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Zum Menschenbild der Anthroposophischen Medizin und Pflege


Kinderkrankenschwester - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 10.10.2019
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Foto: © Romolo Tavani – stock.adobe.com

Pflege bezieht sich immer auf ein bestimmtes Verständnis vom Menschen und seinem Verhältnis zur Natur, Kultur und Gesellschaft. Dieses Menschenbild hat weitreichende Folgen für die Pflegepraxis und die Berufsethik. Das anthroposophische Menschenbild hat den Anspruch rational begründbar und verstehbar zu sein. Dies gilt auch für die Bereiche, die dem engeren naturwissenschaftlichen Verständnis zunächst als prinzipiell nicht erkennbar gelten, wie z.B. der Bereich der nachtodlichen Existenz. Die anthroposophische Kinderärztin Michaela Glöckler, formuliert das so: „Anthroposophie arbeitet mit dem Paradigma, dass der Geist reale Wirksamkeit besitzt und das schaffende Prinzip ist, das in der materiellen Welt und ihren Gesetzen zum Ausdruck kommt. Aus diesem grundlegenden spirituellen Welt- und Menschenverständnis heraus ergeben sich auch für wissenschaftliche Fragestellungen neue Paradigmen, z.B. für den Zusammenhang von Leib, Seele und Geist…“

Dieser Zusammenhang kommt im Konzept der vier Wesensglieder des Menschen zum Ausdruck. Es ist der Ausgangspunkt für zahlreiche Therapieverfahren, die in der Anthroposophischen Medizin und Pflege angewendet werden.

Der Physische Leib

Wenn man den Menschen mit physikalischen und chemischen Methoden untersucht, gelangt man zu einer detaillierten stofflichen Analyse seines Körpers. Dabei erweisen sich anatomische Gestaltmerkmale sowie bestimmte stoffliche Quantitäten als typisch für den lebenden und gesunden, andere für den kranken oder toten Organismus. Der auf diese Weise beschriebene Körper wird in der anthroposophischen Geisteswissenschaft als der Physische Leib bezeichnet. Er zerfällt sobald der Tod eintritt in seine stofflichen Bestandteile, die der mineralischen Welt angehören. Durch den Physischen Leib erhält der Mensch eine räumliche Struktur.

Die Lebensorganisation oder der Ätherleib

„Leben“ ist im menschlichen Körper nicht auf die gleiche Weise zu finden wie das Gehirn oder das Blut oder Enzyme. Man entdeckt das Leben nur, indem man auf Tätigkeiten und Prozesse innerhalb eines Organismus blickt. Die einfachsten Erscheinungen des Lebens sind Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung. In lebende Organismen können unbelebte Stoffe aufgenommen und integriert werden, ebenso können unbelebte Stoffe ausgeschieden werden. Tote Gebilde können jedoch keine lebenden aus sich hervorbringen. Leben ist demnach eine dem Mineralischen übergeordnete Qualität. Sie gibt der Stoffwelt im lebenden Organismus eine eigene, unverwechselbare Gestalt. Stirbt der Organismus, zerfallen die in ihm integrierten Stoffe. Der einen lebenden Organismus erhaltende und sich fortpflanzende Kräftezusammenhang wird in der anthroposophischen Terminologie als Lebensleib oder Ätherleib bezeichnet. Außer dem Menschen verfügen Pflanzen und Tiere über einen Ätherleib. Lebensvorgänge entfalten sich in rhythmischen Zeitstrukturen.

Die Seele oder der Astralleib

Empfindungen kann man zunächst am Menschen oder am Tier als Reaktion auf einen äußeren oder inneren Reiz beobachten. In aktiver Bewegung, Mimik und Gestik erkennen wir Freude, Schmerz, Lust, Unlust, Begierde, Zufriedenheit etc… Wie für das Leben findet man auch für diese Empfindungen kein stoffliches Substrat, selbst wenn das Verhalten durch stoffliche Reize oder die Manipulation von Organen beeinflusst werden kann. Auch das Auftreten bestimmter Reizpotentiale im Gehirn oder das Auftreten bestimmter Hormonkonzentrationen sind nicht die Empfindung selbst, sondern nur die stofflichen Abdrücke für die Anwesenheit einer Empfindung. Anders als ein bloßer Wachstums- oder Stoffwechselvorgang ist eine Empfindung bewusst. Bewusstseinsvorgänge werden nur vom Subjekt, das sie hervorbringt, empfunden. Sie können von außen als Verhalten beschrieben, das Motiv des Verhaltens kann aber wiederum nur subjektiv mitgefühlt werden. Empfindungsvorgänge haben einen leibgebundenen Aspekt, wie der enge Zusammenhang zwischen dem Verhalten eines Tieres oder eines Menschen und der Zugehörigkeit zu seiner jeweiligen Art zeigt. Hier ist die Empfindungsorganisation eng an den Lebensleib (Ätherleib) gebunden. Im freien Anteil der Empfindungsorganisation entsteht subjektives Bewusstsein. Leibfreier und leibgebundener Anteil zusammen werden als Seele oder Astralleib bezeichnet.

Das Ich oder der geistige Wesenskern

Der Mensch definiert sich selbst durch sein Ich. Im Selbstbewusstsein erwacht er zu sich und stellt sich als Subjekt der Welt gegenüber. In vielen Situationen des Lebens hat der Mensch kein Bewusstsein von sich, z.B. im Schlaf, in der Angst, möglicherweise in der Demenz. Im Erwachen findet er jedoch sich selbst wieder als der gleiche, der er vor dem Einschlafen war. Dieses „Sich finden“ ist mitunter verzweifelt und schmerzhaft, oft gelingt es nicht. Aber gerade die Suche nach Identität mit sich zeigt die Anwesenheit des tätigen Ich-Wesens. Dieses Ich-Wesen erschafft sich eine Biographie, die das Integral der Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse, Gefühle und Taten des Subjektes ist. In der Biographie erscheint das Ich in seiner Zeitgestalt, in seinen Höhen und Tiefen, Erfolgen und Niederlagen, Wandlungen und Beständigkeit.

Wachen und Schlafen – Leben und Tod

Im Wachzustand sind die Wesensglieder Physischer Leib, Lebensleib, Seele und Ich eng miteinander verbunden. Deshalb ist uns die Unterscheidung der vier Wesensglieder im Selbsterleben nicht unmittelbar gegeben. Im Schlaf lösen sich Seele und Ich vom Physischen Leib und vom Lebensleib. Es tritt Bewusstlosigkeit ein, das Ich- Bewusstsein ist ausgelöscht, aber alle Vitalfunktionen bestehen weiter. Im Traum besteht zwar Bewusstsein, es ist jedoch nicht auf Sinneseindrücke bezogen, sondern es gewinnt seine Bilder aus Erinnerungsbausteinen, aus psychischen und leiblichen Prozessen, die in keiner unmittelbaren Beziehung zur Welt des Wachens stehen. Im Sterben trennt sich auch der Lebensleib vom Physischen Leib, so dass dieser, den Gesetzen der mineralischen Welt folgend, zerfällt. Auch der Lebensleib und die Seele lösen sich nach und nach in ihren Bereichen auf. Lediglich der Wesenskern, das Ich des Menschen, bleibt bestehen.

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Die vier Elemente

Das Konzept der vier Elemente (Erde, Wasser, Luft und Feuer) geht zurück auf die alte griechische Medizin. Damals erklärte man sich die Entstehung der Welt aus den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer. Heute finden sich diese Begriffe fast ausschließlich in der Charakterisierung der Aggregatzustände, dem Festen, dem Flüssigen, dem Gasförmigen und der Wärme. Die anthroposophische Menschenkunde sieht in den vier Elementen die Vermittler zwischen den nicht stofflichen Wesensgliedern Ich, Astralleib, Ätherleib und dem Physischem Leib. Jedes Wesensglied wirkt über ein bestimmtes Element im menschlichen Körper. Über die Elemente zeigt sich auch die Wesensverwandtschaft des Menschen mit den Naturreichen. Den vier Elementen wird in der Anthroposophischen Pflege besondere Beachtung geschenkt, weil durch sie eine Wirkung auf die Wesensglieder des Menschen erzielt werden kann.

Wärmeanwendungen wirken auf das Ich. Die Temperaturregulation durch Kleidung, Raumtemperatur oder Äußere Anwendungen dienen nicht ausschließlich dem subjektiven Wohlbehagen, sondern helfen der Ich-Organisation im Leib wirksam zu werden. Öleinreibungen oder Ölauflagen, reifungsabhängig auch mit dem Zusatz von Ätherischen Ölen unterstützen die Wärmeregulation.

Der Wärmeorganismus des Neugeborenen ist noch nicht ausgereift. Er bleibt noch bis in die frühe Kindheit instabil. Eine Ursache für das SID-Syndrom wird in einer Wärmestauung gesehen. Aber auch Unterkühlung kann schwere Entwicklungsstörungen verursachen. Wärme hat eine körperliche, eine seelische und eine geistige Seite. Seelisch tritt Wärme als Sympathie, Herzlichkeit, Begeisterung auf. Geistig erscheint Wärme im Interesse an Mensch und Welt.

Über das Luftelement kann man auf die Seelenorganisation wirken. Neben der Anregung der Atmung durch Äußere Anwendungen wirken Druck und Sog als Charakteristika des Luftelementes auf den Astralleib. Dies geschieht urbildlich bei den Rhythmischen Einreibungen. Verdichtung und Lösung, Anspannung und Entspannung sind die Pole in denen der Astralleib im Organismus wirkt.

Wasser belebt! Wasser ist die Grundlage des Lebens, und über das Wasser kann der Lebensleib angeregt werden. Bäder und Waschungen dienen deshalb nicht alleine der Reinigung, sondern im Besonderen der Belebung und Erfrischung. In der Rhythmischen Einreibung orientieren sich fließende und strömende Bewegungsformen an der Qualität des Wassers.

Die Erde und die mineralische Welt vermitteln Form und Festigkeit. Äußere Anwendungen mit verschiedenen Heilerden oder mit Salzen helfen Struktur zu bilden, gerade bei auflösenden Erkrankungen oder bei Konstitutionstypen, die zur Formlosigkeit neigen.

Gesundheit, Krankheit, Heilung

Bei einer Krankheit kann Ursache im Physischen Leib liegen. Die ist z.B. bei einer (genetisch bedingten) Fehlbildung oder einer Verletzung der Fall. Die chirurgische Korrektur der Fehlbildung, beispielweise bei einer Lippen-Kiefer- Gaumenspalte oder die Substitution eines nicht gebildeten Hormons (z.B. Insulin) oder die Ruhigstellung eines frakturierten Knochens oder der Verschluss einer Wunde sind Eingriffe auf der physischen Ebene. Heilung tritt auch bei Therapien, die an der Physis ansetzen jedoch nur ein, wenn die Lebenskräfte in der Lage sind die Wunde zu verschließen oder das substituierte Hormon zu integrieren.

Andere Erkrankungen haben ihre Ursache in den Lebenskräften selbst. Bei einem Frühgeborenen oder einem mangelernährten Kind können die Lebenskräfte schwach oder noch unzureichend ausgebildet sein. Es braucht nun Unterstützung durch eine Umgebung, in der es reifen kann oder durch Medikamente, welche die Lebenskräfte anregen. Wärmeregulation, Rhythmus und entwicklungsgemäße Ernährung sind die wichtigsten pflegerischen Interventionen auf diesem Gebiet.

Emotionaler oder physischer Stress schädigt die Lebenskräfte. Deshalb gilt es hier Stressoren zu minimieren und entwicklungsgemäße Anregungen der Sinnestätigkeit anzubieten, Geborgenheit herzustellen und Bindung zu ermöglichen. Seelische Prozesse werden in Relation zum körperlichen Entwicklungsstand des Kindes gefördert. Medienhygiene spielt heute hierbei eine bedeutende Rolle. Die Einbeziehung der Bezugspersonen in die Therapie und die Mitbehandlung des Familiensystems sind ein weiteres Feld auf dem sich eine ganzheitliche Pädiatrie entwickelt.

Entwicklungsschritte des Kindes werden während der Schwangerschaft in Tagen und Wochen gemessen, beim Säugling in Wochen und Monaten, beim Kleinkind in Monaten, beim älteren Kind in Jahren. Erst wenn beim Erwachsenen die körperliche Reifung abgeschlossen ist, haben sich körperliche- seelische und geistige Entwicklungen zunehmend voneinander entkoppelt. Diese Entkoppelung ist Grundlage der menschlichen Freiheit. Das Ich wird verantwortlich für Körper, Seele, Geist und die sozialen Beziehungen. Gerade die Kinderkrankenpflege hat die Aufgabe, diese Wechselwirkungen von Körper- Lebenskräften, Seele, Ich und sozialer Interaktion zu begleiten. Nach anthroposophischer Anschauung ist das Ich des Menschen unsterblich und auch „ungeboren“. Das Ich verbindet sich nach der Konzeption stufenweise mit dem Körper. Dieser Prozess ist auch mit der Geburt noch nicht abgeschlossen, sondern hält solange an, bis das Ich Leib und Seele ganz durchdrungen hat. Dieser Prozess wird „Inkarnation“ genannt. Im Laufe des Lebens nimmt das Ich wieder eine distanziertere Stellung zur Seele und zum Leib an. Wir können uns von uns selbst distanzieren und reflektieren. Im Tod löst sich das Ich wieder von Seele und Leib.

Diese Sichtweise erlaubt es, mit der Anwesenheit des Ich auch dann zu rechnen, wenn die Individualität durch körperliche oder mentale Behinderung nicht in Lage ist sich zu äußern. Die Wertschätzung und Inklusion von Menschen mit Behinderung haben in dieser Anschauung eine starke ethische Grundlage. Auch in diesem Sinne möchten Anthroposophische Medizin und Pflege einen Beitrag für eine Medizin der Würde geben.

Literatur

https://www.vfap.de/anthroposophische-pflege/das-anthroposophische-menschenbild; Abruf am 02.09.2019

Georg Soldner; Individuelle Pädiatrie; 2018, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart

AUTOR

Rolf Heine
Akademie für Pflegeberufe an der Filderklinik Haberschlaiheide 1 70794 Filderstadt

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