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ZUM SIEGEN VERDAMMT!?


Motorsport-Magazin.com - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 21.02.2019

2019 KÖNNTE FÜR SEBASTIAN VETTEL EIN SCHICKSALSJAHR WERDEN. ERSTMALS MUSS ER BEI FERRARI NICHT NUR GEGEN DIE KONKURRENZ, SONDERN AUCH GEGEN DEN EIGENEN TEAMKOLLEGEN KÄMPFEN. IM WINTER WURDEN DIE WEICHEN IN MARANELLO NEU GESTELLT.


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»Um ehrlich zu sein, werde ich nach diesem Jahr einfach alles ausschalten. Ich brauche Zeit für mich selbst. Es war ein ziemlich schwieriges und anstrengendes Jahr für mich, ich brauche jetzt definitiv Abstand.« So lauteten die ernüchterten Worte von Sebastian Vettel nach dem letzten Saisonrennen 2018. Dabei sagen die Zahlen etwas anderes: Fünf Siege, ...

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... fünf Pole Positions, 320 Punkte, WM-Rang zwei. Es war Vettels erfolgreichste Saison der letzten fünf Jahre. Nur seine vier Weltmeister-Jahre bei Red Bull liefen statistisch gesehen besser. Aber Vettels Reaktion auf die insgesamt überdurchschnittliche Saison spricht Bände. Noch immer braucht der 31-Jährige diesen Ferrari-Titel. Diesen Titel, der vermeintlich mehr wert ist, als all seine Red-Bull-Titel zusammen. Noch immer haftet das Image an ihm, zwischen 2010 und 2013 nur im besten Auto gesessen zu haben. Ein Titel mit Ferrari wäre die beste Antwort. Eine Antwort, die auch den letzten Kritiker verstummen lassen würde. An der monströsen Aufgabe, den WM-Titel nach Maranello zu holen, verzweifelten schon unbestrittene Formel-1-Größen wie Alain Prost oder Fernando Alonso.

Doch warum war 2018 so schlimm für Vettel? Es ist die Art und Weise, wie ihm und Ferrari der WM-Titel entglitten ist. Zum Auftakt noch glücklicher Sieger, mauserte sich Ferrari zur Sommerpause zum stärksten Paket. Erstmals in der Geschichte der Hybrid-Ära war Mercedes regelmäßig auf Ausrutscher der Konkurrenz angewiesen, betete wie in Ungarn für Regen. Gleichzeitig wurde die Legalität des Ferrari angezweifelt - ein Indiz dafür, wie stark Ferrari wieder geworden war. Doch dann kam Hockenheim. Eigentlich war alles angerichtet für die großen Vettel-Festspiele. Noch nie konnte Vettel sein Heimspiel gewinnen. Heppenheim und Hockenheim trennt nicht nur akustisch recht wenig, sondern auch geografisch. Gerade einmal 44 Kilometer liegt der Hockenheimring von Vettels Elternhaus entfernt. Vettel im Ferrari, Vettel im WM-Kampf: Erstmal seit einem Jahrzehnt pilgerten wieder Massen zum Deutschland GP. Motodrom und Co. meldeten ausverkauft, kein Sitzplatz war mehr zu haben. Vettel holte Pole, Hamilton und Mercedes patzten im Qualifying. Startplatz eins für den Lokalmatador, Startplatz 14 für Lewis Hamilton. Und dann das große Drama: in Führung und auf Meisterschaftskurs liegend fliegt Vettel mit einem Fahrfehler ab, Hamilton siegt.

Warum Hockenheim 2018 noch immer so wichtig ist? Weil Hockenheim der Anfang vom Ende war. Nach dem Deutschland GP gewann Vettel nur noch ein Rennen, die Weltmeisterschaft ging im Eiltempo verloren. Es war jenes Wochenende, an dem Ferrari-Präsident Sergio Marchionne abgelöst wurde und nur wenige Tage später verstarb. Es war jenes Wochenende, als Ferrari seinem WM-Anwärter eine nur logische Stallregie versagte und ihn somit in den späteren Fehler trieb. Kimi Räikkönen, Vettels Teamkollege, fragte selbst, ob er den Deutschen nun passieren lassen sollte. Doch da war es eigentlich schon zu spät. Ferrari-Teamchef Maurzio Arrivabene verlor in der Presseaussendung kein Wort über Sebastian Vettel. Es sollte nicht Vettels einziger Fehler in der Saison bleiben. Es sollte aber auch nicht mehr viele Wochenenden geben, an denen Ferrari der Konkurrenz Performance-technisch davonfuhr. Der Sommer sollte eine entscheidende Zeit für Ferrari werden, den Auftakt dazu machte Hockenheim.

Der WM-Titel entglitt dem roten Gespann immer weiter. Ferrari verlor Performance, Vettel versuchte Rückstand und fehlende Performance mit Einsatz zu kompensieren und übertrieb es dabei. Teamchef Maurizio Arrivabene machte als Krisen-Manager keine gute Figur. Lange Zeit versäumte er es, sich klar hinter Vettel zu stellen. Unvorstellbar in einem Teamgefüge wie bei Mercedes. »Gerade Hamilton ist eine unglaubliche Diva und das hat Mercedes längst erkannt«, meint -Experte Christian Danner. »Deswegen behandeln sie ihn genau so, wie er behandelt werden muss, um seine optimale Leistung abzurufen. Auch wenn sich manchmal der Strategiechef am Funk in den Staub wirft und seinen Fehler zugibt, Hauptsache Hamilton ist zufrieden. So weit denkt bei Ferrari kein Mensch. Gut, Vettel ist ein stabilerer Typ als Hamilton, was die Psyche angeht. Aber so ganz gefeit ist der auch nicht, und man hat ja gesehen, wie fertig er gegen Ende des Jahres war. Die Spuren waren sichtbar.«

Zu allem Überfluss verliert Vettel 2019 auch noch seinen treuersten Verbündeten im Team: Kimi Räikkönen. Marchionne hatte vor seinem Tod noch den Wechsel von Charles Leclerc eingefädelt. 2018 in Monza war es den Involvierten dann klar, dass es so kommen würde. Statt Vettel den Rücken zu stärken, macht man ihm mit Leclerc im Rücken Druck wie einst Alonso mit Räikkönen. Zusammen mit der stark abfallenden Performance in der zweiten Saisonhälfte sind all das keine guten Vorzeichen für 2019. »Leclerc ist ein Ferrari-Mann! Diese Grundstimmung in der italienischen Presse aber auch bei Ferrari selbst ist nicht zu verachten«, erklärt Danner. »Das ganze politische Gebaren mit Nicholas Todt als Manager und alles. Sie haben diese Klaviatur im Griff. Sebastian ist also vorgewarnt. Und ich sage ganz ehrlich: Zu einem gewissen Punkt ist das eine Make-or-Break-Geschichte für Sebastian.«


»LECLERC IST EIN FERRARIMANN! DIESE GRUNDSTIMMUNG IN DER ITALIENISCHEN PRESSE ABER AUCH BEI FERRARI SELBST IST NICHT ZU VERACHTEN«, ERKLÄRT DANNER. »DAS GANZE POLITISCHE GEBAREN MIT NICHOLAS TODT ALS MANAGER UND ALLES. SIE HABEN DIESE KLAVIATUR IM GRIFF.«


Vettel ist 2019 zum Siegen verdammt - zumindest teamintern. Das Projekt, sogar seine Karriere stehen auf dem Spiel. Eine teaminterne Niederlage gegen das neue Ferrari-Kronjuwel könnte seinen Status endgültig kippen. Aber der Winter hat Vettel geholfen. Nicht nur, seinen Akku zu laden und Abstand von den Geschehnissen 2018 zu gewinnen, sondern auch politisch. Teamchef Maurizio Arrivabene musste seinen Hut nehmen. Offiziell wurde im Einvernehmen mit dem Italiener der Ende 2018 ausgelaufene Vertrag nicht verlängert. Das mag formal stimmen, doch ganz reibungslos verlief die Staffelstabübergabe nicht. So ist es keine Überraschung, dass mit Mattia Binotto ausgerechnet Arrivabenes schärfster Widersacher sein Nachfolger wurde. Zwischen dem Technischen Direktor und seinem Teamchef soll es in der Vergangenheit schon mehrfach gekracht haben. Arrivabene mochte es nicht besonders, wenn man sich in seinen Job einmischte. »Manchmal nimmt er zu viel auf sich. Manchmal muss man ihn dazu drängen, dass er sich auf die wichtigste Arbeit konzentriert«, sagte Arrivabene einst, als sich Vettel zu sehr um Teambelange zu kümmern schien. Arrivabene bekam die wichtigen Entscheidungen ohnehin von Präsident Marchionne diktiert, Insider bezeichneten den Teamchef als Marchionnes Marionette.

Sebastian Vettel setzt seine Mission WM-Titel mit Ferrari fort


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Die Roten stehen 2019 unter Druck


Vettel hat seinen fünften WM-Titel im Visier


Ferrari arbeitet hart daran, erneut ein schnelles Auto zu bauen


Vettel möchte 2019 wieder öfter Champagner verspritzen


Der Fehler von Hockenheim vefolgte Vettel im Vorjahr


Mischt Ferrari 2019 wieder im Titelkampf mit?


»Das Team ist stark und es hat Potential. Aber sicherlich sind einige Dinge innerhalb des Teams passiert«, sagte Sebastian Vettel zuMotorsport-Magazin.com . Natürlich meinte er damit in erster Linie den Tod des Präsidenten, aber er sprach eben auch von ‚einigen Dingen‘. »Es liegt jetzt an uns, jedes kleinste Detail anzusehen und sicherzustellen, dass wir als stärkere Gruppe wiederkommen«, forderte Vettel. Es scheint, als hätten ihn Ferrari-Präsident John Elkann und Geschäftsführer Louis Camilleri erhört. Mit Binotto hat sich im Machtkampf zweifelsfrei der kompetentere Mann durchgesetzt. Der in der Schweiz geborene Italiener arbeitet sich seit den 1990er Jahren als Ingenieur bei der Scuderia nach oben, nun ist er im höchsten Amt angelangt. Arrivabene hingegen machte sich zuvor als Zigarettenmanager einen Namen. Für Vettel ist das eine neue Chance.

Und Vettel bekam über den Winter noch mehr Rückhalt in Maranello. Hatte es Vettel verpasst, sich sein Ferrari so zu bauen wie einst Schumacher? Das wäre in diesem Umfang heute schlicht nicht mehr möglich, entgegnen viele Experten. Außerdem hatte Schumacher Jean Todt als Teamchef, der dem Rekordweltmeister den Rücken freihielt und die politischen Spielchen im Griff hatte. Doch nun, als Vettel das Team schon fast verloren hatte, tut sich doch noch etwas in der Gestione Sportiva. Nicht nur der neue Teamchef dürfte Vettel gefallen, auch was sich bei den Fahrer-Kollegen entwickelt. Mick Schumacher wurde jüngst in Ferraris Nachwuchsfahrerprogramm aufgenommen. Das dürfte weniger mit Vettel, als vielmehr mit der Historie zu tun haben, doch Vettel und Schumacher verbindet eine große Freundschaft. Einst war Michael Schumacher Vettels Mentor, nun ist Vettel Mick Schumachers Mentor. Die Rolle gefällt ihm, das war beim Race of Champions eindrucksvoll zu sehen, als beide gemeinsam für Deutschland antraten.

Dazu darf sich Vettel über einen weiteren Vertrauten im Team freuen: Pascal Wehrlein. Eigentlich verliert Ferrari 2019 mit Antonio Giovinazzi, der bei Sauber ein Formel-1-Cockpit erhält, einen exzellenten Simulator-Fahrer, der das Team nach dem ein oder anderen verpatzten Freitag mit zahllosen Runden im Simulator wieder in die Spur brachte. Aber Vettel machte sich für Wehrlein stark. Sein Landsmann, einst auch Teamkollege bei diesem verhängnisvollen Race of Champions 2017, trennte sich zum Jahreswechsel von Mercedes. Laurent Mekies, mit dem Vettel schon bei Toro Rosso zusammenarbeitete und zu dem er noch heute ein ausgesprochen gutes Verhältnis pflegt, wechselte unlängst von der FIA zu Ferrari. Vettel nahm keinen Adrian Newey von Red Bull mit zu Ferrari, doch langsam wächst das Team um ihn herum.
Die Vorzeichen standen zum Jahreswechsel für Sebastian Vettel nicht unbedingt gut: Mit Kimi Räikkönen war er seinen Verbündeten los, stattdessen bekam er mit Charles Leclerc einen jungen und gierigen Teamkollegen. Vettel muss sich seinen Status erst wieder erfahren. Dazu war der Deutsche nach 2018 bereits angezählt, zu viele Fehler gingen auf sein Konto - egal wie sie zustande gekommen waren. Gleichzeitig bereitete die abfallende Formkurve seiner roten Göttin Sorgen. Aber gerade noch rechtzeitig hatten die Ingenieure die Fehler gegen Ende der Saison gefunden. Nicht mehr rechtzeitig für den Titelkampf, aber rechtzeitig, um keine falschen Schlüsse für 2019 zu ziehen. So gesehen kann 2018 auch als durchaus positives Jahr eingeordnet werden: Ferrari hatte zumindest phasenweise erstmals seit rund zehn Jahren wieder das stärkste Auto. Und Performance ist letztendlich das größte Kapital eines Teams.

Wer Vettel nach der abgelaufenen Saison schon als gescheitert angesehen hat, der vergisst, dass auch Michael Schumacher erst im fünften Anlauf mit Ferrari den Titel holte. 2019 wird Vettels fünftes Jahr in Rot. Auch bei Schumacher hätte die Stimmung im Team kippen können, als Teamkollege Eddie Irvine 1999 nach Schumachers Beinbruch plötzlich um den Titel kämpfte. Kein Mensch vermag zu sagen, was passiert wäre, hätte Irvine den Titel nach 20 Jahren wieder nach Maranello geholt. Trotzdem wird die kommende Saison wegweisend für Vettels weitere Karriere. An ein Déjà-vu glaubt Christian Danner nicht. 2014 bekam Vettel als viermalige Weltmeister mit Daniel Ricciardo einen neuen Teamkollegen an die Seite und verlor das Teamduell prompt. »Das war aber aus zweierlei Gründen ein blödes Jahr«, erklärt Danner: »Erstens hatten sie einen miserablen Motor. Zweitens war alles, was Sebastian so unglaublich gut gemacht hat - nämlich dieser angeblasene Diffusor und die ganzen Aerodynamik-Geschichten -, auf einmal weg. Und 2019 ist Vettel absolut vorgewarnt. « Das zeigen auch Vettels Aussagen: »Ich hatte noch nie ein Problem damit, zuzugeben, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Ich weiß, was ich machen muss. Sicherlich war ich hier und da nicht in Bestform. Ich schaue zuerst auf mich und ich denke, ich kann besser sein, als ich es letztes Jahr war. Ich muss die Dinge nicht auf den Kopf stellen, aber ich kann etwas ändern und stärker werden.« Teamintern sind diese Dinge über den Winter geschehen, nun muss Vettel nachziehen.


»ICH HATTE NOCH NIE EIN PROBLEM DAMIT, ZUZUGEBEN, WENN ICH EINEN FEHLER GEMACHT HABE. ICH WEISS, WAS ICH MACHEN MUSS. SICHERLICH WAR ICH HIER UND DA NICHT IN BESTFORM. ICH SCHAUE ZUERST AUF MICH UND ICH DENKE, ICH KANN BESSER SEIN, ALS ICH ES LETZTES JAHR WAR.«


Auf geht‘s in die neue Formel-1-Saison