht zurückzufallen. Schuld daran sind die Globalisierung, der Kapitalismus - und natürlich die digitalen Technologien.

Zeiten der Krise und Ungewissheit gab es auch früher schon. Immer wieder mussten die Menschen lernen, sich auf radikale Veränderungen einzustellen - auf technologische und soziale Umbrüche, auf Kriege und Not. Doch vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte müssen wir uns heute fragen, ob wir mit den Veränderungen überhaupt noch kognitiv zurechtkommen. Womöglich stehen wir tatsächlich vor dem Zeitalter einer künstlichen »Hyperintelligenz« (James Lovelock), die uns Menschen in allen Belangen überlegen ist. Und damit vor dem Eintritt jener »Singularität«, die einige Futuristen seit Jahren prophezeien - einem Punkt in der technologischen Entwicklung, in dem sich der Fortschritt derart beschleunigt, dass alles Weitere nicht mehr vorhersehbar ist. Es wäre jener Punkt, an dem wir Menschen tatsächlich zu dumm sind für die Zukunft.

Unter dem Begriff »dumm« verstehen wir gemeinhin »unintelligent«, »unwissend« oder »minderbegabt«. Aber diese Definitionen sind nicht sehr aussagekräftig. Auch weniger intelligente oder begabte Menschen können sich schließlich informieren und bilden. Umgekehrt können hochintelligente, gebildete Personen derart dogmatisch und engstirnig sein, dass sie zu keinem vernünftigen Urteil imstande sind. Selbst ein »Philosoph« kann, so betrachtet, ein »Vollpfosten« sein.

Kant bestimmte die Dummheit einmal als einen »Mangel an Urteilskraft«, dem nicht abzuhelfen sei. Allerdings ist diese Urteilskraft relativ. Jemand kann in bestimmten Hinsichten klug sein, in anderen Hinsichten dumm. So können wir »zu dumm« für eine bestimmte Aufgabe sein. Wir können aber auch »dümmer« sein als andere Menschen oder Maschinen - und manche sind bekanntlich sogar dümmer, als die Polizei erlaubt. So betrachtet könnten wir in einem doppelten Sinn »zu dumm« für die Zukunft sein, nämlich einerseits zu dumm, um sie zu verstehen oder zu gestalten - und andererseits eben viel dümmer als die zukünftige Hyperintelligenz. Wir wären also gleich doppelt abgemeldet.

Vielleicht sind wir aber immerhin klug genug, um zu verstehen, warum wir relativ gesehen womöglich immer dümmer werden. Gehen wir von der behelfsmäßigen Definition aus, dass relative Dummheit ein Mangel an der jeweils nötigen »Klugheit« ist. In seiner »Nikomachischen Ethik« definierte Aristoteles die Klugheit (phronêsis) als »ein mit richtiger Vernunft verbundenes handelndes Verhalten in Bezug auf das, was für den Menschen gut oder schlecht ist«. Dabei dachte er wohl noch nicht an Big Data und künstliche Intelligenz. Gleichwohl kann man sich fragen, was Klugheit in unserer heutigen VUCA-Welt bedeutet - und radikaler: ob kluges Handeln in dieser Welt überhaupt noch möglich ist.

DER CYBERSPACE HAT DIE REALITÄT ANSCHEINEND VÖLLIG ABSORBIERT

Ein kluger Mensch, so heißt es bei Aristoteles, weiß nicht nur, was gut für ihn ist, sondern kennt auch die »rechten Mittel «, um sein Ziel zu erreichen. Wer sich aber einen Zweck oder ein Ziel setzt, der muss sich notwendig an der Zukunft orientieren. Klugheit und Zeit hängen zusammen. Wenn die Zukunft völlig ungewiss ist, dann können wir nur sehr eingeschränkt klug handeln. Erstens weil wir nicht wissen, ob wir unser Ziel erreichen. Zweitens weil wir nicht wissen, ob das Ziel das richtige ist. In einer komplexen, unsicheren Welt könnte sich das, was uns heute als »gut« erscheint, morgen als »schlecht« erweisen. Und was, wenn der Begriff »Zukunft « überhaupt seinen Sinn verliert, weil wir aus der Gegenwart gar nicht mehr herauskommen?

Die Zukunft sei einer Dunkelheit gewichen, klagte der Science-Fiction-Autor William Gibson kürzlich in der »Financial Times«. Einer Dunkelheit, die sein »kreatives Leben so sehr viel schwieriger« mache, ihn seines prinzipiellen Optimismus beraube. Gibson war es, der in den frühen 80er-Jahren das Wort »Cyberspace« prägte: Gemeint war die Halluzination eines computererzeugten Raums, von Gibson auch »Matrix« genannt. Heute, so scheint es, habe der Cyberspace als die virtuelle Realität des »Netzes« die übrige Realität nahezu vollständig absorbiert. An die Stelle des früheren, raumzeitlich strukturierten Gefüges historischer Abläufe sind Prozesse der Gleichzeitigkeit und Gegenläufigkeit getreten, die Jürgen Habermas’ Wort von der »neuen Unübersichtlichkeit « (1985) alt aussehen lassen.

In Wirtschaft, Politik und Gesellschaft scheint der unausgesprochene Konsens zu gelten, dass die bevorstehende Zukunft keinen Fortschritt bringen werde, sondern nur verschiedenste Rückschritte. Statt der quasikindlichen Faszination für moderne Technologien, wie sie etwa in alten »Star Trek«-Folgen deutlich wird, dominiert nun eher die Beklemmung. Autonome Waffensysteme, Cyberattacken und nicht zuletzt die Technologien der sozialen Medien alarmieren Menschen weltweit.

Die einen fürchten eine Überwachungsdiktatur, die anderen die flächendeckende Überflutung mit Fake News. Ein diffuses Gefühl des Unwirklichen hat nicht nur Schriftsteller wie Gibson erfasst. Vielen kommt es fast schon normal vor, die Welt als eine Art ununterbrochene TV-Serie zu betrachten, als kontinuierlichen Stream wechselnder Katastrophen mit der immer gleichen Botschaft: Es gibt kein Entkommen aus einer Zeit, in der sich anscheinend kaum mehr etwas ändert, obwohl jedem alles neu zu sein scheint.

Was sich geändert hat, ist unser Zeitempfinden. Die Vergangenheit ist nicht mehr abgeschlossen, sie wirkt in die Gegenwart nach. Wo man früher glauben konnte, dass sich Gegenwart und Zukunft organisch-teleologisch aus der Vergangenheit entwickeln, sieht man sich nun, wie der Germanist Hans Ulrich Gumbrecht meint, in einer »breiten Gegenwart« situiert. »Wie Disneyland sieht jetzt die Gegenwart aus: breit, bunt, etwas unübersichtlich und sehr voll«, so Gumbrecht. »Die Vergangenheit in dieser Gegenwart, das sind … Oberflächen, an denen man sich reiben, und Kulissen, durch die man gehen kann.« Es ist ein Jetzt, dessen Extension gefühlt so weit reicht wie der Cyberspace. Ins Unendliche.

IN EINER FESTGEFRORENEN GEGENWART VERBLÖDEN WIR

Für unser Zeitempfinden ist längst nicht mehr nur die vermeintliche »Beschleunigung« (Hartmut Rosa) und Diskontinuität von Ereignissen und Lebensläufen ausschlaggebend, sondern die dumpfe Überzeugung, die Zukunft sei irgendwie verschwunden: zwischen den Narrativen einer platten Erinnerungskultur, die Geschichte mit Story gleichsetzt, einerseits - und den verzweifelten Versuchen, zumindest auf individueller Ebene zu erhalten, reparieren und renovieren, was geht: den eigenen Status (sofern hoffentlich vorhanden). Die eigene Jugend, die eigene Gesundheit, die eigene Fitness.

In einer festgefrorenen Gegenwart gibt es am Ende auch keine Ziele und Zwecke mehr - und damit auch keine Klugheit. Wenn die Zukunft als Horizont gänzlich verschwindet, dann verblöden wir im Hier und Jetzt, jedenfalls aus einer teleologischen, fortschrittsorientierten Sicht. Wenn nichts mehr »wird«, dann wird’s auch nichts mehr mit dem Geist, der nach Hegel die Zukunft braucht, um sich zu entfalten. Die Frage ist allerdings, ob unsere »breite Gegenwart« nicht auch »zurückgewonnene Normalität« ist, wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann schreibt. Lange Zeit hätten sich die Menschen an der Vergangenheit orientiert; erst in der Moderne begann man, in die Zukunft zu sehen. Heute kehren wir nach Assmann in gewisser Weise wieder in die Gegenwart zurück - in die Zeit, in der wir leben. Können wir damit nicht einfach klarkommen? Was spricht dagegen, weniger Ziele und Pläne zu entwerfen - und sich mehr aufs Hier und Jetzt zu konzentrieren?

WIR LEBEN IN EINER ANDAUERNDEN HYPERAKTUALITÄT

Aus Sicht der Stoiker müssen wir uns ohnehin auf das konzentrieren, was in unserer Macht steht, denn das Vergangene ist vergangen, die Zukunft ungewiss. Nur die Gegenwart liegt in unserer Hand, alles andere ist insofern gleichgültig, weil wir nichts daran ändern können. Aus stoischer Sicht kommt es darauf an, wie wir über die Dinge denken. Von unserem Urteilsvermögen hängt alles ab. So gesehen wäre stoische Gelassenheit heute die Strategie der Wahl. Unser Selbst kann uns niemand nehmen. Wir können uns einfach in unsere »innere Festung« zurückziehen, statt über die Zumutungen der Welt zu klagen. Was immer auch kommt, wir können versuchen, das Beste daraus zu machen. Erst dadurch gewinnen wir aus stoischer Sicht die Freiheit (und die Zeit), uns um das Gemeinwohl zu kümmern. Die Frage ist allerdings, ob wir uns tatsächlich so von der Welt distanzieren können.

Wir leben nicht einfach nur in der Gegenwart, sondern in einer Art Hyperaktualität. Nichts ist einfach vorbei, alles wirkt nach, bleibt aktuell. Ein Facebook-Post von gestern bleibt in der Timeline, andere können sich darauf beziehen, uns dazu zwingen zu reagieren. Alles verschwimmt in einem Aktualitätsstrom - oder besser: in einer Vielzahl von Informationsströmen, die vergangen, gegenwärtig und zukünftig zugleich sind.

Es fehlt uns die kognitive Kapazität, diesen Aktualitätsstrom zu verfolgen, geschweige denn zu steuern. Die Konsequenz ist, dass wir stets nur ein fragmentarisches Bild bekommen. In der Welt der Hyperaktualität entscheidet unsere knappe Aufmerksamkeit darüber, wie viel Welt überhaupt an uns herankommt, was wir schlicht ausblenden und was nicht. Wir brauchen Aufmerksamkeit für alles, was wir erleben wollen, und das impliziert natürlich, dass wir all das nicht erleben, wozu uns die nötige Aufmerksamkeit fehlt. Und das können auch Dinge sein, die uns eigentlich wichtig sind.

Aber wenn das richtig ist, dann verlieren wir womöglich nicht nur die Fähigkeit, im Sinne von Aristoteles »klug« zu handeln »in Bezug auf das, was für den Menschen gut oder schlecht ist«. Wir verlieren auch das gelassene Urteilsvermögen der Stoiker - unsere »innere Festung«, die uns Zuflucht bietet, was immer in der Welt passiert.

Hyperaktualität ist für Menschen nicht wirklich lebbar, weil sie unsere kognitiven Möglichkeiten übersteigt. Wir können eben nur eine gewisse Menge an Informationen verarbeiten. Unsere Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource, die darüber entscheidet, was für uns überhaupt praktisch relevant ist. Das Wort »knapp« bezeichnet einen Mangel. Wenn etwas »knapp« ist, ob Zeit, Geld oder eben Aufmerksamkeit, dann besteht ein Missverhältnis zwischen unseren Bedürfnissen und unseren Ressourcen.

Knappheit verändert unser Denkvermögen, unsere »Bandbreite«, wie die Psychologen Sendhil Mullainathan und Eldar Shafir es nennen. Darunter verstehen sie die mentale Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten. Wir brauchen genügend Bandbreite, um Pläne zu verfolgen, richtige Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen. Wenn wir unter Knappheit leiden, zum Beispiel unter Zeitknappheit, dann sinkt unsere Bandbreite, ähnlich wie bei einem Computer, der immer langsamer wird, weil zu viele Programme laufen. Wir sind dann ganz auf eine Aufgabe fokussiert, mit der notwendigen Folge, dass wir alles andere ausblenden - und womöglich wichtigere, die wichtigsten Dinge vernachlässigen.

IST GOOGLE UNSER NEUES GEHIRN - UND WENN JA, IST DAS SCHLIMM?

Ist unsere »Bandbreite« zu gering, haben wir Probleme, vernünftig zu denken und zu handeln. Dann hören wir schlecht zu, urteilen voreilig oder vernachlässigen unsere Beziehungen. Wenn die These der beiden Psychologen stimmt, ist »Bandbreite« auch ein ethisches Problem. Der beste Plan ist wertlos, wenn uns die mentale Fähigkeit fehlt, ihn auch umzusetzen. Ohne ausreichend Bandbreite können wir womöglich überhaupt kein gutes, gelingendes Leben führen. So gesehen sind wir einfach deshalb »zu dumm« für die Zukunft, weil unsere Bandbreite nicht reicht. Dies ist kein Grund zur Resignation. Wir können wenigstens klug genug sein, das Problem zu sehen - und etwas dagegen zu tun. »Wir planen und managen unser Leben, aber nicht unsere Bandbreite«, schreiben Shafir und Mullainathan. Eines der Probleme unseres ständigen Getriebenseins ist, dass wir nicht das nötige kognitive Vermögen haben, um das Problem überhaupt konstruktiv anzugehen. Also müssen wir nach Shafir und Mullainathan zunächst versuchen, unsere Bandbreite zu erhöhen - zum Beispiel, indem wir möglichst viele Tätigkeiten automatisieren, sodass wir uns nicht mehr um sie kümmern müssen. Die philosophische These vom »erweiterten Geist« (extended mind) besagt, dass kognitive Vorgänge nicht auf unser eigenes Gehirn beschränkt sind. Wir können demnach unseren Geist auch »auslagern«, typischerweise an technische Geräte, sofern wir nur eng genug daran »gekoppelt « sind.

Was vor einigen Jahren noch als abwegige theoretische Spielerei erschien, ist für die meisten von uns längst selbstverständlich: Jeder Smartphone-Nutzer »weiß« die Telefonnummern seiner Freunde, obwohl er sie längst nicht mehr im eigenen Gedächtnis hat - er muss ja nur die entsprechende Kontaktinformation abrufen. Wenn die These vom »erweiterten Geist« stimmt, werden wir paradoxerweise nicht dümmer dadurch, dass wir selbst immer dümmer werden. Denn wo ist der Unterschied, wenn man eine Information bei Google abruft und nicht aus dem eigenen Gehirn, sofern man Google ständig zur Verfügung hat - was beim eigenen Gehirn bekanntlich nicht immer der Fall ist?

Denkt man das weiter, muss man am Ende nur noch wissen, wie man das Smartphone einschaltet - und vermutlich nicht einmal mehr das. Den Rest erledigen hyperintelligente Maschinen, die wissen, was für uns am besten ist. Das wäre dann die »Ankunft der Cyborgs «, einer Hyperintelligenz, die »für einen von uns so schwer zu verstehen ist wie die Komplexität unserer Welt für einen Hund«, wie James Lovelock in seinem neuen Buch »Novozän« schreibt. Und die Cyborgs hielten uns sogar für dumm wie Brot. Komplexere Aufgaben würden sie uns eher nicht anvertrauen - und vermutlich wir selbst uns auch nicht, wenn die Cyborgs das doch viel besser könnten. Aber: Könnten wir uns dann nicht anderen Dingen widmen, den Praktiken der Politik, der Freundschaft, der Liebe? Sinnlichen Erfahrungen im Hier und Jetzt, wie dem Sport, die unsere Sehnsucht nach Resonanz, Bewegung, Berührung erfüllen, die umso größer wird, je unwirklicher und ungreifbarer die Wirklichkeit ist? Und könnten wir dann nicht all unsere bescheidene Klugheit darauf verwenden, unser weiteres Überleben zu sichern?

Die Zukunft braucht uns Menschen nicht unbedingt. Aber wir brauchen die Zukunft. Ohne sie können wir nicht leben, auch wenn wir vielleicht zu dumm für sie sind. Und paradoxerweise brauchen wir sie erst recht, weil nur sie uns die Chance gibt, überhaupt je klüger zu werden. Wenigstens für diese Einsicht sollte unser Verstand reichen - in guter sokratischer Tradition zu wissen, dass wir nichts wissen.

Der hundertjährige Mediziner, Chemiker und Biophysiker James Lovelock ist nicht traurig angesichts unserer wahrscheinlichen Zukunftsunfähigkeit. Seine Vision braucht keine intelligenten Menschen, sondern intelligente Maschinen. Der dumme Mensch und der kluge Cyborg, die sich zusammenschließen, um die Erderwärmung zu stoppen, die beide gleichermaßen bedroht. Ist dies etwa kein Szenario, für das es sich zu leben lohnen wird?

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Die beiden Princeton-Psychologen entwickeln eine Theorie dazu, wie Zeit- oder Geldmangel unser Denkvermögen einengt.

Hans Ulrich Gumbrecht
BRÜCHIGE GEGENWART: REFLEXIONEN UND REAKTIONEN
Reclam, 2019
Eine Auswahl von zeitdiagnostischen Glossen und Artikeln des deutsch-amerikanischen Literaturwissenschaftlers.

James Lovelock
NOVOZÄN: DAS KOMMENDE ZEITALTER DER HYPERINTELLIGENZ
C. H. Beck, 2020
Die Zukunftsvision des Mitbegründers der »Gaia«-Hypothese.