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ZUR NOT TUT’S AUCH TROCKEN BROT


Made in Germany - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 04.11.2020

Von Burladingen aus steuert Wolfgang Grupp das Textilunternehmen Trigema. Hier erklärt er, warum er sich zur Produktion „Made in Germany“ bekennt, Deutschland mehr Innovation braucht und wie er die größten Krisen seines Unternehmerlebens gemeistert hat


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Kein Statussymbol, sondern Arbeitsmittel: Mit dem Hubschrauber besucht Wolfgang Grupp seine Läden oder fliegt zu wichtigen Terminen


Foto: mauritius images / Bernhard Schmidt / Alamy

Herr Grupp, Sie zählen zu Deutschlands erfolgreichsten Mittelständlern. Welche Werte zeichnen einen guten Unternehmer aus?
Wenn Sie zurückblicken auf das deutsche Wirtschaftswu ...

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... der, so wurde dies von persönlich haftenden Unternehmern geprägt. Sie besaßen einen Vorwärtsdrang, aber vor allem ein Gespür, wann sie zu weit gingen. Sie waren sich bewusst, dass sie als Erster in der Haftung sind und das Aufgebaute verlieren! Gier und Größenwahn konnten nicht einziehen. Heute wird gepokert, und anschließend scheut man sich nicht, vom Steuerzahler Milliarden zu erbitten, um diese Unternehmen zu retten!

Das wäre mit dem Stolz eines Wolfgang Grupp nicht vereinbar?
Wer seine Grenzen nicht kennt, muss als Erster dafür geradestehen bzw. haften. Deshalb fordere ich schon lange, dass die Haftung in die Gesellschaft zurückkommt. Erst dann werden die unternehmerischen Entscheidungen überlegter und verantwortungsvoller getroffen. Muss zum Beispiel C&A nach Brasilien oder China expandieren, um sich nach riesigen Verlusten wieder zurückzuziehen? Können wir nicht einmal mit dem, was wir haben, zufrieden sein? Warum wollen auch große Familienunternehmen immer noch größer werden und versuchen, jeden Mitbewerber im Ausland zu übertrumpfen? Ob VW, Bayer, Daimler, alle haben sie zweistellige Milliardenbeträge verloren, und anschließend müssen die deutschen Werke die Zeche zahlen! Deshalb schlage ich schon lange vor, denjenigen, die persönlich haften, 50 Prozent Steuerrabatt zu gewähren. Dann trennt sich die Spreu vom Weizen, weil sonst jeder einer niedrigeren Steuer nachläuft und selbst seine eigene Heimat verkauft, wenn er woanders weniger Steuern bezahlen muss!


„MEIN VORSCHLAG: 50 % STEUERRABATT FÜR UNTERNEHMER, DIE PERSÖNLICH HAFTEN“


Liegen die Gründe für Ihre Haltung in der Firmengeschichte?
Selbstverständlich war mein Großvater und Gründer unseres Unternehmens persönlich haftender Unternehmer. Er kannte keine Kredite, für ihn galt noch der „unternehmerische Handschlag“. Meinem Vater genügte eine Firma nicht, und er diversifizie te. Somit hatten wir nach dem Tod meines Großvaters neben Textil eine Kunststofffima (Gründung 1957), eine Flachstrickfima (Gründung 1958) und eine Jersey-Stoffherstellungs-Firma (Gründung 1959). Aber eben auch zehn Millionen Mark Bankschulden, obwohl schon zwei Millionen aus dem Privatvermögen in die Firma gesteckt worden waren. Das war für mich maßgebend für mein späteres Handeln: Unternehmerisches Maßhalten ist ein Wert, den ich somit auch meinen Kindern vorlebe.

Auch während des Interviews sitzen Sie im Großraumbüro, vor sich die Belegschaft. Warum wählen Sie diese Nähe?
Es geht mir keineswegs um Überwachung meiner Mitarbeiter. Ich brauche meine Mitarbeiter konstant für meine Entscheidungen. Ebenso brauchen meine Mitarbeiter mich nicht selten, wenn sie Fragen haben. Wer zu mir an den Schreibtisch kommt, erhält eine Antwort. Wenn er ein Problem hat, wird es gelöst oder von mir übernommen, sodass der Mitarbeiter wieder frei ist im Kopf. Generell gilt für mich eins: Wer ein großes Problem hat, ist ein Versager. Denn jedes große Problem war anfangs klein, und hätte er es gleich gelöst, hätte er jetzt kein großes!

War diese Nähe ein Vorteil in der Coronakrise, in der Sie die Produktion auf Masken umstellten?
Sie werden von einem Wolfgang Grupp nicht hören, dass er Mitarbeiter entlässt oder Kurzarbeit anmeldet. Die Coronakrise war die wohl größte Krise meines Unternehmerlebens. Es war der 17. März, als ich erfuhr, dass alle Testgeschäfte schließen müssen. In diesen verkaufen wir die Hälfte unserer Produktion, somit war dies ein gravierender Ausfall. Kurz zuvor waren eine Klinik und ein Pfle eheim auf uns zugekommen mit der Bitte, Masken zu produzieren. Dann entwickelten wir innerhalb von zwei Tagen mit unseren Kunden ein Muster, und nach weiteren zwei Tagen kamen die ersten Masken aus der Produktion. Bis Ende Juni erhielten wir Aufträge für 2,3 Millionen Masken. Nachdem dann aus China wieder Millionen Masken eintrafen, war der Hype vorbei, und wir waren froh, dass wir wieder ausschließlich unsere klassischen Produkte fertigen konnten.

Eine Familie, die zusammenhält: Wolfgang Grupp mit seiner Frau Elisabeth sowie den Kindern Wolfgang und Bonita. Der Patriarch sagt: „Sie wissen, dass nur ein Kind die Firma bekommt. Ich wollte dies so, damit sich die Kinder ein Leben lang lieben und nicht ein Leben lang streiten. Welches Kind die Firma bekommt, wird meine Frau entscheiden“


Fotos: Trigema (7)

Mit ungewöhnlichen Maßnahmen zum Erfolg:

Welche Eigenschaft braucht ein Unternehmer in Krisen?
Zu Beginn der Coronakrise wandte ich mich in einer Videobotschaft an meine Mitarbeiter: „Ich werde Ihnen selbstverständlich die Arbeitsplätze garantieren, wenn Sie das, was wir anordnen, auch befolgen!“ Es gehört zu unseren Werten, dass wir in einer Betriebsfamilie zusammenhalten. Als Unternehmer muss ich meinen Kunden und Mitarbeitern Vertrauen vermitteln und vor allem den Mitarbeitern gegenüber eine gewisse Souveränität ausstrahlen.

Zurück zum Scherbenhaufen, den Sie 1969 von Ihrem Vater übernahmen. Wie gelang es Ihnen, das Ruder herumzureißen?
Schon immer habe ich Augen und Ohren offen gehalten, um neue Trends zu erkennen. So ähnlich funktionierte auch der Weg aus der damaligen Krise. Eine gewisse Rolle spielte das Batik-T-Shirt, das als Trend aus den USA herüberschwappte. James Dean hatte das Unterhemd salonfähig gemacht, es avan- cierte zum Oberhemd. Ein Einkäufer von C&A rief an und fragte nach Batik-T-Shirts. Ich machte mich schlau, was das ist, und kurz darauf hatten wir sie im Programm. Ich machte einen Preis von acht Mark und bekam dafür einen Auftrag von C&A für 3000 Stück. Nach wenigen Tagen wollte C&A 30.000 Stück. Ich hatte zwischenzeitlich erkannt, dass die Fertigung doch recht aufwendig war, und so wollte ich vom Einkäufer zehn Mark. Er musste sich beraten, mein Direktor, der bereits 50 Jahre im Unternehmen war, kritisierte mich scharf. Aber mir war klar, dass wir die Einzigen waren, die innerhalb so kurzer Zeit liefern konnten. Der Einkäufer meldete sich wieder, bestellte 30.000 Teile – wenn wir innerhalb von 14 Tagen liefern würden. Diese Flexibilität und Schnelligkeit am Standort Deutschland ist auch heute noch und war zuletzt in der Maskenproduktion unsere erste Voraussetzung.

Sie hatten einen Riecher für den Zeitgeist …
Als Geschäfts ührer kann ich nicht gegen den Zeitgeist arbeiten! Vor allem muss ich mich auf eine Sache konzentrieren, und dies ist die Herstellung von Strick- und Wirkwaren, also die Textilproduktion. So löste ich alle Diversifikationen auf, konzentrierte mich auf die Textilproduktion und war stolz, 1975 die zehn Millionen Bankschulden getilgt zu haben. Seit dieser Zeit musste ich nie mehr mit einer Bank über Kredite sprechen und konnte stets zu 100 Prozent Eigenkapital vorweisen.

Zu Ihrem Erfolg trug nicht zuletzt ein Gefühl für Werbung und Marketing bei …
Der Bundesligawerbevertrag mit dem FC Schalke 04 war 1979 eine Sensation: Als kleines mittelständisches Unternehmen bewegten wir uns, was das Marketing anging, auf einer Ebene mit Weltfimen. Aus Kostengründen wechselte ich später zur Fernsehwerbung. Mir schwebte etwas Originelles vor. Eine Minute vor der Tagesschau sagte mein Affe an einem Nachrichtensprechertisch: „Hallo Fans!“ Und weil damals im ZDF die Serie „Unser Charly“ lief, riefen die Kinder im ganzen Land: „Mama, da kommt der Affe Charly!“ So wurde unser Affe gehypt und zum bundesweiten Maskottchen!

Zurück zum Stichwort „neue Trends“: Sie setzen auf Nachhaltigkeit, warum?
Nachhaltigkeit darf man heute nicht ignorieren. Man kann problemlos in einem Hochlohnland alle Produkte produzieren, nur dürfen es keine Massenprodukte sein, sondern ausschließlich innovative Produkte! Ich muss als Inhaber und Verantwortlicher für die Firma natürlich als Erster erkennen, dass wir am Standort Deutschland die Nachhaltigkeit von gesunder und umweltverträglicher Kleidung ganz oben ansetzen müssen.

Sie haben nie externe Manager eingestellt. Warum diese Zurückhaltung?
Alle Führungskräfte bei Trigema sind ehemalige Lehrlinge! Ich musste sehr schnell erkennen, dass top-ausgebildete Führungskräfte nicht nach Burladingen auf die Schwäbische Alb kommen wollen. Deshalb musste ich einsehen, dass wir, wenn wir gute Mitarbeiter haben wollen, auch selbst ausbilden müssen. Bei einem Lehrling erkennen wir sofort seine Stärken und Schwächen; er wird in seinen Stärken weitergebildet und am Schluss hat er sich durch Leistung in die oberen Positionen hochgearbeitet. Somit ist jede leitende Funktion bei Trigema von unten aufgebaut worden. Auch dies ist ein Teil unseres Kapitals.

Mit den quer über Deutschland verteilten „Testgeschäften“ macht Trigema etwa die Hälfte des Umsatzes


„VIELE WAREN ERFOLGREICH, SIND ABER ALS VERSAGER BEERDIGT WORDEN“


Sie haben sich stets zu „100 Prozent Made in Germany“ bekannt. Wie sehen Sie die Zukunft des Standorts Deutschland?
Wir benötigen in allen Branchen die Produk- tionsarbeitsplätze, weil an diesen entwickelt und geforscht wird. Lagern wir Arbeitsplätze aus, übernehmen die anderen gern für uns die Arbeit. Aber sie lassen es sich nicht nehmen, dann auch zu entwickeln und zu forschen. Wenn wir dies zulassen, können wir die an Innovationen reiche Tradition unseres Heimatlandes nicht mehr an die nächste Generation weitergeben.

Welche Bedeutung hat Mode für Sie persönlich?
Ich kleide mich klassisch! Für mich ist die Kleidung immer noch eine Wertschätzung, die ich meinem Gegenüber entgegenbringe!

Wie beginnt Ihr Tag?
Ich stehe um halb sieben auf, und als Erstes schwimme ich im Freien, bei jedem Wetter. Dann kommt das Frühstück. Die ganze Familie sitzt zusammen, es wird vieles besprochen oder auch die Tageszeitung gelesen. Dann bin ich für ein paar Minuten in meiner Hauskapelle, einfach um nachzudenken und zu wissen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Mittags gibt es für die ganze Familie ein kleines Müsli. Nur wenn Gäste kommen, gibt es warmes Essen. Essen steht für mich und meine Familie nicht an oberster Stelle. In der Not muss ein Unternehmer auch trocken Brot essen können!

Wie blickt der Unternehmer Wolfgang Grupp auf sein Lebenswerk?
Ich bin zufrieden, weil es mir in den vergangenen 50 Jahren gelungen ist, meinen Mitarbeitern die Arbeitsplätze zu garantieren. Meine Kinder wissen, dass sie dies so weiterführen sollten, und sie wissen auch, dass nur eines unserer Kinder die Firma bekommt und somit die alleinige Verantwortung haben wird. Ich wollte dies so, damit sich die Kinder ein Leben lang lieben und nicht ein Leben lang streiten. Welches Kind die Firma bekommt, wird meine Frau entscheiden. Wir müssen abwarten, wo ihre Lebenswege hinführen, und vor allem, welche Partner sie in die Familie bringen!

Haben Sie ein Geheimnis für Ihren Erfolg, das Sie weitergeben können?
Erfolg zu haben ist keine Kunst, aber den Erfolg durchzustehen, das ist die größte Kunst. Ob ich also erfolgreich bin oder nicht, das muss an meinem Grab entschieden werden. Denn viele waren erfolgreich, sind aber als Versager beerdigt worden!


Foto: Trigema