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Zum Reiten (lernen) ist man nie zu alt: Im Herbst des Reiter-Lebens


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 24.04.2019

Kann man mit 80 eigentlich noch reiten – oder mit 69 überhaupt erst damit anfangen? Wir beantworten Ihnen diese Frage jetzt schon mit einem klaren „Ja“! Aber lesen Sie ruhig weiter. Ein Plädoyer für das Reiten im hohen Alter und Geschichten aus dem wahren Senioren-Leben. Denn mit Pferden macht das Älterwerden doppelt Spaß.


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Bildquelle: Reiter Revue International, Ausgabe 5/2019

Dr. Inga Wolframm
ist Sportpsychologin, Buchautorin, Reiterin. Sie weiß, welche Ängste Reiter beschäftigen, egal, ob jung oder alt.


Dr. Christine Heipertz-Hengst
Sportwissenschaftlerin, Initiatorin von „Reiten als Gesundheitssport“, Reitlehrerin und leidenschaftliche ...

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Dr. Christine Heipertz-Hengst
Sportwissenschaftlerin, Initiatorin von „Reiten als Gesundheitssport“, Reitlehrerin und leidenschaftliche Jagdreiterin.


Den Wind durch graue Haar – fürs Foto ohne Helm – wehen lassen, mit dem Pferd die Natur genießen. Der Traum vieler Späteinsteiger.


Den besten Beweis liefert die Queen. Gerade 93 Jahre alt ist die Monarchin. Noch im November vergangenen Jahres gab es Aufnahmen von ihr, wie sie im Fellsattel durch den Park von Windsor ritt. Schade, dass sie uns für ein Interview nicht zur Verfügung stand. Oder erinnern Sie sich noch an den japanischen Dressurreiter Hiroshi Hoketsu, der mit sage und schreibe 71 Jahren bei den Olympischen Spielen in London an den Start ging? Oder der legendäre Hugo Simon, der mit 74 internationale Springen bewältigte. Und nicht zu vergessen, die vielen, vielen Menschen, die landauf und landab ihren Herbst des Lebens am liebsten auf dem Rücken der Pferde genießen. Weil man zum Reiten nie zu alt ist – und auch nicht zum Reiten lernen. Und warum?

Da kommt von Dr. Christine Heipertz- Hengst, Sportwissenschaftlerin aus Frankfurt, die Antwort: „Reiten ist weder ein reiner Kraft-, noch ein reiner Ausdauersport. Man kann auch mit reduzierten körperlichen Möglichkeiten diesen Sport tadellos ausüben. Deswegen können ihn Kinder ausüben – und ältere Menschen.“ Die Belastung beim Reiten ist dosierbar, von moderat bis anstrengend, vom gemütlichen Ausritt bis zur anstrengenden Dressurstunde.

„Das tut so gut“, werden wohl die meisten älteren Herrschaften im Sattel als Antwort geben, auf die Frage, warum sie eigentlich noch reiten. Es ist das Pferd, das den Menschen guttut. „Es ist das Gefühl, dran zu bleiben, am Leben, an der Gesundheit, an der Fitness, in der Gemeinschaft“, erklärt Heipertz-Hengst. „Dabei hilft das Pferd und gerade der Sport. Diese Ziele verfolgen die älteren Reiter auch.“

Jungbrunnen Reitsport

Koordination, Beweglichkeit, Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Konzentration – das alles braucht man beim Reiten. Mit steigendem Alter werden eben diese Fähigkeiten immer weniger. Typische Altersvorgänge. Bereits ab dem 30. Lebensjahr geht‘s bergab. Da nimmt die Belastbarkeit, also die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit, die Arbeit von Lunge und Herz, ab. „Je Jahrzehnt um zehn Prozent“, berichtet die Sportwissenschaftlerin. Ab dem 40. Lebensjahr nimmt der Kalksalzgehalt in den Knochen um etwa ein Prozent jährlich ab. Die Muskelmasse wird mit steigendem Alter weniger, genauso die Elastizität. Alles Punkte, die die Verletzungsanfälligkeit erhöhen. Alles Durchschnittswerte. Alles typische Altersvorgänge. Und alle lassen sich verlangsamen. Durch Reiten. „Gerade moderate, körperliche Belastung verzögert die Altersvorgänge beziehungsweise gleicht sie aus. Es ist auch nie zu spät, einzusteigen. Denn der alternde Organismus kann sich durch Training anpassen und wieder kräftiger und elastischer werden“, macht Christine Heipertz-Hengst Mut.

Reiten tut gut. Nicht nur der körperlichen Fitness. Auch der Seele und dem Geist. Reiten und der Umgang mit dem Pferd, ja, jede Interaktion mit diesen wunderbaren Tieren stärkt das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl. Es bestätigt, was man alles noch kann. „Ich glaube wir suchen alle in jeder Lebenslage nach einem bestimmten Grad der Erfüllung“, sagt Sportpsychologin Dr. Inga Wolframm aus den Niederlanden. Sie beschreibt die Selbstbestimmungstheorie, die sie im Fall der älteren Reiter besonders treffend findet. Die besagt, dass jeder Mensch drei Grundbedürfnisse hat: 1. Kompetenz, „ich möchte zeigen, dass ich noch was draufhabe“. 2. Autonomie, „ich möchte selbst wählen, wie ich meine Zeit gestalte“. 3. soziale Eingebundenheit, „ich finde diese Eingebundenheit, sowohl im Umgang mit dem Pferd, denn ohne geht es gar nicht, und gleichzeitig in der Stallgemeinschaft“, beschreibt Inga Wolframm. Im Stall gibt es oft viele verschiedene Menschen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Zielen, aber sie haben alle einen gemeinsamen Nenner: das Pferd.“

Eine der berühmtesten Seniorinnen im Sattel. 92 Jahre sind für sie noch kein Grund, mit dem Reiten aufzuhören.


Wenn Ängste entstehen

So unterschiedlich die Reiter, so unterschiedlich sind auch die Senioren unter sich. Die Bedürfnisse können völlig verschieden sein, hat Christina Heipertz-Hengst, die übrigens auch selbst leidenschaftlich gerne Senioren unterrichtet, festgestellt. „Da gibt es die alten Hasen, die auch noch gerne ein Turnier reiten oder eine Jagd. Dann gibt es die, die gerne wieder einsteigen wollen, und die, die es sich endlich gönnen möchten. Die wollen gepflegt reiten, wollen nett dabei aussehen, ein entsprechendes Pferd reiten. Die sind gerne in der Halle oder auf dem Platz unterwegs, reiten gerne mit Musik. Dort ist auch das Abteilungsreiten noch sehr viel beliebter als bei anderen Reitern“, beschreibt sie. „Die andere Gruppe will raus. Sie will ausreiten, sucht die Natur, bummelt durch die Landschaft lang und länger, macht Wanderritte. Wobei sich das alles nicht gegenseitig ausschließen muss. Das ist ja auch das Schöne an diesem Sport: die Vielfalt.“

Doch mit den Unterschieden wächst auch die Herausforderung an den Reitlehrer. Er muss einfühlsam sein, sicher und vertrauensvoll auftreten, er muss diese Zielgruppe mit Freude betreuen. „Die alten Hasen wissen oft vieles besser. Einsteiger sind sehr viel leichter zu führen“, bringt es Heipertz- Hengst auf den Punkt. „Aber Senioren sind auch kritisch, weil sie sicher sein wollen, dass sie richtig angeleitet werden, eine gute Ausrüstung vorfinden, das richtige Pferd an die Seite bekommen.“ Die Pferde sind oft der Schlüssel für ein spätes Reiterglück. Sie müssen empfindsam sein, aber nicht empfindlich.


„Diese Menschen wollen Seelenpferde haben, wollen ihnen Fürsorge angedeihen lassen.“
Dr. Christine Heipertz-Hengst


Für einen Späteinsteiger ist das Pferd in erster Linie hoch, es ist schnell, es ist ein Fluchttier und seine Reaktionen können überraschen. Der Reitlehrer muss auf diese Sorgen und Ängste eingehen. Und diese Ängste dürfen sein. „Angst“, so erklärt Inga Wolframm, „entsteht aus einer Gleichung aus einer möglichen Situation, dem eigenen Können und der Konsequenz, die sich daraus ergibt“, erklärt Inga Wolframm. „Wenn die Anforderungen in den eigenen Gedanken viel größer werden, dann ist die Gleichung so ungleich, dass Angst entsteht.“ Dann heißt es, die Anforderungen zurückzuschrauben oder die Situation entsprechend anzupassen. Was man als Reiter selbst tun kann, ist „die eigenen Fähigkeiten anzugucken und auf einen Zettel zu schreiben“, erklärt Inga Wolframm. „Gerade wir Frauen unterschätzen uns gerne. Aber wenn man sich aufschreibt, wie fit man ist und was man kann, hilft das oft, die Angst kleiner werden zu lassen.“

Ängste dürfen kein Geheimnis bleiben. Gegen Ängste helfen weder die Hauruck-Methoden noch Bachblüten- Kuren. Ängste zu bewältigen funktioniert, indem man sie erkennt, sich eingesteht, sie analysiert und gegenüber dem Reitlehrer verbalisiert, um gemeinsam zu überlegen, wie man mit ihnen umgeht. Für Späteinsteiger, die wollen, aber sich nicht trauen, können Schnupperkurse genau die richtige Wahl sein, um herauszufinden, ob man die Ängste auflösen kann und Reiten wirklich das richtige ist.

Viele Reitschulen haben sich mehr oder weniger auf eine ältere Klientel eingestellt. Die passende zu finden bleibt schwierig. Sich umhören und einfach mal bei einer Reitschule anhalten, beim Unterricht zuschauen, das kann schon mal für einen ersten Eindruck helfen. Man kann sich über die Reitschule erkundigen, eine gute Reitschule spricht sich herum. Aber auch das eigene Bauchgefühl ist nicht zu unterschätzen.

Ist die Reitschule wirklich auf die Bedürfnisse älterer Menschen eingestellt? Es gibt Reitschulen, die bieten Vorübungen an, zum Beispiel die Arbeit mit dem großen Gymnastikball, um das Mitfedern zu lernen und die Beckenbeweglichkeit zu fördern. Da gibt es mancherorts das Holzpferd, um die Höhe und den Sitz kennenzulernen. „Das Vermitteln von Bewegungserfahrung, ehe das gleich mit dem Pferd gemacht wird, braucht eine gezielte Methodik“, erklärt die Initiatorin für „Reiten als Gesundheitssport“, Christine Heipertz-Hengst. Funktionsgymnastik ist das Zauberwort: zum Beispiel, um die Spreizfähigkeit für das tiefere Einsitzen zu verbessern, oder um die Aufrichtung, die Haltekraft und die Beckenbeweglichkeit zu erarbeiten. Die Ansprüche der Senioren an den Reitunterricht sind unterschiedlich.

Die einen wollen lieber unter sich bleiben, weil sie das Gefühl haben, von den Jugendlichen belächelt zu werden. Andere bevorzugen die altersgemischten Ritte oder wenn der Opa mit dem Enkel ausreiten kann.

Der Reitlehrer muss genau auseinanderhalten: „Wer steht da vor mir als älterer Reiter?“ Ein alter Hase, der schon immer geritten ist, einfach weiterreiten und auf seinem Pferd alt werden möchte, oder ein Spät- oder Wiedereinsteiger.

Vom Ball aufs Pferd

Für viele Späteinsteiger ist beispielsweise der klassische Start an der Longe auf dem Zirkel womöglich schon ein Schritt zu weit und eine zusätzliche Herausforderung. „Ich mache ausgesprochen gerne Vorübungen und führe dann das Pferd durch die ganze Bahn, zum Beispiel am Langzügel. Dann erst kommt die Longe ins Spiel“, berichtet Christine Heipertz-Hengst aus der Praxis. „Wichtig ist auch, dass genügend Zeit für den Umgang mit dem Pferd ist. Diese Menschen wollen Seelenpferde haben. Es ist ihnen ein großes Bedürfnis, sich mit diesem großen Lebewesen zu befassen, Emotionen loszuwerden, Fürsorge angedeihen zu lassen.“

Humorvoll motivieren

Während jüngere Reitschüler lieber Abwechslung haben wollen, freuen sich ältere Reiter über vertraute Abläufe und bestimmte Rituale. „Die setzen mehr auf Bewährtes. Und da ist es auch mal eine pädagogische Maßnahme zu sagen: ‚Hey, jetzt machen wir aber auch mal was Anderes‘“, sagt Heipertz- Hengst. Damit der Senior auch mal seine Komfortzone verlässt. „Ein guter Reitlehrer will genau das mit ihnen machen, ist humorvoll, macht gute Stimmung und ist ein Vermittler in jedem Sinne. Er vermittelt sehr viel über Sprache. Senioren sind begierig auf Wissen. Aber die sprachlichen Anweisungen im Reitunterricht müssen klar und kurz sein.“ Bildhafte Sprache hilft Menschen aller Generationen, das Fühlen zu lernen. Aber für ältere Menschen sei es besonders wichtig, sie mal in Ruhe zu lassen, damit sie das umsetzen können und sich nur auf das Pferd zu konzentrieren. „Es sollte keine Laberstunde werden“, sagt Christine Heipertz-Hengst.

Gibt es eigentlich irgendeinen Grund, als älterer Mensch nicht zu reiten? „Man könnte einem Späteinsteiger schon eine ärztliche Untersuchung anraten, ob irgendwas gegen das Reiten spricht“, findet Christine Heipertz- Hengst. Rheuma, Arthrose, innere Erkrankungen, mangelnde Lungenfunktionen, Herz-Kreislauf-Probleme könnten Gründe sein – „allerdings lässt sich auch all das, wenn man es weiß, sehr gut berücksichtigen.“

Auf den folgenden Seiten lernen Sie Menschen kennen, die im hohen Alter noch immer aktiv reiten oder gerade erst damit angefangen haben. Weil es ihnen „so gut tut“. Denn mit den passenden Menschen und Pferden an der Seite, gibt es kaum einen Grund, im Herbst des Lebens, nicht doch noch mal in den Sattel zu steigen.


„Ich kann jedem Senior nur empfehlen: Traut euch! Auch wenn ihr nicht mehr Reiten könnt, alleine die Zeit mit den Pferden ist einfach wunderbar.“
Renate Buske


RENATE BUSKE, 80

Mein Leben lang war ich schon fasziniert von Pferden, hatte aber gleichzeitig immer ein bisschen Angst vor diesen großen, majestätischen Tieren. Auch wenn ich mich nie traute, näher heranzugehen, musste mein Mann auf unseren vielen Reisen und Wanderungen, die wir zusammen unternahmen, mit mir an jeder Koppel anhalten, um die Pferde zu beobachten. Als er starb, wusste ich, dass ich etwas machen muss, was meinem Herzen und meiner Seele guttut: Eine Bekannte von mir stellte glücklicherweise den Kontakt zur Reiterpension Marlie her. Schon nach den ersten drei oder vier Tagen war die Angst – zu meiner eigenen Überraschung – vollständig verflogen und ich war mit dem Pferdevirus infiziert. Also habe ich im Alter von 69 Jahren angefangen zu reiten. Besonders das Pferd Karim hat es mir angetan: Karimchen ist mit seinen 27 Jahren auch schon ein älterer Herr, aber immer noch top fit. Er ist ein absolut lieber und treuer Charakter, der auch mal Fehler verzeiht. Dabei ist er aber ganz aufmerksam und versucht hin und wieder mich auszutricksen. Am Anfang war Karim nicht sehr anhänglich und mochte es überhaupt nicht, wenn ihn jemand am Kopf berührte. Irgendwann aber ließ er sich von mir am ganzen Körper kraulen und legte sogar seinen Kopf auf meine Schulter: Dieser Augenblick, als Karim sich komplett entspannte und anfing, das Kraulen zu genießen, war mit Abstand der schönste Moment, den ich mit den Pferden hatte. Bis heute haben Karim und ich ein sehr enges Verhältnis und machen vom Reiten über Bodenarbeit bis zum Kuscheln alles miteinander. Sogar Fußballspielen und Joggen stehen bei uns auf dem Programm. Abends bekommt er dann als Belohnung immer geriebenen Apfel und Möhre. Das liebt er und wenn es ihm mal nicht schnell genug geht, fängt er an zu blubbern. Und ich genieße es einfach, ihm beim Fressen zuzuschauen.

Seit ich mich vor drei Jahren in Karim verliebt habe, fahre ich alle vier Wochen für eine Woche zur Reiterpension Marlie. Hier ist es wie in einer großen Familie und ich merke, wie das Reiten und der Umgang mit den Pferden mir einfach große Freude bereitet. Außerdem hilft es meinem Rücken, mit dem ich seit einem Bandscheibenvorfall Probleme habe. Ich reite aber auch nur im Schritt und im Trab – ehrlich gesagt habe ich gar nicht den Ehrgeiz, noch einmal im Galopp über die Felder zu fliegen. Mein Wunsch ist, dass es noch lange so bleibt wie es ist und ich viel Zeit mit meinem Karim verbringen kann. Ich kann jedem Senior nur empfehlen: Traut euch! Auch wenn ihr nicht mehr Reiten könnt, alleine die Zeit mit den Pferden ist einfach wunderbar.

HEINZ SCHATZLMEIER, 74


„Die Krönung war ein siebentägiger Wanderritt im Havelland, von Berlin nach Usedom.“
Heinz Schatzlmeier


Mein Leben lang habe ich gedacht, ich sei ein verhinderter Cowboy. Als ich 2007 einen Beitrag über Maren Brand mit ihrer kleinen Herde im Fernsehen gesehen habe, habe ich mir als 62-Jähriger eine Reitstunde geschenkt. Nach einer Sitzprobe auf „Lotti“ bot mir Frau Brand einen Ausritt zu zweit an. Das war eine geniale Idee und mein Einstieg. Es war ein herrlicher Frühlingstag, das Pferd roch gut, die Blumen blühten am Wegesrand und Lotti war so cool, sogar als ein Hund sie im Wald ansprang. Da war es um mich geschehen. Schon auf der Rückfahrt rief ich Frau Brand an und machte direkt den nächsten Termin für die nächste Reitstunde zwei Tage später aus. So begann also meine Reiterkarriere, fünfmal bin ich danach noch mit Lotti und Frau Brand ausgeritten und galt als talentiert. Mir wurde dann Kornack, der Herdenchef, zugewiesen und da begann dann der Ernst. Er schlug nach mir aus, wenn ich ihn putzte, Hufeauskratzen ging nicht. Ich dachte, das schaffe ich nie. Aber irgendwann berührte ich eine Stelle an seinem Körper und er stand still wie ein Lämmlein. Von da an ließ er sich putzen und gab immer brav die Hufe. Er wurde mein Reitpferd und ich musste – was ich schon ganz vergessen hatte – das Reiten lernen. Ich musste durch einige Höhen und Tiefen und oft meine Angst überwinden. Glücklicherweise bekam ich bei verschiedenen Reitlehrern guten Reitunterricht und ich machte langsam aber sicher Fortschritte. Ich besitze kein Auto und musste immer mit Bahn und meinem Rad zur Reitschule fahren. Das war anstrengend und zeitaufwändig, aber an keinem Tag habe ich es bereut. Jedes Mal nach der Reitstunde bin ich beglückt nach Hause gefahren.

Ich bin jetzt im zwölften Reiterjahr, 74-jährig, und habe seit sieben Jahren ein eigenes Pferd. Was ich mir erträumte, aber nie für möglich hielt, traf ein: Ich kann mit meiner Frau alleine ausreiten. Es gibt fast nichts Schöneres als in einer kleinen Gruppe durch den Wald, an Feldern und Wiesen vorbei, im Schritt und Trab oder auch mal in einem kleinen Galopp zu reiten und mit zufriedenen Pferden und Reitern zum Stall zurückzukehren. Natürlich gibt es noch Aufgeregtheiten, aber nachdem ich sie gemeistert habe, bin ich stolz auf mich und das Pferd. Ganz angstfrei werde ich nicht mehr werden, aber ich lerne aus jeder Situation und mein Pferd verlässt sich immer mehr auf mich. Nach wie vor nehme ich Reitunterricht, um mein Reitvermögen zu verbessern, das bin ich meinem Pferd und mir schuldig.

Die Krönung in meiner Reiterlaufbahn und der meiner Frau war ein siebentägiger Wanderritt im Havelland, von Berlin nach Usedom. Ausdauer und Leidenschaft haben dies möglich gemacht.

GÜNTHER SCHMIDT, 92

Angefangen zu reiten habe ich mit 67. Damals war ich schon zwei oder drei Jahre in Rente und habe mich ein bisschen gelangweilt. Als wir einen Bekannten besucht haben, der ein Pferd besaß, war ich zum ersten Mal tief beeindruckt von der Bindung, die ein Mensch mit einem Tier aufbauen kann. Diese tiefe innige Verbindung und die gegenseitige Rücksichtnahme waren später das, was mich immer wieder beim Reiten fasziniert hat. Meine Frau hat dann vorgeschlagen, dass ich doch auch reiten soll. Ich war am Anfang eher skeptisch. Dann hat sie mir zu Weihnachten einen Gutschein für eine Woche Reiterferien geschenkt – und am Ende dieser Woche stand fest: Ich brauche ein Pferd. So habe ich mir Cavallito gekauft. Cavallito war ein sechsjähriger Hannoveraner-Wallach und sehr menschenbezogen. Aber wie das bei jungen Pferden so ist, hatte er auch sehr viel Temperament. Nur wenige Monate nachdem ich ihn gekauft habe, hatten wir einen schlimmen Reitunfall: Cavallito scheute vor einem anderen Pferd und ich wachte erst einige Stunden später auf der Intensivstation auf. Viele sagten, ich solle mit dem Reiten aufhören und das Pferd verkaufen. In der Reha im Bayerischen Wald, fragte mich dann ein Arzt, nachdem er von meinem Unfall erfahren hat, ob ich wieder reiten würde. Als ich sagte, dass ich mir unsicher sei, erklärte er mir, dass ich schon morgen wieder auf dem Pferd sitzen würde. Die Klinik bot nämlich therapeutisches Reiten an. Nachdem ich eine Runde im Schritt geführt worden war, sagte ich der Therapeutin, dass sie mich ruhig loslassen kann – ab jetzt reite ich wieder selbst. Cavallito habe ich nie verkauft. 21 Jahre habe ich ihn geritten. Am liebsten waren wir in dem weitläufigen Gelände hinter unserem Stall unterwegs und haben die Natur bewundert. Ich erinnere mich noch gut an unser Hofturnier, wo ich in einer Dressur gut platziert war. Letztes Jahr am ersten Mai machten wir noch einen wunderschönen Ausritt mit der ganzen Stallgemeinschaft. Am nächsten Tag lag Cavallito auf der Weide und wollte nicht mehr aufstehen. Schlussendlich mussten wir ihn wegen einer Kolik gehen lassen. Danach wollte ich eigentlich meine Reithose an den Nagel hängen. Zurück zum Reiten kam ich nur, weil mich eine Frau von unserem Stall um Hilfe bat: Sie hatte sich ein Kutschpferd aus Polen gekauft und war schwer krank geworden. Jetzt suchte sie jemanden, der sich um ihr Pferd namens Alfa kümmerte. Da konnte ich nicht nein sagen.


„Diese tiefe innige Verbindung und die gegenseitige Rücksichtsnahme waren auch später das, was mich immer wieder beim Reiten fasziniert hat.“
Günther Schmidt


MARIE-THERES STEINMEIER-BEESE, 66

Ich bin eine Bauerntochter. Mit fünf saß ich schon auf dem Rücken unserer Ackerpferde. Dann kamen die Traktoren, die Ackerpferde verschwanden und mein sehnlichster Wunsch nach einem Pony oder Pferd wurde noch größer. Mein erstes Pferd hieß Schanze. Ich weiß noch, wie ich mit ihr zum Reitunterricht in den nächsten Ort geritten bin und wieder zurück. Ein kerniger Galopp im Wald durfte da nie fehlen.

Pferde begleiten mich nun schon mein ganzes Leben, auch beruflich. Ich habe später den Pferdewirt Zucht und Haltung gemacht und den Hof meiner Eltern übernommen. Ich bin liebend gerne Vielseitigkeiten und Jagden geritten – aber ich verbrachte auch viel Zeit auf dem Trecker und Mähdrescher. Das Jagdreiten hatte immer einen besonderen Stellenwert. Wir ritten als Piköre in der Meute Lipperland mit, gründeten später unsere eigene Meute. 25 bis 30 Hunde hatten wir, trainierten sie und bildeten die Pferde für Jagden aus. Wir waren fast jedes Wochenende auf einer Jagd.

Das mit der Reitschule ergab sich schleichend, 2008 haben wir mit der Meute aufgehört, aber nie mit den Pferden. Die Pferde spiegeln einen wieder. Wenn ich in ein Pferdeauge blicke, muss ich manchmal weinen. Es rührt mich. Und als es mit der Reitschule losging, habe ich die Pferde nochmal von einer neuen Perspektive kennengelernt. Wie sie alles für den Menschen richtig machen wollen.

Die unvergesslichen Momente waren alle Jagden bei Sauwetter. Aber eine Jagd werde ich wirklich nie vergessen: In Marbach musste ich drei Junghunde absuchen, dabei habe ich mich total verritten. Ticcino hieß das Pferd damals, ein Vollblut- Trakehner. Nach einer halben Stunde Umherirren ließ ich die Zügel lang und sagte „du findest den Weg bestimmt“. Er drehte direkt um und fand den kürzesten Weg zurück. Dabei war er das erste Mal in seinem Leben an diesem Ort. So sehr kann man sich auf Pferde verlassen.

Das Pferd meines Lebens war Avanti. Wir hatten sie selbst gezogen aus der Schanze. Sie wurde 33 Jahre alt, mit ihr bin ich Vielseitigkeiten und Jagden geritten, mit zwölf habe ich sie eingefahren. Sie war ein Pferd zwischen Genie und Wahnsinn. Für sie gab es kein Verweigern, sie hat immer mitgedacht. Ihr Wahnsinn, das war ihr Tempo. Am liebsten würde ich täglich reiten, aber das schaffe ich neben dem Betrieb meistens nicht. Das Reiten und die Pferde tun mir einfach gut. Meiner Seele, meinem Körper, meiner Haltung.


„Nach einer halben Stunde ließ ich die Zügel lang und sagte ‚du findest den Weg bestimmt‘. Er drehte direkt um und fand den kürzesten Weg zurück.“
Marie-Theres Steinmeier-Beese


JOACHIM RAGUSE, 69


„Mich fasziniert die Kombination aus Lebewesen, sich aufeinander einzustellen, eine Einheit zu bilden, seinen Sportpartner kennen zu lernen und irgendwann gut zu kennen.
“ Joachim Raguse


Mit 13 habe ich angefangen zu reiten, ein Ackerpferd. Aber ich habe bald wieder aufgehört, um mit 30 nochmal neu zu beginnen. Einmal in der Woche nahm ich Reitschulunterricht. Mit 34 kaufte ich mir mein erstes eigenes Pferd. Das war alles mehr Hobbyreiterei – bis mich eines Tages der Ehrgeiz packte. Von da an war ich immer auf A- und L-Niveau in Dressur, Springen und Vielseitigkeit unterwegs. Siebenmal im Jahr war ich bestimmt im Busch. Vielseitigkeiten reite ich noch immer, aber nur noch zwei im Jahr. Ansonsten reite ich vor allem Zwei-Sterne-A-Springen, mal ein L-Springen. Es muss noch halbwegs vernünftig aussehen, es soll keiner sagen, „ach, jetzt kommt der Opa wieder“. Deshalb reite ich lieber A und das dafür ganz erfolgreich.

Ich glaube, der sportliche Ehrgeiz spielt bei mir eine große Rolle. Wenn ich nur hinterherreiten würde, würde ich sicherlich nicht mehr aufs Turnier fahren, das würde mir keinen Spaß machen. Aber noch läuft‘s ganz gut. Rückblickend gab es einige schöne Momente auf Turnieren, zum Beispiel das Kreisturnier vor acht Jahren. Da habe ich vier Springen und eine Dressur gewonnen. Wohlgemerkt Dressur! Ein Journalist sagte damals ein bisschen provokativ, das wäre doch ein guter Zeitpunkt aufzuhören. Und natürlich habe ich mich selbst schon gefragt, wann es dafür Zeit ist. Erst mit 50, dann mit 55, dann mit 60. Doch dann habe ich für mich beschlossen, ich reite, solange man es sich noch ansehen kann. Mich fasziniert die Kombination aus Lebewesen, sich aufeinander einzustellen, eine Einheit zu bilden, seinen Sportpartner kennenzulernen und irgendwann gut zu kennen.

Mozart, ein polnischer Trakehner, ist das Pferd meines Lebens, ihn habe ich jetzt seit zehn Jahren. Anfangs hatten wir unsere Schwierigkeiten, er ist sehr nervig, wie ein klassischer Blüter: Erst tiefenentspannt und träge wie ein Diesel und sobald er warm ist, ist er an und kriegt wirklich alles mit. Ich habe viel von ihm gelernt. Zum Beispiel, dass es für ihn besser ist, zehn Pferde vor dem Start das Aufwärmen und Abspringen zu beenden und ihn ab dann nur noch Schritt zu reiten und etwas zu traben.

Ich reite fünfmal in der Woche, jeden Dienstag nehme ich Springunterricht, donnerstags Dressur. Ich habe mir mit meiner Frau den Traum erfüllt, mit Pferden am Haus zu leben. Wenn wir noch möglichst lang diesen Traum zusammen und gesund weiterleben dürfen, bin ich sehr dankbar und glücklich.

ALOIS THIEMANN, 80

kann. So war das halt früher: Bei uns auf dem Hof gab es keinen Traktor und Autos waren noch selten. Dafür hatten wir einige Arbeitspferde und auf denen haben wir Kinder natürlich geritten. Bei uns wurde es zur Tradition, dass ich am Sonntag nach dem Frühstück mit meinen Brüdern in den Wald ausritt – natürlich ohne Sattel. Ab da hat mich das Reiten nie wieder losgelassen. Diese Gemeinschaft mit dem Pferd als treuem Kameraden war für mich das Größte. Und es hält fit: Bis heute brauche ich keine Muckibude und wenn ich mal Rückenschmerzen habe, steige ich einfach in den Sattel und sie verschwinden wie von alleine.

Dabei war ich nie ein großer Turnierreiter, mir fehlte die Zeit. Ich glaube ohne meine Frau hätte ich deswegen auch irgendwann mit dem Reiten aufgehört. Sie ist aber selbst passionierte Reiterin und so konnten wir uns immer gegenseitig motivieren. 2002 haben dann ein paar Männer in unserem Reitverein die Gruppe „1968 und älter“ gegründet. Das geschah eigentlich nur aus Spaß heraus, weil die Väter der Ponykinder mal am eigenen Leib erleben wollten, was ihr Nachwuchs da so treibt. Mittlerweile reiten wir jeden Samstag zusammen aus und machen außerdem einmal im Jahr eine große Tour. Am Anfang war unsere Männergruppe noch in der Umgebung, beispielsweise in Haren oder in der Heide unterwegs. Mittlerweile waren wir sogar schon zweimal in Polen, auf dem Gräfin-Dönhoff- Trail und in den Karpaten. Mit einem Reiseführer waren wir jeweils sechs Tage auf Leihpferden unterwegs, einige Ersatzpferde liefen sogar frei neben uns her – das war ein einmaliges Erlebnis. Gerne würde ich auch noch einmal nach Island fahren, um dort zu reiten. Da ich aber Herzprobleme habe, traue ich mir so eine weite Reise nicht mehr zu.

Genauso gerne bin ich aber auch mit meiner Frau und mit meinen beiden Enkelkindern im Gelände. Die sind, genau wie meine eigenen Kinder, natürlich schon längst mit dem Pferdevirus infiziert. Wir haben uns auch den Traum erfüllt, die Pferde auf dem eigenen Hof zu halten, zeitweise haben wir sogar gezüchtet und Pensionspferde betreut. Mittlerweile haben wir aber nur noch die beiden Ponys meiner Enkel und meinen Solero, da das Pferd meiner Frau letztes Jahr verstorben ist. Solero habe ich seit sieben Jahren und er wurde damals als Kutschpferd an mich verkauft. Manchmal fahre ich auch heute noch einspännig mit ihm, aber meistens reiten wir gemeinsam. Solero hat sehr viel Energie und auch einen kleinen Tick: Obwohl wir selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb haben, mag er bis heute keine Trecker. Aber jedes Pferd hat ja so seine kleinen Macken. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass meine Frau ein neues Pferd findet, damit wir wieder gemeinsam ausreiten können. Denn wenn man sich sein Hobby teilen kann, ist es gleich viel schöner.


„Bis heute brauche ich keine Muckibude und wenn ich mal Rückenschmerzen habe, steige ich einfach in den Sattel und sie verschwinden wie von alleine.”
Aloys Thiemann


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