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Zum zweiten Mal WM-Gold


segelfliegen - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 30.10.2018

Nur langsam wird mir klar, dass all die Hingabe und Leidenschaft für unseren Sport nach 15 Jahren wieder zum ultimativen Ergebnis geführt haben.


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Bildquelle: segelfliegen, Ausgabe 6/2018

Ich bin am Nachmittag des 23. Juli mit meiner Lebensgefährtin Uschi, unserem neuen vierbeinigen Familienmitglied Charlie und dem Ventus unterwegs nach Hosin, einer kleinen südböhmischen Ortschaft unmittelbar neben Budweis. Hier beginnen in knapp einer Woche die Weltmeisterschaften der 18-m-, 20-m- und Offenen Klasse. Die WM wurde relativ kurzfristig von Wettbewerbsdirektor Tomas Rendla von Pribram hierher verlegt – goldrichtig, wie sich herausstellen sollte. ...

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... Hosin ist mit seiner Nähe zu Budweis und Ceske Krumlov der viel charmantere Ort. Der Flugplatz ist zwar etwas kleiner, dafür aber ein Platz, an dem der Segelflug zu Hause ist. Bereits bei der späten Ankunft an diesem Montagabend gewinnt das Team um Tomas Rendla unser Herz: Um 21:45 Uhr bekommen wir ohne Diskussion warmes Essen und kaltes tschechisches Bier, was für ein Empfang!

Die Trainingswoche vergeht ruck-zuck, ich kann bei hohen Schnittgeschwindigkeiten einen Tag gewinnen und einen 2. Platz hinter John Buchanan auf seiner neuen JS3 erfliegen. Gut fürs Selbstvertrauen, aber ich weiß natürlich, dass in dieser Woche nicht alle hundert Prozent geben. Es ergibt sich leider keine Gelegenheit, den Ventus mit der JS3 oder der Diana 3 zu vergleichen, das wird auf den Wettbewerb vertagt.
Die Eröffnung am Samstag ist ganz nach dem Geschmack der Piloten: pünktlich, die Redner halten sich kurz, und das Wetter ist schattig, nach der Vorhersage wird es für längere Zeit der einzige Tag sein, an dem man nicht oder kaum hätte fliegen können – normalerweise verhält sich das Wetter bei solchen Veranstaltungen ja eher umgekehrt…

Sonntag, der 29.07., ist der erste Wertungstag. Labil geschichtete Warmluft mit einem Schuss Feuchtigkeit in mittleren Höhen lässt einen guten, aber nicht ganz homogenen Tag erwarten. Eine Inversion sollte Überentwicklungen verhindern, aber Ausbreitungen sind nicht auszuschließen. Die Wolkenbasis erwartet der Meteorologe so um 2300 m.
Eine Besonderheit dieser WM ist die Startaufstellung. Um die Länge der Piste so gut wie möglich auszunutzen, werden die Reihen in den einzelnen Klassen von hinten nach vorne aufgefüllt, um so nah wie möglich aufschließen zu können. Wer zuerst kommt, steht hinten, wer zuletzt kommt, vorne. Diese Regelung führt dazu, dass ich jeden Tag in der ersten Reihe stehe, und zwar nicht nur in meiner Klasse, denn die 18-m-Klasse startet immer als erste. Eigentlich hasse ich es, ganz vorne zu stehen, aber mangels praktikabler Alternativen kann ich nur meine Einstellung dazu ändern. An diesem Tag bin ich überhaupt die Nummer eins, die geschleppt wird, ich eröffne sozusagen die WM, jetzt geht’s los – irgendwie ein schönes Gefühl…

Konzentration vor dem letzten Tag


Pulk in der Blauthermik am 8. Wertungstag – mit ein Grund für die Kollision in der Offenen Klasse


Das Wetter hält sich an die Vorhersage, so stören nur am nördlichen und am westlichen Schenkel des 313-km-Vierecks ein paar auseinander gelaufene Wolken, lassen die Gleitstrecken ein bisschen länger werden, bei Basishöhen bis 2500 m MSL kein Problem. Die 141,22 km/h von Tagessieger Vladimir Foltin dokumentieren das eindrucksvoll, ich fliege mit 138,71 km/h auf Rang 8, nur 24 Punkte dahinter, ein solider Start.

Der nächste Tag, Montag, 30.07., soll bereits etwas mehr Ausbreitungen, vereinzelt auch Überentwicklungen bringen. Und auch heute behält der Meteorologe Recht. Die Aufgabe über 357 km führt uns nach Nordwesten in den Oberpfälzer Wald, südlich an Pilsen vorbei zum letzten Wendepunkt westlich des ursprünglich geplanten Austragungsortes Pribram, von dort rund 80 km nach Hause. Bis zu dieser letzten Wende ist es auch heute wieder ein schnelles Rennen, die Wolkenbasis hier 2700 m MSL. Richtung Heimat dürfte es aber schon früh überentwickelt haben, hohe Bewölkung verhindert jetzt die Einstrahlung auf direktem Kurs Richtung Hosin. Aktive Cumuli sind unter der Abschirmung im Osten, gut 30° links vom Kurs zu sehen, 30° rechts mehr Sonne, aber die Quellwolken darunter sind weiter entfernt und der Untergrund ist dort flacher und feucht – irgendwie gefällt mir der Osten besser. „FQ“ oder „Couscous“, Christophe Cousseau kommt mit mir, auch „IG“, Katrin Senne und „JS3“, Arne Boye-Moller schließen sich an. Gleich unter der ersten Wolke finden wir 2 m/s, die uns 62 km vor dem Zielkreis auf Endanflughöhe bringen. Wo die Schichtbewölkung über uns am dunkelsten ist, finden wir noch eine tragende Linie, und obwohl es voraus nach Regen aussieht, gibt Couscous seiner JS3 zuversichtlich die Sporen. Bald ist auch mir klar, dass es sich jetzt locker ausgeht, aber jenseits 200 km/h wird überholen schwierig…
Wie sich herausstellt, war die westliche Route genauso schnell, „120“ Mike Young hat sie genommen und überfliegt praktisch zeitgleich den Finish-Ring. Couscous gewinnt den Tag mit 142,20 km/h, ich bin mit 138,80 km/h Dritter und zufrieden.

Dienstag, 31.07., die Luftmasse wird immer heißer, bis in große Höhen labil, der Tasksetter wird mutiger. 514 km um fixe Wendepunkte, zuerst in den Osten, als letztes nach Furth im Wald 120 km im Nordwesten. In einem Wettbewerb mit vielen Wertungstagen gibt es ziemlich sicher einen, an dem man ein Quäntchen Glück braucht – für mich sollte er heute kommen…
Bereits vor dem Abflug kann man eine mächtige Abschirmung in Richtung unserer letzten Wende erkennen. „Nicht zu lange pokern“ sind die Worte die mir unser Meteorologe und Coach Hermann Trimmel mitgegeben hat. Aber der Osten sieht noch nicht optimal entwickelt aus, und der Herdentrieb tut ein Übriges. Um 14:03 Uhr fliege ich schließlich ab, viele folgen innerhalb der nächsten fünf Minuten. „VY“ Peter Millenaar ist bereits seit einer Viertelstunde am Weg, „LG“ Laurens Goudriaan beinahe 30 Minuten. Am Anfang scheint sich das Warten bezahlt zu machen, starke Bärte und tragende Linien machen das Fliegen bis zum vorletzten Wendepunkt südlich Hosin zum reinen Vergnügen. Hier allerdings scheint die Moldau eine Luftmassengrenze zu markieren, schöne Cumuli mit hoher Basis werden von durchsichtigen Wassersäcken abgelöst, die niedrig in der jetzt dunstigen Atmosphäre schwimmen.
Der vorletzte Schenkel führt entlang des Bayrischen Waldes, brauchbare Entwicklung scheint es aber nur an den südwestlichen und an den nordöstlichen Ausläufern zu geben, die höchsten Erhebungen sind blau. So teilen sich meine bisherigen Begleiter in zwei Gruppen auf, ich entscheide mich für die nordöstliche Route. Wie sich in der Nachanalyse herausstellt, sind beide Varianten okay, anfangs schwierig, weiter nach Nordwesten werden die Wolken mächtiger und kompakter, die Basis steigt wieder auf 2700 – 2800 m MSL.

Gut 40 km vor der letzten Wende Furth im Wald habe ich noch drei gutaussehende Cumuli vor mir, dahinter reduziert die Abschirmung, verursacht durch das Gewitter, das wir schon vor dem Abflug in diesem Bereich beobachten konnten, die Einstrahlung zu stark um in dieser Warmluft noch irgendeine brauchbare Entwicklung zuzulassen. Bescheidenes Steigen unter dem ersten Cumulus motiviert noch zu einem Suchkreis, aber meine Höhe von immer noch 2200 m und zwei weitere Chancen verführen zum Weiterfliegen. Doch die beiden nächsten Wolken enttäuschen mich, nicht einmal einen schwachen Aufwind finde ich unter ihnen. Kurz blicke ich zurück über die linke Schulter, betrachte eine mächtige Quellung etwa 5 km hinter mir, aber zurückfliegen bei über 140 km/h Schnittgeschwindigkeit am LX, und dann entpuppt sich vielleicht auch das als Fehlversuch? Ich bin jetzt 25 km vor der Wende, 2000 m MSL, wenn ich ganz vorsichtig hinein und wieder raus gleite, bin ich am Rand der Abschirmung noch 1000 m hoch – mit ein bisschen Glück müsste ich da vernünftig wieder wegkommen…
Dass ich jetzt die Flarm-Signale einiger Kollegen sehe, die es offensichtlich schlauer, nämlich wesentlich höher, angelegt haben, hilft meinem Selbstvertrauen nicht. Die Minuten in der absolut toten Luft werden lang. Peter Millenaar kommt mir 15 km vor der Wende nur 100 m tiefer entgegen, auch er hat das entscheidend besser gemacht.
Ich umrunde in 1500 m MSL und beurteile meine Optionen. Der direkte Kurs nach Hause kommt nicht in Frage, zu weit ist hier der Weg aus dem Schatten. Auch kann ich in dieser Richtung keine Quellwolken erkennen. 30-40° rechts vom Kurs scheinen sonnige Flecken am Boden in erreichbarer Entfernung, darüber dunkle, mächtige Cumuli, mindestens sieben Achtel, mit schwarzer Basis. Allerdings ist das Gelände dort hoch, und die Verkehrszone um den Flugplatz Arnbruck, in die wir nicht einfliegen dürfen, ist dort irgendwo – aber meine Alternativen werden überschaubar… Kurz nach der Wende treffe ich zwei Offene, „DD“, Jim Acketoft und „LEO“ Ricky Brigliadori, sie sind noch etwas tiefer als ich – alles ist relativ. Gemeinsam machen wir ein paar Kreise in 0,5 m/s, bald fliegen wir weiter. Die beiden sind jetzt ein paar Kilometer vor mir.

Das Wetter gab uns manchmal Gelegenheit die Gegend aus geringer Höhe zu betrachten…


..zum Beispiel die tschechische Goldgräber-Stadt Kasperske Hory…


Nur wenige hundert Meter südlich des für uns verbotenen Luftraumes kreist „DD“ ein und steigt mit knapp 2 m/s. Ich kann es kaum erwarten, unter ihm anzukommen – hoffentlich reißt der Bart nicht ab, die Wolke ist schon bedrohlich dunkel. Endlich, in 500 m GND, kreise ich unter Jim ein, und als das Vario langsam auf 1,8 m/s klettert, löst sich vorübergehend die Anspannung im Cockpit. Doch es ist ein weiter Weg nach oben, und schon bald lässt das Steigen deutlich nach. Gemeinsam mit Ricky gelingt es uns aber, unter der großen Wolke zweimal ein besseres Zentrum zu finden.
Schließlich geht es mit 3,5 m/s nach oben und erst die Höhenwarnung des LX reißt mich aus meiner Konzentration, die sich in den letzten Minuten nur auf das Fühlen der umgebenden Luft, Variosignal und Faden gerichtet hatte. In 2800 m MSL, knapp unter dem absoluten Höhenlimit für das gesamte Wettbewerbsgebiet von FL95, richte ich die Nase des Ventus Richtung Hosin, dankbar für diesen rettenden Bart. Der Heimweg über den jetzt prächtig entwickelten Bayrischen Wald östlich Zwiesel ist problemlos, ein paar Kreise in gut 2 m/s geben die nötige Sicherheit für den schnellen Endanflug. Schließlich überquere ich sogar noch vor meinen beiden Leidensgenossen mit ihren Langohren den Zielkreis. 131,05 km/h ergeben 939 Punkte und Tagesrang 11.
Die Worte von Peter Millenaars Vater nächsten Tag in der Startaufstellung bringen es auf den Punkt: „You saved your competition yesterday…“. Er hat mein Glück live im Internet mitverfolgt.

Der 4. Wertungstag am 01. August bringt mehr Überentwicklungen als erwartet, so wird die Aufgabe, die uns über 486 km weit in den Nordosten führt, sehr interessant. Von südafrikanischen Bedingungen auf den ersten beiden Schenkeln über Rotor-Linien verursacht durch kräftigen Ostwind über der hügeligen Landschaft am Weg zur 4. Wende, Regenschauern mit entsprechend großflächigen Abschattungen bis zum 5,8 m/s-Endanflug-Bart wird alles geboten. Aus diesem engen, kräftigen Aufwind kann ich mit dem Ventus 0,4 bzw. 0,8 m/s mehr mittleres Steigen holen als Oscar Goudriaan und Tagessieger John Buchanan in ihren JS3. Beim gemeinsamen Endanflug über knapp 40 km bei durchschnittlich 230 km/h ist absolut kein Unterschied erkennbar. Was für ein fantastisches Flugzeug! 132,26 km/h reichen für 970 Punkte und Rang 5, es läuft!

…oder die zahllosen Seen in der Umgebung von Budweis


Wie schwierig und inhomogen dieser Tag war, beweisen die tatsächlichen oder virtuellen Außenlandungen einiger Favoriten. Mike Young, Russell Cheetham und Mathias Sturm, allesamt bis gestern weniger als 200 Punkte hinter dem Ersten, verabschieden sich von realistischen Medaillen-Hoffnungen. Der junge Pole Lukasz Wojcik, ursprünglich durchaus einer der Sieganwärter, hatte seit Beginn der WM wiederholt Probleme mit der Steuerung der Diana 3. Heute gibt er nach einer Rücklandung auf Grund von blockierten Bremsklappen entnervt auf.

Es folgen fünf Tage mit einigermaßen kalkulierbarem Wetter. Der 04. August bringt noch einmal afrikanische Bedingungen, Couscous gewinnt die 3-h-AAT mit atemberaubenden 151,42 km/h. Am darauffolgenden Tag stabilisiert sich die Atmosphäre vorübergehend, der Himmel bleibt überwiegend blau. Mit einem Siegerschnitt von 108,15 km/h, erzielt von Oscar Goudriaan, ist die 327-km-Aufgabe die langsamste dieser WM. Meine Tagesplatzierungen schwanken zwischen 3 und 17, gesamt rangiere ich zwischen 4 und 7, nie mehr als 200 Punkte hinter dem Führenden.
Leider bleibt uns auch bei diesem Wettbewerb ein Zusammenstoß nicht erspart. Am 8. Wertungstag kollidieren mein Team-Kollege Sebastian Eder und der Ungar Richard Bartolf, nachdem letzterer unkontrolliert mit hoher Geschwindigkeit in einen Pulk hineinzieht. Die beiden kommen zum Glück mit dem Schrecken und ein paar Schrammen an ihren Flugzeugen davon und können sicher in Hosin landen. Bezeichnenderweise zieht Sebastian, der bis dahin in aussichtsreicher 8. Position gelegen war, die Konsequenz und beendet den Wettbewerb, der Verursacher fliegt engagiert weiter…

08. August, 10. Wertungstag. Es kommt Bewegung in die Wertung. Die unübersichtlichen Wetterbedingungen mit zahlreichen Schauern und großen blauen Löchern dazwischen, kombiniert mit einer 3-h-AAT bieten viel Spielraum für Kreativität – und Fehler. Vier große Kreise führen uns heute grob Richtung Westen, dann nach Norden und nochmals nach Westen, bevor es ins letzte Gebiet nördlich von Hosin geht, einem Kreis mit 25-km-Radius, der im Norden beinahe die TMA Prag berührt, im Süden nicht einmal 10 km vom Zielkreis entfernt ist.
Bis auf einen fliegt die gesamte 18-m-Klasse innerhalb von 15 min kurz vor 14 Uhr ab. In der Ferne sind schon Schauer zu sehen. Der erste Schenkel läuft unter den schwarzen Wolkenstraßen entsprechend, ein Bart mit 4 m/s, sonst geradeaus, 151 km/h Schnitt. Doch die Basis sinkt immer mehr ab, dann tut sich ein großes blaues Loch auf. Gemeinsam mit den beiden Franzosen drehe ich nach Norden. Weit vor uns steht jetzt ein Schauer, geschätzt genau in der Mitte des nächsten Kreises. Rechts davon sehen die Wolken noch aktiv aus. Auf Grund des Westwindes gehe ich davon aus, dass es links vom Schauer vor kurzem noch geregnet hat und tot ist – ein Trugschluss, wie sich später herausstellt, die westliche Route wäre die bessere gewesen. Wir finden zwar auch gutes Steigen, müssen dann aber durch den Schauer, um in die nächste Area zu kommen. Auch dort empfängt uns wieder schwerer Regen, sogar leichter Hagel ist dabei. Also, den Kreis gerade so ankratzen und dann ab nach Südosten, dort sieht es sonniger aus, und es führt Richtung Hosin.
Die Franzosen, die bis hierher mit mir auf dem Weg waren, fliegen konsequent zurück nach Osten, so wie wir hergekommen sind. Eine mutige Entscheidung, angesichts der Optik. Regen und Abschirmungen bilden dort jetzt beinahe eine Front, wenig frische Entwicklung kaum Sonne.
Nach zwei richtig guten Bärten bis auf fast 2500 m gleite ich 50 km durch das nächste blaue Loch auf ein mächtiges Wolkengebilde zu, oben gleißend weiß, an der Basis schwarz, gleich wird es auch hier regnen. 2,3 m/s sind zwar etwas enttäuschend, aber das Wetter ist mir inzwischen zu unkalkulierbar, um wählerisch zu sein. Im Nu wird aus den freundlichen Wolken eine Regenfront, deren aufsteigenden, südlichen Teil ich jetzt Richtung Nordosten folge. Noch einmal kurble ich in 2,6 m/s bis ganz hinauf auf 2500 m, 25 km sind es noch bis in die letzte Area. Es ginge sich von hier auch knapp aus, direkt nach Hause zu fliegen, den letzten Kreis würde ich sozusagen im Vorbeifliegen mitnehmen. Allerdings wäre ich dann zu früh daheim, und die Wolken im Norden sehen gut aus, also dorthin.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein … … die Kunst am 10. Wertungstag – Schicksalstag für viele


In 1600 m, unter einer Gruppe JS3, kreise ich ein – enttäuschende 1-1,5 m/s. Ich versuche geduldig, mehr daraus zu machen, denn unser oberösterreichischer Schlachtenbummler Peter Schneeweiss hat mich informiert, dass auf dem Heimweg voraussichtlich kein Steigen mehr zu erwarten ist, hier hat es bis vor kurzem geregnet. Sein Hinweis war nicht unwichtig, wie sich bald herausstellen sollte.
Etwas weiter nordwestlich sieht die mächtige, dunkle Wolke über mir besser aus, aber dort ist sie schon verdammt knapp an der TMA Prag. Unter dieser dürfen wir maximal auf FL75, knapp 2300 m, zu wenig für den Endanflug. Ich versuche es trotzdem, fliege einige Kilometer zurück, das schmerzt. Gemeinsam mit einigen Doppelsitzern steige ich geduldig an verschiedenen Stellen unter und schließlich doch neben der TMA – der Abstand schrumpft einmal unter 100 m – bis auf knapp 2800 m.
Jetzt habe ich Endanflughöhe mit MC 1,5 und 400 m Sicherheit. Das sollte auch bei dem grauen Vorhang aus Regen voraus genug sein. Auf den letzten 20 km scheint wieder die Sonne, trotzdem ist die Luft tot. Ich sehe einige Flugzeuge tief kurbeln; wie sich bald zeigt, ist es bei den meisten vergeblich.
Katrin Senne, die bis dahin eine fantastische Vorstellung gegeben hat, und Arne Boye-Möller zünden kurz vor dem Zielkreis ihren Jet. Christophe Cousseau bezahlt für die beherzte Entscheidung, im Norden zu bleiben, mit einer Außenlandung über 100 km von Hosin entfernt, sein Teamkollege Jean-Denis Barrois kann sich gerade noch nach Hause retten.
Mit einem 9. Tagesrang rutsche ich vier Plätze in der Gesamtwertung nach oben, bin jetzt 2. hinter „I“ Mario Kiessling.

09. August, 11. Wertungstag. Kräftiger Südwind soll heute die Thermik im Osten des Wettbewerbsraumes stören, vielleicht bleibt es dort sogar blau. Hohe Basis und Cumuli im Westen sind die positive Nachricht.
Die Wolken sind tatsächlich beinahe in FL95, aber von einer Basis kann keine Rede sein. Vom Südwind zerzaust sehen sie eher wie Rotor-Fetzen aus, trotzdem sind die Bärte anfangs stark und nicht allzu zerrissen. Doch je weiter wir nach Osten kommen, desto kurzlebiger werden die kleinen Wölkchen. Nach vielen Fehlversuchen finde ich bei Jihlava gemeinsam mit einigen anderen gut 2 m/s. Mario ist auch dabei. Ich erwische den Bart etwas besser, fliege dann direkt zu unserer östlichen Wende, die Gruppe macht einen Umweg, der sich nicht lohnt.
Dann versuche ich durch konsequentes Vorfliegen so schnell wie möglich in die besseren Bedingungen nach Westen zu gelangen. Bei 1200 m MSL lege ich einem kurzen Zwischenstopp in knapp 2 m/s ein, hole mir 500 Höhenmeter um bei dem kräftigen Wind nicht allzu tief ins Gelände einzutauchen, aus dieser Perspektive sieht es schon recht hügelig aus. 65 km nach dem Umrunden in 1500 m MSL kreise ich im entscheidenden Bart dieses Tages ein. Er bringt mich mit durchschnittlich 3,7 m/s auf 2800 m MSL, der Integrator klettert zeitweise auf 4,8 m/s. Ich habe mich auf diesem Schenkel immer weiter nach links orientiert, an die Grenze zwischen Cumulus-Entwicklung im Norden und Blauthermik im Süden. Hier scheinen mir die Wolken am meisten Energie zu signalisieren, vielleicht eine Art Konvergenz. Mario hat hier eine nördlichere Route gewählt, er ist langsamer. Am Ende wird es schnell schwächer, das vergrößert den Abstand noch.
Mit 132,69 km/h belege ich Tagesplatz 4, Mario ist mit 123,55 km/h heute nur 23., ich übernehme die Führung in der Gesamtwertung.

Das Wetter für Freitag, den 10. August, ist seit längerem schlecht vorhergesagt, und so kommt es auch. Der Tag wird beim morgendlichen Briefing neutralisiert. Morgen, Samstag, wird aber mit Sicherheit fliegbar. Noch ein Tag.
Ich nutze den Ruhetag, um mich zu regenerieren und meine Gedanken zu fokussieren, und zwar auf mich und nicht auf die anderen. Mit einer Ausnahme: Mir ist völlig klar, dass Mario alles versuchen wird, die 31 Punkte, die er jetzt hinter mir liegt aufzuholen. Zu oft war er Zweiter…

Samstag, 11. August, letzter Wertungstag. Die gleiche AAT für alle Klassen, Minimum 3 h. Wie vorhergesagt wird es ein einwandfreier Tag hinter der Front, Hermann Trimmel bestätigt via Telefon, dass es später eher besser wird. Um 17:30 Uhr plane ich daheim zu sein.
Es dauert lange bis die Auslösetemperatur erreicht ist, ich döse im Schatten des Ventus-Flügels und höre Musik. Ich möchte heute ganz bei mir sein, nur die Abflugzeit würde ich gern mit Mario synchronisieren, um im gleichen Wetterfenster zu fliegen, den Glücksfaktor zu minimieren.
Um 12:30 Uhr reduziert Tomas Rendla die Mindestzeit für alle Klassen auf 02:30 h, kurz darauf beginnt der Schleppbetrieb. Damit hat sich mein optimaler Abflug auf 15:00 Uhr verschoben.
Die Warterei vor dem Abflug scheint endlos, aber es lohnt sich, das Wetter wird immer besser. Um 14:46 Uhr geht Mario über das Nordostende der Startlinie, der Zeitpunkt scheint mir ideal. Eine Minute später überfliege ich etwas weiter im Westen. Die Entwicklung voraus sieht perfekt aus, doch da dreht Mario um. Ich schaue auf die Uhr, noch fast eine Viertelstunde bis 15 Uhr. Ich drehe auch um, im selben Moment sehe ich, dass die Wolke, von der ich gekommen bin, gar nicht mehr so prächtig aussieht. War es ein Fehler? Ich wollte mich doch heute auf meine eigenen Entscheidungen verlassen! Vielleicht bringt mich dieser kurze Moment der Verunsicherung genau in die richtige Spur. Jetzt mache ich mein Ding, Mario blende ich aus. Mit 3 m/s zur Basis, gegen den Wind vor zur Linie, nochmal hoch, und um 15:00:42 Uhr geht’s los, genau wie geplant.
Auf mein Gefühl für tragende Linien vertrauend, folge ich der dunklen Basis kreislos nach Norden bis in den ersten Sektor, drehe nach Westen, als sich eine Aufreihung von frischen Entwicklungen anbietet, um das erste Mal nach 45 km zu kurbeln. Sind es hier noch bescheidene 1,8 m/s, formiert sich die Thermik immer mehr zu fantastischen Aufreihungen mit Steigzentren bis 3 m/s, je weiter ich nach Westen komme. Auch am Rückweg kann ich mit einem überschaubaren Umweg nach Norden herrliche tragende Linien nutzen. Es macht richtig Spaß, den Ventus von Aufwind zu Aufwind tanzen zu lassen. Manchmal empfange ich ein Flarm-Signal von „I“, der Abstand wird von Mal zu Mal größer, das entspannt.

Als ich nach 2 h 32 min und 25 sek über den Zielkreis fliege, zeigt das LX9000 143 km/h. Bei einer AAT kann man nie sicher sein, wie’s gelaufen ist, aber ich habe ein gutes Gefühl. Zurecht, wie schnell klar wird, Mario kommt bald nach seiner Landung, um zu gratulieren – sicher nicht leicht, für ihn ist der zweite Platz enttäuschend.
Am Abend stellt sich heraus, dass ich heute den Tagessieg erflogen habe. 14 % Kurbelanteil, dazwischen eine mittlere Gleitzahl von 82 – da konnten selbst die Schnellsten in der Offenen Klasse mit drei bzw. zehn Meter mehr Spannweite nicht mit.
Noch mehr als beim ersten Mal vor 15 Jahren kann ich eine tiefe Zufriedenheit spüren. Und ich freue mich mit und für das engagierte Team bei Schempp-Hirth: Nach der EM in Lasham bei typisch britischem Wetter hat der Ventus nun auch bei Hammerwetter sein Potential bewiesen – euer Konzept ist aufgegangen!