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Zurück ins Leben


Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 26.08.2021

CORONA-KRISE UND PSYCHE

Artikelbild für den Artikel "Zurück ins Leben" aus der Ausgabe 9/2021 von Siegessäule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Siegessäule, Ausgabe 9/2021

Die Impfungen wirken, die Infektionszahlen waren im Sommer, zumindest zeitweise, auf niedrigem Niveau. Auf Partys und Prides konnten wir wieder zusammen feiern. Gleichzeitig scheint durch die Delta-Variante unklar, wie der kommende Herbst und Winter werden. Zusätzlich machen der Klimawandel und die weltpolitische Lage Angst. Während einige auf diese Unsicherheiten mit Aggressionen oder Rücksichtslosigkeit reagieren, trauen sich andere auch weiterhin nicht zurück ins öffentliche Leben. Zwischen Lockerungen und „vierter Welle“: wie können wir die derzeitige Lage psychisch meistern?

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Vielen Menschen scheint es derzeit ähnlich zu gehen: Nach eineinhalb Jahren Virenschleudergang wissen wir kaum mehr, wo uns der Kopf steht. Obwohl es im Sommer Lockerungen der Corona-Restriktionen gab und die Infektionszahlen, zumindest zeitweise, sanken, fühlt sich unsere Welt nach wie vor ...

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... so an, als sei sie aus den Fugen geraten. Wir wissen nicht, wie es im Herbst weitergehen wird, was die Delta-Mutation und eine mögliche „vierte Welle“ für uns bedeuten werden. Trotz der schrittweisen Rückkehr zum Alltag ist ein Gefühl chronischer Bedrohung irgendwie geblieben. Verstärkt wird dies durch Auswirkungen des Klimawandels, die auch hierzulande unmittelbar zu spüren sind. Fluten, Brände: Die jüngsten Naturkatastrophen in Deutschland und im Mittelmeerraum sind entsetzliche Sinnbilder für den Status quo eines Planeten, auf dem die Normalität fortgerissen wurde. Angesichts dieser Krisen kriechen Urängste in uns hoch und jagen unsere Ratio aus dem Amt. Einige treibt dieses Gefühl zu schonungslosem Scheuklappen-Hedonismus und zu Ignoranz all dem gegenüber, was um sie herum passiert. Kurz vor der Bundestagswahl Ende September präsentiert sich die Gesellschaft außerdem zutiefst gespalten. Sogenannte Corona-Skeptiker*innen demonstrieren weiterhin und verbreiten ihre Botschaften mit steigender Aggressivität, inklusive falsch interpretierter Zahlen, Fake News und antisemitischer Verschwörungstheorien.

Andere tragen ihre negativen Gefühle zwar nicht nach außen, machen damit keine Politik und gefährden ihre Mitmenschen nicht, leiden aber selbst unter der Situation. Sie tun sich schwer, ihre Ängstlichkeit wieder loszulassen. Obwohl sie es gerne würden, schaffen manche es trotz Impfung und dem Hoffnungsschimmer der Lockerungen nicht, wieder ins öffentliche Leben hinauszugehen und am sozialen Miteinander teilzuhaben. Sie bleiben in ihren eigenen, vermeintlich sicheren, vier Wänden. Als Cave-Syndrom (auf Deutsch „Höhlensyndrom“) wurde dieses Verhalten in manchen Medien bezeichnet. Obwohl der Begriff medizinisch nicht ganz richtig ist – ein „Syndrom“ bezeichnet eine bestimmte Kombination psychischer Symptome –, das Bild einer Höhle, die man nicht mehr verlassen will, beschreibt das Problem ganz gut.

Veränderte Welt

Wie können wir mitten in dieser halsbrecherischen Kopflosigkeit richtig handeln? Wie trotz Muffensausen besonnen und rücksichtsvoll miteinander umgehen? Udo Maar, Coach in Berlin, den wir zu dem Thema befragten, findet wichtig, dass wir den Gefühlen, die die Pandemie bei uns ausgelöst hat, als Erstes einmal Raum geben und diese akzeptieren. „Wir alle haben Erfahrungen gemacht, die uns geprägt und verändert haben.“ Dies lasse sich nicht mehr rückgängig machen, selbst dann nicht, wenn die Pandemie irgendwann ganz vorbei sein sollte. „Je früher ich anerkenne, dass sich unsere Welt unwiderruflich verändert hat, desto eher kann ich auch damit beginnen, mir zu überlegen, wie denn die neue Normalität aussehen soll.“ Aber genau das scheint uns nicht so recht zu gelingen. Eigentlich sollte doch gerade jetzt, nach dem langen Lockdown und noch vor dem nächsten Winter, die Zeit zum Aufatmen sein, die Chance, mit den richtigen Maßnahmen die Krankheit einzudämmen und für Klimaschutz und Menschenrechte gemeinsam auf die Straße zu gehen. Aber anstatt in der Krisenzeit, wie zu Beginn der Pandemie vielfach erhofft, Solidarität und Empathie zu üben, scheinen wir in diesen Monaten der Isolation und Distanz das Miteinander-Reden und Zuhören verlernt zu haben. Kalte Schulter statt Schulterschluss.

Postfaktisches Tauziehen

Dieses Problem kam allerdings nicht erst durch die Corona-Krise auf, wie Udo Maar betont: „Auch schon vor Corona war die Polarisierung unserer Gesellschaft ein großes Thema. Fakten wurden angezweifelt und ein allgemeiner Konsens zu bestimmten Fragen wurde aufgekündigt.“ Statt ethische Richtlinien und wissenschaftlich belegte Fakten als Basis für das eigene Handeln heranzuziehen, werden so angstgesteuerte Ahnungen zur eigenen Realität. „Vieles wird inzwischen zu einer Glaubensfrage und kann nicht mehr rational diskutiert werden. Diskussionen werden immer stärker emotional aufgeladen und können Aggressionen freisetzen.“ Egal wo man hinschaut: Dieses postfaktische Tauziehen scheint den öffentlichen Diskurs emotional entgrenzt zu dominieren. Eine Zerreißprobe auch für unsere Community. Der diesjährige Pride-Sommer, so erfolgreich er war, löste wieder einige zwar notwendige, jedoch harte Diskussionen aus: etwa um Rassismus, um Transphobie oder um Antisemitismus beim „Internationalist Queer Pride for Liberation“, auf dem antisemitische Slogans gerufen und Pressevertreter*innen als „Zionistenpresse“ beschimpft wurden. Bereits vor dem „großen“ Berliner CSD am 24. Juli gab es ein ganzes Potpourri an Paraden, die zwar die Vielfalt, aber ebenso die Zersplitterung unserer Community verdeutlichten. Rund um den Pride des Berliner CSD e. V. uferte dann die Freude stellenweise in Distanzlosigkeit aus. Leider ein gefundenes Fressen für die Corona-Leugner*innen: Unsere einst heiß geliebte Ikone Nena forderte bei einem Konzert in Berlin-Schönefeld offen dazu auf, die Hygieneauflagen zu ignorieren, und verwies dabei auf die queere Community und den CSD. Dort sei es ja schließlich auch okay gewesen, dass 80.000 Leute eng beieinander auf der Straße feierten. Die Differenzierung zwischen einem Konzert einerseits und einer Demonstration für queere Rechte andererseits, auf der Hygienemaßnahmen außerdem großteils eingehalten wurden, fand nicht statt. Zurück blieb ein LGBTIQ*-feindlicher Nachgeschmack.

Im Auge dieser Shitstorms ist es verständlich, wenn uns Orientierung und Lebensfreude flöten gehen. Doris Belmont, Kolumnistin der SIEGESSÄULE, hat in einer ihrer Kolumnen bereits über das sogenannte Cave-Syndrom geschrieben. Im Gespräch mit SIEGESSÄULE erzählt sie nun von einer Bekannten, die ihr Haus trotz Impfung nicht mehr verlassen hat. „Ihre Mitbewohner mussten für sie einkaufen, Kontakt zur Außenwelt wurde über soziale Medien gehalten, gearbeitet ausschließlich von zu Hause.” Udo Maar erklärt die Psychologie dahinter: „Es ist eine überlebenswichtige Notwendigkeit, Gefahren schnell einzuschätzen und entsprechend zu agieren.“ Der Rückzug an einen bestimmten, begrenzten Ort kann einem das Gefühl geben, das Chaos überblicken und die Gefahr besser einschätzen zu können. „Ein Kokon vermittelt ein Gefühl von vermeintlicher Sicherheit.“ Dieses Misstrauen dem chaotischen Außen gegenüber könne aber eben auch dann bleiben, wenn die Gefahr längst geschwunden ist.

Dass dies kein Einzelphänomen ist, beweisen jüngste Studien. Eine Umfrage der American Psychological Association belegte, dass 49 Prozent der Befragten sich nach wie vor unwohl bei der Interaktion mit fremden Menschen fühlen. Eine Studie der britischen Organisation LGBT Hero zeigte zudem, dass die Situation besonders für LGBTIQ* belastend ist: Ein Drittel der Interviewten gab an, Suizidgedanken zu hegen, bei unter 25-Jährigen sogar fast die Hälfte.

Geduld ist gerade jetzt wichtig

Eine Generation von Höhlen(syndrom)menschen? Natürlich nicht. Aber wir alle sollten unsere Psychohygiene gerade jetzt nicht vernachlässigen. Udo Maar wirbt für Geduld mit sich selbst: „Angst ist ein berechtigtes Gefühl. Das anzuerkennen, ist der erste Schritt. Im zweiten Schritt sollte ich diese Anerkennung auch meinem Gegenüber einräumen. Erst dann kann ich mir selbst bewusst machen, was für mich in Ordnung ist und was nicht, welche Grenzen ich einhalten möchte.“ Zurück in die Welt: das funktioniert nur im eigenen Tempo. Vielleicht geht es erst einen Schritt vor die Tür, später um den Block und irgendwann in den Park. „Fragt euch: Wie sieht ein guter Tag für mich aus?,“ empfiehlt Maar. „Schreibt dies auf, und überprüft dann, welche Aspekte umsetzbar sind.“ Auch auf die Hilfe von Freund*innen und Bekannten sollte man nicht verzichten. „Im Austausch mit anderen kann ich mir überlegen, wie ich die positiven Erfahrungen verstärken kann.“ Halten sich Ängste aber hartnäckig und beeinträchtigen langfristig die Lebensqualität, sei es ratsam, auf professionelle Hilfe zurückzugreifen.

Und woran können wir als Community uns jetzt orientieren? „Freiheit kommt immer auch mit Verantwortung“, erinnert Udo Maar. Jede*r solle für sich selbst abwägen, „wie viel Verantwortung ich bereit bin, zu übernehmen“. Doris Belmont wünscht sich „gerade in dieser Zeit eine Abkehr von gefühlten Wahrheiten und eine Hinwendung zurück zum faktenbasierten Verstehen. Etwas weniger moralische Empörung, dafür mehr Aufklärung.“ Durch einen empathischen Perspektivwechsel und verantwortungsbewusstes Handeln können wir den Silberstreif am Horizont dann auch gemeinsam genießen.

Florian Bade